Monatsarchiv für März 2010

 
 

Rheinische Frühheidi

urheidiAuf der Suche nach den unsagbar wertvollen, da glückbringenden Lochsteinen, die oft jahrzehntelang vergeblich verläuft, gelang oder passierte Rheinsein, auf einer der üblichen efemeren Kiesbänke unweit des Elandorfs Schaan, der Fund einer neolithischen Rheinzeichnung, i.e. einer vom Rhein aus Stein geschürften Hydrografie. Motiv: die freischwingende Anwohnerin (der Einfachheit halber vom Finder “Heidi” genannt) grüßt im Tanzritual ihre Bergkuppen, während sie bereits bis zum Oberschenkelhals im Wasser (als untere Bildmitte durchlaufende Rheinwelle angedeutet) steht – äußerst frühes, den gängigen Jagdszenen abgewandtes Bildzeugnis für die präapokalyptischen Errungenschaften der Sorglosigkeit, des Trotzes, der Freude und des Widerstands (gar alle vier in Einem)! Der frohlückend-frühlockenhafte Strich am oberen Bildrand zeigt in typischer Spiraltechnik Heidis von metafysischem Dauerbrand gewirrten Sonnenschädel, der sich in aufkommendem Föhnwind löst. Die so einfach gehaltene wie hochkomplexe Komposition weist nach heutigen Deutungsmaßstäben auf Magie und Ekstase, zwei nach wie vor rätselbehaftete Um- und Zustände menschlichen Wesens wie Empfindens.

Rheinsein-Lesung in Neuss-Holzheim

Anfahrt mim Direktzug Köln-Holzheim. Am Kölner Gleis jedoch steht als Zielbahnhof Bedburg/Erft angeschrieben, wo immer an der Erft (die wo immer auch langfließen mag) das liegen mag. Im Zug weiß niemand Auskunft, ob derselbe nach Neuss weiterfährt, jedenfalls verläßt er Köln Richtung Westen und steuert schnell in kraftwerkbestandnes Ödland, und, wie es scheint, in zierlichen Spiralschlaufen Richtung Holland. Holzheim läge unterdessen im Schnitt ostnordöstlich, oder diagonal zur Fahrtrichtung verschoben, berechne ich – und ob ich wohl je zu meiner Lesung eintreffen werde – während gartenzwergische Ortschaften mit Namen wie Glesch, Paffendorf, gar Gustorf in der Matschlandschaft auftauchen und wieder verschwinden. Ortschaften, die eigentlich nicht allzuweit von Köln entfernt liegen dürften, deren Namen mir in ach so vielen Jahren bisher noch nicht untergekommen waren. Die absolute Rheinlosigkeit dieser Rheinland genannten Region erschwert allerdings grundlegend die Orientierung, auch der aus Kraftwerken und Scheinkraftwerken gespeiste Himmel mit seinen weitläufigen Verschiebungen und heimlichen Positionswechseln, vielleicht bewegt sich der Zug in Wirklichkeit ja strikt geradeaus und einfach nur extrem langsam. Es sind eher hilflose und sowieso nutzlose Berechnungen, die ich dort im Zug anstelle, während das Publikum, das sich an jedem Halt neu austauscht, zunehmend wildere, bedrohlichere Züge entfaltet. Hätte ich mich statt in diesen sogenannten Direktzug auf meinen altes Fahrrad gesetzt, wäre längst die südliche Neusser Perfiferie erreicht, mutmaße ich, während der Uhrzeiger gegenläufige Bewegungen zu jenen des quietschenden Zuges auszuführen scheint. Als der eine Ortschaft namens Frimmersdorf ansteuert, höre ich zwangsweise zwei jüngst mitten in der Landschaft zugestiegenen Teenagern, die zwar ebenfalls keine Ahnung haben, ob der Zug nach Neuss weiterfährt, dafür aber explizite Ansichten zu gepflegtem Äußerem und Partnerwahl, zu: „Hab hier noch nie einen aussteigen sehen, hört sich schon so scheiße an, Frimmmersdooorf“ „Eh, guck mal, an der Laterne steht: wir ficken euch alle!“ Es versucht dann tatsächlich eine Herde Halbwüchsiger dort einzusteigen, die sich in tierlautähnlichem Idiom verständigt, schon drängen sie sich mit Chips und Coladosen gerüstet den Waggons entgegen, blockieren die Türen, der Zug verschnauft, offenbar planmäßig, denn kurz darauf wird die Fahrt von eigens für diesen Bahnhof engagierten Jugendlichenwegklatschern wieder freigegeben. Ein paar fette Mädchen habens hineingeschafft, rufen sich Jenny, Esme und Natural und dürften wohl zwei drei Beauty Salons im Dorf rechtfertigen. Großes Aussteigen dann nach wenigen weiteren Stunden Fahrt in Grevenbroich, und ein kundiger Zugestiegener weiß glaubhaft zu berichten, der nächste Halt hieße Holzheim („wo der Kling begraben liegt“). Über die anschließende Lesung berichtet der Cineastentreff. Die Rückfahrt auf der Umsteigestrecke dauerte dann deutlich kürzer, vielleicht auch, weil eine versehentlich mit der Bahn statt in Bonn in Neuss gelandete mondäne junge Dame schräg gegenüber, während wir auf die weithin sichtbare Zielmarke des Kölner Doms zuhielten, einen partygeilen Religionslehrer mit ihren Ansichten und Fragen zum Thema „Satanismus unter Prominenten“ zutextete.

