Monatsarchiv für September 2010

 
 

Rheintöchter (4)

koeler-Lorelei

Das Rheintöchter-Intermezzo sollte bereits geendet haben, doch schickte unser bretonischer Korrespondent Roland Bergère kurzerhand zwei selten erwähnte Zeugnisse zum Thema – obiges Bild „Lorelei needmine munkade poolt“ (von 1887) des estnischen Malers Johann Köler, das zum Motiv der christlich verfolgten Zauberin wahrlich wogende Töchterchen addiert und ein Gedicht von Louise Otto, das den Folgeeintrag erhält.

Rheintochter (2)

fr_schwarzwaldmaedel

Die letzten Tage wagnerianisch geprägt: Rheintöchter noch und noch, der Ring des Nibelungen kleingestückelt auf Youtube, Lesung in der Kölner Richard-Wagner-Straße, kaum in Freiburg angekommen: wird dort der Ring gegeben. Allerdings bereits ausverkauft. Große Kartenkontingente gingen an Japaner, Koreaner und sonstige Interkontinentalwagnerianer. Als Ersatz grüßt uns diese dem ewigen Schwung lustvollen Shoppens entsprungene Freiburger Rheintochter von der Straße ins Zimmerfenster, dh, natürlich ist sie als Schwarzwaldmädel ein wenig mehr Berg- als Rheintochter, vereint dabei jedoch aufs Vorzüglichste Tradition mit Moderne und eskortiert uns standesgemäß zum vorübergehenden Ausgang aus dem Wagner-Wahn.

Rheintochter

Wikipedia bietet im Artikel zu obiger Rheintochter aktuell weitere voll- bis starkdeutsche Komposita: Flugkörper, Flugabwehrrakete, Brenndauer, Treibsatz, Durchmesser, Leitflosse, Gefechtskopf, Berstscheibe, Flüssigkeitstriebwerk, Brennschlußgeschwindigkeit, Truppenerprobung, Jägernotprogramm, Überschallgeschwindigkeit.

Wallala weiala weia!

Wallala! Lalaleia! Leialalei! Heia! Heia! Haha! oder auch Heiajaheia! Heiajaheia! Wallalallalala leiajahei! oder wahlweise Weia! Waga! Wagalaweia! und ähnlich lauten die spöttelnden, wasserwebenden, wogenimitierenden Äußerungen der Flußtöchter Wellgunde, Woglinde und Floßhilde zum Auftakt von Richard Wagners Das Rheingold, in dem es in der ersten Szene, in deren Verlauf der verspottete Alberich den Töchtern ihren Schatz entwendet, zudem mit knalligem bis schlüpfrigem Stabgereime zur Sache geht: Hahei! (Waaleluja, walleluja, walleleele-luuja!)

Rheintöchter (3)

rhinemaidens_rackham

Fast wie aus einer heutigen Shampooreklame, nur mit höherer Strömungsintelligenz: tanghaarig und schlangenförmig schlank stellt sich Arthur Rackham die, nah liegt die Versuchung zu kalauern: elbischen, Rheintöchter vor.  Alberich als lüsterner Zausel zwergt in aller Unerbittlichkeit am lose wurzelnden Ufer erwogener Wonnen. Rechts unten eine Studie der Geißelalge, auch: Pappelalge, auch: Freischwingende Saumalge, die eigentlich garnicht ins Bild gehört, erst recht nicht auf die darunter angedeuteten Cliffs of Dover oder Moher.

Rheintöchter (2)

rheintoechter_leeke

Selten gesehene Wellenaufwürfe bietet der alte Vater Rhein in Ferdinand Leekes Gemälde “Die Rheintöchter ziehen Hagen in die Tiefe”, das wir zur weiteren Dramatisierung verrheinblaulicht haben. Die extremen Wasserlagen aller Beteiligten tun ihr Übriges. Ein Tag an dem es wenig später Blechdeckel geregnet haben dürfte.

Rheintöchter

Ryder_The-Siegfried

Die Erinnerung, diese Rheinstelle einst, wenngleich nicht zu Pferd, sondern mit in den Labors der Firma Sandoz entwickelten Raum-Zeit-Durchdringungshilfen, passiert zu haben, löst sich in dunklen Nebeln: wo genau war das nochmal? Das gelbliche Wetter, das unbefestigte Ufer, die hochlebendige Flora. Unterschwelliges Nixengezwitscher. Auch sprechendes Pappellaub. Genau: im Zeitalter der Radiorekorder wars, als uns zuletzt kaum definierbar süße Musike (ein wenig im Stile von Dead Can Dance) aus dem Unterholz quoll, die Landschaft außenrum visuell püriert von den passenden Pillen. In Öl auf Leinwand fixiert hat die Szene rund hundert Jahre zuvor bereits Albert Pinkham Ryder, prunkvoll ausstaffiert nach Wagner mit Geisterreiter und nackigen Nixen: The Siegfried and the Rhine Maidens (1888-91).

