Rheinleiche

„Bekanntlich gab es einen Bundestagsabgeordneten, der Cummings las und Baudelaire übersetzte, Keetenheuve hieß er und sprang in den Rhein.“ (Michael Gratz in der Lyrikzeitung vom 22. September 2010)


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Ein Kommentar zu “Rheinleiche”

  1. Stan Lafleur
    23. September 2010 um 12:49

    Keetenheuve gab es vor allem in Wolfgang Koeppens Roman “Das Treibhaus“. Vielleicht auch in unsicheren oder noch zu beugenden Erinnerungen teil/verfleischlicht. Sicher jedoch eine der jüngeren literarischen Rheinleichen. Zu Düsseldorf lasen wir Anfang der 90er die Magisterarbeit eines kamerunischen Kommilitonen gegen, der anhand erwähnten Buches die bundesdeutsche Nachkriegsgeschichte analysierte. Damals schien uns über den Umweg vermeintlichen Emporfließens, eines Scheinfließens, eines allgemein wie auch persönlich herbeigeredeten und -geschriebenen Fließens („So lang man in Bewegung bleibt, ist alles halb so wild“) bei tatsächlich (bei aller neuen Bescheidenheit, die uns garnicht neu war) empfundenem Stillstand paradoxerweise alles seinen natürlich vorbestimmten Weg zu nehmen: den Bach runter zu gehen. Innerhalb solcher Quadratur des Kreises rotierend wußten wir aus der Situation keinen Ausweg und rotieren wohl heute noch. Wohin fließt der Fluß und wo kommt er her? Was stellen wir uns unter Quellen, was unter Mündungen vor? Anhand welcher Hilfsbegriffe wir durchs offene, aber gern verbarrikadierte Leben steuern, birgt eine Lächerlichkeit, die sich heuer allenthalben auf verwirrend unterhaltsame Weise entlädt. Zu Koeppens Zeiten war eine schön zurechtgeschriebene Rheinleiche ein komplexes zwar, aber ein Bild, das sich einer Haltung zuordnen ließ, zu der man sich bekennen oder die man ablehnen konnte. Heute ist dieselbe Leiche ins fortgeschrittene, bisweilen – aber das hängt von der Perspektive ab – möchten wir meinen: davonstürmende, sich selbst überrennende Bewußtsein integriert als so etwas wie ein weiterer Witz in einer ganzen Reihe von Witzen. Wir fragen uns immer: ist es so? Ist es wirklich so? Das ist Evolution? Und indem wir keine fest belegten Hilfsbegriffe mehr nutzen, entgleitet uns die Welt in ein wortreich beschriebenes, ein poetifiziertes Nichts: keine Erfahrungen, kein Glaube, kein Sortieren – außer im Fluß der Möglichkeiten zu schwimmen (zu tauchen?). Das gilt seit geraumer Zeit als modern, ein Adjektiv, das für uns vom visuell gleichen, jedoch auf der ersten Silbe betonten Verb herrührt, seit jenen Düsseldorfer Studientagen, als wir u.a. mit gerade aktuellen, “interessanten”, “spannenden” Theorien konfrontiert wurden, die uns wenig mehr gaben als “interessant” und “spannend” zu sein, bisweilen nicht einmal das. Die heutigen literarischen Rheinleichen sind Legion und schwimmen auf ihren Bewußtseinsströmen, sie sind nicht einmal Leichen, sondern Zombies, die durch ihre Erkenntniswelten am Rande der Gesellschaft driften, die an vielen Stellen so ausgefranst ist, daß sie auf den ersten Blick nur noch aus Rändern zu bestehen scheint. Um die Welt als Quadratur des Kreises für alle zuzulassen wird ihr die Tiefenebene genommen, sie dreht sich wieder als Scheibe, aber so schnell, daß sie skulptural wirkt, Tiefe vorspiegelt, deren herkömmliche Notwendigkeit zentrifugal zerreibt: voilà, der Staub in unsern Köpfen. Seit dem Ende der Ära Schmidt wird Deutschland zum Flachland gestaltet. Flatrate, Flatscreen. Auch als 3d-Variante. Die Wirklichkeit da draußen ist nicht mehr wahr. Zwar läßt sie sich noch begreifen und endet weiterhin tödlich, ihr Wesen aber ist ihr zu erklecklichen Teilen abgeschwatzt. Bisher hat sie noch alle Moden überlebt, aber ordentlich zerknautscht sieht sie schon aus. Hier unterbricht ein plötzlich aus dem Magen der Sonne (der guten alten Muttersonne!) anschwellender Gedankenstrom ganz anderer Art unsere kleine Rheinleichenmeditation und verhindert vorerst ihr Fortmäandrieren. Es wird sich jedoch gewiß eine Überwindung der Überwindung vom Überwundensein finden lassen, literarisch, ein lyrischer Notausgang aus unsern geistigen Dilemmata, demnächst, irgendwann, in diesem Theater.

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