Gion Antoni Hitz überlebt eine Lawine

„Es war Anno 1923, am 23. Dezember. Am Tage zuvor hatte es auf eine wenig dicke Schneedecke von neuem zu schneien angefangen. Am Dreiundzwanzigsten setzte der Sturm ein. „Heute gehe ich früher füttern,“ sagte ich zu meiner Frau, „heute ist es lawinengefährlich.“ Schon um halb vier Uhr begab ich mich nach Dieni, wo ich im Winter mein Vieh hatte. Außerhalb des Dorfes waren die Wege dicht eingeschneit. Ich konnte nur einen Tritt vor den andern setzen. Es war nicht gemütlich, denn oben am Waldrand krachten die Tannen, die vom Wind umgeworfen wurden. Um sechs Uhr verließ ich meine Viehhabe und machte mich auf den Heimweg. Es fing an zu nachten und das ist nicht die beste Zeit. Denn dann brechen gerne die Lawinen los. Beinahe hatte ich die Hälfte der kurzen Strecke zurückgelegt, als ich droben am Wald ein Knirschen und Krachen hörte. Wieder eine Tanne umgelegt! Gleich darauf aber vernehme ich ein langgezogenes Puuf! einen Windstoß. Das ist die Lawine! Ich mache einige Schritte zurück. Jetzt ein Rauschen und ich sah eine fünf, sechs Meter hohe Walze rasend schnell gegen mich daherstoßen. Mut, Mut! Nicht verzagen! Ein Jäger und Strahler darf nicht Angst haben, sage ich mir. Plötzlich nimmt mich der Luftzug vom Boden auf und fährt mit mir, als ob er mit mir bestandenem Mann Ball spielen wollte, kopfüber achtzig Meter weit die Wiese hinunter. Obwohl ich dem Wind nicht schwer war – er hatte mich emporgehoben wie ein Stück Papier – ließ er mich doch allmählich zurück, und ich sank zwischen ihm und dem nachdrängenden Schnee zu Boden. Wie viele Gedanken gingen mir in diesem Augenblick durch den Kopf, Diesseits- und Jenseitsgedanken! Ich war auf die rechte Seite gefallen, mit dem Kopf abwärts. Jetzt kannst du aufstehen, meinte ich. Es ging aber nicht, denn ich war ein wenig betäubt. Doch hatte ich die Besinnung keinen Augenblick verloren. Da deckte die nachflutende Schneemasse mich zu. Ich war begraben. Finstere Nacht um mich! Ich wurde zusammengedrückt. Der Atem ging schwer. Ich muß mir Platz machen. Jetzt muß ich noch turnen lernen! ging es mir durch den Sinn. Mit Händen und Rücken presse ich den Schnee, so stark ich nur kann, auf die Seite und schiebe mit der Linken, was über mir ist, unter mich hinein. So komme ich allmählich mit dem Oberkörper höher und höher. Die Füße und den rechten Arm konnte ich nicht rühren, weil ich sie beim Abwärtssausen nicht bewegt hatte. Der Schnee war nicht kalt. Ich konnte immer noch kaum atmen, zwang mich aber, unter Aufbietung aller Willenskraft, mir mit der freien Linken und dem Rücken Luft zu verschaffen. Die Hand suchte die ersehnte Oberfläche zu erreichen. Ich bohre einen Trichter in die feuchte Masse und merke, daß der obere Schnee locker ist. Das Atmen geht leichter. Erst jetzt, da ich Luft bekomme, fühle ich, daß ich den Mund voll Schnee habe. Jetzt habe ich den Sieg über die Lawine errungen. Mein Rücken ist ganz naß. Warum nur? Ich rufe um Hilfe. Da höre ich Schritte. Den Handschuh zwischen den Fingern haltend, strecke ich den linken Arm durch den Trichter empor, so daß der Suchende den dunkeln Fleck im Schnee erkennt. Zehn Minuten später bin ich oben, kann mich aber kaum aufrecht halten. Ich habe wohl achtzig Zentimeter unter dem Schnee gelegen. Wie ich heim, in meine Stube kam, zeigte es sich, daß mein Hemd auf dem Rücken rot gefärbt war von Blut. Aber dieses Drücken und Stoßen bis aufs Blut hatte mich vom sicheren Td errettet. Sich rühren, kämpfen, heißt es in Not und Gefahren.“ (Aufgezeichnet von Arnold Büchli)


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