Monatsarchiv für Oktober 2010

 
 

Jerusalem am Rhein

Schum-Städte lautet ein Sammelbegriff für Speyer, Worms und Mainz, geformt aus den Anfangslauten der hebräischen Namen der Städte. „Schum“: gilt, obgleich die älteste jüdische Siedlung am Rhein in Köln verortet wird, als Geburtsstätte des europäischen Judentums. „Jerusalem am Rhein“ lautet örf (öffentlich-rechtlich-folgerichtig) der Titel eines Films von Dietmar Schulz (aus diesem Jahr für das ZDF) auf den Spuren der Aschkenasim. Die Informationen bleiben spärlich. Der Film nennt Moses ben Kalonymos, Gerschom ben Jehuda und Raschi: Gesetztüftler, Bibelinterpreten, Stammväter der rheinisch-jüdischen Lehre im 10. und 11. Jahrhundert. Mehrfach der Hinweis, daß Juden nicht in Zünfte eintreten durften, daher ihre Synagogen von Christen gebaut wurden und erstere sich hauptsächlich auf Handel und Geldgeschäfte verlegen mußten. Im Vorfeld des ersten Kreuzzugs 1096 kam es zu Pogromen: auf dem Ritt nach Jerusalem übten nordwestfranzösische Kreuzritter das Morden, Plündern und Christianisieren vorab an den jüdischen Schum-Gemeinden. Weitere Pogrome zur großen Pestwelle ab 1300, etc, der lange üble Bogen zu Reichskristallnacht und Auschwitz. Dann wieder: Programmierer, Historiker, Architekten beim virtuellen Nachbau der alten Synagogen an der TU Darmstadt. Trotz Hightech-Einsatz mäßig erfolgreiche Schriftentzifferer vor uralten jüdischen Grabmälern. Die sehr sehenswerte neue Mainzer Synagoge von Manuel Herz. Gelegentliche Flußwasser-Takes. Das wars. Öffentlich-rechtlicher Dokumentarfilm, wie er ein wenig an Informationsdürre leibt und von trocken eingestreuten Redundanzen lebt. Dafür bleiben die zentralen Informationen umso besser haften. Bildungsfernsehen der alten Schule. Zuletzt noch abrufbar gewesen in der ZDF-Mediathek.

Blutbad in Neuenburg am Rhein

“Als im Dreißigjährigen Krieg der Schwed’ am Rhein war, stachen einmal die Neuenburger eine schwedische Patrouille tot, und sagten: „Wenn wir nach Schweden kommen, macht’s uns auch so.” Darob entrüstete sich der schwedische General, dergestalt, daß er einen hohen und teuren Schwur tat. „Auch kein Hund soll am Leben bleiben”, schwur er hoch und teuer, und hatte etwas im Kopf, ein Gläslein Norschinger zuviel. Als solches die Neuenburger hörten, schlossen sie die Tore zu. Aber am andern Tag als der Zorn und der Wein von dem General gewichen war, da reute es ihn, denn er war vormittags ein gar menschlicher Herr, und bekam fast große Anfechtung in seinem Gewissen, daß er mit viel unschuldigem Blut sein Wort und seinen Eid sollt’ lösen. Also ließ er den Feldprediger kommen und klagte ihm seine Not. Der Feldprediger meinte zwar, maßen der Feldhauptmann einen Schwur getan hätte, der Gott leid sei, so sei brechen besser als halten. Das glaubte der Feldhauptmann nicht, denn er hielt sein Wort und seinen Schwur über alles teuer. Aber nach langem Besinnen kam’s auf einmal wie Sonnenschein in sein Angesicht, und sagte: „Was ich geschworen habe, das will ich auch halten, Punktum!” Als aber die schwedischen Zimmerleute das Stadttor hatten eingehauen, und der Feldhauptmann ritt selber mit drei Fähnlein hinein, befahl er alle Hunde im Städtlein zu töten, aber die Menschen ließ er leben, und wurden selbigen Tages neunzehn große Metzgerhunde, drei Schäferhunde, vierundsechzig Pudel, acht Windspiele, zwölf Dachshunde und zwei gar feine Möpperlein jämmerlich teils zusammengehauen, teils mit Büchsen zu Tod geschossen. Also hat der Feldhauptmann das menschliche Blut verschont, und doch seinen Eid gehalten. Denn er hatte den Schwur getan: kein Hund soll am Leben bleiben, und ist auch keiner daran geblieben.”

