Monatsarchiv für Juli 2010

 
 

Rheinische Tierwelt (5)

saumtier_christoph-gassmann
Saumtier. Oberhalb der Via Mala bei Sils im Domleschg finden sich im Wald, in den 1980ern entdeckt, die Felszeichnungen von Carschenna, unter ihnen die Darstellung obigen Tiers, das als Lastenträger, speziell als Esel gedeutet wird. Ein rüsseltragender asinus tricornis? Wie kam das Iglu auf den langgestreckten Rücken? Die Wissenschaft bedürfte wohl eines perfideren, neuen Namens, wenn sie solche Fragen eindeutig zu klären imstande wäre. (Foto: Christoph Gassmann)

Nietzsche schreibt doch was von der Via Mala

“Ich empfinde die düstere Großartigkeit der Via mala als Widerschein meines eigenen Wesens.” Gefolgt von einer kurzen Meditation über Widerschein, Schluchtendunkel und Seelenabgründe. So zu hören in Thomas Kaisers knapp halbstündigem Film “Das grosse Staunen” über die Via Mala, der dreigeteilt auf Youtube (hier gehts zum ersten Teil) verfügbar ist und in dem Schauspieler Jaap Achterberg, zunächst, für unser Empfinden, etwas kammerspielhaft-überdramatisch, dann zunehmend ruhiger, einen wunderbaren Mix aus etlichen, oft wenig bekannten kulturellen Zeugnissen zur/teils in der Schlucht rezitiert (darunter Nicolin Sererhards kräftige Schilderung der Mordtat eines Pfarrers) – von vielen beeindruckenden, auch historischen Aufnahmen bebildert.

Thusis (2)

viamala
Thusis erinnert an Kulissendörfer aus frühen Westernfilmen, parkende Autos erwecken unweigerlich den Eindruck zur Rast angebundener Pferde, während die Hauptstraße den großen Treck der Italienfahrer vorbei an einer Reihe Barbiere, Kolonialwarengeschäfte und Saloons transportiert. Mehrmals ist die Stadt abgebrannt, das könnten Indianer verantwortet haben oder Kollaborateure: “Das gute Thusis hatte das Unglük, vor 16 Jahren totaliter zu verbrennen und jez vor etlichen Monathen wiederum, aussert dass dies letztere Mal die Kirch und dz Pfarrhauss noch errettet werden mögen. Es gienge leider in der nacht so schnell zu, dz von so vielem Gut, aud vielen Kaufmanns-Gütern sehr wenig gerettet werden können. Gott tröste die arme Leuth. Nur Chur soll ihnen an Victualien oder Geld 2000 R. theils gegeben, theils versprochen haben, auch Igis allein, die ein nicht so gar grosse Gemeind und aber solch Unglük auch selbst erfahren hatte, hat auch R. 110 gesteuert etc. Andere werden auch pro rata das ihrige thun und werden allso die Leuth ihren Bau eylfertig fortsezen; er gehe auch, wie vernimme, glüklich von Statten. Das Unglük hat der Portenwächter Vergith erreget, durch unfürsichtige Anhänkung einer brennenden Laterne an einen Heustok” schreibt Nicolin Sererhard, dessen “Einfalte Delineation aller gemeiner dreyen Bünden” noch einige originelle Quellen vermuten läßt, Mitte des 18. Jahrhunderts. (Foto: Helena Becker)

Strudeltopf in der Via Mala-Schlucht

strudeltopf
In den Wasserwirbeln, die solche Felslöcher hervorbringen, herrschen rasante Kräfte – auch zur Ausübung derselben gezwungener Einwohner: christliche Anstandsregeln mißachtende Finanzverbrecher, welche von Gott auf einige zigtausend Jahre zu unablässigem Kreiseln und Schleifen verbannt werden, bis sie einen Geistersehensbegabten finden, der sie mittels Herunterbetens hunderter Vaterunser erlöst. (Foto: Helena Becker)

Rheinische Tierwelt (4)

feldsandlaufkäferFeldsandlaufkäfer beim Blick über eine Felskante in den Abyss der Via Mala-Schlucht: nach verlorenem Zweikampf gegen den Alpen-Bombardierkäfer ein perfekter Ort der Kontemplation: zumal der Verlust seiner im Kampfverlauf amputierten Antennen seine herkömmliche Weltwahrnehmung entleert, gleichzeitig aber, nach natürlichem Prinzip, Perspektiven auf Neues, Ungewohntes eröffnet. (Foto: Helena Becker)

