Monatsarchiv für Juni 2010

 
 

Rheinbrückensonett

Sein Sonett zur Raiffeisenbrücke zwischen Neuwied und Weißenthurm schickt Dirk Schindelbeck, über dessen besuchenswerten Weblog – der zwischen docere et delectare zu interessanteren Themen (wie etwa: Entwicklung der Konsumgesellschaft, Bankraub, DDR, Fußball, Wahrnehmungs-, Kommunikations- und Erkenntnistheorie etc) unserer stets mitten im fatalsten Selbstentwindungsprozeß sich nachhaschenden, überblendenden, bilokalisierenden Gegenwart herumamalgamiert – sich zum Profanitätsabgleich auch ein gemeinverfügbares Foto der besungenen Brücke laden läßt. Rheinsein dankt ganz herzlich!

Rheinbrücke bei Neuwied

Die Brücke: definiert die Landschaft: kühn:
mag auch der Strom – der alte Trunkenbold -
murmelnd und wie vor Zeiten weiterziehn:
Wo Güterfernverkehr querüber rollt:

herrscht: schwerer Diesel Minimalmusik:
schwingt: Brückentrasse: unter Vierzigtonnern:
wenn Schattenschatten auf das Wasser donnern:
so lernt: der alte Strom: das neue Stück.

Kommt Sommer: strahlt: der neue Tag ein Held:
pflanzt blendend schön sein Licht auf den Pylon:
spielt: lange noch: im Brücken-Bogenfeld.

Und schlägt der Blitz ein: in den Stahl: das Band
der Trossen: jubiliert die Konstruktion:
kreischt auf die Riesenharfe überm Land.

Rheinische Tierwelt (2)

Innert einer Woche zweimal die Kunde von „regnenden Weidenbäumen“, einem mir bis dato unbekannten Fänomen: aus den oberrheinischen Auen in Form eines Augenzeugenberichts sowie aus dem Riet bei Nendeln in Gerüchtform (ein entsprechender Annäherungsversuch meiner Informantin in Nendeln fand sein frühes jähes Ende im dortigen Morast). Fehlt die Erstwelt-Erfahrung, schafft die Zweitwelt Ersatz:

„Der Schaumwurm (Gäschtwurm): besonders häufig auf Weidenbäumen, denen die Larve im Frühjahr den Saft aussaugt, und ihn in Gestalt eines Schaums (des so genannten Kuckucksspeichels), unter welchem sie oft versteckt ist, wieder von sich gibt. Daher auch die Sage von regnenden Weiden.“ (Zitiert nach: Johann Friedrich Blumenbach – Handbuch der Naturgeschichte 1821)

Obige Stelle findet sich ganz ähnlich bei Friedrich Philipp Wilmsen in seinem „Handbuch der Naturgeschichte für die Jugend und ihre Lehrer“, ebenfalls aus dem Jahr 1821, dort jedoch wechselt der sagenhafte Wurm in die moderne Nomenklatur: „(…) Ferner die Schaumzikade, welche auf Gräsern, und besonders auf Weiden, den Saft einzieht, und ihn als Schaum wieder von sich giebt; er wird Kukuksspeichel genannt, und hat, da er bisweilen in Tropfen herunterfällt, Gelegenheit zu der Sage von regnenden Weiden gegeben.“

Auf Wikipedia klingt dies heute, im Artikel über Schaumzikaden, wie folgt: „Neben der kennzeichnenden Eigenschaft der Schaumnester, in denen sich die Larven der Schaumzikaden entwickeln, gibt es eine Reihe weiterer Besonderheiten in dieser Tiergruppe. Manchmal treten die durch die Larven der Bunten und der Braunen Weidenschaumzikade (Aphrophora pectoralis, A. salicina) erzeugten Schaumflocken in Weiden (Salix) so groß und zahlreich auf, dass Flüssigkeit aus ihnen heraustropft und es aus dem Baum gewissermaßen regnet. Landläufig spricht man dann von „tränenden Weiden“.“

Randnotiz (3)

Vor gut einem Jahr ist Rheinsein, dank großartiger Unterstützung aus dem litblogs.net-Umfeld, aus Googlelanden auf die jetzige .de-Domain umgezogen. Die alte blogspot-Adresse lief bisher nebenbei weiter, gestern habe ich sie vom Netz genommen. Obwohl dort seit einem Jahr nichts mehr passierte, fand die Seite weiterhin ein zwei Handvoll Besucher pro Tag. Mag es an Google liegen: die Besucher der alten, nun abgeschalteten Seite interessierten sich vornehmlich für Tierartikel, die (wie alle anderen alten Einträge auch hier erhältliche) Liste mit Rheinfischen wurde an die 2000 Mal angesteuert, die Artikel über Moby Dick, den Beluga im Rhein und den Ochsenfrosch, das Monster vom Oberrhein erreichten ebenfalls die Besucher-Top Ten, in denen auf der aktuellen Seite Textstellen von/über James Fenimore Cooper, Martin von Tours und Hanns Martin Schleyer stehen.

