Monatsarchiv für November 2009

 
 

Socka Hitsch

Die Methodik, einen Fluß zu erfassen, besteht offensichtlich im Wegfließen- und Aufscheinenlassen von Partikeln. Nun oszillieren sie auch noch zwischen Erster und Zweiter Welt. Es geht um Annähern, Begreifen, Austausch, Bewahren, Transformation. So lang es eben geht und bis es zündet. Es geht auch um die Hoffnung, überhaupt etwas vorzufinden. Vieles verkriecht sich schließlich in die Zeit, die heuer kaum jemand mehr hat oder sich nimmt. Die immerselbe Strecke, die niemals zweimal diegleiche ist: vom Zug aus erblicke ich bei Landquart einen auffälligen (piratenbeflaggten? fahrenden?) asfaltumgebenen Kiosk (an der Straße nach Davos?), „Socka Hitsch“ steht darauf geschrieben. Nun hat Landquart außer relativ geraden Straßen und klotzartigen Supermärkten nicht sonderlich viel zu bieten und dieser Fahrensmann (?) fällt sofort aus dem Bild. Sollte ich nochmals in das trübe Städtchen, um mich dem Fänomen zu nähern? Nur eine mittlere Überraschung: den Socka Hitsch gibt’s auch im Internet. Die etwas größere: er ist der Star je eines Buchs und eines Films über ihn selbst, Filmemacher Gian Rupf, ein Landquarter, dem Landquart an sich ebenfalls eher trüb vorzukommen scheint, hat zu Film und Hitsch eine Website eingerichtet, auf der er den Mann als sympathischen Außenseiter, konventionsbrechenden „Don Quijote der Hosenträger“, Alpöhi des Durchgangsverkehrs („der Bündner, der pro Tag die meisten Auots sieht“) und reimenden Marktfahrer feiert. Rahmend findet sich ein sprechendes Nietzsche-Zitat: «Die Ortschaft Landquart ist in einer glücklichen Lage. Sie hat weder Ahnen noch Tradition. Was ihr an Vergangenheit abgeht, scheint sie an Verständnis für die Aufgaben der Gegenwart zu haben.» Augenscheinlich ist sie an diesen Aufgaben seit Nietzsches Zeit vor allem mithilfe des Waschbetons gewachsen. Daß aber die Wesen zwischen Motorenrausch, Beton und Asfalt menschliche, gar menschlich-originelle Züge annehmen, potenziert die Düsternis der Situation nicht mehr oder minder als es Hoffnung für ihre Schleusenfunktion schafft. Was anderes auch als ein Ghetto ist letztlich das Paradies?

Mythologische Landeskunde

Auf den Alpen des Vorderrheins gehen die verdammten Missetäter. Die Mythologische Landeskunde ist, trotz der geringen Einwohnerzahlen, voll von ihnen. Da ist der Bauer, der im Leben Marksteine versetzt hat oder der typische und wiederkehrende Bündner Krämer, der seine Kunden übervorteilt (und, ganz bös: alles aufschreibt). Schlimm triffts denjenigen, der zeitlebens Steine aufs Nachbargrundstück entsorgt (mit einem glühenden Korb muß er sie nach dem Tode wieder einsammeln). Ehefrauen entpuppen sich als bilokationsfähige Hexen, welche die ohnehin schon aufreibende Arbeit ihrer Angetrauten behindern und töten, was sich ihnen in den Weg stellt, solangs keine geweihten Gegenstände bei sich trägt. Sie enden ertappterweise mit Hufeisen beschlagen, dann verpuffend. Schwarzhaarige ZigeunerInnen ziehen durch die Gegend und verstehen sich auf allerlei Zauberwerk, greifbar sind sie nicht; wer ihnen verlustfrei begegnen will, muß sie austricksen. Der ewige Jude hat ebenfalls die Gegend bereist, bei Pfarrer Gaudenz Engler in Camischolas bekam der Wandergesell ein Essen, das er im Herumlaufen einnahm. Kühe verschwinden einfach spurlos und tauchen wieder auf, als sei nichts vorgefallen. Die Toten des Folgejahres versammeln sich in der Silvesternacht vorsorglich auf dem Friedhof. Wandbilder dürfen nicht verrückt werden, sonst treten die Geister hinter ihnen hervor. In Disentis geht eine große wüste Büßerin mitternachts auf dem Friedhof um, die Zunge bis zum Gürtel herausgestreckt. Bisweilen tauchen warnende Gestalten, unvermittelt in Flammen gehüllt, an einsamen Dorfbrunnen auf. Und hat man den Schwarzen oder sonst unliebsamen, z.B. des Nachts tönenden, jedoch völlig unsichtbaren Besuch im Haus, muß die Geistlichkeit ran, die auf solche Probleme geschult stets zielsicher Abhilfe schafft.

