Monatsarchiv für März 2010

 
 

Challenge League Match im Rheinpark-Stadion zu Vaduz

Gestern mit Martin Smyrk im Rheinpark-Stadion, das Match zwischen den rheinischen Giganten der Schweizer Challenge League, FC Vaduz und FC Schaffhausen, zu verfolgen. Smyrk besorgte Freikarten für die Haupttribüne, sagte fatalistisch, die würden im ganzen Land verteilt, damit überhaupt noch jemand zu den Spielen gehe, und so genossen wir wahlweise einen prächtigen Blick aufs Spielfeld (durch Pierre „Litti“ Littbarskis exemplarische O-Beine – Litti, der momentan den Gentleman-Trainer des FC Vaduz abgibt) oder, wenn auf dem Feld nicht so viel los war, auf das romantisch-postkartinöse Schweizpanorama oberhalb der Gegentribüne mit seinen schneebekuppt-frühlingsgrünen Höhenzügen unter babyblauen Himmeln – soweit vorhanden zumindest, denn im Laufe des Matches zog sich die Schweiz hinter eine schwere schwarze Leere aus fortgeschrittener, aber verregneter Lichtlosigkeit zurück, wahrscheinlich auf irgendeine Konferenz. Auf der Südtribüne verlor sich unterdessen (inkl Kindern) ein knappes Dutzend Gästefans, ein fähnleinschwingender Haufe, der sich auf mitgeführtem Banner artig „Abarticus“ nannte und im Spielverlauf (evtl mittels Bierkonsum) sowohl eine wundersame Vermehrung an Fähnlein wie Personal voll- (es war grad noch so zu fassen), als auch, auf der blechernen Bandenwerbung, eine veritable Guggenmusik abzog, nebst Gesang, während die apathischen Heimfans bis ca zur sechzigsten Spielminute brauchten, um sich ein „uusse mit Schaffhuuse“ zurechtzudichten und hinauszushouten, da war der Fanslam jedoch längst zugunsten der Gästegruppe mit dem lustigen Namen entschieden, wenngleich auch jener der heimischen Supportertruppe, nämlich „Vaduz Nord“, nicht eines gewissen, nämlich subtilen Humors entbehrte. Zum Spiel bleibt nicht viel zu sagen: Smyrk erklärte mir emotionslos das schweizerisch-liechtensteinische Abseits, Littis rechter Zeigefinger kreiste und markierte oldschoolne Fußballgeheimzeichen in den flutlichtnen Dauerregen, Codes, die seine langaufgeschossenen Spieler aber nicht zu lesen vermochten, weshalb sie denn auch sang- und klangarm mit 1 zu 3 untergingen; auf der Gegentribüne immerhin schrie ein einzelner Irrer sich die Lunge aus dem Leib und fuchtelte mit den Armen, als setze er zum Rundflug an (kurz darauf war er tatsächlich verschwunden) und die lasche Fünffrankenservela ward mit noch lascherem Senf, dafür einer straffen Scheibe Brot serviert. 605 Zuschauer, für deren Besuch man sich bedanke, waren, kündete die Anzeigetafel irgendwann Mitte zweiter Halbzeit, im Stadion, und Martin Smyrk und ich zwei davon, wie uns klar wurde, als ebenjene Zuschauermassen auf der Anzeigetafel mittels simpsonesken Comicvisagen dargestellt wurden: Teil der Geschichte waren wir, jaha, jener großartigen, stets sich fortschreibenden rheinischen, allzu häufig parallel verlaufenden Geschichte der Siege, Unentschieden und Niederlagen, die auf dem gepflegten Rasen vor und im Stadionrund um uns derart symbolisch wie leibhaftig Entsprechung fand, daß wir uns beinahe küssten, so licht war dieser Erkenntnismoment, so klar und so erhaben. Der große Litti analysierte abschließend nach dem Match und durch die zunehmende Entfernung zu uns und/oder sich selbst immer kleiner werdend im Niesel das Geschehene fürs liechtensteinische Fernsehen, das es mittlerweile gibt und stattdessen aber lieber noch einmal das beliebte Portrait über den Schaaner Handorgelverein brachte, der dringend neue Mitglieder sucht.

