Monatsarchiv für November 2009

 
 

Zillis (2)

Im Winter bleibt die St. Martinskirche von Zillis unbeheizt, um die mittelalterlichen Deckengemälde zu schützen – die Gemeinde versieht ihre beheizten Gottesdienste an einem Ausweichort. Schiffmittig finden sich zwei Kisten mit Handspiegeln aus der Zeit der Erfindung der Kunststoffeinfassung. Die Spiegel sollen dazu dienen, die Decke ohne Nackenstarre bestaunen zu können. Eine schöne, schlichte Idee mit dem sanften Effekt der Spiegelverkehrtheit. Die Zilliser Decke umfaßt 153 (in Reihen angeordnete) Tafeln, unterspurt von einem labyrinthischen Mäanderfries mit darin eingekästelten Sibyllen. Die 48 Randfelder zeigen vornehmlich Fischmischwesen, stets solche mit gespaltenen Schwänzen, stets wellenentstiegene. Die Wellenlinien sollen angeblich das ferne Meer symbolisieren – warum eigentlich nicht den nahen Rhein? Als Heim und Herberge für die krudesten, gazellösen, elefantösen, gefiederten, beschnäuzerten und gehörnten, bisweilen einfach nur blödsinnig in den Tag blickenden Chimären taugt der mindestens ebenso gut. Die Innentafeln zeigen die Geschichte Jesu, mit derart verknappter Passion, daß der Eindruck entsteht, die Meister-Kalkulation des zur Verfügung stehenden Platzes könnte nach hinten hinaus einige Patzer aufgewiesen haben. Die sieben letzten Binnentafeln schließlich schildern Episoden aus der Mantelteiler-Vita des Namenspatrons, des Heiligen Martin von Tours. Insgesamt liest sich der Zyklus von Zillis wie ein monumentaler, rundum gelungener, mit feinen Irritationen reichlich versehener Comic mit einzeln herausragenden Szenenbildern: so fahren dem Besesssenen von Gerasa in einer Zweibilderszene als Zeichen seiner Heilung kleine Rauchteufelchen aus dem Mund. Das nächste Bild zeigt sechs Schweine am (Rhein?)Strand, vier davon übereinanderstehend wie die Bremer Stadtmusikanten, ein fünftes springt, ein ockerfarbenes Teufelchen im Maul, per elegantem Köpper in die Fluten. Entgegen der Überlieferung scheinen die Teufel hier jedoch nicht in die Schweine einzufahren, sondern vielmehr umgekehrt die Schweine mit den Teufelchen zu spielen, sie ins Maul zu fassen, mit ihnen Witze auszutauschen. Eins der Schweine wandelt gar übers Wasser, überhaupt drängt sich die lehrferne Interpretation auf, Schweine und Teufel hätten auf Tafel 108 einen Heiden(bade)spaß, anstatt auf Jesu Machtwort im See/Meer(?) Suizid zu begehen. Mit wenigen Strichen setzt der Meister seinen Gesichtern ausdrucksvolle Mienen auf, und erinnert auch hierin an die hohe Kunst des Comics. Beheizt, im Gegensatz zur Kirche, erweist sich die Gaststube zur Alten Post, überm Stammtisch hängt dominant menetekelnd das Schwarzweißportrait einer wohlgestalten Kuh, hinterm Tresen äugt aufmerksam die schweigsame Wirtin bei einem Glas feuerfarbenen Weins, in den Ecken stapeln sich die berühmten Bündner Nußtorten, darüber episch angeschlagen die „Zehn Gebote“, beginnend mit: „Du sollst Deiner Wirtin nicht widersprechen, Du sollst sie nicht schänden…“

