Teufelsfluss

“Und dann kippte der Rhein ins Dunkle und überlappte sich sozusagen selbst. Er war jetzt eine schnoddrige Soße, die abkühlen würde und abgekühlt ganz eklig schmecken, wie Schweröl mit abgestandenem Eiweiß, und das, was in ihm trieb, die ganzen schleimigen glitschigen Wesen, Aale, all das, sie besaßen nun keine Schönheit mehr, wie ehedem in ihrer vollen Schlängeligkeit, nichts mehr, was sich erheben ließe, es sei denn, man wolle alles Übel erheben und anbeten, das verzweifelt Sexuelle einer ewigdämmernden hinterlistigen Nacht, in der wir uns Dinge antun, vollgesoffen, weil es anders nicht zu ertragen ist, nicht auszuhalten, und alles was von Rhein oder rein kommt, wird damit unterspült, die Welt nimmt mit ihren urigen Essenzen diese dunkle Färbung an, die sie braucht, um aus sich selbst herauszutreten, sich zu schälen, zu puppen, weiterzumachen, Ästhetik ist Stillstand und lebensbedrohlich, es kann garnicht sein, daß etwas, das nur gut ist, auch gutgeht, nicht auf Dauer, völlig unmöglich, und das zelebrierte der Fluß nun, dem wir etwas Fleisch entzogen hatten, ein paar magere, heftig vergrätete Fischlein, mit kleinen Seelen ausgestatte Handkeile, zerfetzte Lippenstifte aus dürftigem Fleisch und Blut, die uns anstarrten aus ihren fiesen Augen, kaum zu ertragen, und Horst schnitt den Fischen deshalb immer sofort die Augen aus, er sammelte sie, wie Münzen, goldglänzende Augen, schlug sie in ein Tuch ein und anstelle der Augen waren dann solche Ixe in den Fischschädeln, das gefiel ihm, aber nur, weil er Fische mit Augen nicht ertrug. Später würde er diese Barben, die kaum die Länge seines Mittelfingers erreichten und nur unwesentlich mehr an Breite, Stück für Stück zerschnippeln, den Kopf entfernen, den Schwanz, undsoweiter, bis garnichts mehr übrig blieb, sie zerteilen, zerhäckseln, mit seinem Messer, bis die Luftzüge durch die Gräten gingen und dann den Fluss beschimpfen, der ihm solche Geschöpfe ausspie, Opfergeschöpfe, mit denen nichts anzufangen sei, als sie komplett zu eliminieren, bis nichts mehr von ihnen blieb als ein kleiner Geruch, der die Stelle ihres Hinscheidens markierte. Verteufelte Viecher, verteufelter Strom.”

(Ein Gastbeitrag von Luise F. Zehlin. Rheinsein dankt!)


Stichworte:
 
 
 

Kommentar abgeben: