HEL und Joost van den Vondel

Jüngst telefonierte ich mit HEL alias Herbert Laschet-Toussaint, Ostbelgiens und Deutschlands großem Dichter, und natürlich kam die Rede alsbald auf den Rhein. “Du kennst das von dem Holländer?”, meinte HEL und ich antwortete: “Vondel, dem der Park in Amsterdam gehört?” “Genau. Das mußt du aber im alten Original lesen und bringen, das läßt sich ganz gut verstehen”, meinte HEL, der selbst aus dem passenden Sprachraum stammt und gerade erfolgreich eine Suche nach einer im Internet verborgenen Liste mit Vokabeln einer jüngst katalogisierten altthrakischen Nebensprache in Auftrag gegeben hatte, deren Verständnis dem Deutschen an sich ungleich schwieriger erscheinen mag als barockes Niederländisch. Ich kannte Vondels furioses Rheinpoem bis zu diesem Zeitpunkt einzig auf Deutsch und hielt aufgrund der Kölner Herkunft des Dichters irrigerweise sogar für möglich, daß es im Original auf Deutsch abgefaßt worden sein könnte. HEL wußte es besser, er weiß eigentlich sowieso fast alles über Lyrik. An dieser Stelle nun kommt Google ins Spiel, dessen ausufernde Scan-Bibliothek die Recherchen zu Rheinsein seit Frühjahr 2009 enorm erleichtert und bereichert hat. Die Entwicklung von Google Books habe ich seitdem mit großer Euforie verfolgt, dort bin ich umstandslos an seltene oder vergessene historische literarische Zeugnisse gelangt (nicht alle, aber zunehmend mehr von denen, die ich suchte), die ich mir sonst nie hätte leisten können oder nur unter sehr hohem Aufwand für kurze Zeit hätte einsehen können. Solche Schriften sind nun also gebührenfrei und Vollzeit auf Selbstzugriff verfügbar. Ich empfinde das als revolutionär, mit der Sprache der Unterdrückten, und als Segen, mit der Sprache der Unterdrücker. Bei aller Euforie bleibt gegenüber Google Books eine gesunde Skepsis: positive Entwicklungen können sich in negative kehren, häufig genug passieren solche Kehren allzu schnell. Daher ließe sich jedem Interessierten empfehlen, sich mit elektronischen Downloads historischer Ausgaben zu versorgen, solange sie derart umfangreich und frei verfügbar sind. Seit gestern ist das Gesamtwerk Joost van den Vondels hier eingecachet. Die Originalversion, fiel mir auf, ist mit ihren 18 zehnzeiligen Strofen deutlich umfangreicher als die deutschen Versionen, die mir bisher bekannt waren – und die sich vornehmlich auf die “deutschen” Elemente des Poems beschränkten. Außerdem ist Vondels Rynstroom, den ich unten in bildschirmgerechten Häppchen gepostet habe, ein äußerst seltenes (dazu gleich ein so mächtiges!) unter den mir bekannten Zeugnissen für die Beschäftigung niederländischer Lyriker mit dem Rhein, was ich für umso erstaunlicher halte, als er schließlich ihr Land von Osten her ganz wesentlich aufschwemmt.


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