Nietzsche schreibt nichts von der Via Mala

“Ich schreibe nichts von den ungeheuren Großartigkeiten der Via mala: mir ist es als ob ich die Schweiz noch gar nicht gekannt habe. Das ist meine Natur, und als wir in die Nähe des Splügen kamen, überkam mich der Wunsch, hier zu bleiben. Ich fand ein gutes Hôtel, und ein rührend einfaches Zimmerchen. Doch läuft ein Balkon an ihm vorbei, mit schönster Aussicht. Dieses hochalpine Thal (c. 5000 F.) ist ganz meine Lust: da sind reine starke Lüfte, Hügel und Felsblöcke von allen Formen, rings herum gestellt mächtige Schneeberge: aber am meisten gefallen mir die herrlichen Chausseen, in denen ich stundenweit gehe, theils nach dem Bernhardino zu, theils auf die Paßhöhe des Splügen, ohne daß ich auf den Weg Acht zu geben habe: so oft ich aber mich umsehe, ist gewiß etwas Großartiges und Ungeahntes zu sehen.”

Ein Heldenlied

Da, wo der junge Rhein erzürnt und wild
Der finstern Viamalaschlucht entschießet
Und abwärts durchs Domleschger Talgefild
In tausend Wirbeln seine Wasser gießet;

Im Schloss, das weithin in die Schlucht hinein
Den Weg nach Welschland räuberisch kann belauern,
Der letzte Zwingherr Bündens steht allein,
Geharnischt auf der Zinne seiner Mauern.

Der Bauernaufruhr schwoll zum Schloß empor,
Im Blute liegen, die es sollten schirmen,
Empörung klopft mit starker Faust ans Tor
Und rüttelt an den Mauern, an den Türmen.

Des Ritters Aug` von Berg zu Berge schweift,
Ob irgendwo noch Rettung zu erpochen;
Doch alle Burgen ringsum sind geschleift
Und alle Warten, alle Türm` gebrochen!

Mit hohlen Augen, wie aus off`nem Grab,
Grinst ihn der Tod an aus des Tales Schlunde,
Gebrochen ist des Adels Herrscherstab –
Er fühlt es tief und spricht mit stolzem Munde:

“Zum mächt`gen Riesen wuchs heran der Zwerg,
Die Ritter können ihn nicht mehr besiegen,
Die Landesherrlichkeit ist von dem Berg
Hinab zum Bauern in das Tal gestiegen.

Der Letzte bin ich und zum Tod bereit;
Allein der Feind soll meinen Leib nicht haben,
Mit ihm will ich die alte Ritterzelt,
Hinunterspringend in den Rhein, begraben!”

So sprechend, stürzt im Harnisch er beherzt
Hinunter in die Tiefe vom Castelle,
Und über seinen Leichnam spielt und scherzt
Aufschäumend im Triumpf des Stromes Welle.

(Text: Friedrich Neßler, wer immer das war; es gab in Rüppurr im frühen 19. Jahrhundert, nach dem der Text klingt, einen Pfarrer Johann Friedrich Neßler – nicht selten traten Pfarrer seinerzeit als Dichter ähnlich und sogar vertrackter geschmiedeter Verse hervor. Wir wissen nicht um Identität oder nicht dieses/dieser Neßlers, es wäre aber interessant, den Jekyll-Hyde-Effekten solch namentlicher und zeitlicher (Beinah-)Überlagerungen weiter nachzuspüren. Der feudalen Perspektive auf den Helden des Gedichts (gemeint ist Ritter Cuno von Hoch Rialt/Hohen Rätien) steht im Übrigen jene der volkstümlichen Überlieferung entgegen, in der sich die Landleute eines Tyrannen entledigten, der noch den Tod vor Augen versuchte, sein Opfer, ein geschändetes Bauernmädchen, mit in die ewigen Strudeltöpfe zu nehmen.)