Übers Wasser gehn

Mit der Viafier retica hoch nach Reichenau. Die Sonne blendet als 200 Watt-Birne ins Tal. In Reichenau ist nicht viel außer Rheinzusammenfluß, was nicht wenig ist, aber niemand interessiert sich für den heiligen Ort. Ich suche den Einstieg in die Ruinaulta, die Schilder weisen auf Tamins, streng bergan. Die Pfeilspitzen der Schilder verlieren sich schließlich im Grau der Autostraße, zu unangenehm zum Weiterwandern, die Einheimischen kennen keinen Fußweg in die Schlucht „so etwas gibt es wohl nicht“, „so etwas soll wohl mal kommen“, „man kann bis da und dort zu Fuß gehen, dann aber endet man im Wald“. Im letzteren gähnt das Gutschaloch. Wenn es aus Reichenau-Tamins nicht recht hinaus geht, wird die Ortschaft schnell zum bedrückend-gebuckelten Kaff. Die nächste Bahn in die Schlucht geht in einer Stunde. Doch da!: führt ein Fußweg hinaus, auf Bonaduz. Hinterrhein also, statt Vorderrhein. Und: aufgetaute Schmetterlinge üben das Flügelklappen auf noch und schon entfalteten Alpenblüten, die haarige Kugel einer schwebenden Hummel wirkt um diese Jahreszeit wie ein Miniaturufo über den bleichen Halmen. Unter der Eisenbahnbrücke durch, unter der südlichen Autobrücke, an die „BÖHS“ gesprayt steht, unter der ein Zaunkönig huscht. Nach einer Viertelstunde verabschiedet sich der Wanderweg von der Fernstraße, der Fluß fließt plötzlich durch selbstaufgeworfene Inseln und übernimmt die Geräuschhoheit. Obgleich streng vorm Betreten des Flußbetts gewarnt, steige ich hinab in die Kiesel, sammle grüne, rote, gelbe, glimmernde derselben, darunter den berühmten Verde Andeer, schreite über den Rhein, der durchs Profil meiner Sohlen rinnt, Jesus muß sich ganz ähnlich gefühlt haben, am See Genezareth. Einige Minuten geht’s durch ein Schluchtidyll, wilder als in der Hauptromantik, und voller Schwirr-, Schmier-, Brumm- und Stechzwirren, mit ihren 17 Unterarten die lästigsten und verbreitetsten aller Schweizer Insekten, dann taucht, kurz vor Bonaduz, mit der Brücke auch der Verkehr wieder auf und überschwemmt die Lage mit seinem Rauschen.

Landquart

Bekannt ist Landquart vornehmlich als Umsteigebahnhof. Außerdem mündet dort die Landquart in den Rhein. Landquarts Wikipedia-Eintrag ist einer der denkbar geringfügigsten, Grund genug, die Ortschaft voller Neugier zu erkunden. Für eine knappe Stunde ist sie gut. Landquart, das ist Begrüßung per Preßlufthammer und architektonischer Radikalität: Willkommen im Beton- und Shoppingdorf! Die Straßen säumen Pubs, Einzelhändler und Supermärkte. Drüber und drum herum stehen mehrgeschossige Wohnkuben. Das „Rheinfels“ wirbt mit: „Wir haben ein flottes Raucherstübli“. Im „Schweizerhof“ gibt’s einen „Australian Pub“ samt Krokodil, Känguru, Strauß vom heißen Stein. Im „Landquart Pub“ kann man sich gegen Schweinegrippe impfen lassen. Das „Rama Rama“ offeriert Drachennudeln, Kefen (= Zuckererbsen) und Lattich (= Römersalat) mit Knoblauch. Für Abwechslung ist also gesorgt. Die Restaurants allerdings sind kaum gefüllt, denn das Landquarter Leben spielt sich in den mit Bronze ausgeleuchteten Supermärkten ab. Kein Wunder, steht dasselbe M von MIGROS so ja auch in und für HEIMAT. Oberhalb derer sich in Landquart depressive Bergzüge mit aufgerichteten Nackenborsten jedweder farblichen Kategorie verweigern, sondern einfach nur scheiße drauf sein wollen, und dabei absichtlich den Himmel mit runterziehen, der mißliebig ein paar schleimige Tropfen spuckt. „wenn schönes entsteht“ kündet „roth-gerüste“ mit gebotener Zynik an Neubauten, denn Landquart ist in puncto Bausünden, deren gröbsten Ausbund das „Alpenrhein Village“ westlich der Bahngleise darstellt, seinen Nachbardörfern um Längen, man möchte meinen: auf Jahrhunderte, wahrscheinlich: schlicht uneinholbar voraus. Man trägt im Dorfe also schlechten Teint und eben noch gebändigte Psyche, der gute Hirte breitet die Arme, macht Fingerzeichen und schlingt zügig sein Lamm umn Nacken, schreitet wortlos weiter auffi gen Flüelapaß und Davos. Vor den Shops stehen unangetastet im Regen: Elektrovelos und Street Stepper, es wäre auch nicht ratsam, sich ihrer zu bedienen, die Straßen werden beherrscht von staubigen Lkws, die die gesamte Fahrbahn einnehmen. Gegenüber des Zentrallagers der Rhätischen Bahn wacht ein Braunbär, die Teenies tragen eine schreckliche Mode, als wären die 80er Jahre nicht bereits des Üblen genug gewesen – und der Rhein, scheints völlig überflüssig und abgedrängt hinter heiligen Asfalttrassen, wird nur deshalb als Namenspatron hergenommen, weil es Wirten und Bauherren an Mut zur finalen Ehrlichkeit mangelt, ihre Beizen und Wohnparadiese „Zum inneren Dauerregen“ oder „Betonhochhausblick“ zu nennen.

