Monatsarchiv für Dezember 2009

 
 

Iso Camartin

Bin ich Europäer? fragt sich der als Rätoromane zumindest sprachlich, aber auch (ab)flußtechnisch mit den besten Voraussetzungen fürs Europäat aufgewachsene Iso Camartin in seinem gleichnamigen Essay-Band, untertitelt: eine Tauglichkeitsprüfung, und wählt, „natürlich“ bin ich geneigt zu unterstellen, den Rhein zum Motiv, von dessen Klängen er beginnt, genauer von den Zuflüssen, den reins, des Vorderrheins, die in seiner Erinnerung je ihren eigenen Klang besessen hätten (was ich ihm stante pede abnehme) und fügt eine sprechende Anekdote an: „An der Rheinquelle im Tomasee traf man ab und zu Holländer, die nahe an einer der Rheinmündungen in die Nordsee wohnten. Ich erinnere mich, daß ein Holländer einen Freudentanz über dem kleinen Rinnsal vollführte, das den Tomasee verläßt. Er konnte nicht aufhören, von einem Bein aufs andere hüpfend, fassungslos auszurufen: „Das ist der Rhein! Das ist der Rhein!“ Als er sich wieder beruhigt hatte, hörte ich zum ersten Mal das weiche Gleitgeräusch, mit dem das Wasser sich vorsichtig auf die Wanderschaft macht (…). Es ist zunächst ein wunderbar leises Fließen, das nur durch kleine Unebenheiten im schmalen Bett etwas lauter wird. Bis das Gelände steiler abzufallen beginnt und die Stimme des Baches laut wird.“ Der Tavetscherrhein birgt, kurz vor seinem Zusammenfluß mit dem Medelserrhein, einer Stelle, die bereits von Römern, Karolingern, Staufern, Sarazenen etc passiert wurde, Geisterstimmen und Geschichten aus den menschlichen Zeiten der alten Welt. Als dritten Ort nennt Camartin den Zusammenfluß bei Reichenau: „Es ist eine stille Vereinigung, die da vor sich geht (…). Nur entdeckt man jetzt, daß etwas Mächtiges entsteht. Das Wasser hat durch diese Verbindung geheimnisvoll an Tiefe gewonnen. Nixen und Wasserfrauen kann man sich oberhalb von Reichenau im Rhein eigentlich nicht vorstellen. Das Wasser ist zu transparent dafür, das Flußbett zuwenig tief für Geheimnisse. Hier aber beginnt sie: die ganz neue Dimension eines Stromes, mit den rätselhaft lockenden Wesen, die ihn bewohnen. (…) Die Loreley läßt grüßen.“ Hier bin ich geneigt zu widersprechen: zwar fließen beide Rheine tatsächlich mit beinahe beängstigender Ruhe, gleichsam als Symbol für Einigkeit und Friede, für beider Machbarkeit, ineinander, doch die Geräuschkulisse wird deutlich beherrscht vom Straßen- und Schienenverkehr, intervallartig gar so sehr, daß mitten aus dem Zusammenfluß beizeiten virtuelle Schrottskulpturen wild eintauchender Autos und Eisenbahnwaggons aufragen, um wieder in Licht und unterschwellige Stille zu verfallen. Und schwer erklärbare Wasserwesen habe ich in den Rheinen oberhalb Reichenau mit eigenen Augen gesehen, mit eigenen Händen berührt.