Ruinaulta (2)

Bis weit außer Sichtweite schneidet sich die Rabiusa mit ihrem wilden Namen ins Tal, schnitzt dabei eine mächtige unzugängliche Schlucht Gott zu Gefallen – entsprungen bei den hinteren und eingefangen von den vorderen Rheinen. Irgendwo dort liegt das Walserdorf Safien, Welten von seinem Bahnhof Versam-Safien entfernt. Die Straße nach Versam ist nur unter vehementer und mehrfach akzentuierter Blickwurfgefahr passierbar, eine kleine Aussichtspyramide überhängt die Rheinschlucht und bietet, bescheiden am Straßenrand plaziert, einen der grandioseren Ausschnitte unserer guten Welt. Unten fließt der Rhein wohl noch auf den Schutttrümmern des Flimser Bergsturzes und er tut dies mit bezauberndem Wildbachcharme, d.h. mit dieser visuell so reizvollen schaumbekrönten Klarheit und in den Farben Klarlack, Amethyst, Turmalin und Türkis. Auch zwischen Versam, einem nett an den Hang gedrückten Dörflein und dem Bahnhof direkt in der Schlucht liegt noch eine gefühlte Sommertagesreise Fußweg und die Differenz einiger hundert Höhenmeter. Damit der Reisende sein Gepäck nicht den berg hinauf- und hinabschleppen muß, verkehrt ein per Verkehrsschild als gefährlich angekündigtes Postauto auf den Serpentinen. Auf halber Strecke läßt sich das verlassene Geistergefährt beim Verschnauferli am Wegrand beobachten. Neben dem Bahnhof steht an der Schlucht ein Zentrum für Kanu- und Energiereisende, es gibt zwei Wanderwege, einer führt schluchtauf, der andere schluchtab. Der Fels wirkt gespalten, bisweilen balanciert er nach Absturz riechende Brocken am Rande der Frischluft. Durchs dunkle Unterholz der schmalen Auwäldchen splitzert der Glitz des Vorderrheins. Der sich spaltet, eint und eilt und Schlaufen vollführt, mal rauscht und mal plätschert, meisenhaft zwitschert und die tief in den Kieseln verborgenen Gesichter freischleift. Zwierheinische Mündungen erfunden wirkender Wasserfälle, insgesamt herrscht eine Ästhetik der vorvorletzten Jahrhundertwende, gelegentlich gekreuzt von Räthischer Bahn und Helikoptern. Unmotiviert hinter feistere Kiesel geduckt läßt sich eine Groppe beim Schwanz aus dem Flußlauf ziehen. Sie windet sich, doch ihre Depressionen scheinen kaum mehr heilbar. Anstiege und Kiesbänke, raschlige Wasauchimmer geschäftigen durchs Gebüsch, übern Rheinkies schrabben grüßende Kanutengruppen. Und droben auf den Alpen werden die Ziegen von vorbeifliegenden Vögeln gemolken.