Rhenus tropicus

Der Rhein sei wärmer als das Mittelmeer, befand und titelte das Kölner Boulevardblatt EXPRESS vor wenigen Tagen in seiner Printausgabe. Das nötige Kleingeld nicht zur Hand, ließen wir die Sensationsnachricht im Sichtrahmen ihres roten Straßenkastens weitertiteln, wohl ahnend, daß im zugehörigen Artikel über Meßstellen und -methoden nicht allzu präzise Angaben zu finden sein würden. Doch eine schnelle Internetrecherche entzog unserer Ahnung einige Quadratzentimeter Bodens. Die messenden Expressreporter legitimierten ihre Angaben mit einer „30 Meter vom Ufer entfernten Meßstelle „in der fließenden Welle“ – wie vom Umwelt-Landesamt empfohlen“: 26,5°C bei Rodenkirchen, im Gegensatz zu mallorquinischen, allerdings nicht selbst gemessenen (vielleicht jedoch selbst manipulierten?) Meerestemperaturen von lediglich 23°C bis 26°C. Falls die Reporter den hauseigenen Wettermeldungen (die immer eine Spur optimistischer ausfallen, als jene des vom selben Verlagshaus verantworteten, „seriöseren“ Kölner Stadt-Anzeigers) getraut haben mögen (ohne sie zuvor zu manipulieren) und falls bei den Messungen alles mit rechten Dingen zugegangen sein sollte, schoß uns durch den Schädel bis ins detaillierte Kraut, dürften künftige Schlagzeilen wohl tropisch-exotischen Neozoenwelten im Rhein und seinen Nebenflüssen gelten, aus denen ja nicht selten schon Piranhas gezogen wurden.

Das Hörspiel jetzt hier verfügbar

Das erste Rheinsein-Hörspiel, genauer gesagt ein Stück “Literatur als Radiokunst”, welches in gebotener Kürze (gegeben waren ein leicht überschrittener Rahmen von 15 Minuten und drei Produktionstage) einige Aspekte des Alpenrheins literakustifiziert, ist nach der Ausstrahlung auf Ö1 nun hier, und zwar in der neuen Rubrik  ”Hörspiel” in der schwarzen Menueleiste am oberen Seitenrand, dauerhaft verfügbar.

Kleiner Rheingeist

kleiner-rheingeist

julirhein

der flusz aendert so sehr seine farben als
wollt er sich selbst nicht mehr wahrhaben

sein sosein scheint den rhein zu verdrieszen
als muesse er doppelt & dreifach verflieszen

der strom aendert so sehr form & gestalt als
stuend er sich selbst bis weit ueber den hals


Badebuchten

An heißen Sommersonntagen kommt in den Rodenkirchener Buchten ein Volk zusammen, das sich leicht ganz ähnlich zur Okkupationszeit durch Rom vorstellen ließe: Internationalität mit vorwiegend südsüdosteuropäischem Einschlag und Tonfall, doch auch Westafrikaenglisch, britannisiert und nachfolgend us-amerikanisiert manifestiert sich da im Strandsand, in Person etwa eines Hobbyprivatdozenten, der über die vier heißesten Mittagsstunden ununterbrochen über internationale staatliche Toleranzschwellen gegenüber Homosexualität, Oprah, öffentliche Kühlräume für Senioren ohne eigene Klimaanlage etc pp, vor allem aber die Großartigkeit der Vereinigten Staaten, ablabert, als sei dies ein asiatischer Hippiestrand und eben nicht Rodenkirchen, um schließlich anhand von Safttüten (nicht etwa von Tütensaft) amerikanisch-simpel das internationale Denken in verschiedenen fixen Größenmaßstäben zusammenzufassen, dabei nur das Klischee vom überselbstbewußt dauerparlierenden, dabei völlig nichtssagenden Ami zu verfestigen, während die Natur so einige Wölkchen an den Himmel getupft hat, um welche sie nun die Luftzüge herumzuleiten scheint. Die Wölkchen jedenfalls stehen reglos wie Wölkchen nur reglos stehen können. Der Autor dieser Zeilen beobachtet das Geschehen indessen von innerhalb einer der berühmten Rodenkirchener Badebuchten. Die Hände in den Sand gekrallt, ansonsten in der Horizontalen, den Blick direkt über die bisweilen von vorüberziehenden Frachtern leicht wogende Wasseroberfläche, vermeint er sich in die Lage eines Schlammpeitzgers oder ähnlichen Bodenfisches zu versetzen, eines solchen, der, den Körper unter der Wasserhaut getarnt, die Augen darüber offen hält, ein für Fische vergleichsweise kosmisches Bewußtsein zu erlangen. Das limitierte Imitieren immerhin führt zu einströmender Weite, Sensualität und schwer dimensionierbaren Gedanken und falls erwähnte Fische tatsächlich ebenso denken sollten, täte kultische Verehrung ihnen recht. Aus dem Hinterkopf dringen hektische Liedzeilen “wir ham als Kinder im Rhein gebadet / das hat uns sicher nicht geschadet” von Family 5. Ein Tretboot mit zwei Insassen unter Schweizer Flagge dimmt dazu in Ufernähe von Süd nach Nord, fadet weg unterm Domdunst wie eine kleine nichtige Halluzination. Glitzernde blitzende Blattwelt der Uferweiden. Schwebender Pappelschnee. Unter der Wasserhaut in Schlieren sich verbergende, verlierende Tiere: schlangenartiges, egliges; insektöses irrschwirrt, sich tiefspiegelnd, drüber hinweg, verliert unter Wasser seine Schatten, vermehrt sich auf solche Art. Seit Stunden plantscht ein blonder Kindergartenknabe im Flachwasser, läßt Steine hüpfen, vergißt sich selbst. Seit Stunden auch zieht ein gigantischer schwarzer Frachter von Nord nach Süd durchs Bild, sein Name: Anaconda.