Rheinlänge

Ein Artikel in der Onlineausgabe der Süddeutschen Zeitung bestätigt heute eine Vermutung, die bereits im Januar diesen Jahres auf Rheinsein vermeldet wurde: die „offizielle“ Rheinlänge von 1320 Kilometern (wie in gängigen Lexika und Schulbüchern zu finden und von staatlichen und wissenschaftlichen Institutionen zugrunde gelegt und verbreitet) fußt auf einem Irrtum, der sich vor ca. 80 Jahren mittels unkonventioneller Übernahmen (vermutlich eines Zahlendrehers) berufskritischer Fachleute ins allgemeine Bewußtsein geschlichen und dort mit mitöser Rasanz zu Normalität multipliziert haben soll. Wozu ein solches führt? Natürlich zu Konferenzen. Es sind ja Legionen Beamte, Wissenschaftler, Politiker (bis in die höheren Kreise), wenn nicht gar Militärs mit dem Thema befaßt. Da gibt es z.B.: das Umweltbundesamt, die aus Vertretern mehrerer Staaten bestehende Kommission für die Hydrologie des Rheingebiets, die Bundesanstalt für Gewässerkunde oder de Rijkswaterstaat (mit Sprecherin Ankie Pannekoek) usw. usw., sowie einen ganzen Rattenschwanz von Museen, Schulbuchverlagen und Kilometersteinherstellern usw. usf. Und was wird auf solch kommenden Konferenzen betrieben werden? Die fortgesetzte Unmöglichkeit, wenn nicht Engstirnigkeit, eine exakte Rheinlänge feststellen zu wollen – in tiefstem Grunde/richtig verstanden ein hochpoetisches Verfahren, das jedoch weiterhin ohne Poetenzutun und daher streng beamtenprosaisch verlaufen wird: profezeiht zumindest Rheinsein, das seine poetischen RheinexpertInnen ansonsten sorglos/bis auf weiteres in der Hinterhand behält.

Schikos Rhein (4)

Rheinfaelle-SchaffhausenDie Rheinfälle zu Schaffhausen, mannigfach bedichtet und hier, an einem jener kolossal-kulissösen Festtage, an denen der Schweizer zum Zeichen seines Wohlstands hektoliterweise Alpenrahm in den Fluß schüttet, von 1a-Dienstleisterwolken beschirmt.

Die Bäder zu Baden

Den ersten Tag kam ich zu Schiff auf dem Rhein nach Schafhausen, sechs kleine Meilen von Kostanz. Wegen des hohen Falles, den der Fluß von Schafhausen aus, über abgerißene, schroffe Felsen macht, mußte ich hernach anderthalb Meilen zu Fuße gehen, und stieg bey einem festen Schloß an der andern Seite aus, welches Kaiserstul genannt wird. Ehedem, vermuthe ich aus dem Namen, ist dieser Ort ein römisches Lager gewesen, wenigstens kan die Lage nicht besser seyn; denn der Strom drängt sich hier unter einem hohen Hügel zusammen, und eine kleine Brücke vereiniget Germanien mit Gallien.
Auf diesem Wege sah ich den Rhein von einem hohen Berg, über dazwischen stehende Klippen, mit einer Wuth und einem Getöse sich herabstürzen, daß man glauben sollte, er klage und bejammere selbst seinen Fall. Hier fiel mir ein, was man von den Katarakten des Nils erzählet, und mich wundert nicht, daß die daran wohnenden Menschen von dem Geräusch und Geprassel taub werden, da man das von diesem Fluße, der gegen jenem nicht vielmehr ist als ein Regenbach, fast eine halbe Stunde weit höret.
Dann kömmt man nach Baden, in der Sprache des Landes von den Bädern so genannt, einer ziemlich wohlhabenden Stadt, die in einem mit Bergen rundum besetzten Thal, an einem großen reissenden Fluße, liegt, der sich anderthalb Meilen davon in den Rhein ergießt. (…)
Die Zahl der öffentlichen sowohl als der Privatbäder beläuft sich auf dreyßig. Für die niedrigste Klasse des Volks aber hat man zwey von allen Seiten offene Plätze, wo Männer, Weiber, Jünglinge und unverheurathete Mädchen, kurz alles, was von Pöbel hier zusammenströmt, sich zugleich baden.
Eine bis an den Boden herabhangende Scheidewand, die jedoch nur Friedfertige abhalten könnte, sondert in diesem die Männer von den Weibern. Lächerlich ist es anzusehen, wie beides alte Mütterchen und junge Mädchen vor den Augen Aller hinabsteigen, und sich, nackt wie sie sind, den Blicken der Männer Preis geben. Oft hat mich dieser sonderbare Auftritt belustigt und mir die Floratischen Spiele ins Gedächtniß gebracht, voll Verwunderung über die Einfalt der Leute, die so wenig die Augen dahin wenden, als sie Arges davon denken, oder reden.
Die Bäder in den Privathäusern sind überaus schön, aber auch diese sind beyden Geschlechtern gemein. Gewisse Scheidungen von Brettern trennen sie zwar, allein es sind in denselben viele niedergelassene Fensterchen angebracht, durch welche man zusammen trinken und reden, von beyden Seiten sich sehen und berühren kann, wie dieses denn häufig geschieht. Ueber denselben hat man Gallerien gebauet, wo sich Mannspersonen zum Zuschauen und Plaudern einfinden. Jeder nämlich, der einen Besuch machen, einen Scherz haben, sich erheitern will, darf in fremde Bäder gehen, und sich in denselben aufhalten, und beym Hereintritt in das Bad und beym Aussteigen das Frauenzimmer, an dem größten Theil des Leibes, nackend sehen.

