Panta Rhei (6)

stan lafleur schlafwandelt durch die rheinische sferiferie
Postkarnevalistischer Vorfrühling scharwenzelt über Hof und Balkon, noch gefiederloses Amselgethrashe, erwachende („wrrrr-wwrrrr!“) Motoren in Nachbars Garagen, Kinder bewerfen einander mit Dreck, die Winterschlieren am Fenster geraten in suizidale Tendenzen, mein Schreibtisch fließt über von (Auftrags)Oden an und noch (und womöglich bis in alle Ewigkeit) rumpelnden kleinen Sonetten über das pumpelnde kleine Fürstentum Liechtenstein, dazwischen geraten hinterkopf-hinterrheinische Geräuschfolgen aus den Letztjahresspeichern, entlarvt, ihre staubigen Lungenflügel spreizend, fratzen in die Gegend, während übern Schreibtisch breit und frei ein kölscher Rhein hinwegfließt (ab Pegelstand 6 Meter demnächst auch in die U-Bahn-Baugrube am Heumarkt, dann wird geflutet, du klitten Hera, weißte schon!) und der Screen in psychedelischer Konzentrik vor sich hin-, aus sich heraus-, in sich hinein-, doch nie über sich hinausprojiziert: die scheinbare Gegenläufigkeit strömender Zyklik, ihr mit Normspin, Nuspeln und Waspeln bedachtes Wummern, Schummern, Kreisen, Strahlen, eine winzigkleine echsenlederne Gorrhfigur zieht blank am jenseitigen Ufer (welches immer auch das diesseitige reflektiert), und an einem einst so statisch wirkenden, mittlerweile von einem unsichtbaren ortsansässigen Künstler atomisierten handlichen Individuum von Stein vorbei zieht fenakistiskopisch die Panta Rhei mit verschlepptem zweiten N wie eine brustschwimmende Göttin des Kohle-Stahl-Zeitalters, geht pixelweich auf im Rahmenschwarz eines meiner rotierenden Weltausschnitte und während ich mich anstelle, das Video per Zeitregler zu scratchen, umfängt mich ein an- und abbrechendes Rauschen (mit Untertönen von Plätschern, Blütschern, Glucksen, Placksen und Plockern), the sound of rhinesense, bleibt nur noch: den Text zu schlürfen und den bösen blauen Bleiglasfenstern gegenüber mir nichts anmerken zu lassen, die sehen nämlich schwer bezahnt aus, vermitteln bürokratische Aggressivität, Gorrh scheint tatsächlich zurück mit seinen Froschaugen und Giftstacheln, zurück aus unsern zensierten Träumen, in denen er den Rhein noch packte, zwirbelte und in die Lüfte schleuderte wie so ein Band bei der rhythmischen Sportgymnastik, doch davon wissen wir nichts, davon wissen wir nix, wissen wir nix, nix, nix, garnix (und das ist wohl auch besser so).
Aufm Känzeli am Rheinfall stand ich bisher zweimal gern und lang. Der zum Greifen nahe Wassersturz bietet einen überwältigenden Anblick, vor allem früh unter der Woche, wenn die Plattform noch nicht von Touristen überschwemmt ist und die Morgensonne die imposanten Fälle mindestens eine Spur gewaltiger erscheinen läßt als etwa zur Mittagszeit. Auf Youtube mehren sich inzwischen weit überwiegend amateurhafte Privataufnahmen der Location, die ich in einem meiner die diesbezügliche Historie abgleichenden Rheinfallgedichte etwas lax als „gottes spaetwerk“ bezeichnet habe. Hier ein adäquat verrauschtes Video, das den tatsächlichen Eindruck vorort annähernd widergibt. Nicht alle Besucher des Känzelis belassen es beim Stehen und Staunen: ein paar wild boys „gehen baden in der schlagsahne des betagten stroms“ – und dann gibt es Sportsfreunde, die sich die 23 Höhenmeter mit ihren Kajaks hinabstürzen: hier eine Aufnahme mit Bordkamera (es gibt auch welche vom Känzeli aus, Youtube bietet einige verwandte Links).
Ein Rest Rotweiß umschlingt noch die Laternen,
zerzaust und nass. Der Dunst aus den Tavernen.
Ein Wind treibt schlappe Jecken um die Ecken.
Der Dom kratzt sich, als hätte er die Zecken.
Die Stadt, klamm und verkatert, macht sich klein.
Und am Museum hebt ein junger Hund sein Bein.
Den Rest Konfetti picken fette Tauben.
Die öffentliche Hand geht ans Entstauben.
Dem Rhein, auf Durchreise, ists einerlei.
In seinem Alter weiß er: Alles geht vorbei.
„Auch meine Zeit ist um. Isch ließ eusch lachen.
Für den Verein, da tat isch alles machen.
Mehr ging nisch, war nisch drin. Ein letzter Gruß.
Gern blieb isch. Doch die Bandscheibe, der Fuß:
Kaputt. Isch hab am Bein escht einfach voll die-
se Seuche. Tschüss! Prinz Karne… äh… Prinz Poldi
(Zum Aschermittwoch ein Gast-Gedicht von Georg Raabe, mit bestem Dank vorab und hinterher und auch an den frisch Isla Volante-Literaturpreis gekrönten Hartmut Abendschein, der den Text als letzten Teil einer Raabeschen Karnevalstrilogie fürs Netz isoliert und darin zum Vorschein gebracht hat! Der finale Endreim “voll die(se)/Poldi”, konkurriert, nebenbei gesagt, fürderhin inoffiziell mit dem meinen “coesfeld/erdrosselt” (aus dem Mittelfeld meines berühmten Kampfhundgedichts “frau krauses tat”) um den schlechtesten Endreim der gesamtdeutschen, wenn nicht gar der gesamteuropäischen Lyrikgeschichte.)
Der Himmel über Kaiserswerth im Gelee der Zeit: dünnes Winterlicht gen Duisburg, nordwestlich dahinter zu vermuten: niederländisch-ozeanische Weiten; der Bug des Dampfers nimmt Kurs auf zwei wandelnde Diakonissen. Interessante Harmonien in Farbe und Dynamik zwischen Schiff und Ordenstracht einerseits, sowie zivilen Passanten und Rhein und Himmel andererseits. Scan: Rainer Vogel. Künstler: unbekannt. Rheinsein dankt!