Monatsarchiv für Dezember 2009

 
 

rheinische weihnacht

im dezember renn`n die menschen in der pause
wie zu allen jahreszeiten gerne an den flusz. man
schaut auf waszusehngibt, trinkt ein gluehwein
& genieszt die szenerie. zb so ne szenerie wie die:

wildgaense asen rauhreifhalme & trompeten
gelaendermoewen hocken arsch an arsch. beten
fuer kuechenabfaelle. gruenkohldunst schwelt
aus weihnachtsmarktbuden. matronen in kitteln

packen mettenden mitten in den kalten advent
die schlange vor den kassenhaeuschen schweigt
wie einer der die prozedur seit ewigkeiten kennt
dat braucht eem saine zait, dat is all-les achbait

gleich is die pause wieder um. dann gehts ins buero
zurueck. doch darum gehts nich. s geht nur um
den blick auf die  bettelnden voegel am flusz. auf
die dampfende mettwurst. da wird viel bewuszt

Zwischenbilanz

Überrheinsein sagt über Rheinsein, daß dieses Webprojekt ursprünglich auf ein Jahr veranschlagt wurde. Dieses Jahr neigt sich dem Ende: Zeit, Bilanz zu ziehen. Der Autor dankt allen Institutionen und Personen, die seine Rheinforschungen gefördert haben: Mittels finanzieller Zuwendungen und freier Unterkünfte, mittels Webspace und weblogistischer Betreuung, mit Bei- und Zuträgen, Begleitung, Hinweisen, Gesprächen, Freundschaft und Liebe. Das Ziel, den Rhein 2009 einmal komplett, das heißt jeden einzelnen seiner beidufrigen Kilometer, zu bereisen, verschwamm sehr bald als illusorisch. Meine Rheinrecherchen werden somit auch 2010 und weit darüberhinaus anhalten, allerdings werde ich den Takt verändern und Rheinsein-Leser dürfen sich auf zunächst deutlich weniger Blogeinträge einstellen. (Dafür läßt sich gehörig in den alten stöbern, schließlich sinds fast 400 Einträge geworden.) Außerdem sind gleich mehrere klassische Publikationen (Buch, Rundfunk) diverser Rheinsein-Derivate in Planung: Angesichts der Tatsache, daß es sich bei Rheinsein um so etwas wie öffentliche Arbeitsnotizen zu einem recht vergessenen Thema handelt, hat es erstaunliche Aufmerksamkeit erzielt. Über Erscheinungstermine werde ich zeitnah an dieser Stelle informieren. Sicherlich hat Rheinsein die Möglichkeiten eines Weblogs bisher nicht ansatzweise so ausgenutzt wie es möglich wäre, immerhin bietet es mittlerweile offenbar die größte zusammenhängende, wenn auch weitgehend zufallsstrukturierte, im Netz existente Textsammlung zum Rhein in seiner Gesamtheit wie seinen kulturellen Aspekten, obgleich vor allem an Fremdtexten nur ein minimaler Bruchteil dessen ins Netz geladen werden konnte, was mir an Material zur Verfügung steht. Im Laufe der Arbeit wurde jedenfalls deutlich, daß Rheinsein Entwicklungspotential in gleich mehrere Richtungen besitzt, die weit über die bisherige Erscheinungsform hinausreichen könnten. Und mit diesen erhebenden Aussichten wünsche ich meinen Lesern e frohs Feschtle un en guude Rutsch!