Schikos Rhein

Hagen-in-WormsDer Düsseldorfer Fotograf Schiko (der Link führt zu seiner Website inkl. schönem Fotoblog) hat meine literarischen Anfänge in den frühen 90ern begleitet, mal als Aktionist in den stark rheinisch gefärbten Seminaren von Frau Cepl-Kaufmann, mal als Sänger meiner Lieder und natürlich mit der Kamera. Jüngst trafen wir uns bei der Rheinsein-Lesung in Neuss-Holzheim wieder, wo Schiko erzählte, daß er inzwischen den Rhein fotografiert habe. Ich werde nach und nach einige seiner Rheinszenen hier einstellen und, soweit bereits möglich, mit meinen Blicken abgleichen. Diese Aufnahme zeigt Hagen von Tronje beim Verklappen des Rheingolds in Worms. Gleich starte  ich den Versuch, mit dem Zug an Worms vorbeizufahren, und bin gespannt, ob es wirklich klappt. Evtl muß ich die Strecke am Laptop umleiten. Denn Worms und Umgebung fehlen bisher auf meiner Karte der abgeschrittenen Rheinstrecken – bestenfalls vage kann ich mich an einen Besuch der Stadt in meiner Kindheit erinnern: nichts als Kopfsteinpflaster.

Sieben Jahre Bau am Gotthard

Sechshundert Mann und ein gescheitertes Bordell: der Sedruner Filmemacher Gieri Venzin findet seine Themen direkt vor und hinter den Pforten seines kleinen vorderrheinischen Dorfes, einem an manchen Stellen bereits geschliffenen, im Grunde aber immer noch als weitgehend roh auffaßbaren Diamanten der Surselva. Als ich vergangenen November dort herumstapfte, um erstmals den Rhein zu überspringen, fand ich wiederum, auf dem Weg zum alpin dahinplitscherplätschernden Fluß, der vom Hauptdorf einen für Flachländer schon ganz ordentlichen, zudem vereisten Hang hinabführte, ein vermeintliches Industriegebiet, das in Wirklichkeit den Ein- und/oder Ausgang der „Neuen Eisenbahn-Alpentransversale“ (NEAT) vorstellte, mit 57 Kilometern durch den Gotthard aktuell der längste Tunnel der Welt. La ruosna, das Loch, wird dieser Ort von den Einheimischen genannt, was sofort an das Kölner Loch erinnert, in dem vor fast genau einem Jahr das hiesige Stadtarchiv und zwei junge Männer verschwanden. Was das sursilvanische Loch angeht, habe man, was bei dergleichen Vorhaben selten sei, noch niemanden verloren und habe ich seine Bedeutung erst durch Venzins Langzeitdoku „Sieben Jahre Bau am Gotthard“ begriffen, obschon im Hauptdorf der Bau unübersehbar ausgeschildert und erklärt steht: mir war das gigantische Projekt in diesem zaubrischen Tal einfach unvorstellbar – die Wohncontainer für die Arbeiter z.B. hielt ich für abgefeimte Skitouristenunterkünfte und ähnliche Fehleinschätzungen mehr. Wahnsinn, dachte ich immer noch, als der Film mir längst erklärte, für Sedrun sei mit der „Porta Alpina“ ein unterirdischer Bahnhof geplant, dessen Ausmaße, zumindest in den im Film gezeigten Modellen, an Berliner Hauptstadtumbauten erinnerten, für ein 1500-Einwohner-Dorf, wohlgemerkt. Das aber mit 600 Tunnelarbeitern aus Italien, Österreich, Deutschland und der restlichen Schweiz natürlich erheblich aufgestockt und durcheinandergerüttelt wurde, „frisches Blut, das dem Tal ganz gut bekommen sei“ wie ein lokaler Politiker sinngemäß zum Ende des Films konstatiert. Welcher einerseits vom Vortrieb (mit riesigen Rollmeißelbohrern: 62zähnige Antisteinmonster) im Berginneren, andererseits von den Hoffnungen und Befürchtungen der Dorfbevölkerung samt mehr oder minder auf Zeit zugezogener Mineure handelt. Besonders eindrücklich die Geschichte eines Sedruners, der die Bauarbeiten als Chance für sein Geschäftsmodell „Bordell, Restaurant, Tanz- und Nachtbar, das/die einzige seines/ihresgleichen weit und breit“ betrachtet, jedoch über mangelnden Zulauf und Behördenrestriktionen zum Alkoholiker und zwei Jahre später wieder trocken wird, um seinen mittlerweile abgewrackten Schuppen erneut, diesmal rein gastronomisch und colatrinkend, zu betreiben. Ein toller Film, für dessen Ausstrahlung man unseren Kultursendern (in diesem Fall 3SAT) ernsthaft dankbar sein darf.

