Monatsarchiv für April 2010

 
 

Neustätten (3)

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Daß neben sehr schlichten auch den widerlichsten Ideologien zu folgen sich haufenweise Anhänger und Mitläufer bereitfinden, ist weit über den rheinisch-römisch-germanischen Kulturraum spätestens seit den diesbezüglichen Erfolgen des Nationalsozialismus und Faschismus verbreiteter Kenntnisstand. (Wars wohl vorher schon. Zu dieser Thematik und weiteren Un/Sicherheiten siehe auch: Geschichte des Glaubens (zurecht oft verwechselt mit: Geschichte des Wissens).) In Neustätten allerdings (Gnade und Fluch der späten Stadtgründung) nur aus den Büchern ante urbem conditam, welche dessen hochmodernen Bürgern bereits in den Gencode eingeschrieben sind. Wohl daher und nicht zuletzt aufgrund der vorherrschenden Wohnstruktur (personenstarker Arbeiterbürger-WGs) findet sich in Neustätten eine im deutschsprachigen Raum (und das will was heißen!) weit überdurchschnittliche Anzahl ausgeprägter Ideologien (einzelne Bürger sollen bis zu zwei handvoll davon vertreten). Die sich natürlich im Stadtbild niederschlagen: beispielsweise diese piktografisch gestützte Durchsage einer Splittergruppe des diesel-veganarchisch orientierten „Rheintaler Geschichtsvereins“, ein (an seiner rigorosen Antihaltung erkennbarer) Retroslogan, plaziert an einer der typischen, selbstreinigenden,  porig-rissigen (womit, kaum die klügste Entscheidung des Neustätter Stadtbaurats, die Nichtvorhandenheit von Geschichte fürs Auge ein wenig kaschiert werden soll) weißen Hallenwände.

Hohenems

Wege zur Weisheit: „Der Anfang der Weisheit ist die Furcht des Herrn“ steht eins der Hohenemser Volksschulgebäude sicherlich ganz volksschulgerecht überschrieben – die Furcht des Herrn (vor wem oder was?) oder doch die Furcht vor dem Herrn? Mehrdeutige Sprüchlein besitzen in der Region scheinbar Öffentlichkeitsrecht. Der gesamte Österrhein ist wahlkampfplakatiert: „Unser Handeln braucht Werte“, „Ohne Mut keine Werte“, „Zeit für klare Worte“: beispielhafte bis -lose Dreierfolge (created by FPÖ?). Auf den Plakaten das verdruckste Foto einer bieder bis latent bösartig anmutenden Frau Jedermann im grafisch leeren Raum. Über der Stadt die Burgruine Alt-Ems (wie immer Anlaß zu Gedanken, welche Schicksale solche Mengen Steine solcherart steile Anhöhen emporschleppten), in Serpentinen zu Fuß erklimmbar. Der zu durchklimmende Hang beherbergt Österreichs größtes Bärlauchreservoir (der Bärlauch wird unten im Schloß in verschiedensten Darreichungen verkloppt, dennoch bleibt genug der Pflanze am Hang stehen, um ganze Dynastien von Bärlauchmillionären hervorzubringen). Von oben, im Bärlauchdunst, Blick aufs Tal mit Altem und Neuem Rhein, die Schlaufe des ersteren und das über letzteren sich ins Österreich wölbende schweizerische Diepoldsau. Ein nicht näher bezeichnetes Stadtbächlein (darin ein schneller heller Fisch, auf- und abschießend: Höllenfisch?) plätschert unterdessen kanalisiert dem Rhein entgegen. Spiegelt sich in einem Schaufenster, das die üppige Pokalsammlung der F.C Hohenems Türkgücü Sportvereine präsentiert. Davor parkt ein aus diversen TV-Krimiserien bekannter „verdächtiger Wagen“ mit plattem Vorderreifen. Die Handschriften A und C des Nibelungenlieds tauchten im 18. Jahrhundert in der Schloßbibliothek auf (tauchten auf? wurden zuvor übersehen und plötzlich gefunden?) und wanderten bald nach Deutschland. Die beachtliche jüdische Gemeinde verschwand im Dritten Reich, heut gibt’s ein Museum und eine Schautafel, die das einstige Judenviertel rekonstruiert. Die Straßen entlang des Österrheins sind überschildert, massig Hinweise auf Firmen, Fabriken, Einzelpersonen – ließen sich (von Irrenden) ebenfalls als Wege zur Weisheit betrachten, als Weisheitslabyrinth.

