Liechtenstein (2)

Ein Artikel aus dem Liechtensteiner Volksblatt von Ende 1985 hält unter dem vielsagenden Titel „Ein abergläubisches, albernes und dummes Volk“ Rückschau auf Volksmentalität und Landeszustand vor (damals) 200 Jahren – aus Sicht hoher Beamter der fürstlichen Hofkanzlei zu Wien (der Landesvater residierte seinerzeit noch nicht im Lande selbst). Einige Zitate: „Von einer besseren Schul-Ordnung wollen sie gar nichts hören, sondern sagen gleich, es sei auf diese Art schon lange gut genug gewesen, und sie wollten nicht wie in den Österreichischen Landen eine neue Ketzerlehre einführen lassen. Denn so wird die allgemein nützliche Volksschule, wie sie in den k.k. Staaten eingeführt wurde, von den hiesigen Leuten betitelt.“ „Es ist eine weltbekannte Sache, dass überall viele Feiertage aufgehoben worden sind. Und in welchem Lande wäre es wohl notwendiger, nützlicher und anständiger als im hiesigen Reichsfürstentum Liechtenstein, da viele Grundstücke wegen der Menge der Feiertage nur schlecht kultiviert werden? Tatsächlich halten die Untertanen die vielen Feiertage nicht ein und können diese auch gar nicht einhalten. Die benachbarten Reformierten halten sich darüber auf, wenn die Katholiken ihre Feiertage nicht ordentlich halten, obwohl sie selbst nichts von Feiertagen halten. Allem diesem könnte durch die Aufhebung der Feiertage abgeholfen werden.“ „Die Polizei betreffend, so mag dieses Wort wohl mal gehört worden sein, ohne aber dass die innerliche Bedeutung desselben bewusst worden wäre. Genug wäre es gewesen, wenn man nicht eine gute, sondern nur ehrliche Mannszucht angetroffen hätte. Wir mussten aber leider erfahren, dass die hiesigen Untertanen grob, ungesittet und ungezogen sind, die – weil sie rings umher mit Republikanern umgeben sind – auch selbst Republikaner zu sein glauben und nur zum Schein einen Landesherrn und die Obrigkeit in so lang erkennen, als es ihnen gefällig.“ „Es ist ein albernes, abergläubisches und von den dümmsten und gröbsten Vorurteilen eingenommenes Volk, dem weder etwas von einer wahren Religion oder Chrstentum noch Tugend bekannt ist. Ihre Sache ist nur äussere Scheinheiligkeit und Verstellung. Daneben herrschen unter ihnen alle Laster der Untugend, sie sind auf die alte heidnische und höchst verderbliche Missbräuche versessen, zur Schwelgerei, zu Unhändeln, zum Prozessieren sehr geneigt, hingegen in ihren Arbeiten sehr nachlässig und träg.“ „Von der Polizei und dem Finanzwesen wäre gar unendlich viel zu reden. Ich will aber nur von den notwendigsten Hauptgegenständen eine Meldung machen: Dass dies nämlich ein Land ist, in welchem die Untertanen jedem herrenlosen Wegler, Kessler und Diebesgesindel den Unterschlauf geben, ungeachtet sie hören, es seie dieser oder jener Nachbar ausgeraubt worden. In den meisten Dörfern hat es keine Nachtwache und keine Feuerkübel. Es gibt kein Spital oder Krankenhaus, in welchem ein armer, kranker Bettler oder sonst ein bedürftiger Mann versorgt werden könnte. Alles wird elend administriert, und sagt eine nachgesetzte Obrigkeit etwas, so heisst es, dies gehe die Obrigkeit nichts an. Im ganzen Reichsfürstentum gibt es keine Manufakturen oder Fabriken, ja nicht einmal die nötigen Handwerksleute. Die Gemeinden besitzen schöne Weingärten, Äcker, Wiesen, Alpen, Auen oder gemeine Weidgänge und Waldungen, alles wird aber grösstenteils schlecht bearbeitet. Kurz der grösste Teil der Untertanen sind arme Fretter. Geht man auf die Untersuchung, woher dies alles komme, so wird man keinen anderen Grund finden als die schlechte Erziehung und den fehlenden Unterricht der Jugend.“


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