Schwester Else

DER ANGRIFF AUF DÜSSELDORF – 11./12. JUNI 1943
(…) Als wir nach dem langen Alarm mit seiner ungeheuren Spannung, die ein Angriff in unmittelbarer Nähe immer mit sich brachte, wie betäubt aus dem Keller kamen, noch kaum fassen konnten, daß unsere Häuser unversehrt waren, gingen wir wie immer in solchem Fall auf den Söller. Aus den oberen Fenstern sahen wir, als die Sommersonne aufgegangen war, einen klarblauen Himmel. Nur über Düsseldorf lag es wie eine drohende schwarze Gewitterwolke. Da wußten wir, es mußte schlimm stehen. Schnell versuchten wir, wie stets nach den Angriffen in unserer Nähe, irgendeine Fahrmöglichkeit zu bekommen. Unsere Wagen waren ja seit den ersten Kriegstagen beschlagnahmt. (…) Je näher wir kamen, umso dunkler wurde es. Wie Nebel zog es vor die Sonne, die schließlich nur noch wie eine große Apfelsine, ohne jeden Schein, erschien; und der Brandgeruch wurde immer ätzender. Bis zum Hofgarten sind wir gekommen. Da lagen entwurzelte und abgeschlagene Bäume quer über der Straße. Kein Wagen konnte mehr fahren. Dort trennten wir uns, um so schnell wie möglich zu all unseren Stationen zu kommen. Noch heute sehe ich den einen der beiden Türme der Johanneskirche brennen, die glühende Spitze des Eisengerüstes umgebogen. Unten war alles abgesperrt. – Der Turm konnte jeden Augenblick stürzen. Wir durchquerten das abgesperrte Gebiet, mußten wir doch auf schnellstem Wege zur Stephanienstraße. In dieser Straße war es menschenleer. Unheimlich hörte man nur das Knistern und Krachen der Balken. Alle Häuser brannten. Man hatte es wohl aufgegeben, noch irgendwo zu retten und zu löschen. Als wir vor dem brennenden, hohen Hause unserer Handarbeitsschule standen, sagte Pastor Lüttichau nur ganz kurz: „Daß hier niemand mehr ist, das sehen wir ja, also weiter.“ Später trafen wir unterwegs unsere Schwestern – erschöpft, rauchgeschwärzt, mit entzündeten Augen, die Hauben dunkelgelb versengt – ein Anblick, wie wir ihn – ach, noch oft – gehabt haben, wenn wir gleich nach den Angriffen unsere Schwestern fanden. Diesen konnten wir damals nur raten, so schnell wie möglich in unser unversehrtes Kaiserswerth zu kommen. (…) Gehen konnte man nur mitten auf der Fahrstraße, weil die Flammen wie Sturmwind aus den brennenden Häusern in die Straße hinausschlugen, obgleich es ein ganz windstiller Tag war. (…) Dieses Mal (…) war das Evangelische Krankenhaus am Fürstenwall so mitgenommen, daß alle Kranken und die vielen Verletzten, die in der Nacht ambulant behandelt waren, in andere Krankenhäuser überführt werden mußten. Einen Anblick werde ich nie vergessen: Am Eingang stand ein Krankenwagen. Mehrere rauchvergiftete Kinder wurden herausgehoben. Unserer Schwester Else, selbst kaum kenntlich, so mitgenommen und rauchgeschwärzt sah sie aus, wurde ein Kleines in die Arme gelegt, dessen Kopf und Glieder schlaff herabhingen, und aus Schwester Elses traurigem, leisem Kopfschütteln sah ich, daß hier die Hilfe zu spät gekommen ist. (…) Alles, was an wirklich heldenhaftem Einsatz geleistet worden war in der Nacht – auch von ganz jungen