Rheinverbauung

Texte sémi-trouvé: so funktionierts, mittels Rammen, Sumpfen, Dämmen substantiviert, sowie -ang-, -ung- und -keit-suffixbasiert, was seit Rheinseins Ankunft unter der Haldensteiner Brücke passiert:
1. Erstellen Baupiste
2. Schütten Ablenkdamm mit 2 Reihen Blocksteinen
3. Erstellen des Blockteppichs als Erosionsschutz im Pfeilerbereich
4. Erstellen Planum und Rammen Spundwand
5. Erstellen Pumpensumpf für Wasserhaltung
6. Erstellen Sohlenplanie
7. Erstellen Blockteppich
8. Entfernen von Ablenkdamm und Umlegung Spundwand
Soweit Baufase 1. Material genug für ein gesättigtes stück Sprechdichtung, wie sie die Arbeitsgänge selbst vorgeben, ab vier Uhr früh. Das Wort „Pumpensumpf“ in Endlosschlaufe wäre der geeignete Taktgeber. „Planie“ und „Planum“ ein reizvolles Gegensatzpaar für verspielte Interludi, während „Spundwand“, mit Zäsur gesprochen den Pumpensumpf-Dreivierteltakt aushebelte. Fase 2 des Bauvorgangs spendiert natürlich das Wort „Bauvorgang“, kombiniert auch „Pumpensumpf-Bauvorgang“ und, hier seien nur noch die onomatopoetisch besonders relevanten Punkte benannt:
2. Instandsetzung Blocksteinwuhr
6. Auffüllung (mit Kiesmaterial im Bereich des) Rampenkopf(s)
7. Fertigstellung, Unterfangung etc.
Gung, gung, gung, (angung, ellung, ungungung) sag ich da!
Der durchgehende Part, mit gehörigem Ernst vorzu: tragen, lautet wie folgt: „Durch die flache Ausbildung der Rampe mit einem Längsgefälle von 1,1% kann die Durchgängigkeit auch für schwimmschwache Fische gewährleistet werden.“ (Betonung auf und Wiederholungen von „ung“, „keit“ und „schwimmschwache Fische“.)

Jagd am Rhein

Im Hinterzimmer der Calanda-Wirtin gibt’s die handfesten Informationen: Daß im selben Moment, jetzt wo es dunkle, nämlich die Hirsche, davon sei auszugehen, und zwar in ansehnlicher Zahl, drunt die Gärten auf Rosenkohl plünderten, im Scheinwerferkegel habe man ihre herrlichen Silhouetten, schlaue und gewandte Tiere seien das, die sich noch in derselben Nacht wieder auf 1000, 1500, 2000 Meter Höhe in den Calanda zurückzögen. Um den Rheinblick zu genießen? Um ihr Diebesgut dort auszukötteln, du Hirsch! (Es fallen einige stärkere Kraftausdrücke.) Die Jagd, das sei ja eine saisonale, mit höchst komplexen Bestimmungen, auf den Zeitraum einiger Septemberwochen oder auch nur -tage beschränkt, und dann zögen die Jäger in die Berge, die zuerst einmal die Lizenzen zahlen müßten und dann pro Kilo geschossenem Fleisch (in Chur würden die Tiere ausgewertet, -gewichtet undsoweiter) noch einmal bezahlen, aber schießen dürften sie nur nach ausgefeiltem, von Verwaltungsmenschen erklügeltem Regelwerk, so, weil es an Geißen fehle und zuviele Böcke umherliefen, von den Gemsen die Böcke nur, wenn sie zunächst eine Geiß erlegt hätten, die eben schwer zu finden sei, und so könne es sein, daß Jäger leer ausgingen, doch dann würde wiederum ausgezählt, und wenn es dann heiße, dort oben stünden zuviele Gemsen, würde die Nachjagd ausgerufen, für Oktober, November, bis Dezember gar, auf der plötzlich ohne Auflagen soviel geschossen werden könne, wie man wolle, tsching! tsching! tsching! tschenngg!, ob das etwa sinnvoll sei? Und dann gebe es Restriktionen, die alle erlernt werden müßten, etwa ab wieviel Geweihenden ein Wild geschossen werden dürfe, ab wieviel Zentimetern Horn ein Rehbock und in welcher Höhenlage, da gebe es die verrücktesten Kombinationen von erlaubter und nicht erlaubter Jagd und wehe, ein Jäger erwische ein Tier außerhalb der Regularien, das gäbe Bußen in mehrtausend Franken Höhe. Und dann hätten gewisse Tiere Asyl, in den Streifen zwischen zwei Rüfen zum Beispiel, und die Tiere seien ja schlau, sobald der erste Schuß fiele, im September, spräche sich das sofort unter ihnen herum, sähe man sie nicht mehr, da zögen sie sich in die Höhen, die Wälder zurück, kämen nicht mehr hinaus, oder flüchteten sich ins Asyl, das immer dasselbe sei, nie wechsele und um Steinwild zu schießen brauche man sowieso zehn Jahre oder zwanzig Jahre Lizenz, um überhaupt zu dürfen und so ein Steinbock sei seine 30, 85, 130 Kilo schwer, je nach Größe, je nach Gewicht der Hörner, die einen schon erschrecken können, wenn man plötzlich am Weg auf sie trifft, zwar gingen sie weg, seien bisweilen halb zahm, aber respekteinflößend eben schon mit ihren teuflisch gelben Augen.

