Chur (3)

Der Rheinische Antiquarius weiß allerhand Vages über Chur und wirft damit zugleich die Frage auf, ob die Präzision geschichtlichen Wissens mit zeitlichem Abstand steigt oder sinkt. Beides, lautet sicherlich die weiseste aller Antworten. Und das war der Wissensstand zur Geschichte Churs im Spätbarock: „An dieser Plessur, eine kleine Viertelmeile vom Rhein, zwey starke Meilen von Meyenfeld und viere von Feldkirch liegt Chur, lateinisch Curia Rhaetorum, und französisch Coire, die Hauptstadt der drey freyen Bünde in Graubündten, wie auch der Hauptort des Gotteshausbundes. Ihren Ursprung und Namen wollen einige von dem Kaiser Constantio, Kaisers Constantini Magni Sohn, herleiten, und zwar dergestalten, daß, als selbiger mit dem allemannischen Könige Chonodomaro oder Vadomaro ums Jahr 375. oder, nach anderer Meynung 355. Krieg geführet, er sich, nach Endigung desselbigen, nach Mailand in die Winterquartiere begeben hätte; bald hernach aber wäre er aufs neue mit ihm zerfallen, worauf er sich in diese Gegend Räthiens gezogen, sein Lager in dasigen Feldern, Campi Canini genant, und seine Hofhaltung in den darinnen sich befindenden alten und festen Schlössern aufgeschlagen, auch daher dieser Stadt ihren Ursprung und Namen gegeben habe; massen selbige ganze Gegend Rhätia Curiensis genennet worden. Wie denn ausser den dreyen Festen Marsoila, Spinoila, und Ymburg, keiner andern daherum gelegenen namhaften Oerter oder Gebäude einige Meldung geschehen, obschon Ammianus Marcellinus alle zu seiner Zeit dem Rhein hinunter gelegene Städte fleissig angemerkt hat. Andere wollen Constantio mehrers nicht, als nur die Erweiterung und Benamsung dieses Orts zuschreiben, und behaupten zugleich, er hätte schon lange vor dessen Zeiten allda gestanden, und wäre Ymburg genennet worden. Auch sey dieses eben der Ort, den Ptolomäus Alexandrinus, nach Art der griechischen Schriftsteller, mit einiger Veränderung der Buchstaben, Ebodurum betitele. Dem sey nun, wie ihm wolle, so ist doch ganz wahrscheinlich, daß schon vor Christi Geburt dieser Ort als einer der gelegensten und fruchtbarsten von den alten Räthiern bewohnet worden, auch nach und nach an Volk und Gebäuden zugenommen habe; Daß ferner die Stadt bey der Feste Ymburg, auf deren Platz das heutige Rathhauß stehet, durch Darzuziehung der festen Schlösser Marsoila, und Spinoila entstanden; endlich daß diese Schlösser oder Höfe erstlich den vornehmsten räthischen Herren, hernach den römischen Landpflegern, endlich aber dem Kaiser Constantio selbst zur Wohnung gedienet, und dahero, sobald sie zur Stadt geworden, den Namen Curia erhalten, so im deutschen Hof bedeutet. Solchergestalt haben auch nachgehends die Bischöffe allezeit ihre Hofstatt in dem Schloß Marsoila und in den dabey aufgerichteten Gebäuden gehabt. (…)“ Die Namen Spinoila und Marsoila führen auf dünne Spuren, das rätselhafte Ymburg bleibt rätselhaft, während mit Ebodurum über Dielhelm hinaus auch liechtensteinische Flecken in Verbindung gebracht werden.


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