(aus: Gianfrancesco Poggio Bracciolini – Die Bäder zu Baden in der Schweiz. Eine Beschreibung derselben aus dem fünfzehenten Jahrhundert. Für Schweizer und Ausländer gar nützlich und lustig zu lesen, Florenz 1780)

Bleuler-Ausstellung zu Vaduz

Nahezu unvermeidlich, in den Kulturinstitutionen der Alpenrheinregionen auf Johann Ludwig Bleulers, selbige Landschaften einfangende, Rheinveduten zu stoßen. Neu war Rheinsein allerdings bis gestern, daß Bleuler weit über Graubünden hinaus den gesamten Rhein bereist und dabei die üblichen (plus ein paar weniger übliche) Ansichten unter dem Titel „Les vues les plus pittoresques des bords du Rhin depuis ses sources jusqu`à son embouchure dans la mer“ in Gouache- und Aquatintatechnik als sein Hauptwerk niedergelegt hat. So geschehen zwischen 1827 und 1843, zu je 80 Motiven, die z.B. heuer begradigte Rheinpassagen noch unbegradigt und einen Dampf- und Segelschiffbetrieb von teils bestürzender Heimeligkeit zeigen, dies wiederum gezeigt in einer frisch eröffneten und bis Januar 2011 laufenden Ausstellung im Landesmuseum des Fürstentums Liechtenstein, welches selbst über einen begradigten Rhein verfügt, dessen Sosein in der Gegenwart sich mit Bleulers Blick beinah (nur beinah!) aus dem Museumsfenster abgleichen läßt. Zur Eröffnung gibt es, wie für solche Anlässe weltweit typisch, steif vom Blatt gelesene Dankesworte an den Leihgeber, Schicksalsdaten des Künstlers und einen stellvertretenen, aber herzerfrischenden Gruß der auch für Kultur zuständigen Außenministerin (Gruß zurück!). Die Bilder selbst sind nicht zu sehen, bis es endlich Schnittchen gibt, für die das Vernissagevolk aus dem von ihm selbst beengten und mit Sichtblockaden staffierten Ausstellungsraum zurück in den Vortragssaal strömt. Die Schnittchen wirken glasiert (mit Haarspray gestylt?), der Wein schmeckt (laut Aussage einer Expertin gar nach einer seltenen, angenehm leichten Note alpengekräuterten Kuhdungs – was den roten anbelangt), alternativ gibt’s das berühmte Brauhaus-Bier und nebenan sind noch ein paar Wiegendrucke aus der Anna-Amalia-Bibliothek Weimar zu besichtigen: Bibeln natürlich, das Narrenschiff, aber auch Shakespeare und die vorgeblich erste Dracula-Geschichte aller Zeiten. Ein wohlmeinender Vernissage-Besucher weist Rheinsein auf Bracciolini: Die Bäder zu Baden in der Schweiz. Eine Beschreibung derselben aus dem fünfzehenten Jahrhundert. Für Schweizer und Ausländer gar nützlich und lustig zu lesen – hin und wir werden nachschauen, was es damit auf sich hat, wo die Bezüge zum Rhein stecken mögen und wie nützlich und lustig die Chose aus Ausländersicht tatsächlich ist.

z` Planka

die Hänge: total verhanniwenzelt; aus Märzenbechern
mit ihrem hellgrünen Geruch: Bärlauchsuppe, die rare
Waldpfade beschwappt. Wanderers Asthma besagt:
nach Planken mußtu wahrlich wollen, sons wirttas nix

denn im Hirschen hockt dött der langzahnige Smyrk
bei Chäsröschti & Bier, hockt dött in all seiner familiär
bedingten Heiligkeit (als letzter eingeborner Vetter
zigsten Grads der alten Muttergottes) & nimmts nicht

zu schwer, nimmt den Menschen ihre Sorgen ab am
Berg: mittels selbstverfaßter esoterischer Gedichte
voll Munkenfett & Zauberstaben (über jeden faden
Sprachgebrauch erhaben) – & wie sies ihm danken!

(anstatt ihn ans Bett zu nageln ham sie ihn per Rats-
beschluß ins Internet gestellt, den Smyrk & hoffen
seither auf Touristen & murmeln bei Föhn seine
Verse & behaupten bis heute fest, daß das wirkt)

z` Balzers

zitronös flackernde Luft im Lärm, Lärm der Schnellen
die schäumen beim Abwasch, Bremsen, Schaum &
Rausch, Tagesabwasch, ziehende Kondensstreifen
(indieweitewelt): gedämpft von fluschigpuschligen

Hortensienbüschen: ja aber da: das Strahlen! blank-
polierter Kronleuchter aus landesmittelgeförderten
Geldspeichern (Dagobert Duck wohnt seit letztem
Herbst im Zweistäpfle, unter Pseudonym) erwischt

verwischt die zitronös flackernde Luft, beobachtet
von der Jugend, die im Schatten sitzt, die richtigen
Fragen stellt, seit jeher Privileg der Jugend: was
goht nu vor i mim Grind
? zitronös flackernde Luft

langsam vergären die Kirschen an den Bäumen rot
in rot spürt sie das Ziehn, sie, die: die Arme hebt
& schwebt, einfach nur die Arme hebt & schwebt
(davon) & schwebt, bis es nicht recht weiter geht

