Monatsarchiv für April 2010

 
 

Appenzell (5)

Ging dann weiter durchn Niesel zur Schaukäserei in Stein AR. Hänge fläzten da links wie rechts der Straßen und flossen ineinander in ihrem Deprigrün, entweder hatte sie der Frühling noch nicht oders ist immer so im Appenzell – letzteres korrespondierte dann sicherlich mit der Selbstmordrate. Die Einzelgehöfte: vor Jahren sollen massig Freaks dort eingezogen sein, weil sie so billig waren, aufgegeben, wer auch wollte schon in diese Abgelegenheiten sonst, damals, als Abgelegenheit noch kein Luxusgut war. Schwer, ein Auskommen zu finden, verwaist die Weiden, leer die Dörfer (so liegt in Hundwil derselbe begraben), das ausgefuchste Panorama mehr oder minder fürn Arsch, überhaupt wirkt das ganze Appenzell (wo ist überhaupt der verdammte Säntis, man sieht ihn garnicht im Appenzell, sondern viel leichter von weit außerhalb) wie in den Abstellraum geschobene, ganz hübsche, nicht ganz koschere Kulissen für ein mäßiges Bergdrama. In Stein jedoch, das neben der Schaukäserei noch ein Volkskundemuseum aufweist, eine öffentlich zugängliche Kleintieranlage (“Bitte kein graues Brot”), einen Gasthof Ochsen (geschlossen) und als Black Rider maskierte Töfflibuben, halten Touristenbusse neben den drei übermannshohen Appenzeller Käsedenkmälern in den Export-Geschmacksrichtungen „mild-würzig“ (ehemals: „classic“), „kräftig-würzig“ bzw “rezent” (ehemals: „surchoix“) und „extra-würzig“ bzw “rassig” (ehemals: „extra“). Auffällig, daß den Touristenbussen keine Touristen entsteigen und hinter den vernieselten Scheiben lassen sich allenfalls geisterhafte Bewegungen wahrnehmen, lebendig wirken die jedenfalls nicht. So schlägt der gesamte Bezirk bereits nach wenigen Stunden mächtig auf die Stimmung. Klar: alles hier ist von zahnigen Bergketten umgeben, die erst überwunden werden müssen, um wieder rheinische Luft zu atmen. Und alles präsentiert sich in einer raumzeitverzögerten Wunderlichkeit, der, selbst wenn man ihr garnichts unterstellen möchte, allein aufgrund des fysisch wahrnehmbaren unangenehmen Verzögerungsziehens etwas potentiell Bedrückendes innewohnt, wahrscheinlich mehr als nur das: ein unscheinbares Tierlein im Grase, der zweiköpfige flugunfähige halbtransparente Malmfalter (auch: Almfalter), dessen weltweites Vorkommen sich auf die Gegend um Gonten beschränkt, symbolisiert diese ganze Alptraumhaftigkeit als zwangsläufiges Opfertier der Bergdohlen, die das zeitlupenhaft zäh flügelschlagende Insekt in geradezu angewiderter Weise erbeuten und verspeisen.

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Appenzell (3)

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Appenzell (2)

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Appenzell

Anhand der Fotos ein Versuch, die Appenzell-Exkursion zu bewerten. Fiel ja in Niesel und verschwand darin. Sehr steil gings auf wilden Geheimstraßen über die Appenzeller Alpen (den prächtigen Steiß der Schweiz vom Bodensee und St. Galler Rheintal her betrachtet), die wenig Rheine auszuschwitzen scheinen (so mündet z.B. die Sitter erst via Thur in den Rhein). Wenn man vom Appenzell sprechen hört, dann kommts stets auf die Selbstmordrate, das Frauenwahlrecht, den Käse, die Hackbrettmusik. Letztere eine der bedachtesten Ausprägungen von Hausmusik, die uns je zu Ohren kamen. Es heißt, die Appenzeller Leute seien etwas seltsam. Stur. Im Niesel waren jedenfalls garkeine zu sehen. Dafür freistehende crèmefarbene Gehöfte, deren weitere Eigenart darin besteht, daß die Scheunen im rechten Winkel direkt an die Wohnhäuser gebaut sind. Die Appenzeller Bahn erinnert an die Sauschwänzlebahn und das gesamte Appenzell auf ersten Blick in vielem an den Schwarzwald. Als „Schwarzwald der Schweiz“ würden die Appenzeller das Appenzell aber niemals vermarkten. Der Hauptort Appenzells heißt Appenzell und macht den Eindruck eines Potemkinschen Dorfes, mit dem Unterschied, daß hinter den schmucken Fassaden noch Verkaufstresen installiert sind, bevor die zugige Landschaft beginnt. (Also vielleicht eher ein Schweizer Disneyland.) Zu kaufen: Biber (Gebäck), Pantli (Salsiz), Ratzliedlitextbücher (Kulturgut), Ohrlöffel (Herrenschmuck), schwach-, mittel-, hoch-, ultra- und scheinnaiv bauerngemalte Landschaft mit Gehöften, Vieh und Menschen (spirituelle Vergegenwärtigungstechnik) und genauso künstlich wie diese Bilder sieht das Appenzell auch in Wirklichkeit aus, d.h., die örtliche Bauernmalerei erreicht im tatsächlichen Abgleich mit der Landschaft erstaunliche (Foto)Realitätsgrade. „Dienstag zu, Mittwoch auch“ steht auf einer Restauranttafel, es sind die einzigen Appenzeller Zeilen, die wir Zeit unseres Besuchs zu lesen bekommen, über die restlichen Wochentage geben sie freilich keine Auskunft. Wer mag die Information angeschrieben haben? Es gibt keine Menschen auf der Straße, Gartenzwerge schon und zwar jeder Couleur und Berufskleidung, aber keine Menschen eben, Seifenblasen schon, aber die werden von mechanischen Gartenzwergen umhergepustet, es gibt Fotos und Gemälde von idyllischen Appenzeller Szenen, auf denen auch Menschen dargestellt sind, aber eben (außer Touristen) keine auf den Straßen, keine als Appenzeller erkennbaren Appenzeller jedenfalls, sie werden sich doch nicht alle umgebracht haben, kaum vorstellbar, daß sie wirklich alle den Niesel scheuen, auf den saftig grünen Weiden jedenfalls steht kein Vieh, liegen aber auch keine Leichen. Gefunden haben wir echte Appenzeller schließlich doch noch (auf den Fotos, wie immer sie dorthingelangt sein mögen – und natürlich:) im Internet: „Min Vatter isch en Appezeller/er fräßt de Chäs mitsamt em Täller

Drei maßgebliche Hebel

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Rohrspitz

Übern Rohrspitz, das touristisch-gastronomisch, aber auch von Bodenbrütern stark bevölkerte Mündungsdeltagelände, hin zum östlichen Arm bei Fußach bzw Hard (bzw genau zwischen beiden Ortschaften), dem eingedeichten, auslaufenden Alpenrhein. Dort finden sich statt des erwarteten einen überraschenderweise zwei (oder vielleicht noch mehr: läßt sich nicht genau überblicken) massive, parallel verlaufende, schnurgerade eingedeichte Rheine. Von denen einer kein Wasser führt (zumindest teilweise, jedenfalls läßt sich wenige Kilometer unterhalb der Mündung der ebene rissige Flußgrund, aus dem Halme hervorsprießen, als handele es sich um einen Flurgrund, komplett trockenen Fußes queren) und der andere (östlichere) nicht Rhein, sondern Dornbirner Ach heißt, wie das später eingeholte, aber keinen sonderlich zuverlässigen Eindruck machende Internetorakel verlautet. Rhein und Dornbirner Ach besitzen beide seit Anfang des 20. Jahrhunderts regulierte Läufe, die derzeit (wahrscheinlich bis in alle Rheinigkeit) nachreguliert werden. Gut sichtbar sind diese Anstrengungen vom Bahndamm der internationalen Rheinregulierung aus, dessen stillgelegte Gleise alle paar Minuten von Kieslastern eingestaubt werden. Dennoch zieht der Damm etliche Spaziergänger und Rheintouristen an: erstaunlich, wo doch ungleich romantischere Flecken wie die Quellgebiete oder der Zusammenfluß bei Reichenau von Schaulustigen soviel Schonung erfahren. Das ganze Bodenseeische verstrahlt im Übrigen eine spätestens an den Rändern fragwürdige Lieblichkeit wie sonst nur Kurorte oder Mallorca: bestens ausgeschildertes Gebrauchsparadies mit reichlich Offshore-Schneisen.

Rheinspitz

Der Alte Rhein bei Gaißau stellt sowohl den Grenzübertritt zwischen der Schweiz und Österreich als auch den westlichen Arm des rein österrheinischen (vorarlbergischen) Mündungsdeltas in den Bodensee vor. An seinem Westufer streckt sich, hinter Baum- und Buschwerk versteckt, ebendies Gaißau mit Kläranlage, Häusergruppen, Häfen und an der Mündung: Campingplatz und Gastronomie (hier schön von oben). Direkt hinter der Grenze ankert das imposante Restaurantschiff Hu Bin (ehemalige MS Höri) der chinesischen Familie Hu und beweist einmal mehr Diversität/Internationalität des Stroms selbst an entlegeneren Stellen. Das Ostufer flankiert lieblicher, abseits der Wege auch auf Trampelpfaden begehbarer Auwald, im Unterholz ringelt sich die Natter, Amseln geraten in Dialog mit Meisen, es schniept und schmätzt und kuckuckt, Krähen jagen Greife durchs Blattwerk zum puren Zeitvertreib, hinterm Waldrand schmarotzt blattgrünfrei der Rötliche Schuppenwurz, schmaucht das Pfeifengras den Torf ausm Boden, solls angeblich auch zwergdommeln. Kurz vor Seeeintritt versickert (anders als auf dem Video) der Alte Rhein, das Mündungsufer begrast von schottischen Hochlandrindern, Aromen von Brackwasser. Dem unbekannten Deicharbeiter (Torfstecher? Sumpfkumpel?) gewidmet ragt eine spatenschwingende Metallskulptur meterhoch in den bodenseefarbenen Himmel. Kiesstrand mit Muschelschalen. Die letzten Alpenkiesel mit ihren wilden Zeichnungen und Farben, bewohnt von unsichtbaren Insekten, die winzige Löcher sowohl in die Steine als auch die gesamte Gegend fressen, luftdurchzogene Löcher im ununterscheidbaren Gespiegel zwischen Seeoberfläche und Himmeln, darin Sämtliches, das in die Lüfte sich zu erheben vermag, sich hoffnungslos zwischen den Räumen und ihren täuschenden Grenzen verliert. Auf dem See selbst: Taucher, Säger, Kricker, Kräcker, Kreischer, Knatter und Gurren: ufernahe Wasservögel im Bann binnenozeanischer Weite. Von Osten her scheint in gemessener Entfernung ein weißer Rhein weit in den See hineinzutreiben, das Ufer vertorft und verzuzzelt als Wiese, zurück geht’s in den Auwald und dem vermuteten weißen Rhein des östlichen Mündungsarms entgegen.

Vater Rhein

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Rheineck

Die Autobahn ist grausam. Ihr den Sonntag zudröhnender Sound aber beileibe kein Alleinstellungsmerkmal des an sich recht hübschen Städtchens, dem der Rhein ein wenig entrückt ist (wie etwa auch Xanten oder Zons, die aber jeweils zwei Windmühlen besitzen). Dafür besitzt Rheineck heute die höchstgelegene Schifffahrtsanlegestelle (am Rhein? Europas? egal – diese aus Mangel an Gespür für wirklich Vorzeigbares annoncierten Rekorde ennuieren doch eigentlich sehr: „stellt euch vor, ich hab die am höchsten gelegene Schifffahrtsanlegestelle der Schweiz gesehen“). Die Rheinecker Fischmeile besteht aus ins Trottoir eingelassenen Messingfischen, welche, Ruhm kennt viele Formen, Namen um Rheineck bemühter Rheinecker Persönlichkeiten bieten: darunter mit Julia Lang, William Wolfensberger und Willy Bieger drei in doppeltem Wortsinn verschiedene KollegInnen, die wahlweise mit Dichter/in oder Poet bezeichnet von ihren Bodenplatten grüßen. Über Hügel und in gedehntere Hinterhoflandschaften, sowie hübsche Stiegen hinauf/hinab streckt sich das eigentliche, vom Verkehrslärm erlegte Idyll: am evangelischen Gemeindehaus prangt als Relief die Szene vom Gang der Apostel zu den Huren. Sehr schweizerisch (trotz Anleihe bei spanischer Zeichensetzung) die Wortwahl eines den Stadtpark überprangenden Gebotsschildes in signalroten Lettern auf Unschuldsweiß: !Pflicht zur Kotaufnahme! Ein nicht näher bezeichnetes Stadtbächlein plätschert unterdessen kanalisiert dem Rhein entgegen. „Frauen leben anders, Frauen altern anders“ möchte ein aktuelles Frauenzmorgä ganz offenbar einiger Andersartigkeit Freiraum bieten. (Drei Sympathiepunkte.) Auch die Blumenbeete des Örtleins wirken sehr einladend, die Zahl der Weinbergschnecken ist Legion. Wenn nur nicht die Autobahn so grausam wär. Und einige Fassadeninschriften so halblustig. Daß ich sie garnicht widergeben mag.

Neustätten (3)

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Daß neben sehr schlichten auch den widerlichsten Ideologien zu folgen sich haufenweise Anhänger und Mitläufer bereitfinden, ist weit über den rheinisch-römisch-germanischen Kulturraum spätestens seit den diesbezüglichen Erfolgen des Nationalsozialismus und Faschismus verbreiteter Kenntnisstand. (Wars wohl vorher schon. Zu dieser Thematik und weiteren Un/Sicherheiten siehe auch: Geschichte des Glaubens (zurecht oft verwechselt mit: Geschichte des Wissens).) In Neustätten allerdings (Gnade und Fluch der späten Stadtgründung) nur aus den Büchern ante urbem conditam, welche dessen hochmodernen Bürgern bereits in den Gencode eingeschrieben sind. Wohl daher und nicht zuletzt aufgrund der vorherrschenden Wohnstruktur (personenstarker Arbeiterbürger-WGs) findet sich in Neustätten eine im deutschsprachigen Raum (und das will was heißen!) weit überdurchschnittliche Anzahl ausgeprägter Ideologien (einzelne Bürger sollen bis zu zwei handvoll davon vertreten). Die sich natürlich im Stadtbild niederschlagen: beispielsweise diese piktografisch gestützte Durchsage einer Splittergruppe des diesel-veganarchisch orientierten „Rheintaler Geschichtsvereins“, ein (an seiner rigorosen Antihaltung erkennbarer) Retroslogan, plaziert an einer der typischen, selbstreinigenden,  porig-rissigen (womit, kaum die klügste Entscheidung des Neustätter Stadtbaurats, die Nichtvorhandenheit von Geschichte fürs Auge ein wenig kaschiert werden soll) weißen Hallenwände.

Hohenems

Wege zur Weisheit: „Der Anfang der Weisheit ist die Furcht des Herrn“ steht eins der Hohenemser Volksschulgebäude sicherlich ganz volksschulgerecht überschrieben – die Furcht des Herrn (vor wem oder was?) oder doch die Furcht vor dem Herrn? Mehrdeutige Sprüchlein besitzen in der Region scheinbar Öffentlichkeitsrecht. Der gesamte Österrhein ist wahlkampfplakatiert: „Unser Handeln braucht Werte“, „Ohne Mut keine Werte“, „Zeit für klare Worte“: beispielhafte bis -lose Dreierfolge (created by FPÖ?). Auf den Plakaten das verdruckste Foto einer bieder bis latent bösartig anmutenden Frau Jedermann im grafisch leeren Raum. Über der Stadt die Burgruine Alt-Ems (wie immer Anlaß zu Gedanken, welche Schicksale solche Mengen Steine solcherart steile Anhöhen emporschleppten), in Serpentinen zu Fuß erklimmbar. Der zu durchklimmende Hang beherbergt Österreichs größtes Bärlauchreservoir (der Bärlauch wird unten im Schloß in verschiedensten Darreichungen verkloppt, dennoch bleibt genug der Pflanze am Hang stehen, um ganze Dynastien von Bärlauchmillionären hervorzubringen). Von oben, im Bärlauchdunst, Blick aufs Tal mit Altem und Neuem Rhein, die Schlaufe des ersteren und das über letzteren sich ins Österreich wölbende schweizerische Diepoldsau. Ein nicht näher bezeichnetes Stadtbächlein (darin ein schneller heller Fisch, auf- und abschießend: Höllenfisch?) plätschert unterdessen kanalisiert dem Rhein entgegen. Spiegelt sich in einem Schaufenster, das die üppige Pokalsammlung der F.C Hohenems Türkgücü Sportvereine präsentiert. Davor parkt ein aus diversen TV-Krimiserien bekannter „verdächtiger Wagen“ mit plattem Vorderreifen. Die Handschriften A und C des Nibelungenlieds tauchten im 18. Jahrhundert in der Schloßbibliothek auf (tauchten auf? wurden zuvor übersehen und plötzlich gefunden?) und wanderten bald nach Deutschland. Die beachtliche jüdische Gemeinde verschwand im Dritten Reich, heut gibt’s ein Museum und eine Schautafel, die das einstige Judenviertel rekonstruiert. Die Straßen entlang des Österrheins sind überschildert, massig Hinweise auf Firmen, Fabriken, Einzelpersonen – ließen sich (von Irrenden) ebenfalls als Wege zur Weisheit betrachten, als Weisheitslabyrinth.

Neustätten (2)

Die Neustätter Mystik, die sich im Verlaufe der ersten Spätabende des Bestehens der Ortschaft herausbildete und als eine der beiden Grundlagen für die Neustätter Stein-Wasser-Mythologie angesehen werden kann, fußt hauptsächlich auf merkwürdigen Leuchtstein-Funden, die der erste japanische Tourist Neustättens, Bokushi Suzuki, wie folgt beschreibt: „In einem der fabrikähnlichen Häuser Neustättens lebte ein Mann namens Hansruedi Öppert. Eines Abends (wörtlich: des ersten Abends, am Abend aller Abende, dem einen Abend, Anm.: Rheinsein) stieg er die Nationalstraße gegens Appenzell empor, das dort oben in tiefer Vergangenheit lag. Als er die Zeitschranke nicht durchdringen konnte und sich auf den Heimweg machte, bemerkte er ein vom Rheintalgrund ausgehendes blaugrünes Licht, das regenbogenartig zum Himmel aufstieg und sich dort verlor. Weil er ein tapferer Mann war und sowieso in der Gegend wohnte, rannte er die Asfaltstraße hinab, genau auf die Lichtquelle zu. Angelangt, fand er lediglich einen gewöhnlichen Stein. Dennoch hob er ihn auf und band ihn sich vor die Stirn, wo dieser wie zuvor leuchtete und ihm auf dem Heimweg, trotz all der Straßenleuchten, sehr zustatten kam. Bei seiner Arbeiter-WG angekommen, legte er den Stein auf die Fußabtrittsmatte, um sich ein Quöllfrisch aus dem Keller zu holen. Als er zurückkam, war der Stein nirgends mehr zu erblicken.“ Es gibt weitere solche Geschichten. Folgende erzählt der erste Neustätter Ökumene-Priester Alban Öppert, der viele solcher Berichte, Beichten und Schriften gesammelt hat: „Ein Neustätter Fabrikarbeiter fand unter dem Fließband, an welchem die Lizenz-Pinzgauerle verlötet und zusammengeschraubt und -gehämmert werden, ein altes Loch, das noch vor die Zeit der Stadtgründung zurückreichen durfte, und in dem Loch einen faustgroßen Stein außerordentlicher Schönheit, sodaß er ihn sich einsteckte und entgegen der Fabrikregeln mit nach Hause nahm. Nachts leuchtete dieser Stein wie ein fallender Komet. Die Mitbewohner des Fabrikarbeiters entsetzten sich darüber und sagten: „Das ist ein Geisterstein, den niemand besitzen darf.“ In Wirklichkeit waren sie im Imdoktrinationsbeginn befindliche Anhänger einer politisch-religiösen Gruppierung, die jeglichen Besitz ablehnte und die Sache mit den „Geistern“ war nur vorgeschoben. Dennoch hatten sie in diesem Fall recht. Um Unglück von seiner WG fernzuhalten, trug der Fabrikarbeiter seinen Leuchtstein ins Freie und fuhr mit einer Planierwalze über ihn hinweg. Bis in die frühen Morgenstunden gab der zu Staub geplättete Stein noch sein Schimmerlicht ab und am Folgeabend kamen einige Kollegen aus der Fabrik, die von dem Stein hatten erzählen hören, doch da leuchtete er nicht mehr und der Staub war vom Föhn weggeblasen.“ Es gibt in Neustätten und Umgebung zahlreiche solcher Geschichten, auch von Steinen, die schön waren, aber nicht leuchteten: all diesen Geschichten ist gemein, daß die Steine, sobald sie bekannt wurden, aus dem einen oder anderen Grund verschwanden und es heißt, diese Begebenheiten seien auch Anlaß für die Gründung der Neustätter Bewegung „Herkunft braucht Zukunft“ gewesen, die heute ja stärker für ihre Lobbyarbeit zur Überwindung der Herkunftslosigkeit bekannt ist, aber die intellektuelle Beschäftigung mit den Leuchtsteinen soll ihr Ausgangspunkt gewesen sein.