Monatsarchiv für August 2010

 
 

Rhybadi

In Schaffhausen steht, im Rhein, nach Rheinseins frisch aktualisiertem Kenntnisstand, die wunderbarste Badeanstalt Europas, wenn nicht der ganzen Welt. Die Rhybadi, von echten Urgroßvätern mit Bedacht und Verstand aus echten Holzplanken zusammengezimmert, verweilt schiffförmig im Zentrum der geschichtsträchtigen Stadt, und bietet, in ihrer bescheidenen Art “Usschwümmete mit Metzgete” für kleinen Eintritt. Die Rhybadi wird betreten durch ein mit allerlei Trödel ausstaffiertes Portal, das Kassenkabuff findet sich nach einer Weile in einer Zeile, die nicht zuletzt wegen ihrer Adoptiventenzucht an ostasiatische Marktgassen erinnert. Das sympathische Betreiberpaar leiht nebst Büchern gegen geringe Gebühr sogar Badehose/Badeanzug aus eigenen Beständen, mit solcher Beute geht es in die von rotweißgestreiften Vorhängen beschirmten Umkleiden, es herrscht eine für heutige Badeanstalten geradezu sagenhaft zu nennende: entspannte Atmosfäre, frei von Gekreische und Posertum, vielmehr scheint unausgesprochener, praktizierter Respekt zu herrschen, vor dem Badeort, seinen kommenden und gehenden Wassern, und zwar von allen Personen, ganz gleich ob in der Schwimmärmel-, der Langstreckencrawl- oder der aquajogging-Periode. Der Rhein unterdessen strömt unablässig durch die Becken: das Nichtschwimmerbecken mit Einlegeplanken im “Spitz”, dem als Bug dienenden “Schiffs”heck der Anstalt, das alte Männerschwimmbecken, drei Kleinkindersenken und das alte Frauenschwimmbecken, und mit dem Rhein strömen Wasservögel, Schlingpflanzen und Fische, das Eintauchen in die klaren, kühlen, flaschengrünen Hochrheinfluten läßt ganze Jahrtausende durch die Hirnwindungen treiben, ein frisches, auffrischendes, belebendes Treiben, von der Strömung getrieben gleiten wir durch die Becken, an deren Ende Auffanggitter ein Abdriften in rheinische Ewigkeiten (knapp) verhindern. Bespinxt von Haubentauchern, Bläßhühnern, Enten, Alanden und Barben geht es unter die Wasseroberfläche, Schwimmhäute wachsen aus unsern Seiten, einsetzende Fischisierung, die Umwelt gerät zu Strudeln und Sprudeln, die Bedeutung des Fließens nimmt zu, gewinnt Überhand, die Dinge sind, indem sie fließen, nichts ist, außer Fließen, den richtigen Fluß zu finden, ist das Problem, das keines darstellt, da wir uns mitten drin befinden.

St. Gallen (4)

gallus gestolpert

Das Schild zeigt sie an: die Stelle, an der Gallus seinerzeit so folgenreich stolperte. Heute ist sie frei von Gestrüpp, der Boden mit feinem Kies aufgeschüttet, eine Stolperstop-Mauer errichtet. Wir haben den sagenhaften Boden mehrfach aus allen möglichen Perspektiven fotografiert, doch die Bilder wollen, außer Kiesmustern, einfach nichts hergeben. Unweit der berühmten Stolperstelle hat, das ist zu erwähnen, Roman Signer eine Wasserwirbel-Installation an und mit der Steinach vorgenommen: in seiner Bodenröhre dröhnt das stürzende Wasser mit einer noch brutaleren Intensität als schon im natürlichen Fall, der es durch einen dunklen Tobel leitet, zu dessen Füßen jeder Sturz unweigerlich auch mit dem Thema Hörsturz in Verbindung gebracht werden sollte.