Melander

Beim Spaziergang durch Schaans hanglagiges Villenviertel: Max Frischs Haus existiert nurmehr als restgeisterfüllte Baulücke und im Gartenteich des saarländischen Öko-Putzmittelkönigs Hans Raab tummeln sich fette dunkle flossige Gestalten, die auf eine ungeheure Geschichte weisen, die jüngst zum Erliegen gekommene Fisch-Frankensteiniade in Oberriet im St. Galler Rheintal: dort nämlich wurde unter Raabs Regie der Melander erfunden, der „perfekte Fisch“, der „Fisch der Zukunft“, unzweifelhaft ein Fisch großer Attribute und Hightechtier, Resultat aus der Kreuzung (hierzu variieren die Meldungen: zweier/dreier afrikanischer/indischer, jedenfalls:) diverser Welsarten, ein nährstoffideales Geschöpf, das weder Bächlein, Fluß, Teich, See noch Ozean je kannte, stattdessen in industriellen, biologisch gereinigten Thermalwasserbecken heranwuchs, mastbeschleuniger-, medikamente- und chemiezusatzfrei mit Soja und Mais gefüttert bis zur Schlachtreife, um darauf, seiner einzigen Bestimmung gemäß, in „Melander Filet“, „Melander geräuchert“, „Melander Wienerli“, „Melander Weisse“, „Melander Brätling weiss“ und „Melander Schnitt-Paté, mild und pikant“ verarbeitet zu werden. Die Produktion sollte 2009 auf fünf Tonnen täglich hochgefahren werden, somit pro Woche die bisherige Fisch-Jahresproduktion der Ostschweiz übertreffen und insgesamt die schweizerische, hauptsächlich aus Forellen bestehende, exotisierendst verdoppeln. Wurde, kannte, wuchs und sollte: die Melander-Fischfabrik ist seit diesem Februar amtlich geschlossen, die Produktion eingestellt, „zwei Veterinäre des Kantons bestätigten (…) nach einer über einstündigen Kontrolle (…), dass sich in der Fischfarm keinerlei lebendige oder geschlachtete Fische mehr befinden“. Zur Schließung kam es nach einigem Rechtsstreit über das Tötungsverfahren, welcher ein multiples Presseecho mit typisch schweizerisch-deutschem Nachhallali und einen Herzinfarkt beim Melander-Schöpfer auslöste. Wo aber ist seither der Melander (ein kürzestes Kapitel der Evolution?) abgeblieben? Konnten ein paar Exemplare Richtung Rhein entfleuchen, ganz ähnlich Dr. Frankensteins galvanischem Sohn? Antennen sie dort herum, axolotln gar und/oder schaffen sich in neue Sagen ein? (Die Zeit wird’s weisen, die Zeit allein.)

Schikos Rhein (3)

Via-MalaNoch ein schluchtiger Hinterrhein: bekannt wurde die Via Mala meiner Generation hauptsächlich über den im deutschen Fernsehen ausgestrahlten gleichnamigen, eindrucksvollen Dreiteiler von 1985 mit Mario Adorf und Maruschka Detmers nach dem Roman von John Knittel. Aus einer älteren Verfilmung (von 1961, mit Gert Fröbe und Christine Kaufmann) sind schluchtenvernebelte Anfangsminuten auf Youtube zu finden – der zu hinterquerende Wasserfall der Sequenz scheint jedoch jener aus der Rofla.

Schikos Rhein (2)

RoflaDer berühmte Roflawicht: an gegebener Stelle bereits erwähnt, hier von Schiko in Schwarzweiß gebannt wie er felsnasig-sinnend überm Wildsal des Kleinrheins wacht. Die durch ein Restaurant zugängliche Roflaschlucht zählt sicher zu den kuriosesten Rheineinheiten.

Rheinische Frühheidi

urheidiAuf der Suche nach den unsagbar wertvollen, da glückbringenden Lochsteinen, die oft jahrzehntelang vergeblich verläuft, gelang oder passierte Rheinsein, auf einer der üblichen efemeren Kiesbänke unweit des Elandorfs Schaan, der Fund einer neolithischen Rheinzeichnung, i.e. einer vom Rhein aus Stein geschürften Hydrografie. Motiv: die freischwingende Anwohnerin (der Einfachheit halber vom Finder “Heidi” genannt) grüßt im Tanzritual ihre Bergkuppen, während sie bereits bis zum Oberschenkelhals im Wasser (als untere Bildmitte durchlaufende Rheinwelle angedeutet) steht – äußerst frühes, den gängigen Jagdszenen abgewandtes Bildzeugnis für die präapokalyptischen Errungenschaften der Sorglosigkeit, des Trotzes, der Freude und des Widerstands (gar alle vier in Einem)! Der frohlückend-frühlockenhafte Strich am oberen Bildrand zeigt in typischer Spiraltechnik Heidis von metafysischem Dauerbrand gewirrten Sonnenschädel, der sich in aufkommendem Föhnwind löst. Die so einfach gehaltene wie hochkomplexe Komposition weist nach heutigen Deutungsmaßstäben auf Magie und Ekstase, zwei nach wie vor rätselbehaftete Um- und Zustände menschlichen Wesens wie Empfindens.