Die Schaaner Commendatoren

commendator_2commendator_1

Ganz Liechtenstein wird beschützt von zwei Ordensrittern der Künstlerin Anna Chromy. Nachempfunden sind sie nur den mächtigsten Gestalten der erweiterten Erdgeschichte (wie etwa Darth Vader, den Dementoren aus dem Geiste Joanne K. Rowlings oder den Nazgûl aus Tolkiens Mittelerde-Saga), und plaziert hinter Gebüschen der Buchser Einfallstraße nach Schaan (bzw der Schaaner Ausfallstraße nach Buchs), einer rechts, einer links, doch beide gleich sinister an Ausstrahlung und Verstand. Nachts atmen sie schwärzeste Schwärze (Sterne prallen an ihnen ab), tags schaun sie einfach nur introvertiert-bös und versenden im Aktivfall heftige, gebündelte Rheinwellen. Als meditative Meister zielgerichteter Absorption trinken sie nebst jenen Seelen, die dem Vaterlande schaden, ausschließlich mit Kohlensäure versetztes Mineralwasser aus Vals, das sie, anders als die Seelen, die sie auf immer und schwer zerdrängt bei sich behalten, völlig schamlos am Orte ausscheiden – auf welchem Wege sie es beziehen, ist bis dato unbekannt. Ansonsten brüten sie meist einsam-zweisam vor sich hin – es ist alles andere als ratsam sich ihnen zu nähern; viele haben es jedenfalls nicht versucht und die kennt niemand mehr. Die seltenen Bilder der beiden im Volksmund „Licht“ und „Stein“ genannten Landeswächter stammen aus Sicherheitsgründen von einem mit Periskopkamera ausgestatteten Satelliten. Um sie ins Internet stellen zu können, leider bekomm ich sie nicht direkt gegenübergestellt, wurden sie zuvor sorgfältig römisch-katholisch-elektronisch exorziert.

Vor weiß-, grau-, spätburgunderfarbnen Nächten

Natursatan & Industriesatan, kläffen sich an
gestreamt von Banksatan, tragen sportive Unter-
wäsche. Ursatan tanzt auf Kupplung, Bremse, Gas
in den Randgebieten der Virilität, in den Ecken
blankpolierter Bars (tragen Namen wie „Damage“)
fließt der Sprit fließt auch die Straße lang
gehäutete Mäuse, geheutete Leute schlürfen Glas-
nudeln in der Ha Long Bucht, deren System ver-
vielfachter Schönheit als Imbiß aus dem Boden
zu sprießen rund um die Welt. In Rüfenabgängen
verfliechtensteinerte, geschliechtensteinigte
Relikte, spinxen auf Rheinwäsche, der Fels saugt
die Himmel an, inhaliert, mitm Strohhalm, zu
Maden geformte Föhnwolken, machtn Bäuerchen
das zu Geld gekommen ist, das es ausschwitzt
vor der prachtvollen Kulisse jener markant
gezackten Bergwelt in seinem Gesicht auf den
Illustrierten an den Tankstellen die drallen, in
knappe gelbe Gummianzüge gezwängten Mädchen
mit wiederkehrender Dauerwelle & halbgerauchten
Zigaretten, aus denen der Geschmack ganzer
Dekaden spricht, deren feine Rauchfahnen die
Fluchtlinien aufzeigen, entlang derer der Tod
gestärkt von Schokoriegeln & Bergkäse, mit
seiner lässigen Sonnenbrille das Tal aufmischt

Kaiserswerth (2)

„Kaiserswerth was entirely a Roman Catholic village until near the close of the last century, when certain velvet manufacturers brought over their work-people from Protestant Crefeld. The Protestant congregation was small enough,- two hundred in a population of eighteen hundred; and over it Candidat Theodore Fliedner was placed as village pastor in the year 1822. He was not there a month when the velvet manufacturers failed, and the congregation, mostly their own workmen, threatened to be broken up. Fliedner was offered another charge. He says he could not reconcile it with his duty to leave his flock when they most needed help; and as they were no longer capable of supporting a pastorate among them, he made a begging tour as far even as Holland and England, and returned with a sum sufficient to afford a moderate endowment. This, however, was by far the least result of his journey. His longing and aptitude for practical work, not as a philanthropist only, but as an earnest minister of Christ, had been greatly stimulated by what he saw. He had visited hospitals, workhouses, schools; in London he dwells simply on having „seen Newgate, and many other prisons:“ he regrets only missing Mrs. Fry. And when he came back he thought, with deep shame, that in faith and love Englishwomen far surpassed German men. It was not long till his thoughts found a practical outlet. The prison at Düsseldorf was no better than other prisons at this time. There was no classification of the prisoners, no schooling for the young, scarce any separation of the sexes. The filth was horrifying, the arrangements for sleeping and eating of the worst. The prisoners had no employment, and there was no effort to give them any spiritual instruction. Meanwhile the jailors grew rich, and the prison-boards fell asleep. Fliedner sought admission to the Düsseldorf prison, having more leisure, as he says, than his brethren, and obtained permission to preach in it every Sunday fortnight.“ Dazu paßt die höchst überlieferungstaugliche, symbolbehaftete Legende, daß Fliedner einst in einem Nachen in Kaiserswerth anlandete; um ernsthaft heilig gesprochen zu werden war er dennoch eine Spur zu protestantisch. Die grauen Diakonissen, zu Beginn aus Knästen und Armenfamilien rekrutiert, wandeln bis heute in zunehmend rarer Ausführung durch rheinische Landschaften und vermitteln dem unbedarften Beobachter das Gefühl, daß es hinter ihnen staubt. (O tempora, o mores!) Und London sollte stets als letzte und größte Stadt am Rhein gedacht werden, hier mal nebenbei.