St. Gallen (3)

Das Antiquariat des Herrn Ribaux ist montags geschlossen, die von zahlreichen Schriftsteller-Zitaten über Tätigkeit und Bedeutung des Lesens verklebten Scheiben lassen verstellte Blicke auf enorme Bücherstapel zu. Das Gallusdenkmal am Gallusplatz ist verhüllt und nur ein Vorgriff auf weitere von Baugerüsten etc verborgene Heiligendarstellungen, das Wandern durch die Stadt ergibt, trotz Weltkulturerbestatus des Stifts, europäische Durchschnittswerte an Sehenswertem und Gleichgemachtem. Um den Aufenthalt auf den Punkt zu gallifizieren, geht es auf die Suche nach der Stelle, an der der Lokalheilige über einen Dornbusch gestolpert sein, dies als göttliches Zeichen aufgefaßt und per in situ-Einsiedelei gleichsam Kloster und Stadt gegründet haben soll: damit verbunden die Erwartung, einen Ausgangspunkt aller Ausgangspunkte zu erwischen, einen Urgrund, schlehenbewachsen vielleicht, sodaß sich eine Schlehbeere vom Ort des Geschehens mitnehmen ließe, und evtl einlegen, der weiteren Meditation über Entstehens- und Kultivierungsgeschichten zu dienen. Am Fuße der Steinach pendelt das Mühleggbähnli tobelauf und -ab, eine hauptsächlich durch eine Tunnelröhre führende Schienen-Drahtseilbahn. So sehr wurde diese Bahn von Rheinseins St. Gallen-Korrespondentin empfohlen, daß wir sämtliche starken Gallus-Hinweise vor ihrer Eingangstür übersahen und einfach nur die Fahrt anstrebten. Die Bahn überwindet klaglos einige Höhenmeter und spuckt ihre Insassen auf den Dreilinden-Höhenweg, der perfekte Blicke auf Stadt, Umland und Bodensee bietet: St. Gallen füllt der Länge nach ein Tal, viel Platz scheint da nicht übrig, verstreut zu zählen: sieben, acht Kirchen, die prägenden Bauten jedoch scheinen von oben: das Hochhaus des Kantonsspitals und der turmbestandene Komplex eines Einkaufszentrums. Das gesamte Talensemble wirkt wie planvollst zurechtgedengelte Matrix, dezentral und zentral ausgerichtet zugleich, ein ruhig atmendes Geflecht, sehr funktionslüstern, die Straßenachsen scheinen den Tag zu verschieben, da häuft er sich ein wenig an, dort entspannt er, niemals aber schlägt er über die Stränge: die klassische Mischung aus Raum, Zeit und Bedeutung, aufs Schweizerischste gezähmt.

St. Gallen (2)

st-gallen

Typische Straßenszene am St. Galler Raiffeisen-Platz. Aus rheinisch-blauen Himmeln gefallen starrt eine Taube verwirrt auf den rot-tartanierten Brunnengrund. Doch selbst der moderne, kunststoffüberzogene Boden ist in St. Gallen heilig: nur Augenblicke nach dieser Aufnahme wird sich die Verwirrung des symbolträchtigen Vogels in tiefe Andacht wandeln.

St. Gallen

Durchs St. Galler Rheintal auf St. Gallen zu: grün bepelzte Berge über klobigen Industriehallen, Spielzeuglandatmo, übersteuerte Farben, drehgeregelte Temperaturen. Bei Rorschach ins Schiebefenster kippend: der im nach allen Seiten ausflachenden Himmel gespiegelte Bodensee, spiegelverkehrt/mastunten kratzen leuchtweiße Segelboote an Sfärenböden. Der Zug dreht bei und kämpft sich durch Streuobstwiesen empor in einen Wald, aus dessen Kronen (Utopia? Japan?) jähe Hochhausetagen ragen. Bevor die heilige Stadt erreicht werden darf, geht es durch einen langen schwarzen Tunnel, von dem nicht klar ist, ob er wirklich fysisch existiert oder lediglich eine bewußtseinseigene Maßnahme vorstellt, welche vorwarnungslos den Reisenden überfällt, der sich auf die Suche nach nicht weniger als einer modernen Deutung des großen Gallus begibt. (Muffige Luft und das gleichgültige Verhalten der Mitreisenden weisen allerdings auf fysische Existenz.) St. Gallen selbst wartet dann auf mit Menschen (Einheimische? Touristen?), wie sie häufig (ob der Beeinflussung durchs Reisen?) in Bahnhofsnähe zu finden sind: Visagen/Fysiognomien, die wirken, als seien sie mehrfach extrem in die Länge gedehnt worden, um sie dann zurückschnalzen zu lassen: was beachtliche Gehweisen und Mimiken zeitigt. Wenige Gehmeter vom Bahnhof entfernt: wird der städtische Boden ansatzlos von tartanbahnartigem Kunststoff überzogen: was dem Kölner sein betoniertes Vostell-Auto, ist dem St. Galler sein tartanierter Pipilottirist-Porsche, mehr noch: ein ganzes kleines von rotem Polyurethan loungig grund-, tisch-, und sesselbezogenes, videoüberwachtes Bankenviertel tut sich auf, zwischen die Flachdächer sind Luftskulpturen gespannt, die an stark vergrößerte Insekteneier erinnern, die Brunnen sprühen Dampf, der eigene Schritt beginnt zu federn, marktwirtschaftliche Dynamik bemächtigt sich des Körpers, wer sind wir denn?: nichts als korrumpierbare Masse aus Fleisch und Blut, bestenfalls befähigt, in den Himmel (hier also von künstlicher Insektenbrut dominiert) zu blicken.