Rheinsein-Lesung in Neuss-Holzheim

Anfahrt mim Direktzug Köln-Holzheim. Am Kölner Gleis jedoch steht als Zielbahnhof Bedburg/Erft angeschrieben, wo immer an der Erft (die wo immer auch langfließen mag) das liegen mag. Im Zug weiß niemand Auskunft, ob derselbe nach Neuss weiterfährt, jedenfalls verläßt er Köln Richtung Westen und steuert schnell in kraftwerkbestandnes Ödland, und, wie es scheint, in zierlichen Spiralschlaufen Richtung Holland. Holzheim läge unterdessen im Schnitt ostnordöstlich, oder diagonal zur Fahrtrichtung verschoben, berechne ich – und ob ich wohl je zu meiner Lesung eintreffen werde – während gartenzwergische Ortschaften mit Namen wie Glesch, Paffendorf, gar Gustorf in der Matschlandschaft auftauchen und wieder verschwinden. Ortschaften, die eigentlich nicht allzuweit von Köln entfernt liegen dürften, deren Namen mir in ach so vielen Jahren bisher noch nicht untergekommen waren. Die absolute Rheinlosigkeit dieser Rheinland genannten Region erschwert allerdings grundlegend die Orientierung, auch der aus Kraftwerken und Scheinkraftwerken gespeiste Himmel mit seinen weitläufigen Verschiebungen und heimlichen Positionswechseln, vielleicht bewegt sich der Zug in Wirklichkeit ja strikt geradeaus und einfach nur extrem langsam. Es sind eher hilflose und sowieso nutzlose Berechnungen, die ich dort im Zug anstelle, während das Publikum, das sich an jedem Halt neu austauscht, zunehmend wildere, bedrohlichere Züge entfaltet. Hätte ich mich statt in diesen sogenannten Direktzug auf meinen altes Fahrrad gesetzt, wäre längst die südliche Neusser Perfiferie erreicht, mutmaße ich, während der Uhrzeiger gegenläufige Bewegungen zu jenen des quietschenden Zuges auszuführen scheint. Als der eine Ortschaft namens Frimmersdorf ansteuert, höre ich zwangsweise zwei jüngst mitten in der Landschaft zugestiegenen Teenagern, die zwar ebenfalls keine Ahnung haben, ob der Zug nach Neuss weiterfährt, dafür aber explizite Ansichten zu gepflegtem Äußerem und Partnerwahl, zu: „Hab hier noch nie einen aussteigen sehen, hört sich schon so scheiße an, Frimmmersdooorf“ „Eh, guck mal, an der Laterne steht: wir ficken euch alle!“ Es versucht dann tatsächlich eine Herde Halbwüchsiger dort einzusteigen, die sich in tierlautähnlichem Idiom verständigt, schon drängen sie sich mit Chips und Coladosen gerüstet den Waggons entgegen, blockieren die Türen, der Zug verschnauft, offenbar planmäßig, denn kurz darauf wird die Fahrt von eigens für diesen Bahnhof engagierten Jugendlichenwegklatschern wieder freigegeben. Ein paar fette Mädchen habens hineingeschafft, rufen sich Jenny, Esme und Natural und dürften wohl zwei drei Beauty Salons im Dorf rechtfertigen. Großes Aussteigen dann nach wenigen weiteren Stunden Fahrt in Grevenbroich, und ein kundiger Zugestiegener weiß glaubhaft zu berichten, der nächste Halt hieße Holzheim („wo der Kling begraben liegt“). Über die anschließende Lesung berichtet der Cineastentreff. Die Rückfahrt auf der Umsteigestrecke dauerte dann deutlich kürzer, vielleicht auch, weil eine versehentlich mit der Bahn statt in Bonn in Neuss gelandete mondäne junge Dame schräg gegenüber, während wir auf die weithin sichtbare Zielmarke des Kölner Doms zuhielten, einen partygeilen Religionslehrer mit ihren Ansichten und Fragen zum Thema „Satanismus unter Prominenten“ zutextete.

Schikos Rhein

Hagen-in-WormsDer Düsseldorfer Fotograf Schiko (der Link führt zu seiner Website inkl. schönem Fotoblog) hat meine literarischen Anfänge in den frühen 90ern begleitet, mal als Aktionist in den stark rheinisch gefärbten Seminaren von Frau Cepl-Kaufmann, mal als Sänger meiner Lieder und natürlich mit der Kamera. Jüngst trafen wir uns bei der Rheinsein-Lesung in Neuss-Holzheim wieder, wo Schiko erzählte, daß er inzwischen den Rhein fotografiert habe. Ich werde nach und nach einige seiner Rheinszenen hier einstellen und, soweit bereits möglich, mit meinen Blicken abgleichen. Diese Aufnahme zeigt Hagen von Tronje beim Verklappen des Rheingolds in Worms. Gleich starte  ich den Versuch, mit dem Zug an Worms vorbeizufahren, und bin gespannt, ob es wirklich klappt. Evtl muß ich die Strecke am Laptop umleiten. Denn Worms und Umgebung fehlen bisher auf meiner Karte der abgeschrittenen Rheinstrecken – bestenfalls vage kann ich mich an einen Besuch der Stadt in meiner Kindheit erinnern: nichts als Kopfsteinpflaster.