(aus: Johann Peter Hebel – Der Rheinländische Hausfreund 1812)

Dulzinea

Diesen Monat erschienen ist die Fuldaer Literaturzeitschrift Dulzinea (14. Ausgabe). Sie enthält unsere preisgekrönte Werkserie „Schlafwandeln durch den Rhein“, ein lyrisches Rheinsein-Derivat: zehn mittellange Somnambulgedichte (Einführung in die Grundlagentransparenz, Am Hinterrhein, Die Ballade von Heidi als erwachsener Frau, Der sensationelle Rheinfall, Rheinseitenaufnahme, Rheinstring, Der Rhein gespiegelt in Bernsteinaugen, Schlafwandeln durch den Rhein, Rheinische Kloppe, Rheinprobe). Diese Werkserie ist komplett nur in Dulzinea zu finden. Dulzinea, bisher eine eher schmale Erscheinung, hat ihren Umfang mit der aktuellen Ausgabe auf 160 Seiten und Buchformat getuned, ihre seit jeher eigenartige Schönheit ist dabei weiter gereift. Der Ausgaben-Schwerpunkt liegt auf moderner Liebeslyrik, besondere Erwähnung verdienen die Zeichnungen von Frédérique Loutz. Der Preis der Heftausgabe beträgt sehr günstige 4.30 Euro plus Versandkosten. Weitere Informationen zu Inhalt, Autoren und Bezug: klickediklick.

Gorrh (10)

in Baden-Baden, als piekfeiner Herr, nur mit Fliege bekleidet, die Scham pyramidal ausrasiert nach Stil der Zeitschriftenmode, über Monate hin mithilfe leichten Essens verschlankt, die rückwärtige Körperbehaarung gestriegelt, gleichgeschaltet, bündelweise mit Geldscheinen wedelnd, das schönste Monster, das kompletteste Frollein, Heldin und Held aller Heldinnen und Helden, die Nackenrunzeln mit Botox geglättet, zum Zusammenbrechen, ja: zum Filmen schön, unbeschreiblich elegant, umwerfend sogar (wie die KlatschreporterInnen konstatieren), Erektionen hervorrufend im Publikum und Ohnmachten, das Casino vibriert, Gorrhs insektuöses Benehmen, sein unglaublicher närrischer Saugstiel (ein Gesichtswegmacher), ironisch als Accessoir getragen, unter kunstvoll aufgetragenen Schichten Gesellschaftsrelevanz schrummelt nurmehr ganz halb-, eher viertel- oder besser: sechzehntelherzig Gorrhs Impertinenz, spielt Minigolf gegen sich selbst, im Kronleuchtersaal die kosmetischen Klänge des Claudia Schlüpper Unterhaltungsorchesters, rauchiger Jazzgesang in Nichtraucherambiente, substanzlose Refrains, Jetonklimpern, auf dem Filz der Spieltische bilden sich Altrheinauen, gentechnisch manipulierte Insekten („Impfmücken“) kreuzen die Klingen, Wetteinsätze fallen, Gorrh tänzelt robertredfordesk um die Hüften der von der Spielbank aufgestellten Glücksdamen, zeigt einen Eckzahn beim Lächeln, highfivet Fozzie Bear, der aus Las Vegas eingeflogen Gorrh (in seinen wilden Tagen) imitierend, den Schlangentanz vollführend, die selfmade people rockt, Gorrh ist angekommen, krak-krak geht der Riß in seinem Hirn, „wenn ich ich wäre, reiste ich durchs Leben und verstünde von Allem bestenfalls die Hälfte“ rememoriert Gorrh das neue Mantra, das per Rohrpost an seinen Chefsessel geplumpert kam. Faites vos jeux, hustet der Croupier, ein Mann im Stile (und somit nach dem Geschmack) Gorrhs, wie auch den übrigen Spielern in Gorrhs Dunst mit einmal starke Körperbehaarung erwächst. Die Spieler, sie leben in einem veralgten Meer. In schlingernden Tangwäldern. Aalbecken. (Haarige Aale in wässrigem Wind.) Ihre Gewinne versteuern sie einzig vor Gott. Ihre Verluste sind Legion: entselbste Gestalten, Hüllenführer, Schmierbeutel. Im stumpfen Spiegel des Silbergelds erkennt sich Gorrh jäh als gorrhloser Gesell. Tritt ans Mikro, salbadert, radebrecht, glossolalaliert. Gorrh muß schon für verrückt gehalten werden. Gorrh gibt die Sprechversuche auf, setzt sich ans Klavier. „Gehmse dem Tier am Klavier nochn Bier!“ Gorrh improvisiert. Die Spieltische brechen ein und auf in unbekannte Welten. Rien ne va plus.