Schülerinnen – erfuhren wir nach und nach: wie z. B. eine Schülerin so eifrig beim Löschen auf einer Station war, daß sie nicht bemerkt hatte, daß unter ihr bereits das Treppenhaus brannte. Schwester Else und andere rissen in größter Eile alles erreichbare Bettzeug in den Lichtschacht. So konnte sie durch den Sprung von oben gerettet werden. (…) Einen kurzen Augenblick standen wir erschüttert vor dem Kindergarten in der Ulmenstraße, von dem buchstäblich nichts mehr stand als die Grund-Eckpfeiler. (…) Als wir über unsere Stationen Bescheid wußten, eilten wir zurück nach Kaiserswerth, denn dahin strömte nun – mit und ohne Einladung – eine zahllose Schar Obdachloser. (…)

(aus: Schwester Karin von Ruckteschell – Gedenket, Duisburg 1960)

Roter Rhein (2)

Auwaldhütte, 14. April 1940
Am frühen Morgen weckten mich die Maschinengewehre vom Panzerwerk »Roter Rhein« – das neue in der oberen Scharte des Panzerturmes und das überschwere, das unseren rechten Flügel flankiert. Ich rief Erichson an und gab ihm Feuerbefehl. Dann fuhr ich, nachdem ich mich hastig angezogen hatte, mit dem Rade durch den Auwald nach vorn.
Kurz vor dem Stand geriet ich in eine Garbe, die in die Pappelstämme klatschte, und suchte eilig den Verbindungsgraben auf. Spinelli, der bereits an Ort und Stelle war und mit der Besatzung hinter der Betonwand des Bunkers stand, winkte mich richtig ein. Ich ließ zwei schwere Gewehre auf die Scharten richten und teilte Scharfschützen ein. Dann ging ich, um noch einen guten Richtschützen zuzuziehen, zu Erichson, in dessen Kampfraum ich den Krankenträger fand. Er war damit beschäftigt, Erichson zu verbinden, der stark am Halse blutete, auch hatte er drei Schützen, die durch Splitter verletzt waren, mit Jod betupft. Sie waren alle benommen wie Fische, die plötzlich an die Luft gezogen worden sind.
Ich hörte, daß ein Schartentreffer mit lautem Knall und einem Feuerstrahl im Raum auseinandergeflogen war. Andere Geschosse hatten das Maschinengewehr am Lauf getroffen und das Zielfernrohr gekappt, das auf dem Tische lag. Zum Glück war auch Erichson nur leicht verletzt, so daß ich mich gleich wieder zu jenem Stande begeben konnte, der unser Brennpunkt ist.
Die Garben strichen noch durch den Wald, in dem mir der Verbindungsgraben zustatten kam. Freilich war er noch nicht durchlaufend ausgebaut, so daß es auch Stücke zu überspringen gab. Sehr gut die Kalkulation an Strecken, an denen es so über Deckung geht. Der Geist stellt immer eine scharfe Wahrscheinlichkeitsrechnung an, ehe der Körper springt.
Vor dem Stande hatte Spinelli schon alles aufgebaut. Ich ging noch einmal an das Scherenfernrohr und visierte die Scharte an, aus deren Schlitz ein neues und stärkeres Gewehr als jenes vor unserer letzten Räucherung hervorragte. Nachdem ich den Richtschützen eingeschärft hatte, daß es von ihnen abhänge, ob der Beschuß ernsthaft erwidert würde oder nicht, gab ich das Feuer frei. In diesem Augenblick strichen drüben, wie vor einer Zauberhandlung, zwei Elstern mit leuchtend weißem und erzgrünem Schimmer von den Bäumen über die Kuppel ab.