Sieben Jahre Bau am Gotthard

Sechshundert Mann und ein gescheitertes Bordell: der Sedruner Filmemacher Gieri Venzin findet seine Themen direkt vor und hinter den Pforten seines kleinen vorderrheinischen Dorfes, einem an manchen Stellen bereits geschliffenen, im Grunde aber immer noch als weitgehend roh auffaßbaren Diamanten der Surselva. Als ich vergangenen November dort herumstapfte, um erstmals den Rhein zu überspringen, fand ich wiederum, auf dem Weg zum alpin dahinplitscherplätschernden Fluß, der vom Hauptdorf einen für Flachländer schon ganz ordentlichen, zudem vereisten Hang hinabführte, ein vermeintliches Industriegebiet, das in Wirklichkeit den Ein- und/oder Ausgang der „Neuen Eisenbahn-Alpentransversale“ (NEAT) vorstellte, mit 57 Kilometern durch den Gotthard aktuell der längste Tunnel der Welt. La ruosna, das Loch, wird dieser Ort von den Einheimischen genannt, was sofort an das Kölner Loch erinnert, in dem vor fast genau einem Jahr das hiesige Stadtarchiv und zwei junge Männer verschwanden. Was das sursilvanische Loch angeht, habe man, was bei dergleichen Vorhaben selten sei, noch niemanden verloren und habe ich seine Bedeutung erst durch Venzins Langzeitdoku „Sieben Jahre Bau am Gotthard“ begriffen, obschon im Hauptdorf der Bau unübersehbar ausgeschildert und erklärt steht: mir war das gigantische Projekt in diesem zaubrischen Tal einfach unvorstellbar – die Wohncontainer für die Arbeiter z.B. hielt ich für abgefeimte Skitouristenunterkünfte und ähnliche Fehleinschätzungen mehr. Wahnsinn, dachte ich immer noch, als der Film mir längst erklärte, für Sedrun sei mit der „Porta Alpina“ ein unterirdischer Bahnhof geplant, dessen Ausmaße, zumindest in den im Film gezeigten Modellen, an Berliner Hauptstadtumbauten erinnerten, für ein 1500-Einwohner-Dorf, wohlgemerkt. Das aber mit 600 Tunnelarbeitern aus Italien, Österreich, Deutschland und der restlichen Schweiz natürlich erheblich aufgestockt und durcheinandergerüttelt wurde, „frisches Blut, das dem Tal ganz gut bekommen sei“ wie ein lokaler Politiker sinngemäß zum Ende des Films konstatiert. Welcher einerseits vom Vortrieb (mit riesigen Rollmeißelbohrern: 62zähnige Antisteinmonster) im Berginneren, andererseits von den Hoffnungen und Befürchtungen der Dorfbevölkerung samt mehr oder minder auf Zeit zugezogener Mineure handelt. Besonders eindrücklich die Geschichte eines Sedruners, der die Bauarbeiten als Chance für sein Geschäftsmodell „Bordell, Restaurant, Tanz- und Nachtbar, das/die einzige seines/ihresgleichen weit und breit“ betrachtet, jedoch über mangelnden Zulauf und Behördenrestriktionen zum Alkoholiker und zwei Jahre später wieder trocken wird, um seinen mittlerweile abgewrackten Schuppen erneut, diesmal rein gastronomisch und colatrinkend, zu betreiben. Ein toller Film, für dessen Ausstrahlung man unseren Kultursendern (in diesem Fall 3SAT) ernsthaft dankbar sein darf.

