Monatsarchiv für August 2010

 
 

Mittelrheinbrücke

Loreleybrücke

In den vergangenen Wochen, Monaten, Jahren wurde sie heftig diskutiert: die geplante “neue” Brücke im Mittelrheintal. Der regionale Weltkulturerbe-Status stand darob zur Disposition – dabei wurde völlig vergessen, daß an gleicher Stelle, ein paar Stromkilometer abwärts der Loreley (und entsprechend im Volksmund nach ihr benannt), in den 70er Jahren, in denen alles möglich war, ohne ins Leere zu führen, bereits eine (leicht psychedelisch s-förmige) Brücke den Schicksalsfluß überschlug: eines Nachts war sie einfach aus dem Boden geschossen und andern Morgens verfügbar. So blieb sie für eine Weile, bis sie, eine gewisse, nirgends präzis dokumentierte Zeit später, auf ebenso unspektakuläre Weise wieder verschwand. Das seltene, womöglich nie zuvor veröffentlichte Beweisfoto spielte uns Roland Bergère zu, nachdem er es in den digitalen Stapeln seiner unerschöpflichen Dokumentensammlung erspähte.

Showdown auf dem Rheingrund

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Bei den Dreharbeiten zum vergangenen Sonntag erstausgestrahlten, jamesbondesk betitelten „Tatort: Hauch des Todes“ sei sie an ihre psychischen Grenzen gestoßen, sagte Ulrike Folkerts (die Darstellerin der Kommissarin Lena Odenthal) der deutschen Presse. Denn Lena hatte Todesangst (schwer zu spielen), die Aufnahmen seien mit extremen Strapazen verbunden gewesen, das mörderische Finale (siehe TV-Still) wurde unter Wasser gedreht, auf dem Rheingrund bei Ludwigshafen.

Die Stahltür

LGT-Geheimtür

Den Wellenbewegungen des Geldflußes nachzuspüren, begeben wir uns in die Vaduzer Gemeindetiefgarage, auf deren zweiter Ebene immer noch jene berühmte „geheime“, doch nicht versteckte, vielmehr mit dem Auto befahrbare Stahltür vorzufinden ist, von der Heinrich Kieber erst der Welt erzählte, durch die ua den deutschen Staat so viele Gelder um-, um nicht zu sagen: demselben ent- und zielstrebig der höchstfürstlichen liechtensteinischen LGT-Group zuflossen, wo sie, hinter dicken Tresormauern, per pervertierter Stiftungsturbinen vertreuhandet, verquirlt und verzumwinkelt, zu unkenntlicher Energie transponiert wurden, so unkenntlich gestaltet wurden jedenfalls, daß sie ua dem deutschen Volke nachher fehlten wie sonstewas, daß dieses Volk, metaforisch gesprochen, wo steuergeldgenährte Struktur hätte erblickt werden können, sogar sollen, bloß in eine blasse, aus deutscher Sicht rheinab führende Röhre schaute… – und um nicht nur den Wellenbewegungen des Geldflußes nachzuspüren, sondern auch ein Gefühl für den treudeutschen Röhrenblick gemeinen Volkes zu gewinnen, betrachten wir nun, wiederum betrachtet von der Vaduzer Gemeindepolizei, das stählerne Portal und fühlen uns dabei ganz unvermittelt blitzgeschwinde wie eine Figur, die Kafka vor langer Zeit bereits entworfen haben dürfte, eine Figur nämlich, die Einlaß (zu was auch immer, vermutlich zu so etwas wie ihrem eigenen lächerlichen Begriff „der Wahrheit“) verlangt, Einlaß, der ihr natürlich nie gewährt werden wird. Doch hebeln wir sogleich unsere kleinmütigen europäischen Denkweisen aus, um lotussitzend vor der abweisenden Türe, die ohnehin längst nicht mehr in den befahrbaren Tresor der LGT führt, und deren „den gemeinen Mann“ so blockierender Charakter die Neonbeleuchtung der Tiefgarage noch eindrücklich verstärkt, zu meditieren: und tatsächlich lösen sich aus dem unhörbaren Tönen und Tosen solch feinstofflicher Hirnvorgänge atomähnliche Partikeln, die sich zu wesentlichen Bildern verbinden, zu Flußdiagrammen, die darzustellen scheinen, daß vermeintlich sicher abgespeicherte Vergangenheiten (sogenannte „Perfekte“) frontal aus der Lücke zwischen Zukunft und Gegenwart zurückkehren und mit nicht geringer, reichlich Schaum aufwirbelnder Wucht einherstürzen können, fast jederzeit.