Die Allemannen am Rheinstrom

„(…) Eigentlich weiß niemand recht zu sagen, wer diese berühmten Allemannen waren, noch wo sie auf einmal hergekommen sind, wiewohl es sind dem zahlreichen geneigten Leser am Oberrhein seine wahren Stammväter und Altvordern, von deren Blut er abstammt, große grobgliederige Menschen mit blauen Augen, krausen roten Haaren, voll Kraft und Mut und Trutz, fröhliche Trinker und Spieler, ohne Kenntnisse. Es geht noch manchem ein wenig nach. Wenn einem von ihnen ein zehnjähriges Büblein, wie sie heutzutag in die Schule gehn, ein Additionsexempel angesetzt, oder ein Abc-Büchlein vorgelegt hätte, oder eine achtzehnjährige Tochter des geneigten Lesers hätte einer Frau Mehl und Eier und Butter gegeben, „da, Mütterlein backe Sträublein draus”, sie hätten nichts wissen damit anzufangen. Noch wurde kein Vaterunser, noch kein Ave Maria gebetet. In die Kirche gingen sie nach Schaffhausen an den Rheinfall, oder in die dichtesten Wälder, oder auf den Belchen. Denn sie beteten unsichtbare Götter an, wenn nicht Sonne und Mond oder den Rhein, und opferten ihnen Pferde. Sonst war ihre liebste Beschäftigung der Müßiggang, dann die Jagd und der Krieg. Zweihundert Jahre lang kämpften sie mit den Römern in unversöhnlichen Kriegen zuerst um die Landschaften zwischen dem Rhein, der Donau und dem Main, aber oft auch, wenn die Gelegenheit günstig schien, fielen sie in das römische Gebiet jenseits der Flüsse ein, und spannen meist wenig Seide dabei, bis gegen das Ende.
Dem geneigten Leser müßte es wohl ein wenig bange werden, ob es möglich sei, daß er nach anderthalbtausend Jahren noch von diesem Heldenvolk abstammen und auf die Welt kommen werde, wenn er erfahren sollte, was es von einem Feldzug zum andern für schreckliche Niederlagen gelitten hat. Wo ein Tal des Schwarzwaldes sich auftut, fluteten Mann an Mann und Schild an Schild jetzt die Allemannen siegeslustig hinaus, jetzt die Römer racheschnaubend mit Feuer und Schwert hinein. In alle Bäche floß allemannisches Blut. Mehr als einmal gingen nach römischen Berichten, die Allemannen hunderttausendweise in einem Feldzug zugrunde. Mehr als einmal brannte der Schwarzwald an allen Ecken und Enden. Manchmal machten wir auch gute Geschäfte bis nach Italien hinein und in die Champagne. Aber wer zuletzt mit blutigen Köpfen wieder heimkam, waren eben wir. In der Champagne ließen wir auf einmal nicht mehr als 60000 liegen. Denn die nackte deutsche Tapferkeit und Kraft ohne die Kunst des Krieges vermochte nie auszuhalten in die Länge gegen die geharnischten Reihen und Glieder der Römer, gegen ihre Schwenkungen und andere Kriegskünste, mitunter auch Schelmenstücklein. Mit 60 bis 80 000 Mann über den Rhein oder über die Donau zu gehen, und die Römer anzugreifen, wo wir sie fanden, war uns ein Leichtes. Aber wieder heimzukommen, und die Feinde abzuhalten, daß sie nicht über den Fluß hinüber nachsetzten, war oft etwas Schweres. Die Geschichte erwähnt eines mannhaften deutschen Fürsten und Heerführers mit Namen Chnodomar, sie erwähnt auch eines Fürsten und Helden mit Namen Vadomar der im Breisgau und Oberland ein Herr war, und nach der Vermutung eines achtungswerten Gelehrten seinen Sitz hatte, wo itzt Thumeringen steht im Wiesenkreis, also daß dieses Ort zuerst geheißen hatte Vadomaringen. Der ist manchmal auf seinem Hengst durch die Wiese geritten, oder im Käferhölzlein auf der Jagd gewesen und hat mit lüsternem Auge hinübergeschaut in das Gebiet