Neustätten (2)

Die Neustätter Mystik, die sich im Verlaufe der ersten Spätabende des Bestehens der Ortschaft herausbildete und als eine der beiden Grundlagen für die Neustätter Stein-Wasser-Mythologie angesehen werden kann, fußt hauptsächlich auf merkwürdigen Leuchtstein-Funden, die der erste japanische Tourist Neustättens, Bokushi Suzuki, wie folgt beschreibt: „In einem der fabrikähnlichen Häuser Neustättens lebte ein Mann namens Hansruedi Öppert. Eines Abends (wörtlich: des ersten Abends, am Abend aller Abende, dem einen Abend, Anm.: Rheinsein) stieg er die Nationalstraße gegens Appenzell empor, das dort oben in tiefer Vergangenheit lag. Als er die Zeitschranke nicht durchdringen konnte und sich auf den Heimweg machte, bemerkte er ein vom Rheintalgrund ausgehendes blaugrünes Licht, das regenbogenartig zum Himmel aufstieg und sich dort verlor. Weil er ein tapferer Mann war und sowieso in der Gegend wohnte, rannte er die Asfaltstraße hinab, genau auf die Lichtquelle zu. Angelangt, fand er lediglich einen gewöhnlichen Stein. Dennoch hob er ihn auf und band ihn sich vor die Stirn, wo dieser wie zuvor leuchtete und ihm auf dem Heimweg, trotz all der Straßenleuchten, sehr zustatten kam. Bei seiner Arbeiter-WG angekommen, legte er den Stein auf die Fußabtrittsmatte, um sich ein Quöllfrisch aus dem Keller zu holen. Als er zurückkam, war der Stein nirgends mehr zu erblicken.“ Es gibt weitere solche Geschichten. Folgende erzählt der erste Neustätter Ökumene-Priester Alban Öppert, der viele solcher Berichte, Beichten und Schriften gesammelt hat: „Ein Neustätter Fabrikarbeiter fand unter dem Fließband, an welchem die Lizenz-Pinzgauerle verlötet und zusammengeschraubt und -gehämmert werden, ein altes Loch, das noch vor die Zeit der Stadtgründung zurückreichen durfte, und in dem Loch einen faustgroßen Stein außerordentlicher Schönheit, sodaß er ihn sich einsteckte und entgegen der Fabrikregeln mit nach Hause nahm. Nachts leuchtete dieser Stein wie ein fallender Komet. Die Mitbewohner des Fabrikarbeiters entsetzten sich darüber und sagten: „Das ist ein Geisterstein, den niemand besitzen darf.“ In Wirklichkeit waren sie im Imdoktrinationsbeginn befindliche Anhänger einer politisch-religiösen Gruppierung, die jeglichen Besitz ablehnte und die Sache mit den „Geistern“ war nur vorgeschoben. Dennoch hatten sie in diesem Fall recht. Um Unglück von seiner WG fernzuhalten, trug der Fabrikarbeiter seinen Leuchtstein ins Freie und fuhr mit einer Planierwalze über ihn hinweg. Bis in die frühen Morgenstunden gab der zu Staub geplättete Stein noch sein Schimmerlicht ab und am Folgeabend kamen einige Kollegen aus der Fabrik, die von dem Stein hatten erzählen hören, doch da leuchtete er nicht mehr und der Staub war vom Föhn weggeblasen.“ Es gibt in Neustätten und Umgebung zahlreiche solcher Geschichten, auch von Steinen, die schön waren, aber nicht leuchteten: all diesen Geschichten ist gemein, daß die Steine, sobald sie bekannt wurden, aus dem einen oder anderen Grund verschwanden und es heißt, diese Begebenheiten seien auch Anlaß für die Gründung der Neustätter Bewegung „Herkunft braucht Zukunft“ gewesen, die heute ja stärker für ihre Lobbyarbeit zur Überwindung der Herkunftslosigkeit bekannt ist, aber die intellektuelle Beschäftigung mit den Leuchtsteinen soll ihr Ausgangspunkt gewesen sein.

