Profeten, Vaterländer und Literaturbetrieb

“Die Revue des deux mondes ist wohl jetzt das angesehenste der französischen Journale, und wie ich glaube mit Recht. Heine ist Mitarbeiter an demselben. Sein Verleger ist Renduel, der eigentliche romantische Buchhändler, dessen Handlung das Foyer der Romantik bildet. Bei ihm findet man stets einige moderne Celebritäten, den breitschultrigen Frederic Soulié, mit dem mächtigen Schnurrbart, den trockenen und geschniegelten Granier de Cassagnac und mehre Andere. Der Ruf dieser literarischen Charaktere ist an Ort und Stelle von dem sehr verschieden, den sie über dem Rhein genießen. So mancher junge Schriftsteller, wie Michel Masson, der die Werkstatterzählungen und vieles Andere noch geschrieben, hat nur ein kleines Publikum und genießt keines besondern Ansehens. Man wunderte sich, daß wir ihn übersetzten, und noch mehr, daß man bei uns bemüht war, dem Publikum seine großen Vorzüge anzupreisen. Seine Bücher werden in kleiner Anzahl gedruckt und in noch geringerer verkauft. Der Verfasser des „il Vivere”, ein junger Mensch Namens Ferrières, der unter der Firma Samuel Bach debutirte, ist ein Schriftsteller, den man in Paris kaum dem Namen nach kannte. Sein Buch hat keinen Anklang gefunden. Beweist dies nicht aufs Neue die Wahrheit des alten Sprichworts zur Genüge, daß der Prophet in seinem Vaterlande nichts gelte? Und wenn die genannten Schriftsteller auch nicht zu den Propheten zu zählen sind, so ist doch nicht zu läugnen, daß sie bei ihren Landsleuten wenigstens die Aufmerksamkeit zu erregen verdienten, die wir, die Fremden, ihnen bei ihrem Erscheinen zollten. Etwas trägt bei uns nun wohl auch das Zeitungslob bei, das von guten Freunden in vielen Blättern jenen jungen Leuten gespendet wird, und nach welchem sich unsere Uebersetzer bei ihrer Wahl richten, und nachdem sie ihre Uebersetzung dem Publikum übergeben haben, dann auch wieder für gute Recensionen und Anzeigen in gewissen deutschen Blättern Sorge tragen. In Paris aber schenkt das Publikum nur den Anzeigen einiger Journale seine Aufmerksamkeit, und achtet alle übrigen gering. Wer z. B. in den Debats herausgestrichen wird, kann darauf rechnen, viele Leser zu finden; wen hingegen der Constitutionel lobt, bleibt unangerührt liegen.”

(Aus: August Lewald – Aquarelle aus dem Leben, Band 4, 1837)


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