Rheinische Tierwelt (8)

Froshas

Der Frooshaas (auch: Froshas) ist ein regionales Flurwesen des Alpenrheins, das im Dämmerlicht in den schmalen Talstreifen um Sargans und Schaan auftritt, um Kinder anzufallen, die sich dort schweifend dem zeitigen Zubettgehen verweigern. Die Wortbedeutung liegt ebenfalls im Zwielicht, “Freßhase” bzw “Fraßhase” scheint auszuscheiden, das verniedlichende “Froschhase” (hier in einer Interpretation Heidi Starcks) stammt aus jüngerer Zeit, wie überhaupt die heutige Dorfjugend forscher, dh mit selbsterdachten Fallen, gegen das blutrünstige Tier vorgeht.

Zum und am Rheinfall

Anreise über Orte wie Landschlacht, Gottlieben, Paradies, Mammern: sprechende Namen des spalierobstelnden oder obstisch-vorobstlerisch spalierstehenden Thurgaus. Der Rhein, aus dem Bodensee auftauchend, verneigt sich als eingeuferter Fluß (eine kurze Passage, die Seerhein genannt wird) und taucht sogleich wieder in den Untersee, bzw schnorchelt dort, um das silbrige Schuppenglitzern der berühmten Bodenseefelchen zu studieren, bzw umfängt der Untersee nochmals den Rhein wie ein leichter Umhang mit Segelbootmotiven auf changierendem Blau. See und Ufer wirken so sauber, so poliert, das alles hat etwas von: „wenn wir die Raffaelo-Werbung aus Kostengründen doch in Deutschland drehen müssen, dann hier in der Schweiz“. Schon bald entseet sich der Rhein, rheint sich ein, sein adlig-weiches Blau kippt ins Flaschengrüne, das ist Rhine as Rhine can, das zieht sich schon zusammen für den folgenden Sturz, da braut sich was, klart was vor, windet sich was im eigenen Panorama, konzentriert sich auf seine erste Massentouristifizierung, mit novizischer Gelassenheit und Nervosität. Die Landschaft zwischen Bodensee, Stein am Rhein und den Fällen: hübsch verspachtelte Vakui zwischen vielbesungenen Stätten. Am Rheinfall (nachdem der Wegweiser auf dem Bahnsteig von Schloß Laufen zunächst zum Hauptwegweiser wies, der auf diverse Subwegweiser aufmerksam machte, die „individuelle Weggestaltungen“ wiesen) schließlich fand sich ein sechsrohriger Geräuschumwandler, für den es eigentlich auch sechs Ohren am Haupte bräuchte, ihn effizient zu nutzen, dessen einzelne Rohre das Dauerrauschen der O-Natur in hellere Klänge verwandeln: Synapsenspüler, akustische Pustefixe – und wären die Rohre einander verschlungen, ineinanderlaufend und nicht nur entlang einer Schiene verstellbar, gäb dies Gerät garantiert einen prima Psychohelm ab, das Rauschrepertoire jeweiliger Umwelten zu beugen.

Ansichtskarten vom Rheinfall (4)

Seit unserem letzten Besuch vor rund einem Jahr hat sich am Rheinfall einiges verändert. Kasse und Andenkenladen sind aus Schloß Laufen in ein neues Info-Gastro-Zentrum auf den nach wie vor beherrschenden Besucherparkplatz gezogen, Hinterglas-Ticketverkäufer erläutern per Mikro in mehreren Sprachen die Gegebenheiten, zB den separaten Erwerb diverser Bootstickets (zur Wahl steht mindestens ein halbes Dutzend Rund- und Überfahrten), das Gelände verlassen zu wollen zwingt geradezu zur Nutzung des neuen Panoramalifts, der Eintrittspreis hat sich verfünffacht. Auch das Besucheraufkommen scheint sich stet zu steigern und mit dem „chinesisch-indischen Potential“ von rund zwei Milliarden künftigen Rheinfalltouristen in der Rückhand, ließe sich von Betreiberseite der finanziellen Ausbeutung dieses kleinen Weltwunders gelassen entgegensehen, wären da nicht die beunruhigenden Gletscherschmelze- und Wasserstandsmeldungen. Somit hatten wir noch Glück, die Fälle schossen sommeruntypisch wuchtig über ihre geschliffnen Felskanten, das Wasser bäumte, räumte und schäumte wie eh und je und wir konnten sogar eine digitale Postkarte erwerben, der neueste Clou für touristische Souvenirjäger, vermutlich von den Mediaexperten eines Think Tanks mit ein paar coolen Zeilen versehen:

„Ausschnittsweiser Fortgang der Dinge als Schaum und Rausch. Zwar läßt sich weder der Plastizität des Wallens, noch der Eleganz des Sprühnymfentanzes mit einer schnellen Aufnahme genüge tun, doch mag Sie diese 2d-animierte Rheinfall-Postkarte an ihrer kleinen, im großen digitalen Postkartenständer zugewiesenen Stelle an Elementares gemahnen: den Stoff, aus dem wir gemacht sind.“

Ansichtskarten vom Rheinfall (3)

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Ansichtskarten vom Rheinfall (2)

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Schweiz ohne Schweiz

„Schweiz ohne Schweiz“ lautet der für manchen wohl leicht provokante, wir würden sagen: lustige Titel einer Kunstausstellung, die derzeit und noch bis zum 26. September 2010 im Schaffhauser Museum zu Allerheiligen läuft, und sich, wie der Beititel „Alpenlose Landschaften“ nahelegt, jener wenig bekannten Schweiz diesseits bzw jenseits der Alpen widmet, wie sie sich ua in unmittelbarer Rheinnähe zwischen Basel und Bodensee findet. Kuratiert hat die Ausstellung Markus Stegmann, bis vor Kurzem eine virtuelle Bekanntschaft aus gemeinsamen Zeiten im Forum der 13, der für den Ausstellungskatalog, welcher neben Abbildungen ausgewählter Exponate einige literarische, insbesondere lyrische Texte versammelt, auch bei Rheinsein fündig wurde: Rheinfallgedichte von Mörike und lafleur, eine freundliche Gegenüberstellung schwäbisch-euforischen Scheinbiedermeiers und badisch-bodenständigen Hochleistungstrashs, von genau den wuchtigen Wasserstürzen, deren Sinn und Kraft zur jeweils herrschenden Zeit die Gedichte in Worte zu fassen suchen, umbildert. Ansichten vom Rheinfall markieren denn auch den ersten und thematisch kompaktesten Schwerpunkt der Ausstellung, von klassischer Landschaftsmalerei bis hin zu Michael Lios spektakulärem, an ein Youtube-Still erinnernden Foto eines Känzeligumpers, der sich kopfüber in die schäumenden Wasser stürzt. Desweiteren zu sehen: entidyllisierte Idyllen, Agglomerationscharme, alleinerziehende Natur, himbeerfarbene Wälder, ein verwirrendes Servelatpicknick und ein ziemlich überraschender Otto Dix.

Rhybadi (2)

rhybadi

Unter den Umkleiden 30-37 strömt der flaschengrüne Hochrhein in die Schaffhauser Badeanstalt ein. Jugendliche unter 16 Jahren haben zu diesen Kabinen keinen Zutritt. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, in etwa, herrschte in der Anstalt strikte Geschlechtertrennung. Über die Einhaltung der heutigen Regeln wacht, wobei es einen ziemlich lässigen Eindruck macht, das Betreiberpaar, während der Saison nach eigenen Angaben “25 Stunden pro Tag” im Einsatz.