der Römer jenseits Rheins. Chnodomar und Vadomar und andre deutsche Fürsten als Uri, Ursiz, Vestralp und mehrere gingen mit ihren Heerscharen über den Rhein, griffen bei Straßburg, bei Hausbergen den römischen Feldherrn Julianus an, nicht zu guter Stunde. Als die Schlacht gewonnen schien, war sie verloren. Chnodomar wurde gefangen, der gereizte Feind kam über den Rhein, und hauste heidnisch mit den Leuten. Aber Vadomar, der König von Thumringen, rettete sich und sein Land. Nachgehends bekamen ihn die Römer durch List und schändlichen Verrat in ihre Gefangenschaft und schleppten ihn nach Spanien. Später wurde auch sein Sohn Vitigab ein gar feines und kluges Herrlein auf Anstiften der Römer von seinem Bedienten heimlich ermordet. Was denkt der geneigte Leser zu einer solchen schlechten Aufführung? Viele tausend biedere Allemannen wurden auch als Gefangene nach Rom transportiert, und man hat von den wenigsten mehr erfahren, was aus ihnen geworden ist, ausgenommen ein Mägdlein von Doneschingen namens Bißlein, das hernachmals in Rom gute Tage bekommen hat. Der Herr Römer, der es gefangen bekommen hat, hat er sich nicht nachher in dasselbe verliebt, und laut gesagt, es sei in ganz Rom kein Mädchen mit diesem allemannischen Töchterlein zu vergleichen. – Wenn er itzt erst käme, und eins aussuchen dürfte. Aber in der Tat man weiß nicht zu sagen, wo die vielen Menschen hergekommen sind, die nach einem hundertjährigen Krieg und nach allen blutigen Niederlagen und grausamen Landesverwüstungen noch übrig waren, kraftvoll und rüstig, als die Macht der Römer im Land und daheim anfing zu zerbrechen. War nicht auf einmal selbst das ganze jenseitige Rheinland von Basel bis nach Mainz und bis an die jenseitigen Gebirge Untertan der allemannischen Macht? Alles schien sich wieder zu erheben, bis ein neues kriegerisches Schauspiel begann.
Draußen über dem Schwarzen Meer, wo Europa ein Ende hat, und seltsame Völkerschaften eines andern Weltteils ihren Anfang nahmen, wohnten damals, fremden Blutes und fremder Sitten die Hunnen ein wildes räuberisches Gesindel, und es wird nicht viel gefehlt sein, so war ihr Oberhaupt, genannt Attila, der Schlimmste unter allen. Attila brach um das Jahr 451 mit seinem Volk aus ihren Wohnsitzen auf, um in Europa, soweit es geht und guttut, zu erobern, zu plündern, zu sengen und zu brennen und zu morden, und wo er hinkam, in den ersten 24 Stunden war alles verwüstet und verödet, und je weiter er zog je furchtbarer vermehrte sich sein Heer, denn alles zog mit, wie ein Heerstrom in seinem Lauf größer und größer wird, durch die Waldströme die sich rechts und links her in seine Fluten ergießen. Jetzt ist der Hunnenkönig schon am Saustrom in Ungarland, jetzt schon an der Donau, jetzt schon in der Gegend von Ulm, und wie Reihen der Franken wichen auf allen Seiten, bis in der Herzensangst und Verzweiflung der fränkische König Chlodewig die Hand zum Himmel aufhob, und den Schwur tat, wenn ihm Gott den Sieg verleihe, so wolle er ja gerne ein Christ werden, seine Frau sei es ohnehin schon. Es waren aber damals schon ganze christliche Regimenter unter dem fränkischen Heer, und einer rief dem andern zu: „Du, wenn wir dem König den Sieg erkämpfen, so will er sich taufen lassen.” Also schlugen die Christen unbarmherzig auf die Heiden drein, die Allemannen werden in Unordnung gebracht und verlieren die Schlacht für diesmal, und ihre teuer errungene Freiheit und Herrschaft auf immer. (…)“

