Monatsarchiv für Februar 2010

 
 

Panta Rhei (6)

panta-rhei_3

Panta Rhei (5)

panta-rhei_6

Panta Rhei (4)

panta-rhei_5

Panta Rhei (3)

panta-rhei_1

Panta Rhei (2)

panta-rhei_4

Panta Rhei

panta-rhei_2

Gorrh (7)

Postkarnevalistischer Vorfrühling scharwenzelt über Hof und Balkon, noch gefiederloses Amselgethrashe, erwachende („wrrrr-wwrrrr!“) Motoren in Nachbars Garagen, Kinder bewerfen einander mit Dreck, die Winterschlieren am Fenster geraten in suizidale Tendenzen, mein Schreibtisch fließt über von (Auftrags)Oden an und noch (und womöglich bis in alle Ewigkeit) rumpelnden kleinen Sonetten über das pumpelnde kleine Fürstentum Liechtenstein, dazwischen geraten hinterkopf-hinterrheinische Geräuschfolgen aus den Letztjahresspeichern, entlarvt, ihre staubigen Lungenflügel spreizend, fratzen in die Gegend, während übern Schreibtisch breit und frei ein kölscher Rhein hinwegfließt (ab Pegelstand 6 Meter demnächst auch in die U-Bahn-Baugrube am Heumarkt, dann wird geflutet, du klitten Hera, weißte schon!) und der Screen in psychedelischer Konzentrik vor sich hin-, aus sich heraus-, in sich hinein-, doch nie über sich hinausprojiziert: die scheinbare Gegenläufigkeit strömender Zyklik, ihr mit Normspin, Nuspeln und Waspeln bedachtes Wummern, Schummern, Kreisen, Strahlen, eine winzigkleine echsenlederne Gorrhfigur zieht blank am jenseitigen Ufer (welches immer auch das diesseitige reflektiert), und an einem einst so statisch wirkenden, mittlerweile von einem unsichtbaren  ortsansässigen Künstler atomisierten handlichen Individuum von Stein vorbei zieht fenakistiskopisch die Panta Rhei mit verschlepptem zweiten N wie eine brustschwimmende Göttin des Kohle-Stahl-Zeitalters, geht pixelweich auf im Rahmenschwarz eines meiner rotierenden Weltausschnitte und während ich mich anstelle, das Video per Zeitregler zu scratchen, umfängt mich ein an- und abbrechendes Rauschen (mit Untertönen von Plätschern, Blütschern, Glucksen, Placksen und Plockern), the sound of rhinesense, bleibt nur noch: den Text zu schlürfen und den bösen blauen Bleiglasfenstern gegenüber mir nichts anmerken zu lassen, die sehen nämlich schwer bezahnt aus, vermitteln bürokratische Aggressivität, Gorrh scheint tatsächlich zurück mit seinen Froschaugen und Giftstacheln, zurück aus unsern zensierten Träumen, in denen er den Rhein noch packte, zwirbelte und in die Lüfte schleuderte wie so ein Band bei der rhythmischen Sportgymnastik, doch davon wissen wir nichts, davon wissen wir nix, wissen wir nix, nix, nix, garnix (und das ist wohl auch besser so).

Rheinfallvideos

Aufm Känzeli am Rheinfall stand ich bisher zweimal gern und lang. Der zum Greifen nahe Wassersturz bietet einen überwältigenden Anblick, vor allem früh unter der Woche, wenn die Plattform noch nicht von Touristen überschwemmt ist und die Morgensonne die imposanten Fälle mindestens eine Spur gewaltiger erscheinen läßt als etwa zur Mittagszeit. Auf Youtube mehren sich inzwischen weit überwiegend amateurhafte Privataufnahmen der Location, die ich in einem meiner die diesbezügliche Historie abgleichenden Rheinfallgedichte etwas lax als „gottes spaetwerk“ bezeichnet habe. Hier ein adäquat verrauschtes Video, das den tatsächlichen Eindruck vorort annähernd widergibt. Nicht alle Besucher des Känzelis belassen es beim Stehen und Staunen: ein paar wild boys „gehen baden in der schlagsahne des betagten stroms“ – und dann gibt es Sportsfreunde, die sich die 23 Höhenmeter mit ihren Kajaks hinabstürzen: hier eine Aufnahme mit Bordkamera (es gibt auch welche vom Känzeli aus, Youtube bietet einige verwandte Links).

