Monatsarchiv für März 2010

 
 

Challenge League Match im Rheinpark-Stadion zu Vaduz

Gestern mit Martin Smyrk im Rheinpark-Stadion, das Match zwischen den rheinischen Giganten der Schweizer Challenge League, FC Vaduz und FC Schaffhausen, zu verfolgen. Smyrk besorgte Freikarten für die Haupttribüne, sagte fatalistisch, die würden im ganzen Land verteilt, damit überhaupt noch jemand zu den Spielen gehe, und so genossen wir wahlweise einen prächtigen Blick aufs Spielfeld (durch Pierre „Litti“ Littbarskis exemplarische O-Beine – Litti, der momentan den Gentleman-Trainer des FC Vaduz abgibt) oder, wenn auf dem Feld nicht so viel los war, auf das romantisch-postkartinöse Schweizpanorama oberhalb der Gegentribüne mit seinen schneebekuppt-frühlingsgrünen Höhenzügen unter babyblauen Himmeln – soweit vorhanden zumindest, denn im Laufe des Matches zog sich die Schweiz hinter eine schwere schwarze Leere aus fortgeschrittener, aber verregneter Lichtlosigkeit zurück, wahrscheinlich auf irgendeine Konferenz. Auf der Südtribüne verlor sich unterdessen (inkl Kindern) ein knappes Dutzend Gästefans, ein fähnleinschwingender Haufe, der sich auf mitgeführtem Banner artig „Abarticus“ nannte und im Spielverlauf (evtl mittels Bierkonsum) sowohl eine wundersame Vermehrung an Fähnlein wie Personal voll- (es war grad noch so zu fassen), als auch, auf der blechernen Bandenwerbung, eine veritable Guggenmusik abzog, nebst Gesang, während die apathischen Heimfans bis ca zur sechzigsten Spielminute brauchten, um sich ein „uusse mit Schaffhuuse“ zurechtzudichten und hinauszushouten, da war der Fanslam jedoch längst zugunsten der Gästegruppe mit dem lustigen Namen entschieden, wenngleich auch jener der heimischen Supportertruppe, nämlich „Vaduz Nord“, nicht eines gewissen, nämlich subtilen Humors entbehrte. Zum Spiel bleibt nicht viel zu sagen: Smyrk erklärte mir emotionslos das schweizerisch-liechtensteinische Abseits, Littis rechter Zeigefinger kreiste und markierte oldschoolne Fußballgeheimzeichen in den flutlichtnen Dauerregen, Codes, die seine langaufgeschossenen Spieler aber nicht zu lesen vermochten, weshalb sie denn auch sang- und klangarm mit 1 zu 3 untergingen; auf der Gegentribüne immerhin schrie ein einzelner Irrer sich die Lunge aus dem Leib und fuchtelte mit den Armen, als setze er zum Rundflug an (kurz darauf war er tatsächlich verschwunden) und die lasche Fünffrankenservela ward mit noch lascherem Senf, dafür einer straffen Scheibe Brot serviert. 605 Zuschauer, für deren Besuch man sich bedanke, waren, kündete die Anzeigetafel irgendwann Mitte zweiter Halbzeit, im Stadion, und Martin Smyrk und ich zwei davon, wie uns klar wurde, als ebenjene Zuschauermassen auf der Anzeigetafel mittels simpsonesken Comicvisagen dargestellt wurden: Teil der Geschichte waren wir, jaha, jener großartigen, stets sich fortschreibenden rheinischen, allzu häufig parallel verlaufenden Geschichte der Siege, Unentschieden und Niederlagen, die auf dem gepflegten Rasen vor und im Stadionrund um uns derart symbolisch wie leibhaftig Entsprechung fand, daß wir uns beinahe küssten, so licht war dieser Erkenntnismoment, so klar und so erhaben. Der große Litti analysierte abschließend nach dem Match und durch die zunehmende Entfernung zu uns und/oder sich selbst immer kleiner werdend im Niesel das Geschehene fürs liechtensteinische Fernsehen, das es mittlerweile gibt und stattdessen aber lieber noch einmal das beliebte Portrait über den Schaaner Handorgelverein brachte, der dringend neue Mitglieder sucht.

