Monatsarchiv für Mai 2010

 
 

Rhein, Düssel, Wahn und Tod: die Persilfrau?

Äußerst rheinbasiert geht es zu in Bernhard Mollers „Historicvm Pro Illvstrissimi Principis“ (Ac Domini, D. Ioannis Guilhelmi Iuliae, Cliuiae Montiumq. Ducis, Marchiae et Rauensburgi Comitis, Domini in Rauenstein, etc. nec non Illvstrissimae Principis Ac Dominae, D. Iacobae Marchionissae Badensis, Comitissae Spanheimen: etc. Ad XVI. mensis Iunii Anno 1585. celebratis nuptiis), seinerzeit verlegt zu Dußeldorpiij – das von der Bayerischen Staatsbiliothek lobenswerterweise digitalisiert und für wissenschaftliche Zwecke zum pdf-Download bereitgestellt wurde. Eine Übertragung ins Deutsche konnte ich bisher nicht finden, der Text deutet, soweit überflogen, auf ein bisher weitgehend übersehenes Zeugnis der Rheinliteratur mit folgendem Beginn:

Rhene Gothardino descendens vertice prodi:
En iterum nostro placidus succure labori.
Tu quoq. Cambyses, Tragico iam carmine plenus,
Nec tamen ad finem laetus ponare seorsim:
Post paucos repetende dies. Non praelia dicam,
Quae contra Dominos populosa rebellio mouit,
Vel Dominos inter disceßio legibus vrsit.
Secretae ferro redeant ad foedera gentes.
Pax animos religet: pax arma releget ad Indos,
Ad Turcas, dederant nondum qui nomina Christo.
(…)

Ein literarischer Kavalierstart in prämotorisierten Zeiten, möchte ich meinen. Nun ja. Räume und Zeiten durchwirken sich, und nehmen sich somit auch vorweg. Götter haben mit ihren Zehennägeln Flußrinnen in die, auf ihren langen Reisen durchs Universum als Jausenstation vorgefundene, Erde geritzt, dann nachlässig ihre Spuren verwischt, ohnehin diesen genuinen Geruch von Göttlichkeit hinterlassen, der sich eben nicht so schnell verzieht. Genauso, wie sie sich vorwegnehmen, schleichen Betrachtensweisen, Methoden und Maßnahmen aber auch sich selbst hinterher, jeder Gewinn an Geschwindigkeit etwa fordert einen Ausgleichsverlust an Wahrnehmungskapazität. Moller langt mit seinem frühgewonnenem, jugendlich frisch durch Geografie und Weltgeschichte katapultierenden Alpenschwung bereits auf Seite 3 bei des Rheines Vermählung mit der Düssel an und somit in der Gegend seines bewidmeten Fürstenpaares (Jahre bevor Jakobe im Düsseldorfer Schloßturm mysteriös ums Leben kam und Jahrhunderte später womöglich als Vorbild für die weiße Persilfrau diente):

(…) subito Rheni subit arua volatu
Pone Diana subit paucis comitata puellis:
Venatu ripas Rheni vestigat vtrasq.
Foecundas Lucina faceis, ceu pronuba gestat
Quid? solito citius se dedunt flumina Rheno?
Miror, qua gelidus se Rheno Dussela nubit,
Dat nitidum castro nomen quoq. Principis vrbi,
Siue latus Rheni dextrum, seu specto sinistrum:
Mista venit Sigenis Agro: venit Eruetis orbe
Nata peregrino: iunctis venit edita syluis
Duna: venit reliquis neq. Dussela tardior vndis.
Omnia concurrunt glomerato flumina nexu;
Nexu circumeunt venerabilis oscula Rheni.
(…)