Profeten, Vaterländer und Literaturbetrieb

“Die Revue des deux mondes ist wohl jetzt das angesehenste der französischen Journale, und wie ich glaube mit Recht. Heine ist Mitarbeiter an demselben. Sein Verleger ist Renduel, der eigentliche romantische Buchhändler, dessen Handlung das Foyer der Romantik bildet. Bei ihm findet man stets einige moderne Celebritäten, den breitschultrigen Frederic Soulié, mit dem mächtigen Schnurrbart, den trockenen und geschniegelten Granier de Cassagnac und mehre Andere. Der Ruf dieser literarischen Charaktere ist an Ort und Stelle von dem sehr verschieden, den sie über dem Rhein genießen. So mancher junge Schriftsteller, wie Michel Masson, der die Werkstatterzählungen und vieles Andere noch geschrieben, hat nur ein kleines Publikum und genießt keines besondern Ansehens. Man wunderte sich, daß wir ihn übersetzten, und noch mehr, daß man bei uns bemüht war, dem Publikum seine großen Vorzüge anzupreisen. Seine Bücher werden in kleiner Anzahl gedruckt und in noch geringerer verkauft. Der Verfasser des „il Vivere”, ein junger Mensch Namens Ferrières, der unter der Firma Samuel Bach debutirte, ist ein Schriftsteller, den man in Paris kaum dem Namen nach kannte. Sein Buch hat keinen Anklang gefunden. Beweist dies nicht aufs Neue die Wahrheit des alten Sprichworts zur Genüge, daß der Prophet in seinem Vaterlande nichts gelte? Und wenn die genannten Schriftsteller auch nicht zu den Propheten zu zählen sind, so ist doch nicht zu läugnen, daß sie bei ihren Landsleuten wenigstens die Aufmerksamkeit zu erregen verdienten, die wir, die Fremden, ihnen bei ihrem Erscheinen zollten. Etwas trägt bei uns nun wohl auch das Zeitungslob bei, das von guten Freunden in vielen Blättern jenen jungen Leuten gespendet wird, und nach welchem sich unsere Uebersetzer bei ihrer Wahl richten, und nachdem sie ihre Uebersetzung dem Publikum übergeben haben, dann auch wieder für gute Recensionen und Anzeigen in gewissen deutschen Blättern Sorge tragen. In Paris aber schenkt das Publikum nur den Anzeigen einiger Journale seine Aufmerksamkeit, und achtet alle übrigen gering. Wer z. B. in den Debats herausgestrichen wird, kann darauf rechnen, viele Leser zu finden; wen hingegen der Constitutionel lobt, bleibt unangerührt liegen.”

(Aus: August Lewald – Aquarelle aus dem Leben, Band 4, 1837)

Randnotiz (6)

“Seit die Ingenieure den Rhein korrigieren, korrigiert der Rhein die Ingenieure.” (Horst Johannes Tümmers)

Shall we gather at the river

Shall we gather at the river,
Where bright angel feet have trod,
With its crystal tide forever
Flowing by the throne of God?

Refrain:

Yes, we`ll gather at the river,
The beautiful, the beautiful river;
Gather with the saints at the river
That flows by the throne of God.

On the margin of the river,
Washing up its silver spray,
We will talk and worship ever,
All the happy golden day.

Refrain

Ere we reach the shining river,
Lay we every burden down;
Grace our spirits will deliver,
And provide a robe and crown.

Refrain

At the smiling of the river,
Mirror of the Savior`s face,
Saints, whom death will never sever,
Lift their songs of saving grace.

Refrain

Soon we`ll reach the silver river,
Soon our pilgrimage will cease;
Soon our happy hearts will quiver
With the melody of peace.

Refrain

Text und Musik: Robert Lowry, 1864, der das Entstehen der Hymne wie folgt beschreibt: „One afternoon in July, 1864, when I was pastor at Hanson Place Baptist Church, Brooklyn, the weather was op­pressively hot, and I was lying on a lounge in a state of physical exhaustion… My imagination began to take itself wings. Visions of the future passed before me with startling vividness. The imagery of the apocalypse took the form of a tableau. Brightest of all were the throne, the heavenly river, and the gathering of the saints… I began to wonder why the hymn writers had said so much about the “river of death” and so little about the “pure water of life, clear as crystal, proceeding out of the throne of God and the Lamb.” As I mused, the words began to construct themselves. They came first as a question of Christian inquiry, “Shall we gather?” Then they broke in chor­us, “Yes, we’ll gather.” On this question and answer the hymn developed itself. The music came with the hymn.”