Rheinlänge

Ein Artikel in der Onlineausgabe der Süddeutschen Zeitung bestätigt heute eine Vermutung, die bereits im Januar diesen Jahres auf Rheinsein vermeldet wurde: die „offizielle“ Rheinlänge von 1320 Kilometern (wie in gängigen Lexika und Schulbüchern zu finden und von staatlichen und wissenschaftlichen Institutionen zugrunde gelegt und verbreitet) fußt auf einem Irrtum, der sich vor ca. 80 Jahren mittels unkonventioneller Übernahmen (vermutlich eines Zahlendrehers) berufskritischer Fachleute ins allgemeine Bewußtsein geschlichen und dort mit mitöser Rasanz zu Normalität multipliziert haben soll. Wozu ein solches führt? Natürlich zu Konferenzen. Es sind ja Legionen Beamte, Wissenschaftler, Politiker (bis in die höheren Kreise), wenn nicht gar Militärs mit dem Thema befaßt. Da gibt es z.B.: das Umweltbundesamt, die aus Vertretern mehrerer Staaten bestehende Kommission für die Hydrologie des Rheingebiets, die Bundesanstalt für Gewässerkunde oder de Rijkswaterstaat (mit Sprecherin Ankie Pannekoek) usw. usw., sowie einen ganzen Rattenschwanz von Museen, Schulbuchverlagen und Kilometersteinherstellern usw. usf. Und was wird auf solch kommenden Konferenzen betrieben werden? Die fortgesetzte Unmöglichkeit, wenn nicht Engstirnigkeit, eine exakte Rheinlänge feststellen zu wollen – in tiefstem Grunde/richtig verstanden ein hochpoetisches Verfahren, das jedoch weiterhin ohne Poetenzutun und daher streng beamtenprosaisch verlaufen wird: profezeiht zumindest Rheinsein, das seine poetischen RheinexpertInnen ansonsten sorglos/bis auf weiteres in der Hinterhand behält.

Schikos Rhein (4)

Rheinfaelle-SchaffhausenDie Rheinfälle zu Schaffhausen, mannigfach bedichtet und hier, an einem jener kolossal-kulissösen Festtage, an denen der Schweizer zum Zeichen seines Wohlstands hektoliterweise Alpenrahm in den Fluß schüttet, von 1a-Dienstleisterwolken beschirmt.

Die Bäder zu Baden

Den ersten Tag kam ich zu Schiff auf dem Rhein nach Schafhausen, sechs kleine Meilen von Kostanz. Wegen des hohen Falles, den der Fluß von Schafhausen aus, über abgerißene, schroffe Felsen macht, mußte ich hernach anderthalb Meilen zu Fuße gehen, und stieg bey einem festen Schloß an der andern Seite aus, welches Kaiserstul genannt wird. Ehedem, vermuthe ich aus dem Namen, ist dieser Ort ein römisches Lager gewesen, wenigstens kan die Lage nicht besser seyn; denn der Strom drängt sich hier unter einem hohen Hügel zusammen, und eine kleine Brücke vereiniget Germanien mit Gallien.
Auf diesem Wege sah ich den Rhein von einem hohen Berg, über dazwischen stehende Klippen, mit einer Wuth und einem Getöse sich herabstürzen, daß man glauben sollte, er klage und bejammere selbst seinen Fall. Hier fiel mir ein, was man von den Katarakten des Nils erzählet, und mich wundert nicht, daß die daran wohnenden Menschen von dem Geräusch und Geprassel taub werden, da man das von diesem Fluße, der gegen jenem nicht vielmehr ist als ein Regenbach, fast eine halbe Stunde weit höret.
Dann kömmt man nach Baden, in der Sprache des Landes von den Bädern so genannt, einer ziemlich wohlhabenden Stadt, die in einem mit Bergen rundum besetzten Thal, an einem großen reissenden Fluße, liegt, der sich anderthalb Meilen davon in den Rhein ergießt. (…)
Die Zahl der öffentlichen sowohl als der Privatbäder beläuft sich auf dreyßig. Für die niedrigste Klasse des Volks aber hat man zwey von allen Seiten offene Plätze, wo Männer, Weiber, Jünglinge und unverheurathete Mädchen, kurz alles, was von Pöbel hier zusammenströmt, sich zugleich baden.
Eine bis an den Boden herabhangende Scheidewand, die jedoch nur Friedfertige abhalten könnte, sondert in diesem die Männer von den Weibern. Lächerlich ist es anzusehen, wie beides alte Mütterchen und junge Mädchen vor den Augen Aller hinabsteigen, und sich, nackt wie sie sind, den Blicken der Männer Preis geben. Oft hat mich dieser sonderbare Auftritt belustigt und mir die Floratischen Spiele ins Gedächtniß gebracht, voll Verwunderung über die Einfalt der Leute, die so wenig die Augen dahin wenden, als sie Arges davon denken, oder reden.
Die Bäder in den Privathäusern sind überaus schön, aber auch diese sind beyden Geschlechtern gemein. Gewisse Scheidungen von Brettern trennen sie zwar, allein es sind in denselben viele niedergelassene Fensterchen angebracht, durch welche man zusammen trinken und reden, von beyden Seiten sich sehen und berühren kann, wie dieses denn häufig geschieht. Ueber denselben hat man Gallerien gebauet, wo sich Mannspersonen zum Zuschauen und Plaudern einfinden. Jeder nämlich, der einen Besuch machen, einen Scherz haben, sich erheitern will, darf in fremde Bäder gehen, und sich in denselben aufhalten, und beym Hereintritt in das Bad und beym Aussteigen das Frauenzimmer, an dem größten Theil des Leibes, nackend sehen.