Kaiserswerth

Über den Gründer der Diakonie, Theodor Fliedner, schreibt Rev. William Fleming Stevenson in seinem Buch „Praying and Working“ (London 1862), das von Lebenswegen berühmter Christen erzählt, und nimmt dabei mit Thomas Hood (dessen Stil er mäßig kopiert) und Lord Byron einen langen rheinischen Anlauf, bevor er „The blue flag of Kaiserswerth“ sichtet: „Up the Rhine, has no more the meaning it bore in Thomas Hood`s exquisitely droll itinerary, – not so long ago, but for this railway and now telegraph speed at which the world is flying past us, – when it meant leisurely sailing for days together from the very Rhine mouth up to Basel, with nightly bivouacs at the villages on either side, and endless opportunity of observing the vicissitudes of social life from the crowded quarter-deck. For the first point of departure from Rotterdam is now the pretty station of the Dutch-Rhenish Railway, and along this railway you are whirled at a steady, comfortable pace, without so much as a peep at the rejoicing river, or at anything else, save a deep, full ditch, close to the rails, an occasional sand-hill, or flat colourless fields where the hard soil is bleached by the sun, until you see the towers of the great cathedral at Cologne, and there take the water for Coblenz and Bingen. But should any one be simple, quiet, and old-fashioned enough to embark at the Boompjes, in one of the fast Rhine steamers, and be content to look, for two days, at a row of bulrushes on the one side and poplar trees upon the other, or at poplar trees upon the one side and a row of bulrushes on the other, he will not only come upon the exquisite scenery higher up with all the advantage of contrast and relief, but will probably see, about an hour before reaching Düsseldorf, a strange flag floating from a tower upon the left. It is not time for the „Fruit, foliage, crags, wood, cornfield, mountain, vine / And chiefless castles breathing stern farewells, / From green, but leafy walls, where rain greenly dwells;“ the only rising ground in sight is on the horizon, and the tower is only the relic of a windmill. Neither does the flag suggest anything of battles passed below, but is simply a large blue flag, bearing in the centre a white dove with an olive branch. It is the signal that you are passing Kaiserswerth, a paltry, ordinary village, as you would presently say, looking at the houses that straggle down to the river; and is nothing more, notwithstanding its ruins of the eleventh century, and that St Suibert, the first evangelist of the district, is buried in the Pfarrkirche. Moreover, on nearer inspection it turns out to be dirty, as most Roman Catholic towns unfortunately are. And yet it is better worth stopping at than St Goar or Ehrenbreitstein. It is the seat of a movement which is exercising a profound influence on the German Church, and drawing no little attention from England, as well; where an unpretending German clergyman has been working out in his own way a problem which deeply concerns us all – the right relation of womanly gifts and service to the kingdom of God. (…)“

Fliechtenstein (Gewebeent- per Luftaufnahme)