(aus: Ernst Jünger – Gärten und Strassen [Sämtliche Werke, 1. Abteilung, Tagebücher Bd. 2 – Strahlungen I])

Roter Rhein

Auwaldhütte, 29. März 1940
Die Dinge lagen so, daß kurz nach Mittag ein Wachtmeister und ein Gefreiter von der nahen Artilleriebeobachtung gekommen waren, beide Neulinge am Ort. Der Wachtmeister äußerte den Wunsch, die von Geschoßeinschlägen besäte Stirnwand des Bunkers zu photographieren, und ohne auf die Warnungen des Unteroffiziers zu hören, stieg er, gefolgt von dem Gefreiten, über den hohen Aufwurf des Werkes zum Rheinufer hinab. Im gleichen Augenblick begann von drüben aus dem Panzerwerke »Roter Rhein«, in dem rabiate Burschen hausen, ein Maschinengewehr zu spielen, und die beiden Artilleristen blieben auf der grünen Böschung liegen, die weithin sichtbar ist. Der eine hatte noch gerufen, vom anderen hatte man nichts mehr gehört.
Nachdem ich den Ort besichtigt hatte, beschloß ich, die beiden zu bergen, was freilich auf dem Wege, den sie genommen hatten, unmöglich war. Vielmehr mußte links von dem Bunker ein breiter Drahtverhau zur Annäherung durchschnitten werden, und zwar derart, daß die Arbeit durch einen Saum von dürrem Gras getarnt wurde, das zwischen den Uferbäumen wuchs.
Inzwischen war auch Spinelli angekommen, und wir folgten den Leuten, die kriechend die Gasse schnitten, bis nach einer guten halben Stunde der Weg geöffnet war. Zwischen den Bäumen hingen noch einige Tarnmatten aus gelbem Rohr, die gegen den gröbsten Einblick deckten, dann waren bis zu den beiden liegenden Gestalten noch etwa fünfzehn Schritte zu tun. Die Feste »Roter Rhein« war gegen vierhundert Meter weit entfernt.

(aus: Ernst Jünger – Gärten und Strassen [Sämtliche Werke, 1. Abteilung, Tagebücher Bd. 2 – Strahlungen I])

Azolla

Bei Greffern, 18. November 1939
Seit vorgestern Hochwasser. Der Rhein schießt mit großer Geschwindigkeit dahin. Der Strom führt Balken, Flaschen, Kanister, tote Tiere mit. Wo er den Drahtverhau erreicht, setzt sich in Gürteln eine kleine Wasserpflanze an, deren zartgrüne Oberfläche durch angeperlte Luft versilbert wird. Es ist die amerikanische Azolla, die zu den Wasserfarnen zählt und bei uns an manchen Stellen in Massen verwilderte. Im Freien begegne ich ihr in Deutschland zum ersten Mal.
Zuweilen treiben auch Pontons und große Brückenteile den Strom hinab und ziehen von beiden Ufern lebhaftes Feuer an. Man merkt, daß in der Gegend an Waffen nicht Mangel herrscht. Wenn man sich auf der Erde auch sorglos zeigen darf, sind doch das Wasser und die Luft tabu.
Verschiedene Bunker vor dem Hochwasserdamm sind fast abgeschnitten und drohen zu versaufen, wenn das Wasser weiter steigt. Ich halte daher Floßsäcke und Schlauchboote bereit. Auch bauen die Pioniere Laufstege, die freilich den Nachteil haben, daß sie von drüben einzusehen sind. Sie werden daher mit Schilf getarnt. Ich benutze die Gelegenheit, mir beim Pionierdepot Schnittholz zu bestellen, da ich mir eine Hütte als Einsiedelei erbauen lassen will. Man muß sich einrichten.