Planet Surselva (3)

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(Foto: Helena Becker)

Planet Surselva (2)

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(Foto: Helena Becker)

Vorderrheincruising (2)

Ganz und gar durchzogen von flachen, dünnen, geteilten, in ihren zerwühlten Betten zeitlos-unverständliches grummelnden Rheinen, blauschattigen Wiesen, versteckten Industrien und urigen Holzdörfern, behütet vom Skitourismus: die Surselvaner wachsen noch direkt aus den Böden ihrer Magerwiesen. Was die Maulwürfe hier oben wohl suchen? In Einmachgläsern sterilisierte Voressen zwischen deftigen schwärzlichen Würsten, in Mangoldblätter und Spätzleteig gewickeltes Trockenfleisch und Sedruner Käse unterfüttern das Dasein mit Nährsubstanz. „Wenns hagelt, dann Salsiz!“ Oder Dachlawinen. Das eine ins andre gewandelt per Photo Play. Zwischensaison schafft Zwischenwelten mit Zwischenwesen. Von Sedrun ein Spaziergang von Sommer zu Winter und retour. Leicht eisbedeckt die stark abfallende Straße ins hier inmitten heftigster Natur nie vermutete Kies- und Industriegebiet: Räumfahrzeuge und Laster, Schienen und energieentzogener Restrhein. Lärm, Eis, Schatten, Staub, Rauschen, Kälte. Röhren und Maschinen. Dazwischen überleben auf unbekannte Art leicht deplaziert anmutende Arbeiter in Signalwesten. Gauklerblume und Moorlurch leben hier sommers, direkt am Werkzaun weist ein Schild die Szenerie als Naturschutzgebiet aus. Es ist der 19. November 2009 um 12.36 Uhr, an der genauen Grenze zwischen Sommer und Winter, als es mir erstmals gelingt, mit einem einzigen Satz (und trotz der schweren Stiefel trockenen Fußes) über den Rhein hinwegzuspringen. Die Sonne brennt dieweil, weils besser aussieht, den Reif von Büschen und Matten, unterm verziehenden Reifdampf wandelt sich der verbliebene Tau in glitzernde Juwelen, als hätten die Maulwürfe die Wiese mit Perlensaat bestreut bzw. als seien diverse Sternschnuppensplitter über Nacht zu funkelnder Kitschbeleuchtung in Pipilottiristfarben gereift. Vergleichstest: schmeckte der Hinterrhein mineralisch, schmeckt der angeeiste Vorderrhein vor allen Dingen weich. Jenseits des Rheinflüßleins ragt der düstere Kaltwald, und diesseits auf Rueras, Sedrun, an dessen Holzhäusern Vic Hendrys romanische Heimatgedichte zu lesen stehen, blöken die Schafe vor fototapetentauglicher Bergkulisse ihr ewiges warum? warum? warum?

Dielhelms Hinterrhein (2)

“Hinter dem Flecken Tusis fließt ein kleines Wasser, die Noll genant, hervor in den Rhein. Es entspringt solches drey Stunden hinter Tusis in Cepina / an einem wilden, doch bewohnten Orte an dem Fusse des hohen Spitzbeuerinbergs. Es führet einen luckern schwarzen Modderschleim bey sich, welcher von allerhand Wassern, insonderheit auch von dem Schneewasser aufgelöst, je mehr und mehr weggefressen und fortgeschleppet wird. Sonderlich läuft es vom starken Regen öfters dermassen an, daß es großen Schaden verursachet, und den Einwohnern in Tusis ganze Häuser und Ställe mit vieler Erde wegfrißt, anbey wegen seiner dickschwarzen Farbe, die ziemlich lang dauret, und den ganzen Rhein schwärzet, abscheulich anzusehen ist. Im übrigen scheidet es das Schamser Thal und das Domlesch von einander. Diesem Tusis gegen über, zur rechten Seite an dem Hinterrhein, liegt ein hoher Felsen, der Sanct Johannesberg von einem diesem Heiligen zu Ehren vor Alters allda erbauten Kirchlein genant. Es hat derselbe Felsen eine gerad aufsteigende Höhe, worauf das alte Schloß Hohen Realt, oder Rhätia, lat. Rhaetia alta, zu sehen ist, und soll von dem Fürsten Rheto, der Räthier uralten Stamm= und Namensvater erbauet, oder doch nach ihm seyn genennt worden. Nunmehro liegt es öde und ist Alterthums wegen verfallen, doch sind noch vier aufrecht stehende feste Thürne und sonst andere alte Mauren, als namhafte Ueberbleibsel, davon zu sehen. Von diesen Orten richtet der hintere Rhein seinen Lauf gegen Norden, und verschluckt unterhalb Sils den Albelfluß, fliesset sodann unter der Zollbrücke durch, auf das Bischöflich Churische Schloß und Flecken Fürstenau und das Frauenkloster Ratz oder Razes. Dieses Ratz oder Razis, lateinisch Chacias, war ehemals ein vornehmes adeliches Benedictiner Nonnenkloster im Domletzger Thal am hintern Rhein, anderthalbe Stunden von Chur. Im Jahr 758. hat solches Paschalis, ein Graf in Rhäthien und Bregenz und der vierzehende Bischof zu Chur nebst seiner andächtigen Gemahlin Aesopeia, die aber Münster und andere Schriftsteller jedoch unrecht Episcopia nennen, eine geborne Gräfin von Hohen Realt, samt ihrem Sohn Victor dem Ersten, so nach seinem Vater Bischof zu Chur worden, gestiftet. Zur ersten Abtißin haben sie ihre älteste Tochter Vespula, und zur Stiftsfrau ihre jüngste Tochter Ursina verordnet. Im Jahr 1537. hat die letzte Abtißin gelebet, nach deren Absterben der Obergrauenbund das Kloster secularisirt und reformirt, und dessen Einkünfte unter seine Gemeinde zur Erhaltung ihrer Kirchen und Schulen ausgetheilet. Seit dem Jahr 1666. ist dieses Kloster wieder hergestellet worden, und hat nun eine Priorin zur Vorsteherin. Von diesem Kloster richtet der hintere Rhein seinen Lauf nach dem Dorf Rotels / nach den beyden zerstörten Schlössern Ortenstein und Juvalt / wie auch auf Rothenbrunn / wo ein Bad ist, ferner auf Dumilz und Räzuns, oder Rezins / lat. Rezona, Raethia Ima, oder Raethium Castrum, wendet. Es ist dieses ein Schloß, so auch noch seinen Namen von obgedachtem Rheto führet, und den Titul einer Herrschaft hat, so dem Erzhause Oesterreich zustehet, welches daselbst einen Verwalter, oder Voigt hält. Es ist dieser Ort eine Feste, so das sogenante Dumlesch bedeckt. Die Freyherrn dieses Namens sind schon im Jahr 1459. abgestorben.”

Planet Surselva

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(Foto: Helena Becker)

Vorderrheincruising

Zarte zaubrische halbdurchsichtige Morgennebel verschleiern das Tal, von der Straße im Hang sieht es aus, als sei dies ein Vorhang für elbisches Treiben oder sonstwelche Märchenrevival. Es folgen nichtfarbene Wälder wie von anderen Planeten. Das also ist die Surselva. Ein Land für Geister und Gottesmenschen. Auf den ersten Blick scheint sicher, daß hier mindestens ein Wolf umherstreicht. Daß jedes geäußerte Wort mindestens ein Pfund wiegt. Schwere Hänge, wildes Wesen. Sumvitg war einst das letzte räthische Dorf talan. Bis heute wird dort romanisch gesprochen. Nachdunkelnde Holzbauten. Weiß auf himmelblauem Grund “Latg“: Wegweiser zur Milchzentrale. Um 700 n. Chr. pilgerte der fränkische Asket Sigisbert an Sumvitg vorbei und weiter aufwärts, um seine einsiedelnde Ruhe zu finden, steckte etliche Kilometer weiter seinen Stab in die Erde und baute sich in der nahezu unbesiedelten Gegend, die Desertina (= Einöde) hieß, eine stille Klause, aus der das weithin berühmte Kloster Disentis hervorging, dessen von der Schweinegrippe heimgesuchtes Internat geschlossen hat und in dessen Klosterkirche barocker Prunk herrscht: goldüberzogene Altäre und pausbäckige Schmerzensengel, mit Gesichtsausdrücken, als sinnierten sie unter schwerem Einfluß von Wein und Marihuana erstmals in aller Tiefe über die mögliche Sinnlosigkeit der Existenz. Akzentuierte Deckenbilder geben Ausschnitte der Klostergeschichte wider: der heilige Lucius, wie er mit seinem abgeschlagenen, tief in der Kutte vergrabenen, vor anstehender Heiligkeit bereits gleißenden Schädel noch zum Kloster zurückkehrt, bevor er fürs Erste endgültig vergeht. Ein der Gegend angemessenes Eindruckschinden. So tönts auch hinter mir von freundlich-zarter Stimme: „Märtyrertod ist nicht das schlimmste, wenn man gläubig ist“, allerdings in ü-lastigem Alpendialekt. Eine bergfeenhafte Erscheinung, die durch die heiligen Räume huscht, auf der Suche nach der eigenen Heiligkeit. Heilig wird man kaum von selbst, dazu machen einen erst geschulte Katholiken. Es braucht die passenden Grundvoraussetzungen, die richtige Umgebung, Beziehungen, Umstände. (Heiligenverehrung als von der Kirche uminstrumentalisierter Ahnenkult?) In einer Nebenkirche Ex voto-Preisungen der Jungfrau. Die von der Wand blickt auf ihre Verehrerinnen und einen Elektriker, der die Beleuchtung wartet.