Prinzenreklamation

Ein Rest Rotweiß umschlingt noch die Laternen,
zerzaust und nass. Der Dunst aus den Tavernen.
Ein Wind treibt schlappe Jecken um die Ecken.
Der Dom kratzt sich, als hätte er die Zecken.

Die Stadt, klamm und verkatert, macht sich klein.
Und am Museum hebt ein junger Hund sein Bein.
Den Rest Konfetti picken fette Tauben.
Die öffentliche Hand geht ans Entstauben.

Dem Rhein, auf Durchreise, ists einerlei.
In seinem Alter weiß er: Alles geht vorbei.
„Auch meine Zeit ist um. Isch ließ eusch lachen.
Für den Verein, da tat isch alles machen.

Mehr ging nisch, war nisch drin. Ein letzter Gruß.
Gern blieb isch. Doch die Bandscheibe, der Fuß:
Kaputt. Isch hab am Bein escht einfach voll die-
se Seuche. Tschüss! Prinz Karne… äh… Prinz Poldi

(Zum Aschermittwoch ein Gast-Gedicht von Georg Raabe, mit bestem Dank vorab und hinterher und auch an den frisch Isla Volante-Literaturpreis gekrönten Hartmut Abendschein, der den Text als letzten Teil einer Raabeschen Karnevalstrilogie fürs Netz isoliert und darin zum Vorschein gebracht hat! Der finale Endreim “voll die(se)/Poldi”, konkurriert, nebenbei gesagt, fürderhin inoffiziell mit dem meinen “coesfeld/erdrosselt” (aus dem Mittelfeld meines berühmten Kampfhundgedichts “frau krauses tat”) um den schlechtesten Endreim der gesamtdeutschen, wenn nicht gar der gesamteuropäischen Lyrikgeschichte.)

Rheindampfer, Diakonissen

kaiserswerth_rheindampfer_2Der Himmel über Kaiserswerth im Gelee der Zeit: dünnes Winterlicht gen Duisburg, nordwestlich dahinter zu vermuten: niederländisch-ozeanische Weiten; der Bug des Dampfers nimmt Kurs auf zwei wandelnde Diakonissen. Interessante Harmonien in Farbe und Dynamik zwischen Schiff und Ordenstracht einerseits, sowie zivilen Passanten und  Rhein und Himmel andererseits. Scan: Rainer Vogel. Künstler: unbekannt. Rheinsein dankt!

Rheingedicht (?)

Beim Aufschlagen des aktuellen Lyrikbandes von Swantje Lichtenstein, dessen erstes Gedicht mit vier klaren Worten beginnt, mußte ich sofort an den Rhein denken. Die Autorin ließ meine Frage, ob dieser dem Gedicht zugrunde liege, als ich sie darum bat, es für Rheinsein verwenden zu dürfen, unkommentiert:

DAS BUCH HAT RECHT,
in deutschen Weinbergen hingen Leitern,
an den Spitzen auf dem Fels
sprießt Grün unter dem Grund
schlängelt sich Leben um das Eckige.
Steil hinauf zu den Ruinen
kämpft sich mein Gesicht,
sammelt Punkte und Striemen,
Glanz und Strahlen suchen sich
ihre Plätze selbst aus
und mehr und mehr Häuser
wachsen entlang der Ströme.

(Entnommen aus Swantje Lichtensteins Band “Landen” (Bestellmöglichkeit, Verlagsinfo und ausführliche Leseprobe), Lyrikedition 2000, München 2009, mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Rheinsein dankt!)

Rheinsein als Kartonbuch (8)

Am 03. Februar vermeldet latinale.blogsport.de mit einer schönen Covercollage Rheinsein als das meistverkaufte Kartonbuch Deutschlands. Heute erreichte mich ein quietschgrünes Exemplar “Paradiso Bio” – mit Bildern von 42 voll im Halbprofil und ca neun kaum erfaßten grünuniformierten und -bemützten Bundespolizisten beim Eid sowie einer Steckdose beklebt. Vermutlich eine Anspielung auf die Wacht am Rhein in naturbelassner Au, wobei die Steckdose den Strom symbolisiert. Das Buch hat einen Umfang von ca. 60 recycelten, von einem ebenso robusten wie attraktiven Kartonumschlag beschirmten Seiten und ist wirklich, wo ichs nun in der Hand halte, sehr hübsch geworden.