Le Rhin est une personnalité

le-rhin-est-une-personnalit(Videostill: Roland Bergère)

Le Rhin est un dialogue

le-rhin-est-un-dialogue(Videostill: Roland Bergère)

Der Rhein bei Maupassant

“Elle arrivait au rendez-vous habituel vêtue d’une robe de toile, la tête couverte d’un bonnet de soubrette, de soubrette de vaudeville; et, malgré la simplicité élégante et cherchée de la toilette, elle gardait ses bagues, ses bracelets et ses boucles d’oreilles en brillants, en donnant cette raison, quand il la suppliait de les ôter : «Bah! on croira que ce sont des cailloux du Rhin.»” (aus: Bel-Ami, für Rheinsein aufgespürt von Roland Bergère – eingefärbte Rheinkiesel dienten seinerzeit in Frankreich offenbar als Modeschmuck)

Japanische Rheinbetrachtungen (2)

Im Zuge der Recherchen nach japanischen Rheinsichtweisen: bisher nix als spiegelverkehrte Nebenzweige:

1) Der japanische Rhein: immerhin, die Japaner haben ihren eigenen: den Kiso-Fluß, auch als Nihon Rhine bekannt, aufgrund vorgeblicher Ähnlichkeiten mit dem Bezugsfluß wie etwa „wilder Schönheit“. Die gängigen europäischen Wikipedien zumindest klären dies in knappen Artikeln auf, der japanische Artikel ist da schon deutlich umfangreicher und zeigt einige Bilder, die tatsächlich weitreichende Rheinähnlichkeiten belegen.

2) Maschineller Tourismus: „Annäherung an die Loreley, der Lautsprecher des Bootes begann sein Lied, und alle verteilt, die Japaner. Einmal das berühmte Lied summte, schwankend von rechts nach links traurig. Und dann sind wir aufgewacht, etwas auf dem berühmten Felsen der 132 Meter zu sehen. Doch all diese Tricks sind nutzlos. Auf den Felsen gibt es nichts zu sehen. Die Touristen sind enttäuscht. Jedes Mal, wenn. Aber, was ist die Loreley?“

3) Maschineller Tourismus, weitere Quelle: „Wir bestiegen ein Boot Ruddesheim, an den Ufern des Rheins. Wir zogen nach freien Stellen suchen. Viele japanische Touristen, meist bewaffnet mit ihren Kameras, Kamera, Adressbuch, Kugelschreiber und so. Diese charmanten sprechenden Touristen kommen direkt aus Japan. Wer verrückt ist, glauben wir, dass diese Liebe erwidert wird. Vroom, Vroom! Das Boot beginnt! Beobachten Sie Ihre Kameras. Wie Sie die Berge sehen können auf die Bilder sind meist in Burgen und Weinbergen. Vor Ort gab es eine gute Atmosphäre, Sonne und Wind. Wir passierten den Felsen der Loreley, dann lesen wir das berühmte Gedicht von Heine in deutscher Sprache. Es war eine schöne Kreuzfahrt und wir lachten.“

Bedingt fortsetzungsfähig. Hallo Japaner! Schickt mir doch bitte Eure Rheineindrücke aus erster Hand!

Literatur als Radiokunst: Am Alpenrhein (2)

Am 06. Juni ist es soweit: das ORF-Kunstradio strahlt auf Ö1 ab 23.03 Uhr das erste auf Rheinsein basierende Hörspiel aus, gemeinsam mit einer Produktion der Wiener Zeichnerin elffriede. Interessierte, die den ORF nicht per Antenne empfangen können oder wollen, klicken auf den: Livestream.

Was zu erwarten steht: sicherlich der charismatische Pfiff des Alpenmurmels; recht eklektische Beschreibungen spezifischer Bergnahrung, paradiesischer Urlandschaften und ihrer modernen Bewohner, mit nützlichen lexikalischen Links unterfüttert, in teils äußerst seltenen Sprachen, von denen es mindestens eine nicht einmal mehr gibt; (bearbeitete) lokale Anekdoten aus Büchlis mythologischer Volkskunde; den Schrei des Murdlers und Maschinenjodeln. Auf diese Weise wird der wilde alte Hinterrhein in diesem Stück „Literatur als Radiokunst“, für das, außer dem Murmelpfiff, sämtliche Stimmen und Geräusche aus meinem körpereignenen Repertoire stammen, zum mehrschichtigen Interrhein zwischen Tälern, Flußläufen, Dörfern, Zeiten. Bereist nicht zuletzt von Superhiroshi natürlich, dem berühmten japanischen Avantgardetouristen, hier zu hören im freudigen Gespräch mit einer Alexanderklugepuppe.

Mein Dank für die Ermöglichung  dieses Hörspiels geht an die Kulturförderung Graubünden und Kuratorin Christiane Zintzen, für die Umsetzung an Tonmeister Martin Leitner.

In den Rheinauen (4)

rheinauen_faltbootTypische Szene für die Rheinauen (hier weiterhin Daxlander Altrheinschleife): im Ufergestrüpp/Unterholz dümpelnder Fischernachen (Weidling). Erinnerungen an Tom Sawyer, Huckleberry Finn und den Mississippi. (Foto: Stefan Mittler)

In den Rheinauen (3)

rheinauen_faltboot2Als wärs ne Vorlage fürs Genre düsterromantisch verstandener Fantasymalerei: Wasserlandschaft der Daxlander Altrheinschleife. (Foto: Stefan Mittler)