Neustätten

Übernacht dann plötzlich (es dunkelte nicht einmal wie es sonst so schwärzt, vielmehr bestand die Nacht aus grobgekörntem Gries, der sandpapierartig das Vorhandene wegschmirgelte): Neustätten statt Altstätten, dh zunächst einmal garnichts: also etwas (ja nicht einmal etwas!), das geradezu unvorstellbar war ob seiner absoluten Nichtvorhandenheit. Doch sofort begann die Fantasie (und woher die Fantasie eigentlich rührt, das würden wir ja auch gern einmal wissen – oder lieber doch nicht?) das Vakuum anzureichern mit Bekanntem. Es war ja ein Altstätten gewesen an dieser Stelle, das sich gedanklich wieder aufbauen ließe, sollte man meinen, zB mit einigen Verbesserungen versehen, die durchaus möglich waren. Dort wo ein Schwarzes Loch wirkt, das bekanntlich mittels Gravitation/Zerdrängung vorgeht, kommt eine Geschichte (bei ihrem Verschwinden) nicht ohne schwerste Brüche aus. Das mittels Abschmirgeln an der Oberfläche angerauhte Nichts Altstättens jedoch bot eine ideale Fläche, Neues einfach darüberzuschichten, dareinzuschütten, daraufzustapeln. Als erstes gab die Schöfung dem Rhein einen neuen Verlauf, denn der Fluß ist es, der die Stadt zuläßt, und ein neuer Fluß läßt eine gänzlich neue Stadt entstehen. Nur aus Nostalgie (und weil er so eine Art Prototyp des Flußwesens darstellt und vielleicht auch, weil er außerhalb der Neustätter Gemarkung sowohl im Süden als auch im Norden an den herkömmlichen Rhein anschloß) hieß auch dieser wieder: Rhein. In den üppig wuchernden Straßen und Bauten Neustättens fand sich bald das Ehepaar Öppert, die Urbewohner und Stammeltern der Neustätter Moderne. Sie gaben uns eine kleine Stadtführung, während derer, länger als eine Stunde mag sie nicht gedauert haben, eine komplette Bürgerschaft entstand, die auf altbekannte Manier ihre Umgebung besiedelte und in Besitz nahm. Ein Schul- und Handelswesen war innert Minuten ausgebildet, als sei dies pure Selbstverständlichkeit. Kaum länger brauchte das Etablieren einer scharfen, aber tolerant gehandhabten Gesetzgebung. Der Jugendrat verfügte dunkle Ecken in den ansonsten lichtdurchfluteten Alleen, einige der riesigen kastenartigen Wohn- und Arbeitsstätten wurden sofort nach dem Richtfest in Schutt und Asche gelegt, um als Mahnmale der Vergänglichkeit zu dienen: in spiritueller Hinsicht ein erstaunlich vernünftiger Schritt in einer erst stundenalten Stadt. Ein paar trashig geschmückte Brunnen schossen aus dem Boden, die Fassaden bildeten Fachwerk aus und sowieso schien sich vieles, das hier entstand, auch wenn das eigentlich nicht unbedingt sein mußte, am Geiste Altstättens zu orientieren. Bereits am Nachmittag hatte Neustätten sich völlig ausgebildet und war von anderen, herkömmlichen, älteren Städten kaum noch zu unterscheiden. Julia Öppert, mit 14 die jüngste der Öppertfamilie, sagte uns zum Abschied das Neustätter Stadtmotto her, das sich so schön mäandrierend als der alte (kanalisierte) Rhein (von dem in Neustätten zwar niemand weiß, den viele Neustätter aber bei Wetterumschwüngen spüren) in die weiße Fläche des städtischen Quaderwappens schmiegt: „Armut erhebt moralisch nicht über Reichtum. Für jeden besteht gleiches Recht an gesellschaftlicher Teilhabe. Das Prinzip Ausbeutung ist zu überwinden! Revolution!“