Rheinkiesel

Bokushi Suzuki beschreibt in seinem Reisebericht von 1832 über das japanische Etchigo (die heutige Präfektur Niigata), der auf deutsch als „Leben unter dem Schnee“ erschienen ist, daß es in dieser vereisten Gegend zur Prüfung der Bräute gehörte, einen Kiesel im Bachbett zu finden. Chandra Mohan Jain, besser bekannt als Bhagwan Shree Rajneesh oder Osho, spricht in einem seiner bisweilen skurrilen Lehrvideos über die Bedeutung von Individualität und den Vorgang des Findens. Als Knabe sei er, anders als in seiner Gegend üblich, stets in Kleidung mit aufgenähten Taschen umhergelaufen. Niemand wollte ihn verstehen, er aber habe diese zahlreichen Taschen gebraucht, weil er immer am Flüßchen unterwegs war, um Kiesel zu suchen, die er sich dann in die Taschen stopfte. Sowohl seine Kleidung, als auch seine Vorliebe für Kiesel führten zu einigen Disputen zwischen dem jungen Rajneesh und seinem Vater, der dem Knaben die Flausen austreiben wollte. Als der Vater, gemeinsam mit einigen anderen aus dem Dorf, das Zimmer des Jungen mit Flußkieseln zuschüttete, erklärte der kleine Rajneesh: nun sei ihm die Freude an den Kieseln zerstört, welche nämlich im Finden liege und nicht im Besitz. Rheinsein erhielt jüngst Foto und Bericht von wasserdurchlöcherten Kieseln aus dem Alpenrheinbett. Sie seien äußerst selten und das Auffinden habe eine besondere Bedeutung: Glück für den Finder, Schutz vor Alpträumen und in Gegenden, wo er noch existiert, selbst vor dem bösen Blick. Und Rheinsein erhielt Kunde von einem Jungen, der den Wert seines Ausflugs nach Salzburg an den Fundstücken entlang der Salzach bemaß: Katzengoldkiesel und ein noch beköderter Angelhaken.

Am Rande des Rhein-Lech-Kontinuums

In Augsburg am Lech traf Rheinsein während des Brecht-Festivals u.a. Monika Rinck wieder. Wir waren uns elektronisch aus dem Forum der 13 und erstweltend von der ein oder anderen Gelegenheit bekannt. Monika Rinck betreibt nicht nur ein höchst besuchenswertes Begriffsstudio, sondern schreibt und liest mit die wohlklingendste und anspielungsreichste Lyrik der Gegenwart – somit lag die Frage nah, ob sie den Rhein in einem ihrer Texte behandelt habe (spinxend natürlich auf einen Rheinsein-Gastbeitrag). Habe sie in ihrer Dichtung bisher nicht, sagte Monika (und zog umgehend ein Büchlein aus ihrer Tasche hervor), aber ob mich dieses vielleicht interessiere:

“A riddle is the purely originated.” In its context, this sentence begins the fourth strophe of Hölderlin’s DER RHEIN and can be read backward and forward. Origin as riddle. Riddle as origin. Like the source of the Rhine, pure origin is hard to specify. “Even poetry can scarcely unveil it,” says the poet. I suspect Celan likes the pun that informs Hölderlin’s riddle. His line breaks and word divisions emphasize the parts of Hölderlin’s German word Reinentsprungenes, which means “purely originated” but also sounds like “Rhine-originated” and perhaps even suggests “Der Rhein-originated.” Pure source, the river Rhine and the poem “Rhine” come together on one point from which the rich sense flows. If language were a commerce, punning words would be its usury. Aristotle tells us that usury is the most unnatural sort of wealth-getting because it allows money to breed money out of itself instead of being spent as it was intended. Analogously, punning generates an unnatural supplement of significance from a sound that properly expends itself in one meaning alone.”
(aus: Anne Carson – Economy of the Unlost. (Reading Simonides of Keos with Paul Celan) 1999.)

