Sieben mal

Ich gehe am Rhein spazieren
An einem warmen Tag in einem langen Sommer
Ich bin müde von der Arbeit und habe schwere Beine
Es ist später Nachmittag und die Sonne, schon leicht geneigt
Scheint mit unverminderter Kraft, blendet leise andauernd
Und beschwerend meine müden Lider
Die ich immer wieder aufreiße um mich am
Erfrischenden Blau im Abglanz des Himmels
Über dem undurchdringlichen Grün des Stroms satt zu sehen
Ich lenke meine Schritte über Sand und Kies
Knirschend mahlen sie als ginge ich in einem Meer aus Glas
Ein Meer aus Sand und Quarz, möchte hineingesunken sein
Die Kraft der Sonne speichern
Aufgeklappte Muscheln liegen zwischen Treibholzsplittern
Und präsentieren ihre leeren kalkigen Bäuche
Es riecht nach Fisch, nach faulenden Algen und Diesel
Drüben schlägt eine Glocke im Kirchturm
Dumpf schallt es herüber
Mein Blut pulst im Innenohr
Sanft fächelt eine Brise Kühlung über mein Gesicht
Wellen schlagen in einem ruhigen Gleichklang ans Ufer
Strudel glucksen, Wirbel ziehen ihre Bahnen
Möwen kreischen, halten Ausschau nach Essensresten
Von tuckernden Kähnen über Bord geworfen
Die flott vorüberziehen, eine mächtige Bugwelle vor sich hertreibend
Ich ziehe meine Sandalen aus und bade meine Füße im Rhein
Meine Füße sind blass, die Venen stehen dick und blau hervor
Von kühlem Rheinwasser benetzt
Ach könnt´ ich jetzt abtauchen
In die Mitte des Stroms und mich treiben lassen
Zum Meer, zur Nordsee und dann weiter in Ozeane
Wo seltsames Getier die See bevölkert
Zur Sargasso-See und den Glasaalen
Oder auf dem Grund des Flusses heraufwandern
Mit magischer Schwerelosigkeit ausgestattet
Der lastenden Strömung entgegen
Bis hinauf in die Schweiz, die Berge herannahen sehen
Die neue Brücke, ihre schöne, schlanke Silhouette
Knapp zwei Kilometer von hier kann ich mühelos erkennen
Sie überspannt den Rhein lässig und elegant
An dessen Grund der große Fisch, Grauer genannt
Allwissend in Massen schwarzen Schlammes gründelt
Seit alter Zeit und nichts verrät, weil er nur schweigen kann
Ich derweil bücke mich nach einem flachen, schwarzen Kiesel
Hole aus, ihn über die Wellen springen zu lassen
Lasse mitten im Schwung los und zähle die Sprünge:
Sieben mal.

(Ein Gastbeitrag von Rainer Vogel. Rheinsein dankt!)


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