Socka Hitsch

Die Methodik, einen Fluß zu erfassen, besteht offensichtlich im Wegfließen- und Aufscheinenlassen von Partikeln. Nun oszillieren sie auch noch zwischen Erster und Zweiter Welt. Es geht um Annähern, Begreifen, Austausch, Bewahren, Transformation. So lang es eben geht und bis es zündet. Es geht auch um die Hoffnung, überhaupt etwas vorzufinden. Vieles verkriecht sich schließlich in die Zeit, die heuer kaum jemand mehr hat oder sich nimmt. Die immerselbe Strecke, die niemals zweimal diegleiche ist: vom Zug aus erblicke ich bei Landquart einen auffälligen (piratenbeflaggten? fahrenden?) asfaltumgebenen Kiosk (an der Straße nach Davos?), „Socka Hitsch“ steht darauf geschrieben. Nun hat Landquart außer relativ geraden Straßen und klotzartigen Supermärkten nicht sonderlich viel zu bieten und dieser Fahrensmann (?) fällt sofort aus dem Bild. Sollte ich nochmals in das trübe Städtchen, um mich dem Fänomen zu nähern? Nur eine mittlere Überraschung: den Socka Hitsch gibt’s auch im Internet. Die etwas größere: er ist der Star je eines Buchs und eines Films über ihn selbst, Filmemacher Gian Rupf, ein Landquarter, dem Landquart an sich ebenfalls eher trüb vorzukommen scheint, hat zu Film und Hitsch eine Website eingerichtet, auf der er den Mann als sympathischen Außenseiter, konventionsbrechenden „Don Quijote der Hosenträger“, Alpöhi des Durchgangsverkehrs („der Bündner, der pro Tag die meisten Auots sieht“) und reimenden Marktfahrer feiert. Rahmend findet sich ein sprechendes Nietzsche-Zitat: «Die Ortschaft Landquart ist in einer glücklichen Lage. Sie hat weder Ahnen noch Tradition. Was ihr an Vergangenheit abgeht, scheint sie an Verständnis für die Aufgaben der Gegenwart zu haben.» Augenscheinlich ist sie an diesen Aufgaben seit Nietzsches Zeit vor allem mithilfe des Waschbetons gewachsen. Daß aber die Wesen zwischen Motorenrausch, Beton und Asfalt menschliche, gar menschlich-originelle Züge annehmen, potenziert die Düsternis der Situation nicht mehr oder minder als es Hoffnung für ihre Schleusenfunktion schafft. Was anderes auch als ein Ghetto ist letztlich das Paradies?


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