(aus: Johann Peter Hebel – Der Rheinländische Hausfreund, 1814)

Rheinischer Humor, rheinische Moral: J. P. Hebels Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreundes

in der Betrachtung Walter Benjamins:
„Das Buch, dessen Prosa so ursprünglich wie durchgebildet, dessen Haltung so vornehm wie vernünftig, dessen Inhalt so weltweit wie handgreiflich ist, erweist seinen unschätzbaren Wert heute von einer neuen Seite. In Tagen, in denen mehr zu einer kurzen Kameradschaft gehört als früher zu lebenslangen Freundschaften, in denen das Mißtrauen eine notwendige und Verläßlichkeit die höchste Tugend geworden ist, zeigt Hebel besser als sonst einer, wonach man messen soll. Nämlich nach dem Maß des Humors, d. i. nach der angewandten Gerechtigkeit. Die »reine« Humanität der Aufklärung hat bei Hebel sich mit Humor gesättigt. Wohl denen unter seinen Geschöpfen – mögen es Spitzbuben oder Juden sein -, die ihn in ihm erwecken; wehe denen, vor welchen er ihm versagt. Hebel ist einer der größten Moralisten aller Zeiten gewesen. Seine Moral ist die Fortführung der Erzählung mit anderen Mitteln; sein Humor ist urteilslose Vollstreckung: angewandte Gerechtigkeit, welche jenen mit ganz anderem Maße mißt als die übrigen. Nicht umsonst war das Schatzkästlein ein Lieblingsbuch von Franz Kafka.“
(aus: Walter Benjamin – Schriften B II.2)

Von vnnutzen buchern

Das jch sytz vornan jn dem schyff
Das hat worlich eyn sundren gryff
On vrsach ist das nit gethan
Vff myn libry ich mych verlan
Von büchern hab ich grossen hort
Verstand doch drynn gar wenig wort
Vnd halt sie dennacht jn den eren
Das ich jnn wil der fliegen weren
Wo man von künsten reden dut
Sprich ich, do heym hab jchs fast gut
Do mit losz ich benügen mich
Das ich vil bücher vor mir sych
Der künig Ptolomeus bstelt
Das er all bücher het der welt
Vnd hyelt das für eyn grossen schatz
Doch hat er nit das recht gesatz
Noch kund dar vsz berichten sich
Ich hab vil bücher ouch des glich
Vnd lys doch gantz wenig dar jnn
Worvmb wolt ich brechen myn synn
Vnd mit der ler mich bkümbren fast
Wer vil studiert, würt ein fantast
Ich mag doch sunst wol sin eyn here
Vnd lonen eym der für mich ler
Ob ich schon hab eyn groben synn
Doch so ich by gelerten bin
So kan ich jta sprechen jo
Des tütschen orden bin ich fro
Dann jch gar wenig kan latin
Ich weysz das vinu heysset win
Gucklus ein gouch, stultus eyn dor
Vnd das ich heysz domne doctor
Die oren sint verborgen mir
Man sah sunst bald eins mullers thier

(aus: Sebastian Brant – Das Narrenschiff, Basel 1494. Als wir jüngst in Großbasel am Rheinsprung an Brants ehemaligem Wohnhaus zum Sunnenlufft vorbei strichen, wehte uns tatsächlich ein Lüftlein vorreformatorischer Mahnung an, Hans Böhm schien seine ihm von Brant angedichtete Sackpfeife zu blasen, weit hinter den Hügeln (welche hinter den Hügeln hinter den dahinterliegenden Hügeln liegen) zwar, im Taubertal, doch unterschwellig eindringlich, als wäre da noch was aufzuarbeiten, während ein sich verflüchtigender schwarzer Fleck wie Jan Hus` Asche von Konstanz her den übergrünen Rhein hinabgetrieben kam, in einer ketzerischen Zeitschlaufe.)

Einfalte Delineation (4)

Rheinursprung
„Der andere Hof ist das Tawetscher Thal, eine Wildnus. Die ältesten Einwohner allhier hießen Aetuatii. Hier findet man die rudera des Schlosses Pultmenga, item die Nachbarschaften: 1. St. Jakob, 2. Selva, 3. St. Vigili, 4. Cumanils, 5. Cimunt, quasi cima del munt in Rhaetischer Sprach. Das ist der höchste Gipfel des Bergs, trifft auch schier ein, dann hier besteigt man den allerhöchsten Berg, der so zu sagen in der Welt zu finden, und komt man zum Ursprung des vordern Rheins aus dem Berg Crispalta, an welchem auf der einten Seiten Ursulen und der Gotthard, auf der andern Seiten der Berg Bicornus oder die Furken anstosen. Dieser überaus hoche Berg, aus deme der Rhein entspringet, wird sonsten auch genennet Badus. Auf dem Gipfel dieses Bergs ist ein See. Einige beschreiben diesen See groß, so gar dz etwelche in die Welt schreiben dörfen, er sey zwei Meilen lang und eine breit, – als wie Castelberg, Pfarrer in Tavetsch, deme es Escharbotj, französischer Dollmetsch, nachgeschrieben. Andere aber, denen mehr zu glauben und mit dergleichen einem ich auch selbst geredt, beschreiben diesen See klein, allso daß er kaum 1/4 Stund lang und breit in der Circumferenz.
Under diesem See entspringt der Rhein aus einem harten Felsen, formirt sogleich einen schönen Wasserfall und senkt sich mit praßlen und Geräusch eine gewaltige Tiefe hinunder, von welchem Fall in dieser Gegne auch im warmen Sommer ein so kalter rauchender Dampf erreget wird, dz die sich herzunachende selbigen keineswegs vertragen können. Bey bemeltem Berg Crispalta passirt man Sommerszeit über hoche Alpen auf Ursulen.
Auf der andern Seiten dieses Bergs, aus der Furka entspringt der Rhodanus, so Wallis durchströhmet, aus dem Grimsel, so ein Ast der Furka ist, entspringt die Aar, welche durch die Schweiz hinfließt. Allso, daß die Distanz der Quellen dieser drei Hauptflüssen nach geometrischer Ausrechnung nicht über 20 000 Schritt ausragt.
Zwischen der Aar und dem Rhein entspringet aus dem Gotthard auch die Reuß, und gegenüber auf der italiänischen Seiten entspringt der Thesin, item der Aracer, die Madian etc. und nicht weit davon die Muesa. Ist allso dieses fünfspizige Kreuzwerk in der Höche dieses Gebirgs gleichsam ein hydrophilacium, oder Wasserkammer, aus welcher sich viel Haubtflüsse in ganz weit von einander zertheilte Ende der Welt ergießen.“

