Jagd am Rhein

Im Hinterzimmer der Calanda-Wirtin gibt’s die handfesten Informationen: Daß im selben Moment, jetzt wo es dunkle, nämlich die Hirsche, davon sei auszugehen, und zwar in ansehnlicher Zahl, drunt die Gärten auf Rosenkohl plünderten, im Scheinwerferkegel habe man ihre herrlichen Silhouetten, schlaue und gewandte Tiere seien das, die sich noch in derselben Nacht wieder auf 1000, 1500, 2000 Meter Höhe in den Calanda zurückzögen. Um den Rheinblick zu genießen? Um ihr Diebesgut dort auszukötteln, du Hirsch! (Es fallen einige stärkere Kraftausdrücke.) Die Jagd, das sei ja eine saisonale, mit höchst komplexen Bestimmungen, auf den Zeitraum einiger Septemberwochen oder auch nur -tage beschränkt, und dann zögen die Jäger in die Berge, die zuerst einmal die Lizenzen zahlen müßten und dann pro Kilo geschossenem Fleisch (in Chur würden die Tiere ausgewertet, -gewichtet undsoweiter) noch einmal bezahlen, aber schießen dürften sie nur nach ausgefeiltem, von Verwaltungsmenschen erklügeltem Regelwerk, so, weil es an Geißen fehle und zuviele Böcke umherliefen, von den Gemsen die Böcke nur, wenn sie zunächst eine Geiß erlegt hätten, die eben schwer zu finden sei, und so könne es sein, daß Jäger leer ausgingen, doch dann würde wiederum ausgezählt, und wenn es dann heiße, dort oben stünden zuviele Gemsen, würde die Nachjagd ausgerufen, für Oktober, November, bis Dezember gar, auf der plötzlich ohne Auflagen soviel geschossen werden könne, wie man wolle, tsching! tsching! tsching! tschenngg!, ob das etwa sinnvoll sei? Und dann gebe es Restriktionen, die alle erlernt werden müßten, etwa ab wieviel Geweihenden ein Wild geschossen werden dürfe, ab wieviel Zentimetern Horn ein Rehbock und in welcher Höhenlage, da gebe es die verrücktesten Kombinationen von erlaubter und nicht erlaubter Jagd und wehe, ein Jäger erwische ein Tier außerhalb der Regularien, das gäbe Bußen in mehrtausend Franken Höhe. Und dann hätten gewisse Tiere Asyl, in den Streifen zwischen zwei Rüfen zum Beispiel, und die Tiere seien ja schlau, sobald der erste Schuß fiele, im September, spräche sich das sofort unter ihnen herum, sähe man sie nicht mehr, da zögen sie sich in die Höhen, die Wälder zurück, kämen nicht mehr hinaus, oder flüchteten sich ins Asyl, das immer dasselbe sei, nie wechsele und um Steinwild zu schießen brauche man sowieso zehn Jahre oder zwanzig Jahre Lizenz, um überhaupt zu dürfen und so ein Steinbock sei seine 30, 85, 130 Kilo schwer, je nach Größe, je nach Gewicht der Hörner, die einen schon erschrecken können, wenn man plötzlich am Weg auf sie trifft, zwar gingen sie weg, seien bisweilen halb zahm, aber respekteinflößend eben schon mit ihren teuflisch gelben Augen.


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