An der Landesgrenze grüßen zwei Barockengel, die Wangen
aufgepustet, fehlt jeweils nur die Tuba, armbrustbewehrte
Hardcoreputten, einander Spiegelbild. Waah-Dutzz, Zaduff
Wudatz! geht’s mit Karacho übers Heiteckkraut in Triesens
Ritzen, Geruch gärenden Geldes, verdächtige Kühe. In den
Kellern: Killercupiden, nett frisierte Scharfschützen in
Corporate Identity-Klamotten (mit winzigen Hundertfranken-
Scheinen in die Kragenränder genäht), Argusbrüder vor
Videos mit Betonwänden zwischen unterirdischen Besucher-
Parkplätzen. Die leise Geste des Steinbrechs, in Grautönen
aufgezeichnet. Rotweiß walkt ein Pulk G`lump aufs Städtle
im leeren Stadion der hohen Niederlage die Sitzschalen in
Fürstenfarben. Als hätt er jemand im Genick, hastet der
Rhein, Holzbrückensplitter im Klarlack, Skater am Bein
als wollt er von Fliechtenstein lieber nix wissen, als
hing er an der Dialyse, übermüdet am Lügendetektor, als
hätt er die Power, hier einfach mal richtig durchzuziehen
(Mehrere Lösungen möglich.) Da! Zwei illegale Somalier!
In der Elfuhrschlange fürn Mittagstisch der Phüanthai-
Anstalt. Am Kreisel küssen sich in plötzlichen Anfällen
limegelben Widerscheins, von der Sonne verwöhnt, die
Busse. Das Tal ist friedlich gelegen, dahinter falten
sich rosa Vorderschinkenberge bis fast auf 3000 Meter
(in die modern gestalteten Höhlen wurden nach reiflicher
Überlegung geräuscharme Sushi-Fließbänder integriert)
sch-sch-Schaan, Schaan, zischt limousinierte Jetset-
Heiligkeit, im eignen Schatten versteckt (verdächtige
Kühe längs des Wegs längst auf Sprengsätze gecheckt)
durch den Regelverkehr. In den Supermärkten: so einiges
zu Trockenfleisch gehobelt, mit sternförmigen Rabatt-
Marken, in deren Innerstem (eine erste Vermutung) die
Staatengemeinschaft kulminiert. Tausendfrankenmost
original homegrown, heule nicht, Bauer, in den Kirchen
wartet nach wie vor Erlösung. (Vollständigkeitshalber
erfolgt die Entnahme eines Widderchens aus den Bergen)

Neues aus Hinterschellenberg (5)

In Gedanken versucht, die berühmte viertafelige Hinterschellenberger Prometheus-Passion zu imaginieren – und siehe da, es gelang ein linksbündiges Detail: Contrametheus Beschwörung der Krähen, dem Adler Ersatzleber (vom Güggeli) anzubieten. (Krähen wie Contrametheus schielen jedoch bereits auf die im Vordergrund lockenden Motive von Zuckerpalme und spitzkastenförmigem Sprechapparat.) (Im rechts freien Raum verbleibt die Möglichkeit zur Imagination von Rheinstrom.)

hinterschellenberg

Neues aus Hinterschellenberg (4) / Gorrh (6)