Rheinische Tierwelt (7)

mauereidachs

Zunächst wirkt es, als schössen ihre Schlangenköpfe, den Verhaltenskodex der Röhrenaale imitierend, aus dem alpinen Fels hervor. Dem entgegen stehen akustische Erwägungen: ihr holistisches Gekratze und das mehrfach gebrochene Echo ihres spitzen, beidendigen Fauchens lassen den Schluß zu, daß sie sich komplett auf der Felsoberfläche bewegen. Am Schwanz sind sie genauso geformt und gezeichnet wie am Schädel, auch die (selten genug überhaupt zu erblickende) Fußstellung läßt nicht erkennen, wohin ihr Wille und Sehnen gerichtet ist: bis heute forscht die Herpetologie, ob der Eidachs ein rheinzu- oder rheinabgewandtes Tier vorstellt. Unbestritten jedenfalls ist sein Vorkommen in bis zu weniger als fünf Metern Luftlinie zur Uferkante.

Rheinische Tierwelt (6)

blutstroepfchen

Blutströpfchen. Auf Abschnitten des Schaaner Rheindamms finden sich im August beachtliche Aufkommen dieser Kerbtiere, die auch unter der leicht profaneren Bezeichnung Widderchen firmieren. Sie fliegen auf lila Blüten (hier: Sommerflieder) – und ihr traumhafter Flug erinnert ausdrücklich an Zeichentricksequenzen von Oldtimerrennen: künstlich verlangsamte, (rein imaginativ:) motorjaulende Hektik, elegantes, wie am Schnürchen gezogenes Kurvenverhalten, zielgerichtet kreisende Betriebsamkeit, von einer todschicken, ausgestorben anmutenden Ästhetik lackiert.

schaan im dauerregen

viertelstuendlich schlagen die glocken
sie schlagen grad halb alles
jeder glockenschlag foehnt ein schaefchen trocken
die schlagfrequenz liesze sich noch erhoehen
im falle des aeuszersten falles

Pissing in the Rhine

Ihre Mischung aus Mainstream-Rock und Humba-Punk macht die amerikanische Band The Hooters in deutschen Landen volksfesttauglich. Zur Bekräftigung solcher Massenausrichtung haben die Johlgesellen im Jahre 2010 einen Song in etwa in deutscher Sprache eingespielt, der mit einiger normativer Kraft des Faktischen ausgestattet „Wein“ auf „allein“ auf „Rhine“, „hier“ auf „Bier“ und „Küsse“ auf „Gewissensbisse“ reimt, dazwischen eine vermutlich dadaistisch beeinflußte, sicherlich aber romantisch grundierte Story um „sieb`n Dutzend Rosen“ aufbaut, die, wohl nebst um Volkes auch um Feuilletongunst bemüht, sogar einen fast versteckten modernen Verweisreim auf eine einst vieldiskutierte deutsche Punkrockband enthält, und in einem weiteren Schachzug das Dilemma menschlicher Ahnungslosigkeit thematisiert, nur um in der nächsten Zeile so optimistisch wie kategorisch wieder absolute Gewißheit zu vermitteln – was alles in allem genug Rüstzeug zur nationalen Gröhlhymne scheint. „Pissing in the Rhine“ lautet folgerichtig der Titel des Songs mit den, je nach Stimmungslage, überaus trost- bis verdrußspendenden Endzeilen: „Ich bin nicht allein / Du bist nicht allein / Wir sind nicht allein“, und es gibt auf Youtube bereits einige Mitschnitte von Live-Performances dieses neuen Glanzstücks rheinischen Liedguts.

