Rheinisches Sinnbild

Vor etwa vierzig Jahren machte ich meine erste, alleinige Reise; ich fuhr den Rhein herauf. Vorher war mir gesagt worden, ich müßte mich an die richtige Seite des Abteils setzen, sonst bekäme ich nichts von dem schönen Rhein und den Bergen und Burgen zu sehen. Ich erkundigte mich genau nach allem, setzte mich auf den richtigen Platz und freute mich, bei dem wolkenlosen, blauen Himmel, auf die schöne Aussicht. Aber eins hatte ich übersehen: mein Wagen war einer der ersten hinter der Lokomotive. Kaum hatte sie gepfiffen, da entwickelte sie einen schauderhaften Dampf und Rauch, der immer an meinem Fenster vorüber zog. Trotz blauen Himmels, trotz des richtigen Platzes sah ich von Köln bis Koblenz nichts. Für mich war alles in schmutzigen Rauch und Nebel gehüllt.
Das erscheint mir ein Sinnbild. Im deutschen Volke, in all seinen Ständen gibt es noch Millionen, die wollen mit allen Kräften danach streben, sich wenigstens äußerlich, aber auch innerlich sittenrein durchs Leben zu schlagen. Aber es gibt auch Menschen, die verbreiten durch Zoten und Unanständigkeiten einen schmutzigen Dunstkreis um sich herum und wer in ihn hinein gerät, der kann schließlich glauben: „Die ganze Welt ist so!“ Aber in Wirklichkeit ist sie nicht so! Du bist nur so wie ich damals in Köln an einen ungünstigen Platz geraten, und wenn du ihn, so wie ich in Koblenz, erst glücklich wieder verlassen hast, dann liegt die Welt doch wieder in reinem, schönen Sonnenlichte da.

(aus: C. R. Vietor – Du, deine Braut und deine Frau!, Barmen, ohne Jahresangabe)


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