Doch, das interessierte mich sehr, schließlich bin ich Verfechter der Tausendrheinthese, die besagt, daß der Ursprung des Rheins zum einen ein vielfacher, zum andern unenträtselt ist und somit einen Tick eher in poetischen als geologischen Gefilden liegt, noch eher aber in den kosmischen mit ihren (von uns) un/entdeckten Zugängen (zu uns) – und ich dachte oder besser: empfand, so sollte es eigentlich immer sein: du stellst eine Frage und dein Gegenüber packt in Hinterkopf und/oder Tasche und holt eine strahlende Assoziation hervor.

Ernst Jüngers Rheinvergleich

“Im wundersamsten Buch der Welt, in der »Tausendundeinen Nacht«, finden wir eine Reihe von Geschichten, die nach dem Muster der Erzählung von den zehn Einäugigen angelegt sind und in denen sich eine Figur ersten Ranges verbirgt. Es handelt sich darum, daß man den Schlüssel zu einem bestimmten Raum erhält, den man jedoch nicht betreten darf, wenn man nicht in ein Abenteuer verwickelt werden will, bei dem man das Licht eines Auges verliert. Zwar ist jedes dieser Abenteuer in sich von unendlicher Mannigfaltigkeit und durchaus von den anderen verschieden, doch allen gemeinsam ist der Punkt des Unheils, auf den sie unfehlbar zustreben und der sich eben durch den Verlust des Auges kennzeichnet.
Ganz ähnlich war es hier: ein jeder, der sich eines Abends heimlich durch das Tor der Kaserne davongemacht hatte, konnte nicht verhehlen, daß er nach einigen Tagen, von zwei Feldjägern wohl behütet, vor eben demselben Tore wiedererschienen war. Ich hatte diese Aufzüge, die in der Arrestzelle endigten, wohl gesehen; man veranstaltete sie gern recht öffentlich, und es gab dabei jedesmal ein großes und schadenfrohes Hallo. Und jeder, der auf diese Weise wiedererschienen war, wußte zu berichten, wie fein er alles eingefädelt hatte, bis auf den kleinen, unscheinbaren Punkt, an dem er unvorsichtig gewesen war. Der eine hatte von einem überwachten Brunnen Wasser geholt, der andere war in ein Dorf geschlichen, um Brot zu kaufen, der dritte hatte schon im Angesicht der Grenze nicht mehr die Nacht erwarten können und war auf eine berittene Streife gestoßen, und jeder beklagte sein ganz einzigartiges Mißgeschick.
Mir nun erging es wie dem Neuling, der in den betrübten Kreis der Einäugigen gerät: ich hielt sie alle für ausgemachte Dummköpfe. Es schien mir, daß der Einzelne in einer so unermeßlichen und fast unbewohnten Landschaft sicherer als die bekannte Stecknadel auf dem Heuboden verborgen sei; und ich bildete mir ein, daß ich nur hierher gekommen wäre, um den anderen einmal zu zeigen, wie ein solches Unternehmen durchzuführen sei.
Damit befand ich mich in einem jener Irrtümer, die keine Belehrung je beseitigen wird. Immerhin läßt sich sagen, daß man auf diese Weise das, was man an Aussichten verliert, an Einsichten gewinnt; und auf die Schilderung dieses Vorganges zielt unsere Erzählung ab. So begriff ich seitdem, wie unsere Vorväter nach der Schlacht im Teutoburger Walde römische Senatorensöhnchen an die vierzig Jahre lang als Kuhjungen beschäftigen konnten, ohne daß einem von ihnen die Rückkehr zum linken Rheinufer gelang, wie man das bei Tacitus nachlesen kann. In diesem Falle nannte sich der Fluß, der zu erreichen war, zwar nicht der Rhein, sondern die Muluya; aber es ist zu bedenken, daß solche Unterschiede wohl in der historischen, nicht aber in der magischen Geographie von Bedeutung sind, in welcher die Geschichte von den Einäugigen spielt.”
(aus: Ernst Jünger: Sämt. Werke, 3. Abteilung – Erzählende Schriften I, Band 15 – Erzählungen: Afrikanische Spiele. Mit Dank an Roland Bergère für die Quelle.)