Schwester Else

DER ANGRIFF AUF DÜSSELDORF – 11./12. JUNI 1943
(…) Als wir nach dem langen Alarm mit seiner ungeheuren Spannung, die ein Angriff in unmittelbarer Nähe immer mit sich brachte, wie betäubt aus dem Keller kamen, noch kaum fassen konnten, daß unsere Häuser unversehrt waren, gingen wir wie immer in solchem Fall auf den Söller. Aus den oberen Fenstern sahen wir, als die Sommersonne aufgegangen war, einen klarblauen Himmel. Nur über Düsseldorf lag es wie eine drohende schwarze Gewitterwolke. Da wußten wir, es mußte schlimm stehen. Schnell versuchten wir, wie stets nach den Angriffen in unserer Nähe, irgendeine Fahrmöglichkeit zu bekommen. Unsere Wagen waren ja seit den ersten Kriegstagen beschlagnahmt. (…) Je näher wir kamen, umso dunkler wurde es. Wie Nebel zog es vor die Sonne, die schließlich nur noch wie eine große Apfelsine, ohne jeden Schein, erschien; und der Brandgeruch wurde immer ätzender. Bis zum Hofgarten sind wir gekommen. Da lagen entwurzelte und abgeschlagene Bäume quer über der Straße. Kein Wagen konnte mehr fahren. Dort trennten wir uns, um so schnell wie möglich zu all unseren Stationen zu kommen. Noch heute sehe ich den einen der beiden Türme der Johanneskirche brennen, die glühende Spitze des Eisengerüstes umgebogen. Unten war alles abgesperrt. – Der Turm konnte jeden Augenblick stürzen. Wir durchquerten das abgesperrte Gebiet, mußten wir doch auf schnellstem Wege zur Stephanienstraße. In dieser Straße war es menschenleer. Unheimlich hörte man nur das Knistern und Krachen der Balken. Alle Häuser brannten. Man hatte es wohl aufgegeben, noch irgendwo zu retten und zu löschen. Als wir vor dem brennenden, hohen Hause unserer Handarbeitsschule standen, sagte Pastor Lüttichau nur ganz kurz: „Daß hier niemand mehr ist, das sehen wir ja, also weiter.“ Später trafen wir unterwegs unsere Schwestern – erschöpft, rauchgeschwärzt, mit entzündeten Augen, die Hauben dunkelgelb versengt – ein Anblick, wie wir ihn – ach, noch oft – gehabt haben, wenn wir gleich nach den Angriffen unsere Schwestern fanden. Diesen konnten wir damals nur raten, so schnell wie möglich in unser unversehrtes Kaiserswerth zu kommen. (…) Gehen konnte man nur mitten auf der Fahrstraße, weil die Flammen wie Sturmwind aus den brennenden Häusern in die Straße hinausschlugen, obgleich es ein ganz windstiller Tag war. (…) Dieses Mal (…) war das Evangelische Krankenhaus am Fürstenwall so mitgenommen, daß alle Kranken und die vielen Verletzten, die in der Nacht ambulant behandelt waren, in andere Krankenhäuser überführt werden mußten. Einen Anblick werde ich nie vergessen: Am Eingang stand ein Krankenwagen. Mehrere rauchvergiftete Kinder wurden herausgehoben. Unserer Schwester Else, selbst kaum kenntlich, so mitgenommen und rauchgeschwärzt sah sie aus, wurde ein Kleines in die Arme gelegt, dessen Kopf und Glieder schlaff herabhingen, und aus Schwester Elses traurigem, leisem Kopfschütteln sah ich, daß hier die Hilfe zu spät gekommen ist. (…) Alles, was an wirklich heldenhaftem Einsatz geleistet worden war in der Nacht – auch von ganz jungen Schülerinnen – erfuhren wir nach und nach: wie z. B. eine Schülerin so eifrig beim Löschen auf einer Station war, daß sie nicht bemerkt hatte, daß unter ihr bereits das Treppenhaus brannte. Schwester Else und andere rissen in größter Eile alles erreichbare Bettzeug in den Lichtschacht. So konnte sie durch den Sprung von oben gerettet werden. (…) Einen kurzen Augenblick standen wir erschüttert vor dem Kindergarten in der Ulmenstraße, von dem buchstäblich nichts mehr stand als die Grund-Eckpfeiler. (…) Als wir über unsere Stationen Bescheid wußten, eilten wir zurück nach Kaiserswerth, denn dahin strömte nun – mit und ohne Einladung – eine zahllose Schar Obdachloser. (…)

(aus: Schwester Karin von Ruckteschell – Gedenket, Duisburg 1960)

Roter Rhein (2)

Auwaldhütte, 14. April 1940
Am frühen Morgen weckten mich die Maschinengewehre vom Panzerwerk »Roter Rhein« – das neue in der oberen Scharte des Panzerturmes und das überschwere, das unseren rechten Flügel flankiert. Ich rief Erichson an und gab ihm Feuerbefehl. Dann fuhr ich, nachdem ich mich hastig angezogen hatte, mit dem Rade durch den Auwald nach vorn.
Kurz vor dem Stand geriet ich in eine Garbe, die in die Pappelstämme klatschte, und suchte eilig den Verbindungsgraben auf. Spinelli, der bereits an Ort und Stelle war und mit der Besatzung hinter der Betonwand des Bunkers stand, winkte mich richtig ein. Ich ließ zwei schwere Gewehre auf die Scharten richten und teilte Scharfschützen ein. Dann ging ich, um noch einen guten Richtschützen zuzuziehen, zu Erichson, in dessen Kampfraum ich den Krankenträger fand. Er war damit beschäftigt, Erichson zu verbinden, der stark am Halse blutete, auch hatte er drei Schützen, die durch Splitter verletzt waren, mit Jod betupft. Sie waren alle benommen wie Fische, die plötzlich an die Luft gezogen worden sind.
Ich hörte, daß ein Schartentreffer mit lautem Knall und einem Feuerstrahl im Raum auseinandergeflogen war. Andere Geschosse hatten das Maschinengewehr am Lauf getroffen und das Zielfernrohr gekappt, das auf dem Tische lag. Zum Glück war auch Erichson nur leicht verletzt, so daß ich mich gleich wieder zu jenem Stande begeben konnte, der unser Brennpunkt ist.
Die Garben strichen noch durch den Wald, in dem mir der Verbindungsgraben zustatten kam. Freilich war er noch nicht durchlaufend ausgebaut, so daß es auch Stücke zu überspringen gab. Sehr gut die Kalkulation an Strecken, an denen es so über Deckung geht. Der Geist stellt immer eine scharfe Wahrscheinlichkeitsrechnung an, ehe der Körper springt.
Vor dem Stande hatte Spinelli schon alles aufgebaut. Ich ging noch einmal an das Scherenfernrohr und visierte die Scharte an, aus deren Schlitz ein neues und stärkeres Gewehr als jenes vor unserer letzten Räucherung hervorragte. Nachdem ich den Richtschützen eingeschärft hatte, daß es von ihnen abhänge, ob der Beschuß ernsthaft erwidert würde oder nicht, gab ich das Feuer frei. In diesem Augenblick strichen drüben, wie vor einer Zauberhandlung, zwei Elstern mit leuchtend weißem und erzgrünem Schimmer von den Bäumen über die Kuppel ab.

