Liechtensteiner Sage

Es war einmal ein Bauer, der friedlich seinen Acker pflügte. Da hopste der Teufel wieder einmal durch das Fürstentum, weil er hoffte, einen Liechtensteiner, dessen Landsleute äußerst seltene Vögel in seinem Feuerreiche waren, zu erwischen. Gerade im Zusammenhang mit dem Teufel hat uns Otto Seger eine köstliche Begebenheit überliefert. Wie Eugen Nipp, der diese Sage erzählte, später mitteilte, starb der vorwitzige Bursche noch gleichen Tages. Er war schon hochbetagt, als er zum Sterben kam. Aber er fand keine Ruhe. Das mußte auch der Wirt jenes weitherum bekannten Bades und Gasthauses, das zwischen Nofels und Ruggel etwas abseits der Straße lag, bitter erfahren. Wer ihn einmal sah, vergaß die schreckliche Gestalt mit den riesigen Flügeln auf dem Rücken, den Hörnern am grausigen Kopf und den flackernden bösen Augen nicht mehr. Er bat seine Gäste, wacker zuzugreifen, und wünschte ihnen einen gesegneten Appetit. Es war furchtbar. „Dem fehlts im Kopf“, sagten sich die Leute mit Recht; aber sie kamen alle hergelaufen, groß und klein, und einige glaubten am Ende auch, vielleicht habe es in der Jauche Fische. Ja, es gibt oft merkwürdige Geschehnisse auf dieser Welt, und man muß deshalb in mancher Hinsicht vorsichtig sein. Ist es nicht so, daß es fast in jedem Dorf absonderliche Leute gibt, die so seltsam durchs Leben gehen, als wären sie nicht von dieser Welt, geheimnisumwittert, oft verspottet von den Kindern, oft scheu gemieden? Die Leute standen noch eine Weile beisammen, besprachen die Angelegenheit und sagten sich auch: „Merkwürdige Leute gibts heutzutage.“ Da wurden sie aus ihrer Versenkung aufgeschreckt durch ein furchtbares Getöse und Rauschen. Denn vor Zeiten geschah es, daß der Fuhrmann – er hatte zwei Wagen aneinandergespannt – über den Rhein wollte. Er hieß eigentlich Paul, aber man nannte ihn nur den Poli. Die Sage erzählt, wie er den Eidgenossen, Erbsen streuend, vorausging. Das war noch in den alten Zeiten, da die Welt schon hinterm Gartenhag unbekannt und voller Abenteuer war.
(aus: Dino Larese – Liechtensteiner Sagen; geschüttelt und leicht gerührt)


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