Der Rhein in der lokalen Kleinpublikation

Im Haldensteiner Boten, dem schick aufgemachten halbjährlichen Gemeindeblatt, erinnert sich die älteste Einwohnerin, wie sie 1939 herzog, an die internierten Polen und Italiener im Dorf, „die schöne Lieder sangen“. Daß nach dem großen Calandawaldbrand außergewöhnlich viele Morcheln zu finden waren. Daß sie eine Stunde unterwegs war, ihrem Mann, der nach dem Brand aufforstete, das warme Mittagessen im mit Tüchern umwickelten Topf in den Wald zu bringen. Daß die Kinder den ganzen Sommer barfuß unterwegs waren. Daß die Kinder nach Hochwassern beim Sammeln von Treibholz am Rheinufer mithelfen mußten. Auch im Hinterzimmer der Calandawirtin gehen die kinderarbeitsgespickten „Geschichten von früher“, denen sich deutliche Unterschiede zum Leben im Wohlstand der Moderne entnehmen lassen. Umschlagsgeziert ist der Haldensteiner Bote vom Druck einer fantastischen Vedute des Schloßes, 1548 geschaffen vom Thurgauer Meister HS als Teil einer groß angelegten Raumvertäfelung, die heute im Köpenicker Schloß gelandet ist, während das Haldensteiner inwärtig in schlichter Gekalktheit, durch das hie und dort sein uriges Gemäuer schimmert, Geschichte atmet. Neben dem Haldensteiner Boten liegt dann noch das Hochglanzmagazin Rheinfluss (mit dem leicht gestelzten Untertitel: Magazin für am Rhein Lebende: von den Quellen bis zur Einmündung in den Bodensee) mit vielen Fotos von Brücken in Vollfarbe aus, im verrauchten Hinterzimmer der Calandawirtin, ein seltsames Surium versammelter, als Artikel getarnter, Werbung, tatsächlicher Artikel und einer einsamen Grußnote an den unbekannten Touristen in englischer Sprache, daß einigermaßen erstaunt, welch ein finanzieller Aufwand für die visuelle Ausstattung derartiger Kleinpublikationen betrieben wird.


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