Altstätten (2)

altstätten

Altstätten

Altstätten eignet etwas Elsässisches, falls es erlaubt ist, einen solchen Vergleich für ein Ostschweizer Städtchen anzustellen (Elsässisches für Schweizer Verhältnisse jedenfalls): leichte Angeranztheit, ein lässiges Laissez-oublier, das zu Überlagerungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart führt: die „Metzg- und Wursterei von Paul Eugster“, deren ziervolle Inschrift an der Fassade so würdevoll als irgend möglich dahinbleicht, beherbergt längst eine plastique beworbene Dönerbude, in die markant angeschriebene benachbarte „Samenhandlung“ hat sich der obligatorische Rundumdieuhr-Videoverleih eingenistet. (Nicht ganz leicht, aber reizvoll, künftige Gewerbe-Entwicklungen aus solchen Variablen zu errechnen.) Vier aufgehübschte Altstadtstraßen bieten die im Umkreis gut bekannte Altstätter Atmosfäre zum im Sommer draußen rumsitzen und Pizza verspeisen. Ein nicht näher bezeichnetes Stadtbächlein plätschert unterdessen kanalisiert dem Rhein entgegen. Man flaniert und hockt sich hin und läßt dies leicht touristische Gemisch aus renovierter Geschichte und zeitaktuellem grellen Trash auf sich einwirken. Den Lyrikweg, der etwas vom Zentrum entfernt „Natur und Poesie in Einklang bringt“, sparen sich, obwohl es dort Donhauser-Verse zu lesen gibt,  die meisten Besucher (und zeigen damit,  nebenbei, einmal mehr das Dilemma der zeitgenössischen Lyrik). „Tagelöhnervermittlung, Cafeteria und Lädeli“ bringt wiederum eine  Türinschrift die moderne Altstätter Vielfalt sinnig aufn Punkt. Es ist doch so: der Rhein versammelt alle erdenklichen Zustände von Leben und seinen verklumpten Ansiedlungen (bzw Verklumpungsversuchen) und offenbart sich darin als kompletter Fluß, der jeden auf ihn angewandten Superlativ (welcher etwa seine=des Rheines kompletteste Komplettheit auszudrücken wünschte) nur beschämen kann. Mein Altstätter Film zeigt im Raffer eine florierende, gebrandschatzte, pestdurchseuchte, nach Ausräucherung erneut florierende, etc, am Rande der Moderne nach Luft schnappende, schließlich in gewagt kubischer Architektur, Zukunft und 3d-Animationen sich comicartig lösende, einem Schwebezustand zwischen Himmel und Erde anheimfallende, gleichsam am Berg aufsteigende, den Berg aber nicht berührende=bergfremde Kleinstadt, eine in klarsten Linien und komplexen, aber nachvollziehbaren Schlußfolgerungen verpuffende Idee: lediglich in Grafitlinien existierender Betonbuddhismus (muß nicht zwangsläufig Beton sein, Beton hier nur wegen des bildgebenden Klischees und gleichlautenden Anlauts, eher paßte ein nanochemischer Werkstoff mit ganz neuen/überraschenden Eigenschaften), sich durchschießende funktionslose Kästchenarchitektur mit Anleihen bei umgebenden Industriegebieten, wurzelloses, inhaltsarmes Zurückzurnatur, oder so: man stelle sich vor, eine Stadt ganz schmerzfrei aus ihrer Umgebung zu radieren und an diese Leerstelle etwas völlig unbedachtes, dem Auge gefälliges hinzuzeichnen, etwas aus Röhren und Kuben, anorganisch, von polymeren Kulturen bevölkert, lastentragende Rieseninsekten, systemimmanentes Handeln auf die Spitze getrieben, beliebige Schönheitsmaschinen, die zB perfekte Songs ausspucken („Oh graue Berge!“), das Büro des Archäologen als zentrale Anlaufstelle für die Jünger kreativen Traditionalismus (JkT), während die Reformatoren der „neuen seichtheit“ (ns), deren Glaube sich selbstredend kaum von JkT unterscheidet, hinter ungeputzten Schaufenstern verschanzen (ungeputzt, weil sie deren selbstreinigende Substanzen manipuliert haben in einem Akt bodenloser verzweifelter Rebellion), eine pari pari-Situation, über der nach wie vor derselbe Name schwebt: Altstätten. Bläser. Abgeschrägter Jodeleinsatz. Ende.

Oberriet

oberriet

St. Galler Rheintal

Im St. Galler Rheintal, dem Chancental, das (laut fündig gewordener Köpfe) Chancen auf Leben und Arbeiten zu bieten als seine Kernaussage betrachtet. Das Tal wird dominiert von schlichten langgestreckten kastenförmigen Industriebauten, auch wohnliche Ecken existieren: begrenzt. Altersheime kennzeichnen dann deren Außenkoordinaten, flankiert von im lokalen Währungsklima behutsam heranwachsenden ALDI Suisse-Märkten, jeglicher Hektik bar. Eine Gegend für Köpfe, in denen sich Ideen in die Länge und die Höhe, aber weniger in die Breite ziehen müssen, um zu einer der Gegend (Anzeichen von Wohlstand, gerade so auszuhalten) abgerungenen Zähigkeit als Voraussetzung zur Entfaltung zu gelangen. Der taleigene Grundton, ein bereits mehrfach modernisierter Kammerton A, schwingt in freien Wellenbewegungen von der Autobahn in alle Richtungen und klettert alsbald die Höhenzüge empor. Ich befinde mich auf der Suche nach dem efemeren Melander, jenem (mittlerweile wohl legendär zu nennenden) Rheinfisch, der den Rhein (binnen seiner rund zweijährigen irdischen Existenz, welche vorderhand in eine – bisher kaum dokumentierte – evolutionäre Sackgasse führte) nie zu Gesicht bekam. Hier wurde er erschaffen und in Serie hergestellt. Doch die Melanderfabrik im Oberrieter Industriegebiet scheint wie vom Erdboden verschluckt. Stattdessen finden sich zu codierten Plänen ausgelegte, melander- und axolotlfarbene, von hauchdünnen Säcklein beschwerte Bodenfolien, unter denen (arglos) neue Ungeheuerlichkeiten zu brüten/keimen scheinen. Aus frühjahrsgrünen Bünten grüßt Wiesenschaumkraut. Manch von den Anwohnern am liebsten ignorierter Rheinzufluß kämpft sich durch den Boden seinem Ziel entgegen. Die meiste Natur scheint auf simpel-seichte Weise geebnet. Es herrscht ein Versuchsklima, kommt es mir vor, das gesamte St. Galler Rheintal liest sich leichthin/aus der herrschenden Luft gegriffen als experimentelle Biosfäre für ein weitgehend störungsfreies Ableisten von Lebenszeit in einer von der Weltöffentlichkeit nicht übertrieben beachteten Provinz, einem zufällig passenden Platz am Steiß der Schweiz, wo sich dann eben Elektroautos herstellen lassen und Monsterfische, wo die Banken nach emsigen Insekten benamst werden und Schlachtbetriebe „ProRind“, wodurch eine Ästhetik ensteht, die sich jener einer gängigen Schneekugel zuschreiben ließe, welche zugleich als lebenserhaltender Tropf all diejenigen versorgt, die sie mit ihrem Gestaltungswillen so maßgeblich speisen. Das klingt fürchterlich normal und ist es auch, in einem Übermaße, daß einen die Normalität hier anspringen will, kraft allen ihr innewohnenden Wahnsinns, der nichts weiter ist als der Wahnsinn des fallenden Kalenderblatts (darauf ein Sinnspruch, der in sich zerstiebt), das aus dem Augenwinkel verschwindet, während sich vor uns der Alltag aufbaut mit seinem Baseballschläger und uns antreibt zu unsern Verhaltensweisen, kaum getätigt, schon vergessen, falls überhaupt je ernsthaft registriert. (Der Fluß, der alles fortschwemmt, ist an dieser Stelle selbstverständlich ein Kanal.)