Rheinmantra

Strommanipadmehumbatätärä

Klön am Rhien

In halbbewußtem Zustand, irgendeinem hämmernden, amselnden Morgen mit weicher Mailuft und dem üblichen Gutte Moorge-Gegröhle des italienischen Nachbarn geschuldet, scheinen mir die Bewohner der in sich zentralen Stadt Klön am Rhien, von schräg oben betrachtet auf. Mehr als das: sie entbreiten im Schnelldurchlauf kenarvelistisch aufgemachte Highlights ihrer garmenisch-mörischen Historie, immer wieder auch die Bombardierung der Stadt, gewiß völkerten zuvor einst gar die Klönten auf diesem Terrain, doch das mörisch-kothalische Wissen fußt bewußt auf sich selbst. Und diesem Wissen sind die Klöner zutiefst verschuldet. Ohne daß ich es will, zoomt mein Blick auf, dann sogar: mitten durch das sich leicht verzögert wie in Computerspielen öffnende Portal einer der zahlreichen, auch international dem Weltkulturerbe zugeschlagenen Klöner Kathedralen, in welcher einige Bürger, erkennbar an mörischen Stirnen, wuchtigen Oberlippenbärten und verschwommener Fysiognomie in Wirtshaustischmanier die Geschichte um einen der zentralen Wissenssätze ihres Selbstbestätigungskodex beschwören: daß nämlich eher ein Kemal durch ein Nadelöhr schreite, als daß einem Klöner, der, aufgrund der üblichen Betupperei deutlich mehr als andere Klöner besitze, die Himmelspforte geöffnet werde. Ein Schwenk, gegen den sich wiederum nicht wehren läßt: in Tanzderteufelkameramanier in den als Teesalon getarnten Versammlungsort der Kemalisten, im Hintergrund irgendwelche verblaßten Fußballposter, die Kemalisten sehen aus wie alle andern Klöner auch, nur wirken ihre Schnauzbärte etwas schwärzer (das mag aber täuschen im dürftigen Hinterzimmerlicht). Es läuft eine Präsentationsveranstaltung der kemalistischen Nanotechnobiologen, sie haben ein molekulares Kemal kreiert, das sie auf dem wirtshausähnlichen Teesalontisch nun, durch Mikroskope beobachtet, gleich herdenweise durch verschieden weite Nadelöhre treiben. Das Experiment gelingt restlos, kernavelistische Allah-Rufe ertönen, dringen hinaus in die Stadt, die in den Jubel mit einfällt: ein zentraler Klöner Wissenssatz ist widerlegt, somit erweitert, somit bestätigt und geht zwangsläufig einher mit einer Steigerung des allgemeinen Wohlstands in materiellem wie spirituellen Sinne: eine ungeheure Vision, fällt mir beim vollständigen Erwachen auf, die ich nun erstmal zu deuten habe.

Daniel Papebroch

in einem Reisebericht von ca 1600 n. Chr. über die günstigen Übernachtungspreise inkl reichhaltiger Flußkrebsmahlzeit in Ingelheim:

„hospitium ibi nacti sumus honestißimum in eoque cubiculum amplum tribus lecticis et secessu instructum: coena more Belgico apparata, in qua et cancri fluuiales bono numero appositi vna cum reliquo hospitii pretio, non nisi tribus copitellis stetit: id est florino vno et dimido monetae Belgicae“

und über das schlafraubende Geschnarche des Paters Gamans in Johannisberg:

„pro lecto stramen fuit aliunde quaesitum; in quo ne somnem capere liceret fatigatis fecerunt horrendi ronchi Patris Gamans tota nocte continuati“

(zitiert nach Udo Kindermann in: Xenja von Ertzdorff, Dieter Neukirch, Rudolf Schulz (Hrsg.): Reisen und Reiseliteratur im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit, Amsterdam/Atlanta 2003)

Zwischenbilanz (2)

„Der Rhein ist eine Mauer“, schreibt Matthias Kehle in seinem Lyrikblog und meint damit im Speziellen die literarischen Beziehungen zwischen Karlsruhe und Edenkoben, sicher etwas zu exemplarisch hochgerechnet auf die Kulturräume Badens und der Pfalz. Dennoch fällt auf, daß die einzelnen Rheinregionen eher auf kulturelle Eigenständigkeit und Abgrenzung bedacht sind (Ausnahmen bestätigen die Regel), als den gemeinsamen Strom auch zum gemeinsamen Nenner zu nehmen. Das zieht sich durch Kantone, Bundesländer, Départements und vermutlich auch niederländische Provinzen, da und dort, wohl proportional zur Breite des Betts und zur Enge des Tals, finden sinnige Schulterschlüsse mit den Bewohnern des direkt gegenüberliegenden Ufers statt, im Allgemeinen aber herrscht Nabelschau, auch im Repräsentativen, wo es nicht unangebracht ist, und so nimmt es mich immer weniger Wunder, daß dieses vorwiegend zwar in deutscher Sprache, aber in alle Richtungen durchlässig geführte Blog mittlerweile wohl, auch wenn dies anfangs garnicht beabsichtigt war, und trotz aller Lücken eines auf Notizencharakter angelegten Arbeitsjournals sowie einer recht chaotischen Linienführung, die umfassendste zusammenhängende Sammlung kultureller Zeugnisse zum Thema Rhein im Internet vorstellt. So frage ich mich nun allmählich auch nach den Interessen meiner Leser, denn es sind, entgegen aller Erwartungen, vor allem im Laufe der vergangenen zwölf Monate, etliche geworden. Ich frage mich weiter, ob es Sinn machte, die Kulturgeschichte des Rheins im Internet zu musealisieren, nach und nach auf Basis des hier Vorhandenen Lücken zu schließen, die Sache überregional/international zu institutionalisieren, eine virtuelle Rheinbibliothek zu schaffen sozusagen. Meine Archive sind voller Texte, die ein Privatmann garnicht ohne weiteres ins Netz stellen darf. Und in virtuellen wie realen Weiten weiß ich um auszuhebendes Material für mehrere Jahre.
Dann wundere ich mich, daß klassische Produktionen, Derivate aus den hier angefallenen Texten wie das Rheinsein-Kartonbuch oder das erste, die alpenrheinischen Ursprünge behandelnde Rheinsein-Hörspiel in rheinfernen Metropolen wie Berlin und Wien stattfinden, und wundere mich auch wieder nicht, weil von dort, mit passendem Abstand, der hier gepflegte Blick aufs Ganze vielleicht verständlicher erscheint. Der Rhein könnte tatsächlich zur Mauer werden, die es einzurennen gilt, sobald mir die Mittel ausgehen (was derzeit deutlichst droht), um ihn weiter zu erforschen und, auch mithilfe all der Kollegen, die es seit Jahrhunderten in modischen Anwandlungen wie über alle Moden hinweg taten und tun, zu beschreiben. Davon werde ich nicht loslassen, solang der Fluß mich nur läßt.

Mairhein

Saisonal paßgenau schickt Ron Winkler einige umrheinte Zeilen aus Herman Gorters Langgedicht Mei, Mai zu deutsch, in windschwankender Übersetzung von Max Koblinsky – eine Publikation von 1909:

(…) Das Gras wogte wie Frauenhaar, den Wind
Begann der Wald zu wiegen, wie ein Kind,
Das klagend schlafen ging, und aufgewacht,
Geschlossen noch die Augen, weiter klagt:
Säuseln und Blätterwinken machte ihn
Bald wieder froh. Und Wolken von Karmin
Trieben wie Seegras hin und her, es waren
Bewegliche Halbinseln an dem klaren
Besonnten Horizont. Die Erde lag
Und dunstete: gleich einem Glutenbach,
Aus dessen offnem Munde kam geflossen
Wollust, gelblicher Dampf, doch reichlich gossen
Kühlung die Stromvasen: Donau und Rhein,
Vergiessen Wasser so und kühlen Wein.
Und Wind kam, an der Erde Antlitz wehend.
Die Wälder bebten, auf den Bergen stehend;
Der müde Staub von Porphyr und Granit
Verflog, des Bergbachs goldner Schaum flog mit,
Doch fühlten ihn in jedem grünen Tal
Weder die Blume, noch des Baches Fall.

So ward die Luft von Windrumoren voll,
Und Stimmgekos` aus Vogelkehlen scholl
Wie Bachflut mit, aus ihren Höhlengründen
Sprangen wie Tiere Flüsse; aus den Schlünden
Und Lungen brummend. Doch der Sonnenschein
Füllt` Mai den Blick, der macht die Ohren klein.
Ihr Auge wurde grösser, eine Glut
Entflammte Wang` und Hals, das rote Blut
Rauschte, sie hört` es kaum. Es kam der Wind
Auf sie gleich einem Liebesboten, lind
Wehend, mit Salben und Riechwasserduft.
Sie atmete den Weihrauch der Luft
Und liess ihn doch vorbei. Es fingen dann
Gedanken um ihr Haupt zu schwärmen an
Wie Bienen, einer dicht dem andren nach,
So dass sie nicht verstand, was einer sprach.
Die Ohren summten ihr, es kam ihr vor,
Als ständen leis sprechend vor ihrem Ohr
Viel Lippen, und als steigert`, süss und schwer,
Jedes der Worte ihr Erröten mehr.
Und`s war, als ob die süssen Worte in
Sie führen und in Reih` doch ohne Sinn
Wie Schiffchen umtrieben auf ihrem Blut,
Den ganzen Körper durch, in Ueberflut
Von Herzwärme. Sie fühlt nicht, ob sie her
Von aussen kamen wie ein Bach ans Meer
Strömt, oder ob sie einen Bronn aussprühte
Aus sich selbst in die Sonne. Doch es glühte
Alles vor ihren Augen, und in Grelle
Funkelte es springend, wie eine Schelle (…)

Literatur als Radiokunst: Am Alpenrhein

Auf ihrem auch sonst sehr empfehlenswerten Blog in|ad|ae|qu|at (mit u.a. ausführlichen Rundschauen zur österreichischen Literaturszene plus kommentiertem Klangapparat) schreibt Kuratorin Christiane Zintzen heute von ihren Eindrücken bei der Produktion des ersten Rheinsein-Hörspiels in den heiligen Hallen des ORF. Der Text wird von einigen Bildlein flankiert: Studioatmosfäre. Desweiteren findet sich ein Link zum Livestream der Ausstrahlung.

Japanische Rheinbetrachtungen

Gelungen oder mißraten – Versuche, den eigenen Blickwinkel auf den Rhein ein wenig zu exotisieren, heute: indem japanische Betrachtensweisen zum deutschen Strom im Internet aufgespürt werden sollten, führen, vermutlich nicht zuletzt aufgrund der Sprachbarriere, zwar zu einigen Ergebnissen, die aber kaum zu befriedigen wissen, da sie a) garnicht von Japanern, sondern meist von urdeutschen Menschenexemplaren stammen und b) bestenfalls in der hierzuland seit Jahrzehnten als hochoriginell verbuchten Ansicht kulminieren, japanische Touristen, die ja alles und jedes nur durch die Displays ihrer Foto- und Filmkameras betrachteten, würden sich dann eben zuhause (auf welche Weise auch immer, wahrscheinlich die typisch japanische) mit den gefilmten Burgen, Weinbergen, Loreleyfelsen auseinandersetzen. So läßt sich quantitativ viel und dabei doch Hochredundantes über den japanischen Rheintouristen und die sexuellen Neigungen seiner Frau an sich – aus sicher berufenem (berufsverbotsfernem) Munde – erfahren. Dann doch noch tiefgründigeres: eine namentlich nicht gekennzeichnete, beeindruckend ausführliche, stellenweise poetisierte Rede über den Rhein in der Literatur wie sie haufenweise gestapelt mein Arbeitszimmer bewächst. Diese Rede, eine sehr ordentliche, passenderweise gehalten vor einer Ordensgesellschaft (allein die Vorstellung: da hocken noch Ritter mitten unter uns!), liefert von Ichweißesnicht über Nurichweißbescheid via Früherwarallesbesser bis Esmußwaspassieren ein reiches Spektrum purdeutscher Anschauungsweisen, die mir plötzlich selbst ganz exotisch vorkommen. Die Vorstellung auch einer Gesellschaftsschicht, die unsere besten Dichter erst respektiert (wenn überhaupt), nachdem sie ihnen weidlich beim Dahindarben oder Wahnsinnigwerden zugeschaut hat, bis sie dermaßen tot vorliegen, daß sies Maul beim besten Willen nicht mehr aufbekommen: selbstexotisierend! Am vorläufigen Ende der Suche dann noch der Loreley-Song von George und Ira Gershwin, interpretiert von Miku Hatsune, reichlich versöhnlicher Abschluß des heutigen Rechercheleerlaufs, der in leichtgewichtigen Gedanken zu einem fiktiven Volk synthetischer, zum Leben erweckter Gartenzwerge mündet.

Der Rhein bei Strabon

Bei Strabon finden sich mehrere Stellen über den Rhein, der „parallel zu den Pyrenäen“ verläuft, eine weiträumige Denkweise aus der Zeit um die  christlichen Nullerjahre. Unter der Überschrift „Lugdunum et les peuples du Rhin“, finden sich, für Rheinsein von Roland Bergère aufgespürt, u.a. folgende Zeilen:

“… pour le Rhin, il forme également dans son cours, et de vastes marais, et un grand lac qui marque la limite extrême des possessions des Rhoetiens et des Vindoliciens, peuples établis en partie dans les Alpes, en partie au-dessus des Alpes. Asinius affirme que la longueur du cours du Rhin est de 6000 stades; cependant il n’en est rien. Mettons en effet que ce fleuve puisse avoir en ligne droite un peu plus de la moitié de cette longueur; assurément ce sera assez d’ajouter mille stades pour les sinuosités qu’il décrit. On sait quelle est sa rapidité, bien qu’il coule dès sa sortie des montagnes dans des plaines presque sans pente, et combien il est difficile à cause de cette rapidité même d’y établir des ponts; or, je le demande, se pourrait-il qu’il conservât cette rapidité et cette force de courant, si, avec le peu de pente qu’il a, nous lui faisions décrire encore une infinité de longs détours? Asinius veut aussi que le Rhin n’ait que deux bouches, et il taxe d’ignorance ceux qui lui en prêtent davantage. Comme le Rhin, le Sequanas embrasse une certaine étendue de pays dans ses sinuosités, mais il s’en faut bien aussi que ces sinuosités aient le développement qu’on a dit. Les deux fleuves coulent du sud au nord et débouchent l’un et l’autre en face de la Bretagne, le Rhin assez près pour que de son embouchure on aperçoive distinctement le cap Cantium, extrémité orientale de l’île, le Sequanas un peu moins près : aussi est-ce dans le voisinage de l’embouchure du Rhin que le divin César établit le rendez-vous de sa flotte, quand il fut pour passer en Bretagne.“

Eine frühe Rheinlängendebatte also, bei der Strabons Kontrahent Asinius der Wahrheit näher gekommen sein dürfte. Dazu die üblichen historisch-geografischen Verschiebungen, welche bekannt wie unbekannt erscheinende Landschaften, Flüsse und Völker vollziehen, sobald ihnen nur genügend Zeit dafür gegeben.

Rheinisches Sinnbild

Vor etwa vierzig Jahren machte ich meine erste, alleinige Reise; ich fuhr den Rhein herauf. Vorher war mir gesagt worden, ich müßte mich an die richtige Seite des Abteils setzen, sonst bekäme ich nichts von dem schönen Rhein und den Bergen und Burgen zu sehen. Ich erkundigte mich genau nach allem, setzte mich auf den richtigen Platz und freute mich, bei dem wolkenlosen, blauen Himmel, auf die schöne Aussicht. Aber eins hatte ich übersehen: mein Wagen war einer der ersten hinter der Lokomotive. Kaum hatte sie gepfiffen, da entwickelte sie einen schauderhaften Dampf und Rauch, der immer an meinem Fenster vorüber zog. Trotz blauen Himmels, trotz des richtigen Platzes sah ich von Köln bis Koblenz nichts. Für mich war alles in schmutzigen Rauch und Nebel gehüllt.
Das erscheint mir ein Sinnbild. Im deutschen Volke, in all seinen Ständen gibt es noch Millionen, die wollen mit allen Kräften danach streben, sich wenigstens äußerlich, aber auch innerlich sittenrein durchs Leben zu schlagen. Aber es gibt auch Menschen, die verbreiten durch Zoten und Unanständigkeiten einen schmutzigen Dunstkreis um sich herum und wer in ihn hinein gerät, der kann schließlich glauben: „Die ganze Welt ist so!“ Aber in Wirklichkeit ist sie nicht so! Du bist nur so wie ich damals in Köln an einen ungünstigen Platz geraten, und wenn du ihn, so wie ich in Koblenz, erst glücklich wieder verlassen hast, dann liegt die Welt doch wieder in reinem, schönen Sonnenlichte da.

(aus: C. R. Vietor – Du, deine Braut und deine Frau!, Barmen, ohne Jahresangabe)

Rheinsein an der Donau (2)

Von der Donau in Wien nur den Donaukanal gesehen. Beim versehentlichen Streifen durch die Außenbezirke blitzten ständig diese Momente auf, daß es schien, als würde der junge Hitler (aus dem Männerwohnheim) an den Hausmauern entlangschnuren, die Wahrnehmung zerfloß, es bildete sich so eine Stimmung vieler vergangener, durcheinandergeschobener, aber harmonierender Epochen, k.u.k., nachkolorierte Schwarzweißfotos, die simplen Inschriften an gekonnt verranzten Gebäuden: „Fleisch“, oder woanders, spezifischer: „Geflügel“ (dahinter: hinter verstaubten Scheiben: garnix oder wenn doch: sehr krudes Inventar). Momente kafkahaften Verfolgungswahns: unter den Passanten fände sich schon ein Wahnsinniger, der einem, weil man sie halbvoll entsorgt habe, die Flasche eines fürchterlichen Modegetränks tage- und wochenlang mit unerbittlicher, wienerisch schwadronierender Penetranz nachtrüge. Auch Adolf Kottans Kollegium ist, zivil getarnt, auf den Straßen unterwegs, die Farben jetzt: späte 70er. Die Aufnahmen für Literatur als Radiokunst dauerten drei Tage. Knapp bemessen, dennoch gelang es, klanglich da und dort ein Stück weit in die Tiefe zu gehen. Das ORF-Funkhaus in der Argentinierstraße besitzt Charme, vor der Tür gehen Preßlufthämmer, das gelbbraune Licht auf den Fluren, die ganzen Apparate der Radiofrühzeit in Vitrinen ausgestellt: abenteuerliche Empfänger, Bakelit-Mikrofone, die Kantine mit ihren krummen Getränkepreisen hat etwas von einer Kneipe. Viel zu viel Text hatte ich letztlich mitgebracht (und eingesprochen), zuviele Ideen auch, die alle auszuprobieren die Zeit nicht reichte. Der Schnitt mußte gegen Ende mitten in die Schachtelsätze, um Zeitvorgabe und inhaltliche Anschlüsse zu wahren. Auf diese Art ist einiges verlorengegangen, das ich noch gern im Stück gehabt hätte. Doch der Rest läßt sich weiterhin hören. Martin Leitner, der virtuose Tonmeister, kam immer wieder mit großartigen Einfällen, und so können wir stolz sein auf den vielleicht ersten maschinellen Jodler der Radiogeschichte. Mit Pseudoromanisch und Pseudobadisch werden Sprachen anklingen, die es auch noch selten öffentlich zu bestaunen gab. Und natürlich rauschen die Alpen, überklungen vom Schrei des Murdlers. Die Sendung läßt sich auch per Livestream im Internet verfolgen, den passenden Link gebe ich noch zeitnah bekannt.

Sonnenlied

Sonne, Sonne, scheine,
Fahr über Rheine,
Fahr übers Glockenhaus,
Gucken drey schöne Puppen raus,
Eine die spinnt Seiden,
Die andre wickelt Weiden,
Die andre geht ans Brünnchen,
Findt ein goldig Kindchen;
Wer solls heben?
Die Töchter aus dem Löwen.
Wer soll die Windeln wäschen?
Die alte Schneppertäschen.

(Achim von Arnim)

Rheinsein an der Donau

In Kürze begibt sich Rheinsein nach Wien, um ausgerechnet an der schönen blauen Donau, des Rheins leibhaftigem, in puncto Myth- und Mystik mindestens  ebenbürtigem Schwesterfluß immerhin, einige alpenrheinische Sequenzen zu einem Stück “Literatur als Radiokunst” für den ORF einzusprechen, einzujaulen, einzugrummeln, einzuplaudern etc. Im schlimmsten Fall gar: einzujodeln. Die von Christiane Zintzen wunderbar betreute und im deutschsprachigen Raum wohl einzigartige Sendereihe verspricht dem Autor die Erfüllung eines langgehegten Traums: einen literarischen, speziell fürs Radio erstellten mehrschichtigen Text nur mit eigener Stimme und eigenem Körper aufzunehmen; eine einzige Ausnahme wird gestattet sein, für die ich das originale Pfeifen eines Alpenmurmels gewählt habe, denn selbst akribischstes Imitationstraining führte bisher nur zu dilettantischen Annäherungen an diesen charismatischen Pfiff (falls überhaupt). Momentan herrscht Hektik bis Panik, den Text (der zu erheblichen Teilen auf hier vorhandenen Notizen fußt) und die Partitur zu einem runden Ganzen zu schleifen: kommenden Montag starten die dreitägigen Aufnahmen inkl Bearbeitung und Schnitt, wovon zu gegebener Zeit noch zu berichten sein wird. Die Ausstrahlung ist für den 06. Juni vorgesehen, genauer zu finden in der Rubrik “Termine”. (Ob die Sendung auch übers Internet verfolgt werden kann, werde ich noch herausfinden und ggf  hier bekanntgeben.)