Nolla
„Der Bach Nolla hat diese Eigenschaft, dz er über Jahr immer trüb komt, mehrentheils Zeit ist er recht schwarz, gleichsam wie Dinten. Das rührt daher, weil oberhalb under Tschoppina ein faul Gebirg ist, von welchem immerhin etwas von blauem Leim und Erden in den Bach reißet. Deßwegen dieses Bachwasser auch von sonderbarer Schwere ist – also dz wann ein starker Mann in diesen Bach fiele, auch wann er klein gehet, und seine Kleider damit benezte, so wäre es ihm ohnmöglich, sich allein ohne Jemands Hilf heraus zu wikeln, weil seine Kleider an ihm nicht anderst sind als wie ein bleyerner Mantel, allso dz er seine Glieder kaum regen kan. Die Proben sind schon mehrmalen gemacht. Dieser Bach wütet zu Zeiten erschreklich und verursachet bisweilen ziemlich Schaden. Von diesem Bach ist auch dieses curieuses zu annottiren, dz er das gemeinlich jederzeit ganz klare oder helle Wasser des hindern Rheins von seiner Vereinigung an bis hinab under der Fürstenauer Zoll Bruk bis an seine Hälfte tingirt, allso dz der hindere Rhein einen guten Strich under Thusis hinab halb weiß und halb schwarz anzusehen, weil sich das schwere, schwarze Nollawasser nicht sogleich durchaus mit dem Rheinwasser vermischet.“

Via Mala
„Vor Zeiten gienge die Landstraß neben Ronggellen den gächen und hohen Berg hinauf bis auf die Höche desselben, und von danen wieder einen weiten Weg hinab bis in die Ebene von Schammß. Vor Jahren aber hat man durch Anwendung vieler Unkosten und Sprengung vieler Felsen die Landstraß durch Viamala, oder das sehr enge rauche gräßliche Felsen Thal hinein gemacht bis in Schamß. Dieses enge Thal hat auf beiden ganz gäche Wolken hoche Felsen neben sich, under sich fließt der Hinderrhein durch eine ungeheure tiefe Kluft hinunter gegen Thusis, da die Felsen an theils Orten zusammen ragen, und beynache an einandern stoßen, dz man nichts vom Rhein sehen mag, an theils Orten machen sie auch eine Oeffnung, dz man in einen entsezlichen abyssum hinunder sehen kan, wie der Rhein mit seinem Anputschen an die enge Felsen einen weisen Schaum zeiget, und einen Wasserstaub von sich wirft. Man kan nicht wohl ohne Grausen und Schwindel durch diese Felsenklüfte hinunder sehen.“

