Kleinbasel

Wir sitzen in Kleinbasel im Schmale Wurf, was auf hochdeutsch soviel wie Bohnenstange bedeutet, und betrachten das unaufgeregte Strömen des flaschengrünen Rheins. Der hier, anders als in seinen sonstigen Städten, die Siedlungen zu seinen Ufern eher zu verbinden als zu trennen scheint. Unterhalb des Lokals befindet sich eine Treppe, auf der die Basler sich im Sommer ausziehen, um „Dr Bach ab… em Ufer nooch!“ den Strom hinabzutreiben. Ihre Klamotten führen sie in wasserdichten Beuteln mit sich. Knapp oberhalb des Einstiegs für die Rheintreibenden pendelt die Leu, eine der Basler Gierfähren, zum Münster und zurück. Ein lokales Sprichwort verweist alle Schwätzer zum Zwecke des Ohrabkauens an den Fährmann. Der scheint in der Tat ein gelassener Typ, was den Baslern jedoch allgemein nachgesagt wird. Die Fähren bestehen aus Holzbötchen, die am Bug mittels eines mehrfach regenbogenfarben beflaggten Drahtseils mit einem weiteren, den Rhein überspannenden Draht verbunden sind. Gekrönt das Ganze vom Schweizerkreuz. Angetrieben werden die Fähren von der Strömung, der Fährmann muß jeweils nur das Ruder umlegen. Wir gehen eine innere Wette ein, daß die beiden Damen am Nebentisch die Saubohnen auf ihrem Vorspeisenteller nicht anrühren werden. Der Kellner bringt Hirschkeule und Appenzeller Holzfaßbier. Zunächst noch von der riesigen Keule verdeckt taucht unerwartet ein Frachter auf, der den gesamten Fluß einzunehmen scheint. Es wird über Stunden der einzige bleiben. Nebenan schauen verwitterte Gesichter aus dem Männerheim „Rheinblick“ der Heilsarmee. Links um die Ecke geht es vorbei an der Fickdassystembeiz „Hirscheneck“ durch offenbare Kreativgebiete. Das zieht auch die Fledermäuse an, nicht weniger als 33 Arten sollen die Dämmerungshabitate bejagen, wir nennen stellvertretend nur Schnäuzer-, Vollbart-, Geißbart-, Wasser-, Rasende, Weißrand-, Randlose, Rauhaut-, Kaumhaut-, Blauhaut-, Zwerg- und Lallende Fledermaus, den Großen, den Mittleren und den Kleinen Abendsegler, das Graue Langohr und die Dunkle Maitresse. Die Septembersonne steigt indessen in goldenem Bogen übers Ambiente und wirft ein paar Franken für soziale Zwecke ab. An der Theodorskirche sind wortreiche Gedenkplatten für längst Verstorbene angebracht, die Auslassungen lesen sich bisweilen interessanter als die Einlassungen. Hinter uns startet ein kosmopolitisches Gespräch auf Basler Spanisch und der eher zufällige Blick auf den, bis auf die Saubohnen, geleerten Vorspeisenteller der Damen vom Nachbartisch löst ein angenehmes Bestätigungsgefühl in uns aus, das in dieser Zone aus sich selbst zu entstehen und allgemein recht prächtig zu gedeihen scheint.


Stichworte:
 
 
 

Kommentar abgeben: