Monatsarchiv für März 2010

 
 

Gorrh (8)

Aus Gorrhs raren Aufzeichnungen ein Tagebucheintrag (undatiert, keine Ortsangabe). Der Text fand sich im Besitz eines seiner Opfer und wird aktuell für die Gorrh-Archive präpariert:

Ich lag auf der Straße – im Computerspiel Rhenish Dreams – und ließ, Blick in den Himmel, mein Leben Revue passieren; als nahezu nahtlose Ergänzung zweier quarkfarbener Mittelstreifen lag ich da, dichter Verkehr, wie er uns immer schon vorausgesagt war. Es gab ja mehrere Leben: zu verbrauchen, mit Verdienstpunkten anzuschwellen, ich hatte mich in diesem zum Abliegen entschlossen (zumindest hatte ich davon auszugehen, daß es meine Entscheidung war, denn derjenige, der mich als Spielfigur betätigte, war mir scheints seit längerem abhanden gekommen und hätte, als schwäbisch-protestantischer Ingenieur, eine solche Meditationsfase auch kaum zugelassen). Das Asfaltband zog sich, von Jugend an gewöhnt: dünne gleichgültige Spur, deren Atome, kaum je erregt, in Austausch und Binden begriffen – während die Landschaft jenseits der Seitenstreifen hügelte, grünte, bleichte, flachte und touristische Mätzchen anstellte. Fahrzeuge rasten dadurch, aus den Fahrzeugen brachen, winzige Pünktchen, Menschen hervor und schossen in die Koordinatennetze, die ich aus meinen Spinndrüsen über sie warf. Während ich an den Rändern auspixelte, spürte ich meine unsägliche Erdverbundenheit. Den Blutdurst. Machtwillen. Meine priesterlichen Ambitionen. Orgasmische Energien durchströmten mein zweidimensionales Inneres, das zugleich mein Äußeres war, die Schwerkraft der Szene ließ nach, ich begann (in mir selbst, aber auch in Wahrheit) zu levitieren: zunächst schlugen Fersen (derer ich ziemlich viele besaß), Handballen (ebenfalls einige), Hinterbacken (dito) einen komplexen undeutschen Rhythmus auf die Straße, schon befand ich mich in Höhe der Beeren einer krautig gelösten Böschung, einem ginsterartig gestalteten Gebüsch voller versteckter Würmer und Viren. Ich mußte das alles zerstören oder mich tarnen: meine Superfähigkeiten transformierten mich automatisch in einen Wachtelkönig – aussterbend krexte ich unter den Leitplanken, bis Linie und Gewißheit zurückkehrten. Der Himmel, den ich so lange aus Rückenlage betrachtet hatte, bis sich die gesamte Welt darin wiederfand, befleißigte sich nun leidlich blauend der Wolkenbäusche aus den Kraftwerkschloten und einiger schwarzer Vögel, spielte sozusagen sich selbst in aller verfügbaren Reinheit (über deren relative Verfügbarkeit keinerlei Diskussion aufkam), es galt offenbar, den Sinn des Ganzen zu knacken, „Sinn“: drei Buchstaben auf ein Vierbuchstabenwort verteilt, klanglich ließ sich noch „ins“ assoziieren, aber ins was? Inszenierung? Sicherlich. Hm, mal ein Weilchen drüber nachdenken. Es liegt in meiner Hand. Ich werde die Sprachen wieder abschaffen. G.

Doppeldom

doppeldom_paz

(Foto: Paz Levinson)

Tod auf dem Rhein

Ludwigshafen entvölkert sich stückerweise, somit drastisch, nach und nach, zumindest in der Schiffsbauer- und Motorrennstallszene, und Kommissarin Odenthal joggt über/durch Pfälzer und badisch Beton`n`Unkraut aus Achtzigerjahreschablonen (Licht: Deutschlands schönstes Aschermittwochsgrau, von unentschiedenen Pastellwerten aufgelockert), aus denen auch die Haarschnitte des Personals rühren, unterfüttert das Ganze von schlaffördernden Kameraeinstellungen, Schnitten, Dialogen, produziert im laufenden Jahr 2010. Der Rhein: dargestellt als pissige Feindseligkeit oder vergrützte Hafenbrühe, befahren von einfältiger, pointenloser Wasserpolizei. Dann jene gesichtszerpickte Leiche („Möwen!“ – obgleich der Kopf nach unten im Schlamm lag: Schlammmöwen womöglich) aus dem Grundkurs Schminken und wieder schwappt da etwas von der Kamera degradiertes im Hintergrund, das in all seiner orkischen Reduziertheit dennoch unmöglich als Deutschlands Schicksalsstrom durchgehen darf. Viel zu pieselig. Würdelos. Klein. Kurz vorm Umschalten ein Umschalten in tiefere (tiefergelegte?) Gedanken, als simple Fragen formuliert: ist das alles etwa Absicht? Gemeint als Reminiszenz an den schlechten Geschmack und seine stilbildenden Ausgeburten unserer Jugendjahre? Gab es ein unausgesprochenes Regieexperiment? Wurde versucht, mit Helmut Kohls ästhetischen Maßstäben zu agieren? Mit David Hasselhoffs? Mit beider? Der Rhein floß schon durch einige Tatortfolgen (Duisburg, Düsseldorf, Köln), ein so abgebracktes Antlitz wie in diesem Ludwigshafen-Hockenheimer zeigte er dabei selten. Ähnlich wie damals die Achtzigerjahre löst sich dieser Tatort schließlich mehr oder weniger von selbst. Und bleibt trotzdem unangenehm hängen.