(aus: Ernst Jünger – Gärten und Strassen [Sämtliche Werke, 1. Abteilung, Tagebücher Bd. 2 – Strahlungen I])

Rheinzitat

“Der Rhein is lang” (Freddy Schenk in der Tatort-Folge “Bermuda”)

Randnotiz (2)

Es müssen in einem Rheinepos neben den schönsten kenternden Kanutinnen (welche nachher auf Kenterschoppendionysien zu großen Worten und gern überrheinischer Strahlkraft auflaufen dürfen) natürlich auch Sprayer vorkommen, die gesamte Rheinschiene ist ja heuer besprayt, und so werden es wohl zwei drei vier Jungs sein müssen mit zackigen Bindestrichnamen (A-dam, B-boy, C-C, D-Bill – wird schon noch zackiger gehen…), nachts, die dann völlig abkapuzt oder zumindest unter irgendwelchen so und so rum aufgesetzten Käppis ihre leuchtenden THC-gestützten Bilder denken, während sie drahtig von Brücken hangeln oder sich von Güterzügen die Schlabberhosen schrabben lassen, ihre deformierten Blähstaben und knalligen Fabelfiguren da anbringen auf großflächigem Nachtssindallemauerngrau. Sie sind flink aufn Beinen (tragen immer den angesagtesten Turnschuh), aber die Treibgase der Normfarbdosen sind in den zum Dosenstehlen vorgesehenen Regalen von Mitarbeitern der Heimwerkerbedarfsgroßmärkte in geheimer Absprache mit städtischen Sprayerjägern (z.B. im gesamten Bonner Raum) mit einigem Unerlaubtem, das die Sprayer ein bißchen doof macht und sowieso Minisendern zur Ortung (im Dosenboden bzw den Klimperkugeln) versetzt, weswegen sie, dieweil sie sich an der Westseite des Lärmschutzwalls zu schaffen machen, noch bevor sie überhaupt raffen, daß der auch eine Ostseite besitzt, die von den Ausflugsschiffen her z.B. viel besser wahrgenommen würde (oder man müßte sich das alles halt ersma spiegelverkehrt vorstellen, also von der anderen Rheinseite aus, sodaß Drachenfels und Rolandsbogen übernacht die Plätze tauschten – was sie ja auch tun an bestimmten Tagen, deren Quersumme eine Primzahl ergibt), bevor die artists also in die nächste Stunde langen mit ihren spritzenden Armen, werden sie umstellt von ziemlich dicken Spezialkräften der Stadtverwaltung (in schwarzen Stadtverwaltungsblousons mit feisten Logos drauf), deren Motive jedoch keineswegs im Vorsjugendgerichtbringen oder gar Rückvergrauen der Lärmschutzwände bestehen, sondern schlicht und archaisch im Ausüben alttestamentarischer Racheformen, weswegen sie die Sprayer, dh deren Körper, unter befriedigten Lautäußerungen und handwerklich garnicht mal so schlecht, denn sie haben sogar in ihrer Freizeit unten im Hobbykeller geübt, von unten bis oben und wieder zurück mit städtischem Restlack besprayen, im Dunkeln, weswegen sie den ein oder andern Sohn oder Neffen auch erstmal garnicht erkennen, denen noch ein paar Verwaltungsparagrafen „ins face taggen“, das müßte nicht zwingend Bonn sein, das könnte fast überall spielen, als zeitgenössische Anwendung altgriechisch-trojanischer und nibelungischer Vorgaben.