Via Mala

Um an die Silberne Via Mala-Besucherehrennadel mit eingefaßtem Tobelhocker zu gelangen, sind 25 nachgewiesene Schluchtvisiten vonnöten. Die Algordanza AG zu Chur bietet diese 25 Visiten momentan auf einen Schlag. Es geht in eines dieser klobigen Gebäude an der Churer Ringstraße. Blankpolierte Schilder weisen diverse Nutzer aus. Kaum ist man drin, läßt sich, das muß an der Architektur liegen, nur schwer des Eindrucks erwehren, daß hier in inversiver Weise, nämlich mit vergleichsweise wenig Arbeit vergleichsweise viel Geld gemacht wird. Man kann es sozusagen leise im Keller wachsen hören (die zeitlupenhaft schwerfällig wirkende Arbeit, die dort zu Essenzen abgefüllt in Metall-Regalen steht, das unverdorben dem Himmel entgegenwachsende Geld mit seinem Geruch von jungem Papier). Die Massivität des Gebäudes verschluckt oder zerdrängt gleichzeitig jeglich in seinen Weiten auftauchende Menschen wie ein schwarzes Loch in Grau. Erst denkt man noch, da käme jemand, der sich grüßen ließe, doch bevor man sich auf 20 Meter angenähert hat wird die betreffende Person immer kleiner und kleiner und verschwindet stufenlos an irgendeiner Wand. Wie weggezappt, -gezoomt, nie ernsthaft da gewesen. Mysteriös, sollte man meinen. Hier aber scheints völlig normal. Die einzige fysische Begebenheit von Bestand ist die Putzfrau. Es muß sich um die ewige Putzfrau handeln, sie verleiht dem Gebäude seinen Glanz (einen gräulichen) und wird dafür vermutlich klassisch entlohnt (relativ viel Arbeit für relativ wenig Geld). Im ersten Stock logiert die Algordanza. Auf den Fluren und im „Meeting Room“ der Büroetage hängen 25 Via Mala-Gemälde aus den letzten beiden Jahrhunderten. Die Zeitung schrieb, sie seien zum Anschauen für alle gedacht. In der Sitzecke des Eingangsbereichs liegen einige Diamanten auf dem Tisch. Sie sehen aus wie zum Mitnehmen gedacht. Die Zeitung hatte sich über dieses irritierende Detail völlig ausgeschwiegen. (Ein wenig eifersüchtig auf die Klunker, weil sie ja des Meitlis bester Freund sein sollen; was andererseits auch wieder nicht einzig erstrebenswert wie auch immer.) Es hängen also lauter Viae Malae an den Wänden. Die Künstler haben sich dabei auf düstere Farben verständigt, sie gewinnen der Schlucht einige ihrer langweiligsten Aspekte ab, während die kleinen Farbabbildungen der Originale auf den Erklärungstafeln durchaus interessante Koloration besitzen. Lauter berühmte Maler haben sich mit der Via Mala beschäftigt, ich würde behaupten: die meisten haben amtlich versagt. Zu den drei vier besseren Arbeiten gehören Bleulers unvermeidliche Vedute, zwei sich küssende Felsen, ein paar vom Eis bedrohte napoleonische Soldaten und eine Tunnelansicht, so verschroben gewählt und ausgeführt, daß die Erfindung des Trash mal wieder umdatiert werden sollte. Ansonsten ein paar versteckte Geister und einige Kirchners, Breughels, Segantinis – allesamt von anderen gemalt. Warum diese Sammlung an diesen Ort zur Ausstellung gelangt ist, muß einen Sinn besitzen, der sich meinem Verstand entzieht. Nichtmal Nachweise für die Silberne Ehrennadel sind zu erwerben. Vielleicht handelt es sich um eine hochkomplexe psychologische Sache für die Angestellten. Ich entziehe mich mit einem Ruck den 25 Abgründen, indem ich beinahe über die feudelnde Putzfrau falle, ja, auch das Treppenhaus hat seine Tiefe, draußen, im grauen Chur, geht der Verkehr, die graue Plessur, es hat schon alles Sinn, auch wenn es sinnlos scheint, irgendwie geht letztlich alles immer zusammen.


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