Rhybadi

In Schaffhausen steht, im Rhein, nach Rheinseins frisch aktualisiertem Kenntnisstand, die wunderbarste Badeanstalt Europas, wenn nicht der ganzen Welt. Die Rhybadi, von echten Urgroßvätern mit Bedacht und Verstand aus echten Holzplanken zusammengezimmert, verweilt schiffförmig im Zentrum der geschichtsträchtigen Stadt, und bietet, in ihrer bescheidenen Art “Usschwümmete mit Metzgete” für kleinen Eintritt. Die Rhybadi wird betreten durch ein mit allerlei Trödel ausstaffiertes Portal, das Kassenkabuff findet sich nach einer Weile in einer Zeile, die nicht zuletzt wegen ihrer Adoptiventenzucht an ostasiatische Marktgassen erinnert. Das sympathische Betreiberpaar leiht nebst Büchern gegen geringe Gebühr sogar Badehose/Badeanzug aus eigenen Beständen, mit solcher Beute geht es in die von rotweißgestreiften Vorhängen beschirmten Umkleiden, es herrscht eine für heutige Badeanstalten geradezu sagenhaft zu nennende: entspannte Atmosfäre, frei von Gekreische und Posertum, vielmehr scheint unausgesprochener, praktizierter Respekt zu herrschen, vor dem Badeort, seinen kommenden und gehenden Wassern, und zwar von allen Personen, ganz gleich ob in der Schwimmärmel-, der Langstreckencrawl- oder der aquajogging-Periode. Der Rhein unterdessen strömt unablässig durch die Becken: das Nichtschwimmerbecken mit Einlegeplanken im “Spitz”, dem als Bug dienenden “Schiffs”heck der Anstalt, das alte Männerschwimmbecken, drei Kleinkindersenken und das alte Frauenschwimmbecken, und mit dem Rhein strömen Wasservögel, Schlingpflanzen und Fische, das Eintauchen in die klaren, kühlen, flaschengrünen Hochrheinfluten läßt ganze Jahrtausende durch die Hirnwindungen treiben, ein frisches, auffrischendes, belebendes Treiben, von der Strömung getrieben gleiten wir durch die Becken, an deren Ende Auffanggitter ein Abdriften in rheinische Ewigkeiten (knapp) verhindern. Bespinxt von Haubentauchern, Bläßhühnern, Enten, Alanden und Barben geht es unter die Wasseroberfläche, Schwimmhäute wachsen aus unsern Seiten, einsetzende Fischisierung, die Umwelt gerät zu Strudeln und Sprudeln, die Bedeutung des Fließens nimmt zu, gewinnt Überhand, die Dinge sind, indem sie fließen, nichts ist, außer Fließen, den richtigen Fluß zu finden, ist das Problem, das keines darstellt, da wir uns mitten drin befinden.


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2 Kommentare zu “Rhybadi”

  1. Gaby Bartling
    5. September 2010 um 14:22

    Seit drei Jahren gehört das Rhybadi auch zu meinen Lieblingsflussbädern.Ich habe es auf einer Erkundungstour der schweizerischen Flussbäder entdeckt und mich sofort in das alte,einladende,gemütliche Gebälk und das ewig junge,frische,kristallklare Wasser verliebt.
    Der Text von Stan Lafleur beschreibt auf perfekt-poetische Art und Weise das Badejuwel in Schaffhausen.Liest man diesen Text auch in der kalten,rhybadi-ungeeigneten Jahreszeit wieder,kann man ein Stück Sommergefühl zurückholen!Ein herzliches Dankeschön dem Autor dafür!!

  2. Einblick
    19. August 2013 um 20:28

    „Hier geht man auf Holzwegen, ohne sich zu verirren. Kult-Sünneler Peter Nyffeler (60) ist (…) als Badi-Checker in der Rhybadi Schaffhausen im Einsatz. Und er spürt sofort: „Dieser Ort atmet Geschichte.“ Damit liegt der Oftringer richtig, schliesslich steht die Badi schon seit 140 Jahren auf ihren Holzpfählen im Rhein und sorgt für Abkühlung bei den Gästen. „Dass es sowas noch gibt. Mal was anderes als die klassischen Badis“, sagt der Polymech. Über die historischen Holzplanken geht es direkt in die Garderobe, von dort ohne Umwege ins grosse Rheinbecken. „Noch etwas frisch. Aber toll wie die Badi den Fluss intergriert hat. So etwas fehlt bei uns im Aargau.“ Nach dem Testbad eine Dusche. Auf der Holztribüne wird dann erstmals Sonne getankt. Bei einer Zigi das erste Zwischenurteil: „Herrlich hier!“ Am Mittag fühlt Nyffeler dann Badi-Chef Bert Schneider auf den Zahn. Der pariert die Fragen des Badi-Testers ohne Probleme und kocht zum Abschluss eine leckere Country-Pfanne mit Hackbällchen. Ein Badi-Check nach dem Geschmack von Peter Nyffeler. Sein unbestechliches Urteil: „Diese Badi ist kein Reinfall.“

    Soweit zitiere ich aus unserem täglichen “Blick”. Wie finden sie unseren herr Nyffeler? Der Artikel erschien apropos vor wenigen Wochen. Schöne grüsse aus der Schweiz von Ueli Sutter

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