Thusis

Zwischen die Fernstraßen hingeworfen verliert die Via Mala von Mal zu Mal vom Speck ihres furchterregenden Namens, die Vorstellung etwa eines „Via Mala-Golfplatzes“ (bei dem sich mit Raubritterdarstellungen imprägnierte Bälle über die Schlucht schlagen ließen), die fortschreitende Ausbeutung, sowohl ideell, als auch fysisch, eines einstmals mythenbildenden Orts, läßt den Rhein schaudernd sich zusammenziehen, unsichtbar brüllende Schnecke in den Tiefen der Klüfte, versickerungswillig, nur mit erheblichem Unmut seine paar verbliebenen Schönheiten preisgebend, die eigenen Sagen abverkauft und in die allgemeine Nutzung übergeben, wo sie auf Einheitsbrei poliert dem Massengeschmack zum Fraß vorgeworfen werden. Das weiße Rauschen unten im Tobel, der in der Zwischensaison geschlossene Kiosk, die abgesperrten, sonst per Münzdrehkreuz benutzbaren Stiegen, der ganze wassergraue, bergverschattete Tag: ein einziges Szenario des Verschwindens. Aber was tun, wenn der Rhein nicht mehr will? Andre Flüsse auf seine Spur umleiten? Ihn selbst auf ein andres, frisch zu durchschreitendes Niveau lenken? Was wird in fünfhundert Jahren sein, wenn diese Landschaft und ihre Texte noch (oder besser: wieder) literarisches Interesse finden: „Angeblich soll hier über die erste Periode der Menschheit ein wichtiger Naturstrom die Landschaft zusammengehalten haben, wofür auch Beweise aus Grabungen existieren. Polymere Funde deuten auf eine verspielte, weiche, dem Wesentlichen entfremdete, vermutlich dem übersteigerten Gewinn an Luxus verpflichtete, ergo: maßlose Kultur. Das erhaltene Textmaterial ist jedoch (daher?) großteils unglaubhaft, zum wenigsten paradox: die geschilderten, irritierenden Verhaltensweisen könnten auf Systemkritik weisen – aber welche Art Kritik an was für einem System?“ Thusis Hauptstraße wird in 500 Jahren immer noch stehen, dann gereift zu einer Art Lloret de Mar der Schweiz. Außerirdische Werkstoffe werden dann für kostbarer gelten als Bergkristalle und Plüschmurmel. In sich stets neubildenden Rheinwasserbuchstaben wird das Ortsmotto über dem Themenpark, der nur zu Pferde betreten werden darf, mal als Schneeeinbruch, mal als Wasserfall durchritten: „Der Nolla hat mich zum Zittern gebracht / Die Feuersbrunst zu Asche gemacht / Das Thusner Gericht war wütend und schwer / Des Säumers Ruf erschallt nimmermehr“, retroromanisch gedoppelt natürlich. Und ein Schwung biochemischer Schafstelzen wird durch die Raster vibrationsfreier Sensationsakkumulatoren wippen.