Rheinlänge

Ein Artikel in der Onlineausgabe der Süddeutschen Zeitung bestätigt heute eine Vermutung, die bereits im Januar diesen Jahres auf Rheinsein vermeldet wurde: die „offizielle“ Rheinlänge von 1320 Kilometern (wie in gängigen Lexika und Schulbüchern zu finden und von staatlichen und wissenschaftlichen Institutionen zugrunde gelegt und verbreitet) fußt auf einem Irrtum, der sich vor ca. 80 Jahren mittels unkonventioneller Übernahmen (vermutlich eines Zahlendrehers) berufskritischer Fachleute ins allgemeine Bewußtsein geschlichen und dort mit mitöser Rasanz zu Normalität multipliziert haben soll. Wozu ein solches führt? Natürlich zu Konferenzen. Es sind ja Legionen Beamte, Wissenschaftler, Politiker (bis in die höheren Kreise), wenn nicht gar Militärs mit dem Thema befaßt. Da gibt es z.B.: das Umweltbundesamt, die aus Vertretern mehrerer Staaten bestehende Kommission für die Hydrologie des Rheingebiets, die Bundesanstalt für Gewässerkunde oder de Rijkswaterstaat (mit Sprecherin Ankie Pannekoek) usw. usw., sowie einen ganzen Rattenschwanz von Museen, Schulbuchverlagen und Kilometersteinherstellern usw. usf. Und was wird auf solch kommenden Konferenzen betrieben werden? Die fortgesetzte Unmöglichkeit, wenn nicht Engstirnigkeit, eine exakte Rheinlänge feststellen zu wollen – in tiefstem Grunde/richtig verstanden ein hochpoetisches Verfahren, das jedoch weiterhin ohne Poetenzutun und daher streng beamtenprosaisch verlaufen wird: profezeiht zumindest Rheinsein, das seine poetischen RheinexpertInnen ansonsten sorglos/bis auf weiteres in der Hinterhand behält.


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Ein Kommentar zu “Rheinlänge”

  1. Hubert Pauly
    2. April 2014 um 10:13

    Zur “Rheinlänge”, die es als absolute nicht geben kann, daher besser gesagt als Näherungswerte zur Rheinlänge kursierten aber auch stets Zahlen, die der Wahrheit näher kamen, so bei Hübner (“Der Rhein. Von den Quellen bis zu den Mündungen”):

    “Für Vermessung und Kilometerangaben gibt es drei wichtige Punkte: den Zusammenfluß von Vorderrhein und Hinterrhein bei Reichenau/Tamins in Graubünden, die Rheinbrücke bei Konstanz und die mittlere Rheinbrücke in Basel als Beginn der Hochsee-Schiffahrt. Die Angaben über die Länge waren bis ins 18. Jahrhundert völlig ungenau. Die Rheinregulierungen haben den Strom allein am Oberrhein um 100 Kilometer verkürzt. Während die Länge nach antiken Schriftstellern, die auf Ptolemäus fußen, zwischen 550 Kilometer und 1100 Kilometer schwankt, während nach einer badischen wissenschaftlichen Veröffentlichung des Centralbureaus für Meteorologie und Hydrographie 1360 Kilometer angegeben werden, beträgt nach einer ganz neuen Tabelle der “Beiträge zur Rheinkunde” des Koblenzer Rheinmuseums die Länge entsprechend der internationalen Kilometrierung 1237,6 Kilometer. (…)”

    Diese “ganz neue” Tabelle wurde in den Siebzigern erstellt und errechnet sich aus Angaben etwa des Eidgenössischen Amtes für Straßen- und Flussbau. Man möchte ja garnicht unbedingt wissen, was amtsbeflissene Personen sich zu Zeiten alles zurechtmessen. Ich kenne da Geschichten, ein Verwandter arbeitet bei den Behörden. Und warum eine Zählung des Koblenzer Rheinmuseums sich nicht durchsetzen konnte, bleibt schleierhaft. Hübner, ein Journalist von altem Schlage, arbeitete im Allgemeinen gewissenhaft und präzise, und so ist es wenig erstaunlich, daß er (ausgerechnet?) diese plausibel wirkende Tabelle zu Hilfe nimmt. Die noch viel falscheren “offiziellen” Rheinlängen müßten seinerzeit laut Ihres Artikels überwogen haben. Da ist es doch erstaunlich, daß selbst der vielgelesene Hübner keine Richtigstellung bewirkte. Was, wenn wir in vierzig Jahren eine gänzlich andere Zahl erhalten, nur weil einer, der es wirklich wissen will, persönlich mit dem Hodometer loszieht?

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