Chur

Der Churer Wohlfühl-Parcours verläuft exakt am Damm zwischen Rhein und Autobahn. Die Äußerungen der letzteren sind weit deutlicher vernehmbar. Die Sonntagsspaziergänger scheints nicht zu stören. Grüezi, grüezi (wohl, Frau Stirnima). Der Föhn hat indes einigen Schnee von den Halden gepustet. Auf den Kiesbänken suchen beeimerte Damen nach passenden Steinen, ihr Heim aufzuhübschen. Bei den Calanda Kieswerken stürzt die Plessur in den Rhein. Im steil aufragenden Fels des Westufers springen, von zahlreichen Passanten bestaunt, die Gemsen: „das ischt dr Zoo von Chur“. Wohnkästen säumen die Giacomettistrasse, eine klobige Trabantensiedlung, deren haufendörflich anmutende Grundstrukturen im Beton versinken. Litfaßsäulen wie schräg in den Boden gepinnte Stecknadeln künden von kulturellen Aktivitäten in der Stadt: „Energie-Apéro Nr. 63: Trends in der Strassenbeleuchtung (Videoübertragung nach Poschiavo)“, „Rendez-vous am Mittag zum Thema „Die alpine Schneedecke – Tatsachen und Aussichten“. Kleiner Dialog am Empfang des Bündner Naturmuseums: „Was haben Sie denn hier?“ „Wir haben Vögel.“ „Ausgestopfte?“ „Ja, und Hirsche, Steinböcke.“ „Auch lebende?“ „Wir haben Fische und Mäuse.“ Unter reichlich Mühen wird eine zehn Rinder starke Herde von vier Burschen auf die Ausfallstraße getrieben, Kühe und Menschen verschwinden im Trab in der asfaltierten Dämmerung. Die Natur findet auf den Straßen statt. Die sich, an dieser Stelle, mit aller Macht des Asfalts (unter dem der Rhein liegen soll), gen Haldenstein krümmen und schwingen.

Haldenstein (5)