Flusskreuzfahrt

Vier-Bett-Kabinen ohne Fenster, 17 Stunden Arbeit pro Tag, zehn Monate ohne freien Tag: Die Arbeitsbedingungen im Gastronomie- und Hotelbereich von Flusskreuzfahrtschiffen seien oft unmenschlich, so Myriam Chaffart von der Europäischen Transportarbeiter-Föderation ETF. Die meisten Beschäftigten kommen aus europäischen Nicht-EU-Ländern oder Asien, aus Angst um den Job beschweren sie sich nicht. Zudem sind viele Schiffe zum Beispiel in Malta registriert und unterliegen nicht dem deutschen Arbeitsrecht. “Das alles führt zu enormen Gewinnspannen bei den Reedereien”, sagt ver.di-Sekretär Torben Seebold. Er und Chaffart besuchten im Oktober die Besatzungen von Luxusschiffen an Rhein und Donau, um Informationen zu sammeln, die als Grundlage für künftige Tarifverhandlungen dienen können. (Zitiert nach: ver.di PUBLIK, Oktober 2010)

Rheinsein im Fokus der Wissenschaft

Die Germanistin Jasmin Grande vom Düsseldorfer Institut für die Erforschung der Moderne im Rheinland erläutert während eines internationalen Workshops am 21. und 22. Oktober an der Universität von Amsterdam in ihrem Vortrag „Rhine variations. Filiations of literary Rhine travels into the present“ ihre vergleichenden Forschungen zu den romantischen Rheinreisen Anton Wilhelm von Zuccalmaglios und August Lewalds und der nicht ganz so romantischen Rheinseins. Die Workshop-Vorträge sollen in einer Sammelpublikation münden. Dies bedeutet die erste uns bekannte wissenschaftliche Beschäftigung mit Rheinsein, das zu Teilen selber als wissenschaftliche Beschäftigung betrachtet werden kann. Ausgerichtet wird der Workshop zum Thema „Romantic Rhine Travels“ von der Study Platform on Interlocking Nationalisms, kurz SPIN, was uns (kann das denn Zufall sein?) auf unser zweites großes Thema neben dem Rhein: das kosmische Drehprinzip verweist.

Indikativisch-imperativer Konjunktiv

basel_stickerAufforderung zu angewandter Stadtverschönerung in der markenkunstüberfluteten Anzugbürgeridylle von Großbasel.

Smash `s Syschtämli

basel_smash-the-systemAufforderung zu angewandter Umweltpolitik in der Bürgerpunkidylle von Kleinbasel.

Rhymaa

basel_rhimaa

In Kleinbasel, wo auch der Wilde Maa daheim ist, trafen wir auf den Rhymaa: stand herum, sagte kein Wort, sah dem Löwenzahn beim Wachsen zu und imaginierte Schlieren in seinem Rücken.

Rheinische Tierwelt (10)

fr_oberrheinischer-igel

Der oberrheinische Igel eignet zur Hochsaison ein gewisses, seinem Gärobstkonsum zugerechnetes, retardiertes Verhalten: sein niedlich verhuschtes Einigeln sowie sein charismatisches durch-Vorgärten-Torkeln sind an Wochenenden beliebter Zooersatz für städtische Flaneure im gesamten Oberrheintal.

Einfalte Delineation (3)

