Rheinischer Steinkult

Parallel zu Büchli beschäftigt sich Christian Caminada, langjähriger Bischof von Chur und in den Tälern des Vorderrheins aufgewachsen, in seinem Buch „Die verzauberten Täler“ mit dem Bündner Volksglauben, der naturgemäß mit Steinkult verbunden ist: „Zaudernden Schrittes und geheimnisvoll erfasst gehen wir daran, jene stummen Steine, welche vielenorts in rätischen Landen auf sonnverbrannten Höhen, in Waldlichtungen, an Wasserquellen und an Flüssen als Teufelssteine, als Nixenstätten, als Elfen- und Dialenfelsblöcke und als Hexentanzplätze aus gespenstisch sich formenden Nebelfetzen der Sagen uns anstarren, zum Sprechen zu veranlassen. Die Rätoromanische Chrestomathie und andere Freunde der Volkskunde sind jenen bläulichen Irrlichtern, die zauberhaft da und dort aufhüpfen und verfliegen, sobald man nach ihnen greift, nachgeeilt und haben deren Kunde in ihren Schriften mit zitteriger Feder fest zu bannen sich bemüht; aber ob es meinen aufgeklärten Lesern entspricht, verwitterte Granitblöcke zu besuchen und Felsenwinkel zu durchstöbern, wo ekelhafte Fledermäuse mit ihrem garstigen Leib das Gesicht des erschauernden Wanderers um streichen, ist eine Frage der Wertung des Aberglaubens als Quelle der Volkskunde. Steine möchten wir zum Sprechen veranlassen, die seit Jahrtausenden stumm und trotzig am Wege späterer Kulturepochen und Völker liegen. Man kann sie erledigen, indem man geringschätzig an ihnen vorübergeht, indem man mit Dynamit den Riesenleib zerreißt und aus dem Abfall die Straße bekiest; aber sie scheinen doch zu reden aus den Mauern der Bauten, in die sie hineingefügt worden waren, und aus dem Unheimlichen gewisser Strassenstellen, die Reiter und Ross foppen mit Tod und Unglück. Das Christentum suchte das Böse zu bannen durch eingekerbte Kreuze, durch heilige Sprüche und Namen. Die Steinblöcke wurden stumm; einzig der Aberglaube machte sich an diesen Zeugen einer ehemaligen, fern abliegenden Kultur noch zu schaffen. (…)“ Entsprechend geht Caminada daran, die Sagen zu markanten Formationen auszubreiten. Und tatsächlich entspricht es dem aufgeklärten Leser bis heute aus angegebenen Gründen, verwitterte, geheimnisumwitterte Granitblöcke zu besuchen.


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