Monatsarchiv für Januar 2010

 
 

Rheintiere

Heute im Kölner Zoo die Schautafeln gesehen, auf denen Elefanten auf den Trampelpfaden am Niehler Ufer und Kamele über die Zoobrücke flanieren: fotoshopgenerierte, recht lebensecht wirkende Vermengungen urbanen und selvatischen Lebens, eine hübsche Idee, zumal die Tiere im Zoo, darunter nun auch ein Tapir (ein veritabler Salatfreund) die Rheinluft zu schnuppern ja reichlich gewohnt sind (der Fluß fließt praktisch nebenan), daß es gradezu Wunder nimmt, daß nicht ständig tierische Ausbruchsversuche geschehen. (Immerhin: den himalayischen Halsband- und Alexandersittichen, die mittlerweile einige Städte der Rheinschiene und sogar noch ganz andere freifliegend bevölkern, wird nachgesagt, sie hätten ihren anhaltenden deutschen Eroberungsfeldzug vom Kölner Zoo aus begonnen.) Im angeschlossenen Aquarium findet sich die gesamte Rheinstrecke raumgrafisch stilisiert, darunter abgetrennte Becken mit jeweils der alpinen, bodenseeischen, ober-, mittel-, niederrheinischen Fischfauna, im Mündungsbereich des Rotterdamer Hafenbeckens zieht der aquaristische, ansonsten selten gesehene Sterlet seine ruhigen Runden und direkt gegenüber der amazonische Arapaima (ein menschenähnlich-mystisches Schwimmwesen, in dessen Visage Jahrtausende abzulesen sind), in einem Zwischenbereich der Piranha, der ja in einigen industrienahen Rheinzonen im warmen Abwasser leben, gar überwintern soll. Ich stelle mir einen Rheintsunami vor, eine Riesenwelle, die die Tiere anland, ins weitgehend unvergitterte Rheinland schwemmt. Clown- und Nasenfische ziehen an meinem Fenster zum Hinterhof vorbei. Überhaupt werde ich dort, in dieser Hinterhofmulde, eines Tages, wenn der Nordseespiegel steigt, meine Gondolieren festmachen, um Touristen auf den neuen Wasserwegen durch die Stadt zu schaukeln, lang kanns nicht mehr dauern und es wird mindestens ebenso romantisch werden und monetär sicher einträglicher als mein bisheriges Dichterleben.

Rheinisches Silvester

Mit Wilden am Rhein entlang wie Humboldt einst am Orinoco: dafür garantiert die Deutsche Bahn. Die Silvesterstrecke Köln-Düsseldorf übernommen von weißgewandeten Partyjüngern aus den umliegenden Dörfern. Die pärchenweise, mit Billigsektresten bewehrt, ab auf die Bordtoilette. (Bei dem Pulver, das die innehatten, hamsese wahrscheinlich sauber geleckt.) Was man halt so tut, im Zug, wenn er in Form und Inhalt einer Sardinenbüchse nacheifert. Ddorf selbst grüßt mit leichtem Schneegestöber und den alten Kumpanen, in gemischter Erinnerung ans ewige Leben kommt fetziger Fasan mit Proseccokraut im Punkrock aufs Eßbrett, beim Bleigießen ergeben sich nur komische Keulen, da spart man sich lieber die Feininterpretation. Parallelgeschaltet läuft Karaoke nur mit den besten Slime-Krachern, todsichere Anwendung, um ein verwehendes Jahr endgültig in die Tonne zu kloppen. Am Friedensplätzchen dann sinnigerweise Raketenwerfer und Böllerinferno, Doses Raketen verzischen in der Erdumlaufbahn, überhaupt böse abgeschossen der ganze Himmel, als könnt ausgerechnet er was dafür, daß es immer weitergehen muß. Gemeinschaftliches Vernichten des Edelgins, dazwischen paßt ein durchaus champagnerartigen Glanz abstrahlender Schaumwein, die Nacht wird blasenförmiger und verteilt sich vorbildlich um in ihre einzelnen Aspekte, was ham wir nicht wieder alles geredet, ja, was eigentlich? Draußen wird es ruhiger, die Stadt gönnt der Nacht wie letztes Jahr genau jene Zeit, die sie braucht, um alles so zusammenzusetzen, daß es am andern Morgen wiedererkennbar wirkt. (Hat sie denn auch blendend hingekriegt.) Der Neujahrsschnee kommt wie bestellt, der Rheinturm bietet weiterhin die Möglichkeit zur Simulation freien Falls mit seinen wahnsinnsauslösenden Aussichtsfensterschrägen, direkt hinterm Stadttor schwillt der schwere graue Rhein hervor, zieht mächtig gen Holland, scheint etwas verkatert, spricht jedenfalls kein einziges freundliches Wort. Die fantastische Promenade entlang, gegen die sich die Linke damals so gewehrt hat, am allerschönsten sind ihre noch unvertwitterten Stellen, “Und wir schunkeln!” steht am Haus des Karnevals, ein Motto, das den geneigten Anwender sicher problemlos durch 2010 tragen wird, nicht nur in Düsseldorf. Bolkern über die Bolker, Referenzerweisen am Heinehaus, eine frierende Bettlerin, von Schickeria umgeben, das Bild hält lange vor, weil es kein Bild ist, sondern beschissene rheinische Realität. Der Hauptbahnhof wartet im Glitzerhemd, die Züge sind teurer geworden, dafür kommen sie gleich erheblich verspätet. Schneelandschaft im Halbdämmer. (In den Alpen vergißt man so leicht, daß es Städte wie Leverkusen überhaupt gibt.)

neujahr am rhein

blaue stunde. walzende fluten. wie im kino
strahlt boeses licht. nahverkehrskruecken

die brueckenpylone ragen starr aus matsch
& roehrricht. fahrbahnen mit gekruemmten

ruecken: es geht stets ums streben, beugen
& buecken. sektflaschenscherben im uferkies

abgeschossne silvesterraketen. der dom
sieht aus wie von playmobil, der walzende

strom wie gefalteter stahl. aus kopfhoerern
quaekt richard wagner, i-pod-monumental

paare fuehren hunde spazieren. schafskoettel
dampfen im gras. walhafte frachter defilieren

die menschen wuenschen sich was