(Ein Gastbeitrag von Sven Löffler. Rheinsein dankt!)

Tretbootfahrt auf dem Rhein

Es gibt eine vermutliche, taufrische Pioniertat auf dem Rhein zu vermelden, die Rheinische Post hats heut zumindest in einem Kurzbericht getan, ohne den vermeintlichen Pioniercharakter gesondert hervorzuheben: die Basler Ricardo Schällibaum und Roman Eugster seien mit ihrem schweizerkreuzbeflaggten Tretboot Marke “Retro Pedalo” in zehn Tagen von Basel bis Emmerich gefahren, um das Gefährt dort seinen neuen Besitzern auszuhändigen. Rheinsein, selbst tretbooterfahren, wenngleich auf eher weniger bis garnicht strömenden Gewässern wie dem Boden- oder dem Mummelsee, mag diese in die Plötzlichkeit der Post-WM-Leere platzende Nachricht ob der ungeheuren Strömungsgefahren für die Wasserpedaleure kaum glauben, und dankt Costa “Quanta” Costa für die Übermittlung solch sommerlochstopfender Nachricht.

Ad Küha uf Sassförkle

o Kühe, rehäugige, taumelkrauthighe, euterpralle
dem Himmel so nah! dem Himmel einschwebende:
Angela, Afra, Anja, Rosi, Streusel! s wuseln Molche
in euren feuchten Hufabdrücken, die ihr hinterließt

dieweil ihr entschwebt, Molche & Alpensalamander
zu Füßen eures eleganten Tritts: der Almrausch
rostrot! euer Glocken! den himmelblauen Himmel
zu rocken, Blick auf Fleischberge, die ihr hinterließt

ein großes Reich im Kleinen. im Großen. noch seid
ihr geerdet, herdet in enzianischem Blaulicht, stellt
euch für Fotos in Posen; seid so verdammt boden-

ständig, daß mans garnicht glauben kann. s rocken
nur die Engel droben, Kühe, scheckige, merkts euch
mit euren Rehaugen merkt euch auch das Wort Metzger

Rheinische Tierwelt (3)

fleckenmunk
Von der Alp Gafadura auf etwa 1400 Metern Höhe lassen sich herrliche Rheinblicke tätigen. Doch sind die Berge nicht jedermanns Sache. Gefahr droht u.a. vom Fleckenmunk (bei den Einheimischen auch: Teufelsmunk), dessen geruchsmarkiertes Territorium der auswärtige Wanderer besser meiden sollte. Der kompakte Räuber mit der aggressiven Fellzeichnung ist berüchtigt für seine cholerischen Attacken, die glücklicherweise selten über Wadenhöhe hinausreichen. Bei zureichend Abstand läßt sich das Tier, leicht grantelnd zwar, sogar fotografieren, denn auch der Fleckenmunk zieht, zumindest an sein Wesen milde stimmenden Sonnentagen, den erhebenden Blick übers Rheintal den ihn selber auf Dauer ennuyierenden Ausfällen gegenüber Touristen vor - während er mit den Einheimischen, mit denen er jasst, nonverbal gleichsam per Du steht.