(aus: Gianfrancesco Poggio Bracciolini – Die Bäder zu Baden in der Schweiz. Eine Beschreibung derselben aus dem fünfzehenten Jahrhundert. Für Schweizer und Ausländer gar nützlich und lustig zu lesen, Florenz 1780)

Bleuler-Ausstellung zu Vaduz

Nahezu unvermeidlich, in den Kulturinstitutionen der Alpenrheinregionen auf Johann Ludwig Bleulers, selbige Landschaften einfangende, Rheinveduten zu stoßen. Neu war Rheinsein allerdings bis gestern, daß Bleuler weit über Graubünden hinaus den gesamten Rhein bereist und dabei die üblichen (plus ein paar weniger übliche) Ansichten unter dem Titel „Les vues les plus pittoresques des bords du Rhin depuis ses sources jusqu`à son embouchure dans la mer“ in Gouache- und Aquatintatechnik als sein Hauptwerk niedergelegt hat. So geschehen zwischen 1827 und 1843, zu je 80 Motiven, die z.B. heuer begradigte Rheinpassagen noch unbegradigt und einen Dampf- und Segelschiffbetrieb von teils bestürzender Heimeligkeit zeigen, dies wiederum gezeigt in einer frisch eröffneten und bis Januar 2011 laufenden Ausstellung im Landesmuseum des Fürstentums Liechtenstein, welches selbst über einen begradigten Rhein verfügt, dessen Sosein in der Gegenwart sich mit Bleulers Blick beinah (nur beinah!) aus dem Museumsfenster abgleichen läßt. Zur Eröffnung gibt es, wie für solche Anlässe weltweit typisch, steif vom Blatt gelesene Dankesworte an den Leihgeber, Schicksalsdaten des Künstlers und einen stellvertretenen, aber herzerfrischenden Gruß der auch für Kultur zuständigen Außenministerin (Gruß zurück!). Die Bilder selbst sind nicht zu sehen, bis es endlich Schnittchen gibt, für die das Vernissagevolk aus dem von ihm selbst beengten und mit Sichtblockaden staffierten Ausstellungsraum zurück in den Vortragssaal strömt. Die Schnittchen wirken glasiert (mit Haarspray gestylt?), der Wein schmeckt (laut Aussage einer Expertin gar nach einer seltenen, angenehm leichten Note alpengekräuterten Kuhdungs – was den roten anbelangt), alternativ gibt’s das berühmte Brauhaus-Bier und nebenan sind noch ein paar Wiegendrucke aus der Anna-Amalia-Bibliothek Weimar zu besichtigen: Bibeln natürlich, das Narrenschiff, aber auch Shakespeare und die vorgeblich erste Dracula-Geschichte aller Zeiten. Ein wohlmeinender Vernissage-Besucher weist Rheinsein auf Bracciolini: Die Bäder zu Baden in der Schweiz. Eine Beschreibung derselben aus dem fünfzehenten Jahrhundert. Für Schweizer und Ausländer gar nützlich und lustig zu lesen – hin und wir werden nachschauen, was es damit auf sich hat, wo die Bezüge zum Rhein stecken mögen und wie nützlich und lustig die Chose aus Ausländersicht tatsächlich ist.

