Neues aus Hinterschellenberg (4) / Gorrh (6)

Von Beklemmung zu Euforie, Gorrhs Zustände wechseln wie das Tageslicht, während er, zur Außenhaut der Hinterschellenberger Häuser verwandelt, deren Atmung er kontrolliert, auf seine eigentliche Aufgabe wartet, das nächtliche Streunen. Und runter hechelt er durchs Riet und wieder hinauf, säuft einen gewaltigen Schluck Rheinwasser zwischen diesen Läufen, die er auf allen Vieren bewältigt, wie ein jagender Hase, der kaum den Boden berührt, kaum einen Halm knickt, mit zugekniffenen Augen voran, damit kein Blitzen und kein noch so fahler Leuchtschimmer seiner Blutrubin- und Infrarotaugen ihn verrät. Gorrh rupft die Rüben aus den Gärten und zieht denjenigen Maulwürfen, die nicht spuren, das Fell über die Ohren. Er lockert die Beete und nimmt sich sein Zehntel. Wölfisch wird er erst im Wald. Die Käuzchenrufe: ebenfalls Gorrh. Er verwächst mit den Bäumen, zerkratzt sich die Rinden, schwankt und nadelt, saugt den Winter ein und den Föhn, Gorrh nimmt es wie`s kommt und es kommt wie es kommen muß. Wenn der Mond wieder mal so verbeult aussieht, dann hat Gorrh in einem Wutanfall auf ihn eingedroschen. Er jagt auch die kleinen Moosfeen und stellt schlimme Dinge mit ihnen an. In Gorrhs Bart wachsen Eicheln. Er ballt die Hand zur Faust und entkrampft sie wieder – das sind die leichteren Erdbeben, solche, die nach Fichtennadeln riechen, Erschütterungen, als stünde man in einem Ameisenhaufen: ein langsames Abtragen der Welt, ihr steter Neuaufbau, mit Maß, Kondition, Geduld und der nötigen Portion Wahnsinn. Unter Gorrhs Zunge rollt schon die Sonne nach vorn, entwickelt einiges Glühen, doch er will sie noch nicht ausspeien, umschlingt sie, versucht, sie runterzuschlucken. All das bemerken die Hinterschellenberger höchstens am Rande ihrer Träume. Plötzlich ist da ein gleißender Tag voller Geländewagen, und, sobald diese verschwunden sind, Ruhe zwischen den Wipfeln der Lebensbäume, kaum ein Hauch mehr zu spüren, nur ein befremdliches Kalenderblatt in der Küche, seit einem Jahr nicht abgerupft, aus schwer verständlichen Gründen.


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Ein Kommentar zu “Neues aus Hinterschellenberg (4) / Gorrh (6)”

  1. Rainer Vogel
    18. Dezember 2009 um 11:04

    So ist Gorrh, diese ungestüme Art hat auch was!

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