St. Gallen (3)

Das Antiquariat des Herrn Ribaux ist montags geschlossen, die von zahlreichen Schriftsteller-Zitaten über Tätigkeit und Bedeutung des Lesens verklebten Scheiben lassen verstellte Blicke auf enorme Bücherstapel zu. Das Gallusdenkmal am Gallusplatz ist verhüllt und nur ein Vorgriff auf weitere von Baugerüsten etc verborgene Heiligendarstellungen, das Wandern durch die Stadt ergibt, trotz Weltkulturerbestatus des Stifts, europäische Durchschnittswerte an Sehenswertem und Gleichgemachtem. Um den Aufenthalt auf den Punkt zu gallifizieren, geht es auf die Suche nach der Stelle, an der der Lokalheilige über einen Dornbusch gestolpert sein, dies als göttliches Zeichen aufgefaßt und per in situ-Einsiedelei gleichsam Kloster und Stadt gegründet haben soll: damit verbunden die Erwartung, einen Ausgangspunkt aller Ausgangspunkte zu erwischen, einen Urgrund, schlehenbewachsen vielleicht, sodaß sich eine Schlehbeere vom Ort des Geschehens mitnehmen ließe, und evtl einlegen, der weiteren Meditation über Entstehens- und Kultivierungsgeschichten zu dienen. Am Fuße der Steinach pendelt das Mühleggbähnli tobelauf und -ab, eine hauptsächlich durch eine Tunnelröhre führende Schienen-Drahtseilbahn. So sehr wurde diese Bahn von Rheinseins St. Gallen-Korrespondentin empfohlen, daß wir sämtliche starken Gallus-Hinweise vor ihrer Eingangstür übersahen und einfach nur die Fahrt anstrebten. Die Bahn überwindet klaglos einige Höhenmeter und spuckt ihre Insassen auf den Dreilinden-Höhenweg, der perfekte Blicke auf Stadt, Umland und Bodensee bietet: St. Gallen füllt der Länge nach ein Tal, viel Platz scheint da nicht übrig, verstreut zu zählen: sieben, acht Kirchen, die prägenden Bauten jedoch scheinen von oben: das Hochhaus des Kantonsspitals und der turmbestandene Komplex eines Einkaufszentrums. Das gesamte Talensemble wirkt wie planvollst zurechtgedengelte Matrix, dezentral und zentral ausgerichtet zugleich, ein ruhig atmendes Geflecht, sehr funktionslüstern, die Straßenachsen scheinen den Tag zu verschieben, da häuft er sich ein wenig an, dort entspannt er, niemals aber schlägt er über die Stränge: die klassische Mischung aus Raum, Zeit und Bedeutung, aufs Schweizerischste gezähmt.


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