Das Ried

Ein Sichbegeben in analoge, nach alten Maßstäben überwiegend unbearbeiteten Zellen entsprungenen, nur mit grobem Werkzeug gebürsteten Landschaften entlockt dem weiterhin mehr oder minder bewußt auf dem Torf der Romantik gediehenen bürgerlichen Literaten des deutschsprachigen Raums nicht selten lautmalerische Beschreibungen/Adaptionen von Tier- und Pflanzenstimmen:

“Ein grosses Wort – als wenn man sagte: die Welt. Im ersten Lebensjahr schon war das Ried meine Welt – und ist es geblieben.
Wenn ich später, weit weg in der wüstlärmigen Stadt, einmal nicht zur Ruhe kam, öffnete ich mein inneres Ohr dem monotonen Staccato der Frösche – dem Sekundenruf der Unken – dem Urschrei der Rohrdommel. Und ich lauschte dem Haubentaucher – und war dann weg.
Im Traum schliffen die Schilfhalme, flüsterten die Weiden, schäumten die Wellen über den Sand, schrammte das Boot gegen die Ufersteine, läutete die Kette am Zugsteg. Und wieder schnarrte der Haubentaucher, gixten die Belchen, brätschten die Stockerpel und säten die Krickenten ihre so rührenden Trillerchen in die Flötensoli der Brachvögel. Wer dabei nicht selig schläft!”

In der Moderne funktioniert das Schreiben über die hergebrachte Natur dann nach dem Schema “Katastrofe, Läuterung, Ungewißheit”, alles weitere fungiert unter “Experiment” oder “Computerspiel”.

“Jahre später war alles weg. Geschändet durch schnöde Gewinnsucht, verspielt durch Gutgläubigkeit und Unterlassung. Eine Welt brach zusammen.
Aus der fernen Stadt kam ich eines Nachts zurück – entsetzliche Trauer in mir, Scham und Verzweiflung. Ich schritt die Gemarkungen ab, Schritt vor Schritt, verhielt an diesem Busch, an jenem Stamm, ein jeder Station am Leidensweg der Reue. Noch einmal ward ich Kind, versank im Reich der Falter und Libellen. Hier – genau hier frass ich die geklaute Schokolade. Und diese Wurzel hab ich während sieben Jahren angepinkelt. Sie hat es überlebt und krümmt sich heute noch am Fuss des greisen Stammes. Alle hab ich sie umarmt in dieser Nacht, die Felben, Alben, Eichen. Ich küsste rauhe, und küsste glatte Rinden.”

Wobei diese Passage sich durchaus als Grundlage für ein Echtzeit-Browsergame denken ließe: am besten mit im Mangastil reproduzierten Jugenderinnerungen: glattpolierte riesenäugige Gesichter auf spindeldürren Körpern, die in ruckhaften Bewegungen die Magie elektronischen Schilfs oder das Unterseitenflatterverhalten beschwimmhäuteter Entenfüße beim Flugstart erforschen, vorm Screen: gestandene erwachsene Spieler ihrer eigenen Identität, die auf diesem Wege den menschwerdenwollenden Androiden in sich zu entdecken trachten, ins Digitale umgerechnete Selbsterfahrungstrips am Scheideweg zwischen Vergangenheit und Zukunft, den zugehörigen Werteumkehr- und -entwicklungsverfahren, der point of eternal return als naiv gestaltete, strombetriebene Sumpflandschaft mit Faltern.

(Zitate aus: Bruno Würth – Das Rheindelta, B. Würth & Hämmerle Druck & Verlag, Hohenems 1991)