Rhybadi

In Schaffhausen steht, im Rhein, nach Rheinseins frisch aktualisiertem Kenntnisstand, die wunderbarste Badeanstalt Europas, wenn nicht der ganzen Welt. Die Rhybadi, von echten Urgroßvätern mit Bedacht und Verstand aus echten Holzplanken zusammengezimmert, verweilt schiffförmig im Zentrum der geschichtsträchtigen Stadt, und bietet, in ihrer bescheidenen Art “Usschwümmete mit Metzgete” für kleinen Eintritt. Die Rhybadi wird betreten durch ein mit allerlei Trödel ausstaffiertes Portal, das Kassenkabuff findet sich nach einer Weile in einer Zeile, die nicht zuletzt wegen ihrer Adoptiventenzucht an ostasiatische Marktgassen erinnert. Das sympathische Betreiberpaar leiht nebst Büchern gegen geringe Gebühr sogar Badehose/Badeanzug aus eigenen Beständen, mit solcher Beute geht es in die von rotweißgestreiften Vorhängen beschirmten Umkleiden, es herrscht eine für heutige Badeanstalten geradezu sagenhaft zu nennende: entspannte Atmosfäre, frei von Gekreische und Posertum, vielmehr scheint unausgesprochener, praktizierter Respekt zu herrschen, vor dem Badeort, seinen kommenden und gehenden Wassern, und zwar von allen Personen, ganz gleich ob in der Schwimmärmel-, der Langstreckencrawl- oder der aquajogging-Periode. Der Rhein unterdessen strömt unablässig durch die Becken: das Nichtschwimmerbecken mit Einlegeplanken im “Spitz”, dem als Bug dienenden “Schiffs”heck der Anstalt, das alte Männerschwimmbecken, drei Kleinkindersenken und das alte Frauenschwimmbecken, und mit dem Rhein strömen Wasservögel, Schlingpflanzen und Fische, das Eintauchen in die klaren, kühlen, flaschengrünen Hochrheinfluten läßt ganze Jahrtausende durch die Hirnwindungen treiben, ein frisches, auffrischendes, belebendes Treiben, von der Strömung getrieben gleiten wir durch die Becken, an deren Ende Auffanggitter ein Abdriften in rheinische Ewigkeiten (knapp) verhindern. Bespinxt von Haubentauchern, Bläßhühnern, Enten, Alanden und Barben geht es unter die Wasseroberfläche, Schwimmhäute wachsen aus unsern Seiten, einsetzende Fischisierung, die Umwelt gerät zu Strudeln und Sprudeln, die Bedeutung des Fließens nimmt zu, gewinnt Überhand, die Dinge sind, indem sie fließen, nichts ist, außer Fließen, den richtigen Fluß zu finden, ist das Problem, das keines darstellt, da wir uns mitten drin befinden.

St. Gallen (4)

gallus gestolpert

Das Schild zeigt sie an: die Stelle, an der Gallus seinerzeit so folgenreich stolperte. Heute ist sie frei von Gestrüpp, der Boden mit feinem Kies aufgeschüttet, eine Stolperstop-Mauer errichtet. Wir haben den sagenhaften Boden mehrfach aus allen möglichen Perspektiven fotografiert, doch die Bilder wollen, außer Kiesmustern, einfach nichts hergeben. Unweit der berühmten Stolperstelle hat, das ist zu erwähnen, Roman Signer eine Wasserwirbel-Installation an und mit der Steinach vorgenommen: in seiner Bodenröhre dröhnt das stürzende Wasser mit einer noch brutaleren Intensität als schon im natürlichen Fall, der es durch einen dunklen Tobel leitet, zu dessen Füßen jeder Sturz unweigerlich auch mit dem Thema Hörsturz in Verbindung gebracht werden sollte.

St. Gallen (3)