Von Beklemmung zu Euforie, Gorrhs Zustände wechseln wie das Tageslicht, während er, zur Außenhaut der Hinterschellenberger Häuser verwandelt, deren Atmung er kontrolliert, auf seine eigentliche Aufgabe wartet, das nächtliche Streunen. Und runter hechelt er durchs Riet und wieder hinauf, säuft einen gewaltigen Schluck Rheinwasser zwischen diesen Läufen, die er auf allen Vieren bewältigt, wie ein jagender Hase, der kaum den Boden berührt, kaum einen Halm knickt, mit zugekniffenen Augen voran, damit kein Blitzen und kein noch so fahler Leuchtschimmer seiner Blutrubin- und Infrarotaugen ihn verrät. Gorrh rupft die Rüben aus den Gärten und zieht denjenigen Maulwürfen, die nicht spuren, das Fell über die Ohren. Er lockert die Beete und nimmt sich sein Zehntel. Wölfisch wird er erst im Wald. Die Käuzchenrufe: ebenfalls Gorrh. Er verwächst mit den Bäumen, zerkratzt sich die Rinden, schwankt und nadelt, saugt den Winter ein und den Föhn, Gorrh nimmt es wie`s kommt und es kommt wie es kommen muß. Wenn der Mond wieder mal so verbeult aussieht, dann hat Gorrh in einem Wutanfall auf ihn eingedroschen. Er jagt auch die kleinen Moosfeen und stellt schlimme Dinge mit ihnen an. In Gorrhs Bart wachsen Eicheln. Er ballt die Hand zur Faust und entkrampft sie wieder – das sind die leichteren Erdbeben, solche, die nach Fichtennadeln riechen, Erschütterungen, als stünde man in einem Ameisenhaufen: ein langsames Abtragen der Welt, ihr steter Neuaufbau, mit Maß, Kondition, Geduld und der nötigen Portion Wahnsinn. Unter Gorrhs Zunge rollt schon die Sonne nach vorn, entwickelt einiges Glühen, doch er will sie noch nicht ausspeien, umschlingt sie, versucht, sie runterzuschlucken. All das bemerken die Hinterschellenberger höchstens am Rande ihrer Träume. Plötzlich ist da ein gleißender Tag voller Geländewagen, und, sobald diese verschwunden sind, Ruhe zwischen den Wipfeln der Lebensbäume, kaum ein Hauch mehr zu spüren, nur ein befremdliches Kalenderblatt in der Küche, seit einem Jahr nicht abgerupft, aus schwer verständlichen Gründen.

Sieben mal

Ich gehe am Rhein spazieren
An einem warmen Tag in einem langen Sommer
Ich bin müde von der Arbeit und habe schwere Beine
Es ist später Nachmittag und die Sonne, schon leicht geneigt
Scheint mit unverminderter Kraft, blendet leise andauernd
Und beschwerend meine müden Lider
Die ich immer wieder aufreiße um mich am
Erfrischenden Blau im Abglanz des Himmels
Über dem undurchdringlichen Grün des Stroms satt zu sehen
Ich lenke meine Schritte über Sand und Kies
Knirschend mahlen sie als ginge ich in einem Meer aus Glas
Ein Meer aus Sand und Quarz, möchte hineingesunken sein
Die Kraft der Sonne speichern
Aufgeklappte Muscheln liegen zwischen Treibholzsplittern
Und präsentieren ihre leeren kalkigen Bäuche
Es riecht nach Fisch, nach faulenden Algen und Diesel
Drüben schlägt eine Glocke im Kirchturm
Dumpf schallt es herüber
Mein Blut pulst im Innenohr
Sanft fächelt eine Brise Kühlung über mein Gesicht
Wellen schlagen in einem ruhigen Gleichklang ans Ufer
Strudel glucksen, Wirbel ziehen ihre Bahnen
Möwen kreischen, halten Ausschau nach Essensresten
Von tuckernden Kähnen über Bord geworfen
Die flott vorüberziehen, eine mächtige Bugwelle vor sich hertreibend
Ich ziehe meine Sandalen aus und bade meine Füße im Rhein
Meine Füße sind blass, die Venen stehen dick und blau hervor
Von kühlem Rheinwasser benetzt
Ach könnt´ ich jetzt abtauchen
In die Mitte des Stroms und mich treiben lassen
Zum Meer, zur Nordsee und dann weiter in Ozeane
Wo seltsames Getier die See bevölkert
Zur Sargasso-See und den Glasaalen
Oder auf dem Grund des Flusses heraufwandern
Mit magischer Schwerelosigkeit ausgestattet
Der lastenden Strömung entgegen
Bis hinauf in die Schweiz, die Berge herannahen sehen
Die neue Brücke, ihre schöne, schlanke Silhouette
Knapp zwei Kilometer von hier kann ich mühelos erkennen
Sie überspannt den Rhein lässig und elegant
An dessen Grund der große Fisch, Grauer genannt
Allwissend in Massen schwarzen Schlammes gründelt
Seit alter Zeit und nichts verrät, weil er nur schweigen kann
Ich derweil bücke mich nach einem flachen, schwarzen Kiesel
Hole aus, ihn über die Wellen springen zu lassen
Lasse mitten im Schwung los und zähle die Sprünge:
Sieben mal.

(Ein Gastbeitrag von Rainer Vogel. Rheinsein dankt!)