Lemchen

Ein Gedichtband, Epigrammaton libri duo, verhagelte Simon Lemnius nachhaltig die Karriere. Wofür er sich, zumal ersterer weitgehend eingezogen und verbrannt wurde, mit einem weiteren rächte, der bis heute so wenig ausgegraben, so sehr sich jedenfalls in der Kantonsbibliothek Graubünden wohl zu fühlen scheint – und einen Haufen Derbheiten enthält, die Lessing veranlaßten, sie zu verteidigen und somit den “Schand-Poetaster” teilzurehabilitieren. Die Ungnade rührte vom großen Vorzeigedeutschen Martin Luther selbst, der sich (und weil das allein nicht gereicht hätte, auch jede Menge weiterer „wichtiger“ Persönlichkeiten) darin unvorteilhaft aufs Korn genommen witterte. Also drangsalierte er den jungen Bündner, der in den 1530ern bei Melanchthon in Wittenberg zum hoffnungsvollen Neulateiner ausgebildet wurde, nach seinen Möglichkeiten, dh schließlich per Hausarrest und Prozeßandrohung so zureichend, daß Lemchen mit dem zarten Namen und dem starren Sinn, sein Habe zurücklassend, die Flucht ergriff, die ihn durch die ostdeutsche Provinz und schließlich den Rhein entlang in seine Heimatgegend nach Chur verschlug, wo er nebst einer metrisch gelungenen Darstellung des Triesener Gemetzels im Schwabenkrieg von 1499 (also dem Krieg zwischen Schweizern und Deutschen, samt einer frühen lyrischen Erwähnung der liechtensteinischen Lande) in Die Raeteis ein obszönitätsbasiertes und -triefendes Schmähwerk gegen Luther, die Monachopornomachia (den Mönchs-Huren-Krieg), verfaßte, in dem er die ehelich-unehelichen Beziehungsgeflechte in Wittenberg ausweidet und den großen Reformator als gehässigen, dauernotgeilen Sachsenpapst, als „moguntinus satan, diabolissimus diabolus, merdosus pfaffius“ auflaufen läßt.

Vic Hendry

Ich war auf den ersten Blick angetan, als ich in Sedrun Vic Hendrys Gedicht „Ruaussi“ in gleichmäßigen weißen Majuskeln, die etwas von hieroglyfen Schneeresten hatten, an eine dunkle Holzhauswand geschrieben fand. Zwar verstand ich kaum den Wortlaut des surselva-romanischen Texts, wohl aber Rhythmus, Knall-, Schleif-, Schwirr- und Schlepplaute, sowie die darin und dazwischen enthaltenen Naturkräfte, Silbenräume, die aus den winterbleichen Matten des Vorderrheintals und aus dem Strahlen des Himmels geschöpft schienen. Wer dieser Hendry sei, konnte ich mir nicht genau vorstellen: ob er noch lebte, und wenn ja, welchen Alters. Man erwartet dort oben ja unweigerlich Alpöhitypen. Zwar kam ich an einem Haus vorbei, an dem sein Name neben der Tür stand; dort einfach zu klingeln schien mir jedoch unpassend. Das Haus sah mittelständisch-wohlhabend aus und vor der Tür lag buntes Kinderspielzeug, ich meine aus Plastik, einem Material, das in den Bergen erhöhte Fremdartigkeit ausstrahlt. Vic Hendry dürfte, falls dem Internet zu trauen ist, ein lebender Mann von 89 Jahren sein, der dem heiligenbescheinten Sender gloria.tv (the more catholic the better) drei gefilmte Interviews (z.B. über die Profetenrolle des Dichters) gegeben hat, sodaß man ihn sich etwas klarer vorstellen kann. In der Kantonsbibliothek Graubünden finden sich zwei Gedichtbände, die ins Deutsche und andere Sprachen übertragen sind: auras (windzüge) und anemona alva (weiße anemone). Aus letzterem ein Beispiel für die karge Schönheit des Sursilvanischen, einer Sprache, die mit der sie umgebenden Landschaft aus Stein, Matten und Wasser, sowie den Wild- und Nutztieren (an anderer Stelle auch mit den ortsnotorischen Geistern), nicht zuletzt mit der jahrhundertealten Religiösität des Tals korrespondiert: „dils uauls e dils nuegls / vai jeu raquintau / dil matg culs utschals / masets el suitger / la stad sogn Martin / cun poppas da glin / dil trutg tras las vals / cun cufla el nas / selvadi e scart / han fatg vegnir ferms“ – zu Deutsch etwa: „von wäldern und ställen / hab ich erzählt / von vögeln im mai / meisen im holunder / von sommer bis martini / vom flechten des flachses / dem tälerquerenden pfad / der nase im schnee / herbe und mangel / gaben mir kraft“