Das Antiquariat des Herrn Ribaux ist montags geschlossen, die von zahlreichen Schriftsteller-Zitaten über Tätigkeit und Bedeutung des Lesens verklebten Scheiben lassen verstellte Blicke auf enorme Bücherstapel zu. Das Gallusdenkmal am Gallusplatz ist verhüllt und nur ein Vorgriff auf weitere von Baugerüsten etc verborgene Heiligendarstellungen, das Wandern durch die Stadt ergibt, trotz Weltkulturerbestatus des Stifts, europäische Durchschnittswerte an Sehenswertem und Gleichgemachtem. Um den Aufenthalt auf den Punkt zu gallifizieren, geht es auf die Suche nach der Stelle, an der der Lokalheilige über einen Dornbusch gestolpert sein, dies als göttliches Zeichen aufgefaßt und per in situ-Einsiedelei gleichsam Kloster und Stadt gegründet haben soll: damit verbunden die Erwartung, einen Ausgangspunkt aller Ausgangspunkte zu erwischen, einen Urgrund, schlehenbewachsen vielleicht, sodaß sich eine Schlehbeere vom Ort des Geschehens mitnehmen ließe, und evtl einlegen, der weiteren Meditation über Entstehens- und Kultivierungsgeschichten zu dienen. Am Fuße der Steinach pendelt das Mühleggbähnli tobelauf und -ab, eine hauptsächlich durch eine Tunnelröhre führende Schienen-Drahtseilbahn. So sehr wurde diese Bahn von Rheinseins St. Gallen-Korrespondentin empfohlen, daß wir sämtliche starken Gallus-Hinweise vor ihrer Eingangstür übersahen und einfach nur die Fahrt anstrebten. Die Bahn überwindet klaglos einige Höhenmeter und spuckt ihre Insassen auf den Dreilinden-Höhenweg, der perfekte Blicke auf Stadt, Umland und Bodensee bietet: St. Gallen füllt der Länge nach ein Tal, viel Platz scheint da nicht übrig, verstreut zu zählen: sieben, acht Kirchen, die prägenden Bauten jedoch scheinen von oben: das Hochhaus des Kantonsspitals und der turmbestandene Komplex eines Einkaufszentrums. Das gesamte Talensemble wirkt wie planvollst zurechtgedengelte Matrix, dezentral und zentral ausgerichtet zugleich, ein ruhig atmendes Geflecht, sehr funktionslüstern, die Straßenachsen scheinen den Tag zu verschieben, da häuft er sich ein wenig an, dort entspannt er, niemals aber schlägt er über die Stränge: die klassische Mischung aus Raum, Zeit und Bedeutung, aufs Schweizerischste gezähmt.

St. Gallen (2)

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Typische Straßenszene am St. Galler Raiffeisen-Platz. Aus rheinisch-blauen Himmeln gefallen starrt eine Taube verwirrt auf den rot-tartanierten Brunnengrund. Doch selbst der moderne, kunststoffüberzogene Boden ist in St. Gallen heilig: nur Augenblicke nach dieser Aufnahme wird sich die Verwirrung des symbolträchtigen Vogels in tiefe Andacht wandeln.

St. Gallen

Durchs St. Galler Rheintal auf St. Gallen zu: grün bepelzte Berge über klobigen Industriehallen, Spielzeuglandatmo, übersteuerte Farben, drehgeregelte Temperaturen. Bei Rorschach ins Schiebefenster kippend: der im nach allen Seiten ausflachenden Himmel gespiegelte Bodensee, spiegelverkehrt/mastunten kratzen leuchtweiße Segelboote an Sfärenböden. Der Zug dreht bei und kämpft sich durch Streuobstwiesen empor in einen Wald, aus dessen Kronen (Utopia? Japan?) jähe Hochhausetagen ragen. Bevor die heilige Stadt erreicht werden darf, geht es durch einen langen schwarzen Tunnel, von dem nicht klar ist, ob er wirklich fysisch existiert oder lediglich eine bewußtseinseigene Maßnahme vorstellt, welche vorwarnungslos den Reisenden überfällt, der sich auf die Suche nach nicht weniger als einer modernen Deutung des großen Gallus begibt. (Muffige Luft und das gleichgültige Verhalten der Mitreisenden weisen allerdings auf fysische Existenz.) St. Gallen selbst wartet dann auf mit Menschen (Einheimische? Touristen?), wie sie häufig (ob der Beeinflussung durchs Reisen?) in Bahnhofsnähe zu finden sind: Visagen/Fysiognomien, die wirken, als seien sie mehrfach extrem in die Länge gedehnt worden, um sie dann zurückschnalzen zu lassen: was beachtliche Gehweisen und Mimiken zeitigt. Wenige Gehmeter vom Bahnhof entfernt: wird der städtische Boden ansatzlos von tartanbahnartigem Kunststoff überzogen: was dem Kölner sein betoniertes Vostell-Auto, ist dem St. Galler sein tartanierter Pipilottirist-Porsche, mehr noch: ein ganzes kleines von rotem Polyurethan loungig grund-, tisch-, und sesselbezogenes, videoüberwachtes Bankenviertel tut sich auf, zwischen die Flachdächer sind Luftskulpturen gespannt, die an stark vergrößerte Insekteneier erinnern, die Brunnen sprühen Dampf, der eigene Schritt beginnt zu federn, marktwirtschaftliche Dynamik bemächtigt sich des Körpers, wer sind wir denn?: nichts als korrumpierbare Masse aus Fleisch und Blut, bestenfalls befähigt, in den Himmel (hier also von künstlicher Insektenbrut dominiert) zu blicken.