Der Mordpfarrer
„Ein Stuk vor Ronggellen hinein mitten in der Viamala ist ein gräßlicher Durchpaß bey einem Ponte pensili, oder gleichsam in die Luft hinaus angesezten steinernen Bruk an einem ausgesprengten Felsen zu, über welche Bruk man nicht ohne Grausen durch eine gäche Felsen Kähle hinab siehet in die grausame Tiefe des Tobels. An diesem Ort ist anno 1705 eine greuliche Mordthat verichtet worden, wie jederman beglaubt von einem Pfarrer; es ware nemlich Pfarrer in Farära ein Under-Engadiner M. ex M. Der hatte ein junges starkes Baurenmensch geschwängert. Am heil. Wienacht Fest theilt er noch selbsten in seiner Gemeind das heil. Nachtmal aus, nachdeme er den Bissen eingenommen hatte, fuhr der Teufel in ihne, wie in den Verräther Judas. Er gehet zu seiner schwangern Concubin oder Braut hin (dann er hatte ihr die Ehe versprochen) und beredet sie, er wolle mit ihr irgendwo heimlich Hochzeit halten und zu solchem End hin wollen sie morgens früh vor Tag mit einandern verreisen, welches sie noch Abends ihren Hausgenossen eröffnet. Was geschiecht? In der Nacht verreisen diese beide von Hauß mit einandern an bemeltes Ort, die Stein Bruk, allda pakt der durchteufelte Mörder das arme schwangere Mensch unvermuthet an und ersticht sie mit etlichen Messerstichen und schmeißt sie über die Bruk hinunder, durch die Felsenkähle in den Abyssum des wüsten Tobels, doch muß sich das Mensch noch vor ihrem End tapfer gewehrt haben, denn man fande im Schnee den Kampf Plaz völlig zerstampfet und etliche Resten Haar, die sie dem Mörder ausgerissen hatte – unden in den Felsen-Kähle bliebe auch noch ihr Halß Fazolettlin an einem Stäudlin behangen, zum Zeichen, dz es eine Weibs-Person gekostet. Er der Mörder eylet nach der That allsobald in Schamß zurück, gehet alldorten in eine Filial Kirchen nach Zillis, allwo Hr. Pfarrer Calleonard Predigt hielte, mit Nammen zu Ruschein; nach der Predig ruft ihm der Pfarrer, er solle auch kommen gen helfen singen; der Mörder parirt, doch ware er voller Schweiß und zitterte darbey, dz er das Buch nicht wohl halten konte. Dem Pfarrer kame die Sach suspect vor, bald nach vollendetem Gottes-Dienst stellte er ihn zurede, warum er so übel aussehe und was seine blutige Schuhe bedeuten. Der elende Kerl befande sich in seinem Gewissen geschlagen und sagte, die Leuth haben ihn in Verdacht unverschuldeter weiß, als wann er das und das Mensch ermordet hätte etc. Der Pfarrer erseufzende und wohl sehende, wie viel die Gloken geschlagen, sagt: O du elender Mensch, mach dich bald ab den Augen und aus dem Land, dz dich niemand nimmer mehr sehe; er schiede allso von ihme und passirte selbige Nacht einen sonst Winterszeit unpassablen Berg, allso dz sich Jedermann darüber bestürzen müssen und niemand glauben können, daß es einem Menschen möglich gewesen wäre, durch den ungebrochnen Schnee über den Berg zu kommen, allso eschappirte er. Bald noch selbigen Tags wurde es in Schamß kund, dz an bemeltem Ort eine Mordthat geschehen. – Die Obrigkeit inquirirt bald, der Argwohn kam auf bemelten Mann, doch weil er entronnen, konte man nicht weiter; es war Jammer im Land über den Greuel und Aergernus. – Gegen dem Frühling bey anwachsendem Wasser wurde der Körper der Ermordeten durch den hindern Rhein aus seiner kalten Winterherrberg heraus geschwemet bis hinder Thusis under alta Rhaezia, allda ans Land geworfen gefunden. Die Oberkeit hat ihn sogleich visitiren lassen, da dann selbiger mit etlichen Stichen durchbohrt befunden worden, und da man den Leib aufgeschnitten, fande man in selbigem ein beynache ausgetragenes Knäblein. Der Körper wurde auch mit vieleren Thränen ehrlich zur Erden bestattet. Der Thäter indessen kam nach seiner Flucht hinaus in die Pfalz, bekam sogleich einen guten Dienst, heurathete, wurde Scholarcha und lebte äußerlich in gutem Wohlseyn. Als ich Pfarrer zu Malix ware, ist er einmal ins Vaterland kommen, logirte zu Chur beym Ochsen; er reiste zu Pferd und wohl mondirt und hatte keinen Scheu, seinen Nammen anzugeben, sagende: er sey der, den man vor Jahren in Schamß so greulich verleumdet gehabt. Die Sach komt bald in Schamß, allda war man in procinctu, ihne in seinem Vaterland oberkeitlich abzufordern. Seine Verwandte schmekten Feur und schafften ihn drei Tag nach seiner Ankunft wieder aus dem Land, er kehrte wieder in die Pfalz zu seiner Frau und Kindern und stirbt einige Jahre hernachen alldorten in seiner Würde als Scholarcha. Allso ist mir die ganze Historie erzählt worden. O wie sind die Verhängnisse Gottes so wunderbar und wie ist die Langmuth Gottes so groß, die Gefäße des Zorns zu ertragen. Wer hat des Herrn Sinn erkannt oder wer ist sein Rathgeb gewesen? O wie lang wartet die göttliche Langmuth auf der sündlich verkehrten Menschen-Kindern Buß und gestattet ihnen noch Zeit dazu, wie manche züchtiget er noch hie in Zeit, damit sie zur Buß getrieben werden? Wie manchen erweiset er alles Guts, damit sie seine Gerichte zur Buße leite? Wie manche läßt er auch in ihrer Sicherheit wie die Schlacht-Schaaf dahin laufen bis an ihr End, damit sie zum Gericht aufbehalten werden, zu empfangen, was ihrer Thaten werth ist. Wie unbegreiflich sind Gottes Wege und wie unerforschlich sind seine Gericht. Rom. Cap. 11.“