Melander

Beim Spaziergang durch Schaans hanglagiges Villenviertel: Max Frischs Haus existiert nurmehr als restgeisterfüllte Baulücke und im Gartenteich des saarländischen Öko-Putzmittelkönigs Hans Raab tummeln sich fette dunkle flossige Gestalten, die auf eine ungeheure Geschichte weisen, die jüngst zum Erliegen gekommene Fisch-Frankensteiniade in Oberriet im St. Galler Rheintal: dort nämlich wurde unter Raabs Regie der Melander erfunden, der „perfekte Fisch“, der „Fisch der Zukunft“, unzweifelhaft ein Fisch großer Attribute und Hightechtier, Resultat aus der Kreuzung (hierzu variieren die Meldungen: zweier/dreier afrikanischer/indischer, jedenfalls:) diverser Welsarten, ein nährstoffideales Geschöpf, das weder Bächlein, Fluß, Teich, See noch Ozean je kannte, stattdessen in industriellen, biologisch gereinigten Thermalwasserbecken heranwuchs, mastbeschleuniger-, medikamente- und chemiezusatzfrei mit Soja und Mais gefüttert bis zur Schlachtreife, um darauf, seiner einzigen Bestimmung gemäß, in „Melander Filet“, „Melander geräuchert“, „Melander Wienerli“, „Melander Weisse“, „Melander Brätling weiss“ und „Melander Schnitt-Paté, mild und pikant“ verarbeitet zu werden. Die Produktion sollte 2009 auf fünf Tonnen täglich hochgefahren werden, somit pro Woche die bisherige Fisch-Jahresproduktion der Ostschweiz übertreffen und insgesamt die schweizerische, hauptsächlich aus Forellen bestehende, exotisierendst verdoppeln. Wurde, kannte, wuchs und sollte: die Melander-Fischfabrik ist seit diesem Februar amtlich geschlossen, die Produktion eingestellt, „zwei Veterinäre des Kantons bestätigten (…) nach einer über einstündigen Kontrolle (…), dass sich in der Fischfarm keinerlei lebendige oder geschlachtete Fische mehr befinden“. Zur Schließung kam es nach einigem Rechtsstreit über das Tötungsverfahren, welcher ein multiples Presseecho mit typisch schweizerisch-deutschem Nachhallali und einen Herzinfarkt beim Melander-Schöpfer auslöste. Wo aber ist seither der Melander (ein kürzestes Kapitel der Evolution?) abgeblieben? Konnten ein paar Exemplare Richtung Rhein entfleuchen, ganz ähnlich Dr. Frankensteins galvanischem Sohn? Antennen sie dort herum, axolotln gar und/oder schaffen sich in neue Sagen ein? (Die Zeit wird’s weisen, die Zeit allein.)


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Ein Kommentar zu “Melander”

  1. Litblogs.net – Lesezeichen 1 | 2010
    23. April 2010 um 04:14

    [...] Melander von Stan Lafleur rheinsein [...]

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