z` Planka

die Hänge: total verhanniwenzelt; aus Märzenbechern
mit ihrem hellgrünen Geruch: Bärlauchsuppe, die rare
Waldpfade beschwappt. Wanderers Asthma besagt:
nach Planken mußtu wahrlich wollen, sons wirttas nix

denn im Hirschen hockt dött der langzahnige Smyrk
bei Chäsröschti & Bier, hockt dött in all seiner familiär
bedingten Heiligkeit (als letzter eingeborner Vetter
zigsten Grads der alten Muttergottes) & nimmts nicht

zu schwer, nimmt den Menschen ihre Sorgen ab am
Berg: mittels selbstverfaßter esoterischer Gedichte
voll Munkenfett & Zauberstaben (über jeden faden
Sprachgebrauch erhaben) – & wie sies ihm danken!

(anstatt ihn ans Bett zu nageln ham sie ihn per Rats-
beschluß ins Internet gestellt, den Smyrk & hoffen
seither auf Touristen & murmeln bei Föhn seine
Verse & behaupten bis heute fest, daß das wirkt)

z` Balzers

zitronös flackernde Luft im Lärm, Lärm der Schnellen
die schäumen beim Abwasch, Bremsen, Schaum &
Rausch, Tagesabwasch, ziehende Kondensstreifen
(indieweitewelt): gedämpft von fluschigpuschligen

Hortensienbüschen: ja aber da: das Strahlen! blank-
polierter Kronleuchter aus landesmittelgeförderten
Geldspeichern (Dagobert Duck wohnt seit letztem
Herbst im Zweistäpfle, unter Pseudonym) erwischt

verwischt die zitronös flackernde Luft, beobachtet
von der Jugend, die im Schatten sitzt, die richtigen
Fragen stellt, seit jeher Privileg der Jugend: was
goht nu vor i mim Grind
? zitronös flackernde Luft

langsam vergären die Kirschen an den Bäumen rot
in rot spürt sie das Ziehn, sie, die: die Arme hebt
& schwebt, einfach nur die Arme hebt & schwebt
(davon) & schwebt, bis es nicht recht weiter geht

Melander

Beim Spaziergang durch Schaans hanglagiges Villenviertel: Max Frischs Haus existiert nurmehr als restgeisterfüllte Baulücke und im Gartenteich des saarländischen Öko-Putzmittelkönigs Hans Raab tummeln sich fette dunkle flossige Gestalten, die auf eine ungeheure Geschichte weisen, die jüngst zum Erliegen gekommene Fisch-Frankensteiniade in Oberriet im St. Galler Rheintal: dort nämlich wurde unter Raabs Regie der Melander erfunden, der „perfekte Fisch“, der „Fisch der Zukunft“, unzweifelhaft ein Fisch großer Attribute und Hightechtier, Resultat aus der Kreuzung (hierzu variieren die Meldungen: zweier/dreier afrikanischer/indischer, jedenfalls:) diverser Welsarten, ein nährstoffideales Geschöpf, das weder Bächlein, Fluß, Teich, See noch Ozean je kannte, stattdessen in industriellen, biologisch gereinigten Thermalwasserbecken heranwuchs, mastbeschleuniger-, medikamente- und chemiezusatzfrei mit Soja und Mais gefüttert bis zur Schlachtreife, um darauf, seiner einzigen Bestimmung gemäß, in „Melander Filet“, „Melander geräuchert“, „Melander Wienerli“, „Melander Weisse“, „Melander Brätling weiss“ und „Melander Schnitt-Paté, mild und pikant“ verarbeitet zu werden. Die Produktion sollte 2009 auf fünf Tonnen täglich hochgefahren werden, somit pro Woche die bisherige Fisch-Jahresproduktion der Ostschweiz übertreffen und insgesamt die schweizerische, hauptsächlich aus Forellen bestehende, exotisierendst verdoppeln. Wurde, kannte, wuchs und sollte: die Melander-Fischfabrik ist seit diesem Februar amtlich geschlossen, die Produktion eingestellt, „zwei Veterinäre des Kantons bestätigten (…) nach einer über einstündigen Kontrolle (…), dass sich in der Fischfarm keinerlei lebendige oder geschlachtete Fische mehr befinden“. Zur Schließung kam es nach einigem Rechtsstreit über das Tötungsverfahren, welcher ein multiples Presseecho mit typisch schweizerisch-deutschem Nachhallali und einen Herzinfarkt beim Melander-Schöpfer auslöste. Wo aber ist seither der Melander (ein kürzestes Kapitel der Evolution?) abgeblieben? Konnten ein paar Exemplare Richtung Rhein entfleuchen, ganz ähnlich Dr. Frankensteins galvanischem Sohn? Antennen sie dort herum, axolotln gar und/oder schaffen sich in neue Sagen ein? (Die Zeit wird’s weisen, die Zeit allein.)