Das nächtliche Dorf macht gespenstische Geräusche. Rühren sich die Schweine im Koben oder brechen doch irgendwelche Männli mit zweifelhaften Absichten durch die Erde herauf? Das Rattern der Gatter. Selbst trockenes Laub im Föhnwind, wenns übern Boden kratzt, läßt einen zusammenfahren. Vom Dunkel kaum noch gehalten: die schleichenden bösen Hunde mit ihren stinkenden Mäulern voll kräftiger spitzer Fänge. Was leuchtet dort überirdisch grell aufm Berg, blendet ab, wieder auf, oder ists garnicht aufm Berg, sondern viel viel näher, als einem lieb sein kann? Die alten Bündner in Büchlis Mythologischer Landeskunde erzählen haarsträubende Geschichten. Immer wieder vom Totävolch, Totenfolc, Nachtvolk, das nicht jeder sehen kann, aber sobald die dunklen Gestalten ziehen, ist die nächste Leiche schon ausgemacht. Sie haben es doch selbst erlebt. Bei den Rheinbrücken wartet die Nußgeiß und klaubt sich all diejenigen Kinder, die sich nicht ordentlich gewaschen und gekämmt haben. Drachen leben in den Schluchten. Im Sommer hab ich auch einen gesehen. „Schümmeli, Schümmeli lauf dr Trab / Du treischt diä totä Lüt in ds Grab“ führt zur Pestzeit der führerlose Totenschimmel die Leichen gen Hinterrhein ab. Ds Tobeljaggeli prügelt die Hexe ausm Spinnrad. Das Wâlimannli nimmt Kinder, die am Wasser nicht aufpassen. Nächtlich zum Steinerollen verdammte und in Stein gebannte. Sprechende Füchse (wie in Lars von Triers „Antichrist“): „s ischt guet, daß du dinne bischt! Sus wärischt futsch!“ Am Mittwoch geht’s besser nicht auf die Alpen. Man spürts am eigenen Körper, der kalt wird, wenn sie kommen. Man fragt sie am besten, was sie wollen. Dann verlassen sie einen wieder. Zeile für Zeile wirds einsamer im Nordflügel. Einsamer? S kommt immer nur drauf an, wie erwünscht und sichtbar letztlich die Gäste sind. Haldensteins Kirchglocken geben Entwarnung. Für wie lang? Kuhschädel lugen aus Hühnerställen, der käsende Geisteralpler steigt feurigen Schritts vom Berg, mit beschlagenen Pferdehufen. Klapp, klapp machts auf der Straße.

Triesenberg

Triesenberg, Walsersiedlung, aus Gottes Handgelenk übern Hang gesät. Im Dunkel zeichnet die Straßenbeleuchtung, heißts, vom Tal betrachtet die Silhouette eines springenden Fuchses. (Insofern befände ich mich direkt in seinem Magen.) Es gibt in Liechtenstein Dörfer mit kaum Verkehr (und bevorzugt in Wiesen endenden Straßen) und solche, in denen er, auf kleinerem Areal zwar, dem großstädtischen in seiner oberflächlichen Anmutung zu vertaner Zeit gepressten Willens in nichts nachsteht: irgendwer hat einst eine unübersichtliche Kreuzung verantwortet; bis heute wird sie gesucht und gefunden. Die Straße zu Fuß zu queren, außer für Damen jenseits der 80 und kinderwagenschiebende Mütter im ganzen Lande ein recht absurder Gedanke, sind gelbe Zebrastreifen an mehr oder minder passende Stellen gepinselt. In Triesenbergs Mitte befindet sich ein geleckter, beinahe ebener Platz, mit Post, Walsermuseum, Supermarkt und Restaurant, die restliche Ortschaft liegt organisch zerstreut am Hang, in den die Häuser sich an namenlosen Straßen beißen; numeriert sind sie nach Alter. Zentraler als der zentrale Platz, also mit Sinn für experimentelle Geometrie, ragt die Kirche mit ihrer bauchigen Zwiebelkuppe direkt aus Triesenbergs Eingeweiden. An der Hauptstraße trägt, als Reklame- und Ausweisschild, der Teufel persönlich, auch hier mit den Hörnern des Steinbocks dargestellt, die Kirchglocke davon, wie`s scheint, denn es scheint nur so, in Wirklichkeit nämlich schleppt er sie den Berg empor, unterm strengen Einfluß der Walser. (Tretmühle der bildlichen (nicht nur der bildlichen!) Darstellungen, die sich seit jeher in alle gewünschten Richtungen interpretieren lassen.) Das ist mein Fleisch, das ist mein Blut – Jesus hat sich unterdessen mithilfe starker Sätze in Triesenberg manifestiert, was selbstredend abfärbt: sogar die Brunnen mahnen: haltet ein! Der fremden Seele ist die gefährdete Heiligkeit der Ortschaft im kalten Wind kaum spürbar, die Triesenberger jedoch fühlen sich so heimelig darin, daß sie selten andernorts erblickt werden. Aber: der Hang soll rutschen, die Schule ebenfalls, mögliche Aufbruchszeichen des Großen Autors? Aus der Höhe siehts aus als flöße der Rhein in eckigen Wendungen herbei und dann recht unmelodiös davon. Viel fließt da ohnehin gerade nicht, das Bett bietet mehr Kies als Wasser.

