Vorderrheincruising

Zarte zaubrische halbdurchsichtige Morgennebel verschleiern das Tal, von der Straße im Hang sieht es aus, als sei dies ein Vorhang für elbisches Treiben oder sonstwelche Märchenrevival. Es folgen nichtfarbene Wälder wie von anderen Planeten. Das also ist die Surselva. Ein Land für Geister und Gottesmenschen. Auf den ersten Blick scheint sicher, daß hier mindestens ein Wolf umherstreicht. Daß jedes geäußerte Wort mindestens ein Pfund wiegt. Schwere Hänge, wildes Wesen. Sumvitg war einst das letzte räthische Dorf talan. Bis heute wird dort romanisch gesprochen. Nachdunkelnde Holzbauten. Weiß auf himmelblauem Grund “Latg“: Wegweiser zur Milchzentrale. Um 700 n. Chr. pilgerte der fränkische Asket Sigisbert an Sumvitg vorbei und weiter aufwärts, um seine einsiedelnde Ruhe zu finden, steckte etliche Kilometer weiter seinen Stab in die Erde und baute sich in der nahezu unbesiedelten Gegend, die Desertina (= Einöde) hieß, eine stille Klause, aus der das weithin berühmte Kloster Disentis hervorging, dessen von der Schweinegrippe heimgesuchtes Internat geschlossen hat und in dessen Klosterkirche barocker Prunk herrscht: goldüberzogene Altäre und pausbäckige Schmerzensengel, mit Gesichtsausdrücken, als sinnierten sie unter schwerem Einfluß von Wein und Marihuana erstmals in aller Tiefe über die mögliche Sinnlosigkeit der Existenz. Akzentuierte Deckenbilder geben Ausschnitte der Klostergeschichte wider: der heilige Lucius, wie er mit seinem abgeschlagenen, tief in der Kutte vergrabenen, vor anstehender Heiligkeit bereits gleißenden Schädel noch zum Kloster zurückkehrt, bevor er fürs Erste endgültig vergeht. Ein der Gegend angemessenes Eindruckschinden. So tönts auch hinter mir von freundlich-zarter Stimme: „Märtyrertod ist nicht das schlimmste, wenn man gläubig ist“, allerdings in ü-lastigem Alpendialekt. Eine bergfeenhafte Erscheinung, die durch die heiligen Räume huscht, auf der Suche nach der eigenen Heiligkeit. Heilig wird man kaum von selbst, dazu machen einen erst geschulte Katholiken. Es braucht die passenden Grundvoraussetzungen, die richtige Umgebung, Beziehungen, Umstände. (Heiligenverehrung als von der Kirche uminstrumentalisierter Ahnenkult?) In einer Nebenkirche Ex voto-Preisungen der Jungfrau. Die von der Wand blickt auf ihre Verehrerinnen und einen Elektriker, der die Beleuchtung wartet.


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