Schikos Rhein (3)

Via-MalaNoch ein schluchtiger Hinterrhein: bekannt wurde die Via Mala meiner Generation hauptsächlich über den im deutschen Fernsehen ausgestrahlten gleichnamigen, eindrucksvollen Dreiteiler von 1985 mit Mario Adorf und Maruschka Detmers nach dem Roman von John Knittel. Aus einer älteren Verfilmung (von 1961, mit Gert Fröbe und Christine Kaufmann) sind schluchtenvernebelte Anfangsminuten auf Youtube zu finden – der zu hinterquerende Wasserfall der Sequenz scheint jedoch jener aus der Rofla.

Schikos Rhein (2)

RoflaDer berühmte Roflawicht: an gegebener Stelle bereits erwähnt, hier von Schiko in Schwarzweiß gebannt wie er felsnasig-sinnend überm Wildsal des Kleinrheins wacht. Die durch ein Restaurant zugängliche Roflaschlucht zählt sicher zu den kuriosesten Rheineinheiten.

Rheinische Frühheidi

urheidiAuf der Suche nach den unsagbar wertvollen, da glückbringenden Lochsteinen, die oft jahrzehntelang vergeblich verläuft, gelang oder passierte Rheinsein, auf einer der üblichen efemeren Kiesbänke unweit des Elandorfs Schaan, der Fund einer neolithischen Rheinzeichnung, i.e. einer vom Rhein aus Stein geschürften Hydrografie. Motiv: die freischwingende Anwohnerin (der Einfachheit halber vom Finder “Heidi” genannt) grüßt im Tanzritual ihre Bergkuppen, während sie bereits bis zum Oberschenkelhals im Wasser (als untere Bildmitte durchlaufende Rheinwelle angedeutet) steht – äußerst frühes, den gängigen Jagdszenen abgewandtes Bildzeugnis für die präapokalyptischen Errungenschaften der Sorglosigkeit, des Trotzes, der Freude und des Widerstands (gar alle vier in Einem)! Der frohlückend-frühlockenhafte Strich am oberen Bildrand zeigt in typischer Spiraltechnik Heidis von metafysischem Dauerbrand gewirrten Sonnenschädel, der sich in aufkommendem Föhnwind löst. Die so einfach gehaltene wie hochkomplexe Komposition weist nach heutigen Deutungsmaßstäben auf Magie und Ekstase, zwei nach wie vor rätselbehaftete Um- und Zustände menschlichen Wesens wie Empfindens.

Rheinsein-Lesung in Neuss-Holzheim

Anfahrt mim Direktzug Köln-Holzheim. Am Kölner Gleis jedoch steht als Zielbahnhof Bedburg/Erft angeschrieben, wo immer an der Erft (die wo immer auch langfließen mag) das liegen mag. Im Zug weiß niemand Auskunft, ob derselbe nach Neuss weiterfährt, jedenfalls verläßt er Köln Richtung Westen und steuert schnell in kraftwerkbestandnes Ödland, und, wie es scheint, in zierlichen Spiralschlaufen Richtung Holland. Holzheim läge unterdessen im Schnitt ostnordöstlich, oder diagonal zur Fahrtrichtung verschoben, berechne ich – und ob ich wohl je zu meiner Lesung eintreffen werde – während gartenzwergische Ortschaften mit Namen wie Glesch, Paffendorf, gar Gustorf in der Matschlandschaft auftauchen und wieder verschwinden. Ortschaften, die eigentlich nicht allzuweit von Köln entfernt liegen dürften, deren Namen mir in ach so vielen Jahren bisher noch nicht untergekommen waren. Die absolute Rheinlosigkeit dieser Rheinland genannten Region erschwert allerdings grundlegend die Orientierung, auch der aus Kraftwerken und Scheinkraftwerken gespeiste Himmel mit seinen weitläufigen Verschiebungen und heimlichen Positionswechseln, vielleicht bewegt sich der Zug in Wirklichkeit ja strikt geradeaus und einfach nur extrem langsam. Es sind eher hilflose und sowieso nutzlose Berechnungen, die ich dort im Zug anstelle, während das Publikum, das sich an jedem Halt neu austauscht, zunehmend wildere, bedrohlichere Züge entfaltet. Hätte ich mich statt in diesen sogenannten Direktzug auf meinen altes Fahrrad gesetzt, wäre längst die südliche Neusser Perfiferie erreicht, mutmaße ich, während der Uhrzeiger gegenläufige Bewegungen zu jenen des quietschenden Zuges auszuführen scheint. Als der eine Ortschaft namens Frimmersdorf ansteuert, höre ich zwangsweise zwei jüngst mitten in der Landschaft zugestiegenen Teenagern, die zwar ebenfalls keine Ahnung haben, ob der Zug nach Neuss weiterfährt, dafür aber explizite Ansichten zu gepflegtem Äußerem und Partnerwahl, zu: „Hab hier noch nie einen aussteigen sehen, hört sich schon so scheiße an, Frimmmersdooorf“ „Eh, guck mal, an der Laterne steht: wir ficken euch alle!“ Es versucht dann tatsächlich eine Herde Halbwüchsiger dort einzusteigen, die sich in tierlautähnlichem Idiom verständigt, schon drängen sie sich mit Chips und Coladosen gerüstet den Waggons entgegen, blockieren die Türen, der Zug verschnauft, offenbar planmäßig, denn kurz darauf wird die Fahrt von eigens für diesen Bahnhof engagierten Jugendlichenwegklatschern wieder freigegeben. Ein paar fette Mädchen habens hineingeschafft, rufen sich Jenny, Esme und Natural und dürften wohl zwei drei Beauty Salons im Dorf rechtfertigen. Großes Aussteigen dann nach wenigen weiteren Stunden Fahrt in Grevenbroich, und ein kundiger Zugestiegener weiß glaubhaft zu berichten, der nächste Halt hieße Holzheim („wo der Kling begraben liegt“). Über die anschließende Lesung berichtet der Cineastentreff. Die Rückfahrt auf der Umsteigestrecke dauerte dann deutlich kürzer, vielleicht auch, weil eine versehentlich mit der Bahn statt in Bonn in Neuss gelandete mondäne junge Dame schräg gegenüber, während wir auf die weithin sichtbare Zielmarke des Kölner Doms zuhielten, einen partygeilen Religionslehrer mit ihren Ansichten und Fragen zum Thema „Satanismus unter Prominenten“ zutextete.

Schikos Rhein

Hagen-in-WormsDer Düsseldorfer Fotograf Schiko (der Link führt zu seiner Website inkl. schönem Fotoblog) hat meine literarischen Anfänge in den frühen 90ern begleitet, mal als Aktionist in den stark rheinisch gefärbten Seminaren von Frau Cepl-Kaufmann, mal als Sänger meiner Lieder und natürlich mit der Kamera. Jüngst trafen wir uns bei der Rheinsein-Lesung in Neuss-Holzheim wieder, wo Schiko erzählte, daß er inzwischen den Rhein fotografiert habe. Ich werde nach und nach einige seiner Rheinszenen hier einstellen und, soweit bereits möglich, mit meinen Blicken abgleichen. Diese Aufnahme zeigt Hagen von Tronje beim Verklappen des Rheingolds in Worms. Gleich starte  ich den Versuch, mit dem Zug an Worms vorbeizufahren, und bin gespannt, ob es wirklich klappt. Evtl muß ich die Strecke am Laptop umleiten. Denn Worms und Umgebung fehlen bisher auf meiner Karte der abgeschrittenen Rheinstrecken – bestenfalls vage kann ich mich an einen Besuch der Stadt in meiner Kindheit erinnern: nichts als Kopfsteinpflaster.