(aus: Ernst Jünger – Gärten und Strassen [Sämtliche Werke, 1. Abteilung, Tagebücher Bd. 2 – Strahlungen I])

Roter Rhein

Auwaldhütte, 29. März 1940
Die Dinge lagen so, daß kurz nach Mittag ein Wachtmeister und ein Gefreiter von der nahen Artilleriebeobachtung gekommen waren, beide Neulinge am Ort. Der Wachtmeister äußerte den Wunsch, die von Geschoßeinschlägen besäte Stirnwand des Bunkers zu photographieren, und ohne auf die Warnungen des Unteroffiziers zu hören, stieg er, gefolgt von dem Gefreiten, über den hohen Aufwurf des Werkes zum Rheinufer hinab. Im gleichen Augenblick begann von drüben aus dem Panzerwerke »Roter Rhein«, in dem rabiate Burschen hausen, ein Maschinengewehr zu spielen, und die beiden Artilleristen blieben auf der grünen Böschung liegen, die weithin sichtbar ist. Der eine hatte noch gerufen, vom anderen hatte man nichts mehr gehört.
Nachdem ich den Ort besichtigt hatte, beschloß ich, die beiden zu bergen, was freilich auf dem Wege, den sie genommen hatten, unmöglich war. Vielmehr mußte links von dem Bunker ein breiter Drahtverhau zur Annäherung durchschnitten werden, und zwar derart, daß die Arbeit durch einen Saum von dürrem Gras getarnt wurde, das zwischen den Uferbäumen wuchs.
Inzwischen war auch Spinelli angekommen, und wir folgten den Leuten, die kriechend die Gasse schnitten, bis nach einer guten halben Stunde der Weg geöffnet war. Zwischen den Bäumen hingen noch einige Tarnmatten aus gelbem Rohr, die gegen den gröbsten Einblick deckten, dann waren bis zu den beiden liegenden Gestalten noch etwa fünfzehn Schritte zu tun. Die Feste »Roter Rhein« war gegen vierhundert Meter weit entfernt.

(aus: Ernst Jünger – Gärten und Strassen [Sämtliche Werke, 1. Abteilung, Tagebücher Bd. 2 – Strahlungen I])

Azolla

Bei Greffern, 18. November 1939
Seit vorgestern Hochwasser. Der Rhein schießt mit großer Geschwindigkeit dahin. Der Strom führt Balken, Flaschen, Kanister, tote Tiere mit. Wo er den Drahtverhau erreicht, setzt sich in Gürteln eine kleine Wasserpflanze an, deren zartgrüne Oberfläche durch angeperlte Luft versilbert wird. Es ist die amerikanische Azolla, die zu den Wasserfarnen zählt und bei uns an manchen Stellen in Massen verwilderte. Im Freien begegne ich ihr in Deutschland zum ersten Mal.
Zuweilen treiben auch Pontons und große Brückenteile den Strom hinab und ziehen von beiden Ufern lebhaftes Feuer an. Man merkt, daß in der Gegend an Waffen nicht Mangel herrscht. Wenn man sich auf der Erde auch sorglos zeigen darf, sind doch das Wasser und die Luft tabu.
Verschiedene Bunker vor dem Hochwasserdamm sind fast abgeschnitten und drohen zu versaufen, wenn das Wasser weiter steigt. Ich halte daher Floßsäcke und Schlauchboote bereit. Auch bauen die Pioniere Laufstege, die freilich den Nachteil haben, daß sie von drüben einzusehen sind. Sie werden daher mit Schilf getarnt. Ich benutze die Gelegenheit, mir beim Pionierdepot Schnittholz zu bestellen, da ich mir eine Hütte als Einsiedelei erbauen lassen will. Man muß sich einrichten.

(aus: Ernst Jünger – Gärten und Strassen [Sämtliche Werke, 1. Abteilung, Tagebücher Bd. 2 – Strahlungen I])

Rheinzitat

“Der Rhein is lang” (Freddy Schenk in der Tatort-Folge “Bermuda”)