Neues aus Hinterschellenberg (3)

Ein putzig-plustriges Wintergoldhähnchen gesichtet, es zirpte. Bißchen fad in den Endschnörkeln. Schniiiepzipzip-schniiepzipplipp, so in etwa, oder auch frrrrr-frrrrfr. Schwätzte halt so daher. Der Tag verging ganz von selbst. Im Fernsehen brachten sie was über Schellenberg, über das neue Gemeindelogo, das aussah wie der Mittelrhein an manchen Stellen. Es war dem Eschnerberg nachempfunden, der ja auch in der Nähe ist.

Neues aus Hinterschellenberg (2)

Um Schellenberg herum die Jungfraun vom heiligen Blute, blutend. Aus dem Boden schießen, Stopfen und Pfropfen gleich, prallwangig-rosige Kirschwasserbischöfe. (Das Ergebnis nur einer ereignisreichen Nacht.) Contrametheus stiehlt sich umher, löscht die nachspritzenden Funken. Contrametheus von der Berufsfeuerwehr. Pißstrahl im Dunkeln. Auf dem Grenzstrich, beherrscht von Halunken, werden die Berge abgezählt, nachgekartet und -gezackt. (Sitzen zwei Berge in der Dorfbeiz, trinken reichlich Enzian. Sagt der eine: Haste mal n Kamm? Nee, der ging anders. Sitzen erstmal zwei Berge in der Dorfbeiz, dann kommt noch ein dritter: Na holla, das ist ja wohl der Gipfel. Oder nee. Sitzen einmal alle Berge in der Dorfbeiz, kommt der Rüfenprüfer. Ach was.) Der Eschnerberg macht einen Buckel fürs neue Gemeindelogo. Der ferne Rhein als gelöste Schlinge oder versteiftes Seil peitscht die Würmer unter seinem Bett. Tonlos brüllende Wälder.

Neues aus Hinterschellenberg

Tarzan vor Hinterschellenberg. Prometheus vor Hinterschellenberg. Gorrh über Hinterschellenberg. Seichter Rheinblick von Hinterschellenberg. Der Schellenursli hinter Hinterschellenberg. Nichts Neues aus Hinterschellenberg.

Begebenheit bei Hinterschellenberg

Kühe im Halbdämmer, im Pulk, mit Regenfäden vernäht. In ihren Innern: Rohrsysteme, von Flüssigkeiten und Gasen durchzogen, mit verkuttelten Hähnen geregelt: ein Käuen und Käuen und Käuen, der große Pansen, mählich treibende Vorgänge, an deren Rande es grummelt und spratzt, am Wegrand hüpft ein Spatz, das ist der Sound der Landschaft. Glitschige Hänge, ächzende Föhren. Bleiches Gras sträubt sich teils angeekelt, teils routiniert ins Wetter, einige Wiesen lassen sich gar vom Niesel frisieren, massieren, haben den ewigen Kampf aufgegeben und fügen sich einfach ins Dasein. Da nähert sich ein wilder schwarzbärtiger Mann mit einem riesigen grünen zu einem gewaltigen Zipfel spitz nach oben auslaufenden Filzhut halb im Bergler-, halb im Seemannsgang, geschickt und wendig jedenfalls, nähert sich aus den nachmittäglichen Schwaden Vorarlbergs, weit drunt im Dunkel fließet der Rhein, nähert sich der Grenze, in der Rechten ne elektrische Fackel: Prometheus. Hält jäh inne, stutzt, liest (ein Schild!):

Grenzübergang für Wanderer
Überschreitungen mit gültigem Grenzübergangspapier gestattet. Ausgenommen sind visumpflichtige Ausländer. Kein Warenverkehr! Übertrittszeit: Sonnenaufgang – bis Sonnenuntergang (Sicherheitsdirektion für das Land Vorarlberg / Regierung Fürstentum Liechtenstein)

heult kurz auf und setzt seinen Weg, einen mutmaßlich ziellosen, die Sonne ist längst in der Schweiz verschwunden, fort und gelangt auf diese Weise nach Hinterschellenberg, wo`s plötzlich in den Steckdosen zischt bis die Energiesparlampen verrückt spielen. Nicht mehr als ein Bild, eine Begebenheit wie sie sich täglich abspielt, irgendwo auf der Welt, mit einiger Symbolkraft, deutungsfähig jedenfalls. (Leberzerfressener, unverstandener Heilsbringer als visumpflichtiger Ausländer mit unzureichenden Deutschkenntnissen.)