Schikos Rhein (6)

SiebengebirgeDie Kuppen des Siebengebirges im mystischen Dunst, dahinter liegen Fantasiereiche bzw nicht näher bekannte vorpolnische Gebiete. In deren tieferen Tiefen der Fotograf wiederum seine Ahnen vermuten darf. Danke, Schiko!

Paris, 25. August 1943

Später stieg ich noch in das Zimmer des Präsidenten hinauf. Aus Köln zurückkommend, erzählte er, daß man in den Ruinenkellern rheinische Trinkstuben findet, in denen die Ausgebombten sich treffen und eine intensive Gemütlichkeit herrscht. Dort werden von den Zechern die alten Karnevalslieder gesungen – besonders beliebt sei: “Ja, das sind Sächelchen!” Das erinnert an die Lektüre des “König Pest” von E. A. Poe, den man ja überhaupt neben Defoe mit seiner “Pest in London” als einen der Autoren unserer Zeit betrachten kann.

(aus: E. Jünger – Sämtliche Werke, 1. Abteilung, Tagebücher III, Strahlungen II)

Dank für das Zitat an Roland Bergère. Jegliche Zeit ließe sich als unsere Zeit betrachten, da die Zeit ja eine stets nur leicht verändert auftretende Emulsion ihrer selbst (dh ihrer eigenen Zutaten) darstellt, und London und Paris, bliebe anzumerken, sind rheinische Städte, zweifellos, vielleicht die rheinischsten, die es gibt, oder zumindest idealisierte Rheinmetropolen, wie sich überhaupt weltweit viel mehr rheinische Städte und Gegenden finden, als der gemeine Daheimgebliebene vermuten mag – ein erweiterter Rhein(land)begriff ist also vonnöten und längst überfällig. Weiters in Karlsruhe (im typisch trockenen, hart am Drögen schrabbenden Stil, den sich die dortige Lokalpresse über Jahrzehnte erhalten hat) noch von den Bombardierungen der Stadt während des Zweiten Weltkriegs gelesen, wobei von Trinkstubengemütlichkeit und Karneval (respektive Fastnacht) keine Rede war, wohl aber von Tagen gereizter Stimmung und Tagen ungemeiner Solidarität. Als zeit- und volksmundtypische Figur blieb der “Bombenkarle” haften, ein einzelner Alliierter, ein Bomberpilot, der offenbar Überstunden schob und auch außerhalb der organisierten Verbandsflüge hartnäckig die Stadt im Alleingang angriff und den die Karlsruher mit “Karle” attributierten, was soviel wie eine Mischung aus “Kerle” und “Karl Arsch” bedeutet, weil es so einen erdigen (und lokal/real häufig vorkommenden) Namen darstellt – auch in meiner Schulklasse war einst ein Karle und potenzierte das badentypische in seinem Ruf- wie Nachnamen, noch dazu in seiner Person. Der Bombenkarle wurde also durch seine Karlsruheisierung zu einem der “Hiesigen” gemacht und dadurch entschärft, wenn auch nicht gleich bewundert. Über seine Abschußerfolge stand nichts zu lesen.