Malbun

Bei Steg zischt die Samina talab, um sich der Ill, somit dem Rhein einzuverleiben. In der Zwischensaison dämmernde Ferienhütten, auf Malbun zu mehrt sich harter nasser Schnee. An den Hängen warten ungeordnete Stellungen der Schneekanonen in bedrohlicher Ruhe auf das große Schießen. Malbun, dessen Nordhälfte zu Vaduz, dessen Südhälfte zu Triesenberg gehört, Namenspatron des Malbuner, zu Werbezwecken stilvoll alpengipfelig und im Geiste milkakompatibel („lila Kühe auf rosa Matten“) präsentierten, Rohschinkens aus der Ospelt-Fabrik – doch kein Schwein weit und breit. Steinbockgehörnte Teufel zu Füßen der staubsaugerklingenden Friedenskapelle mit untertitelten Heiligendarstellungen (darunter Ausschnitte aus dem Liechtensteiner Hirten-Ave („Oho! oho!“)) und Berglerflehen („Liebe Mutter mit dem Kind, breit deinen Schutzmantel über Hütt und Gsind“). Aufm Rundweg geht’s den Gipfeln zu, gesprenkelte, vom Donner getupfte Hangdrosseln flüchten sich in den Dämmer, mitten im Lawinengebiet ächzen tonlos trotz Verbots errichtete und nach lawinaler Zerstörung wiedererrichtete Häuser, der Pfad wird schneeiger, schmaler, rutschiger, droht sich im Allgemeinen zu verlieren, über feuchte steile Hänge gelingt der Abstieg auf die eisüberzogene Straße. Unter der dünnen Eisdecke herrscht ein abartiges Gewimmel amorfer schwarzer Schlangen, immer wieder überraschend und schier unermeßlich die Bösartigkeit der Berge, die zugleich so wunderbare Aussichten (hier aufn Säntis samt seinem Sendeturm) bieten, daß die Grundstückspreise die Gipfelhöhen noch übersteigen. Nach einigem Schliddern zurück im Dorfkern. Vom Wintersporthalligalli keine Spur, der Exklusiv-Kiosk hat geschlossen, einzig regen sich, und zwar sehr mäßig, die Stimmübungen absolvierenden Steinadler in der Voliere des Dorffalkners Vögeli (sic!) und die ähnlich klingenden Baukräne im kalten Wind.

Planken

In Planken der Friedhof ist ganz neu, so neu, daß er noch keine Gräber beherbergt und laut Hirschenwirt ist das auch das Wissenswerteste über Planken mit seinen 150 Stimmbürgern, das gern auf „Gedanken“ gereimt wird, im einschlägigen Vers- und Liedgut. Die Hauptstraße bildet zugleich die Schadstoffgrenze, die im Nebel gebunden auf dieser Höhe eingelagert werden. Aromen von fauligen Holzäpfeln und Müllautos. Einen Laden besitzt die Ortschaft nicht. Dafür einen touristisch noch kaum erschlossenen Ausblick auf die Rheinebene, bei längerem Betrachten hebt sie sich dem Beschauer entgegen, wühlt ihn sich unter, befördert den Austausch von Himmel und Erde, während die Werkkomplexe von Hilti und Hilcona routiniert innerhalb dieser verwirrenden Koordinaten einher asseln in steten Gedanken an weitere Asfalttrassen und im Toggenburger Loch mehrmals täglich die Sonne untergeht. Ein manierierter Storch stakst durch die wiesengrünen Zeiten und Hänge. Östlich Planken erheben sich die Drei Schwestern, von der Jungfrau persönlich in Fels gebannte jugendliche Blaubeersammlerinnen, die den allgemeinen Fehler der Sonntagsarbeit mit den persönlichen Untugenden des Geizes und der Hartherzigkeit kombinierten, bis sie auf ihre Meisterin stießen. Bis heute spricht freigeistiger Trotz gegen das Oberste Gericht, sowie eine gewisse Auseinandersetzung mit der Nachbarschaft aus wohlgesetzten Inschriften auf schindelhölzernen Fassaden: „Ihr glaubt der Jäger sei ein Sünder / weil selten er zur Kirche geht. / Im grünen Wald ein Blick gen Himmel / ist besser als ein falsch Gebet.“ Und aufklärerisch äußert sich der stolze Jägergeist: „Kommst Du an eines Waidmanns Pforte / und siehst ein Hirschgeweih daran / lies daraus ohne Schrift die Worte / dieser Schuss war wohl getan“.