Reise mit rund hundertfacher Rheingeschwindigkeit

Das Alpenrheintal ist nur zur Hälfte da, der Himmel mit dampfendem Nebel verfüllt, einem milchigen Weiß, aus dem ganze Gemütszustände gekäst werden mögen. Ich verlasse mein geliebtes Schloß. Chur liegt leicht angepißt in der Vorweihnachtszeit, ein heimeliger Niesel, im Welschdörfli blinkt der Neonsex. Wer jetzt kein Birnbrot backt/kauft/futtert… Langsam schwellen die Schienenstränge aus dem Bahnhof heraus. Queren die cleane Schweiz. Milchgraue Zuflüsse schwemmen in den Hauptrhein, der Niesel wäscht Industrieanlagen und Frankenhäuser, poliert sie mit schwachem Winterlicht. Heidiland und Walensee, eine Landschaft für ewige Wanderer und solche, denen das Himmelreich… Der ganze Schnee ist in alle offenen Himmel gefallen und verstopft sie mit Normweiß. Drunter die Stümpfe der Berge, grün verhügelt. So eine Limmat scheint auf und endet in einer Kurve. Auf Deutschland zu flockt Grau in die Sicht, düstert der Nachmittag nieder. Dreisam und Kinzig huschen grad mal noch so untendurch. Die Berge im Rücken, im breiten Tal, flankiert von halbherzigen Schwarzwäldern und Vogesen, zielstrebige Menschen bevölkern die Abteile, alle wollen sie irgendwo hin, ummantelt von Zeit und Vergessen. Der Rhein erlischt in der Dunkelheit des Nachmittags: schwarzer Strich auf unheimlichem Grund, schwarzblutende Narbe auf dem Fleisch der Erde. Zwei oder drei Lampions leuchten in Deutschland. Wir rasen durch Tunnel genau ins Schwarz, trostlose Fahrt, erst bei Köln kommt der Rhein wieder zu sich – entsprechend angestrahlt. Aus Öffnungen im Stahl und Beton quellen tierisch viele Menschen in den öffentlichen Raum, wuseln da rum, docken bisweilen aneinander an, nur wenige werden von anderen Öffnungen im Stahl und Beton wieder angesogen, sie tragen Taschen durch die Gegend, stressen rum, müssen auf Weihnachtsfeiern. Die Leute in Köln sind doppelt so schnell wie jene in den Bergen und tausendmal mehr, sie laufen rum wie in einem Telespiel, in dem es Leuchtpunkte zu gewinnen gibt. Ich habe ein paar Steine mitgebracht, vom Vorder-, vom Hinterrhein, ich lege sie aus als kleine Planeten mit ihrer je eigenen Gravitation. Köder ihro Steinigkeit. Gewachsenheit. Alleinigkeit.

Rhein vs Liffey

Vom Fließen und Rasen des RheinWassers wie des Bluts, vom Reibungswiderstand des FlußBetts, ein lautgemaltes Lyr von Vic Hendry, welches Wasser und Blut freimütig schmatzen und sprechen läßt, in der catschenden, sbabadenden, craschelnden Sprache der Surselva und an Joyces lautplätschernde, geradezu übertrieben zischelnde Beschreibung der im (realen) Vergleich zum Vorderrhein doch sehr drögen Dubliner Liffey im Ulysses erinnert:

dasper la cascada dall`aua immensa
en mei ina forza pli gronda regorda –
las auas sederschan e sburflan e catschan
il vau perencunter sefetg`e resista
la spema sbabada setegn ella buola
ramura sfrachegia e craschla e schema
las auas pussentas paleisan la possa
dil saung enten mei che secatscha e cuora

(gefunden in: Vic Hendry: Auras, Schaffhausen 1995)