Bündner Gerstensuppe

Mündlich überlieferte Geschichten aus den Bündner Dörfern sammelte Arnold Büchli bis in die 1960er Jahre für seine „Mythologische Landeskunde von Graubünden. Ein Bergvolk erzählt“, drei fette, nach Regionen geordnete Bände von jeweils knapp 1000 Seiten Stärke. Hieraus eine aus der Ursprungsgegend des Vorderrheins: „Zwei Leutchen von Selva hielten Hochzeit und gingen nach Sedrun in die Kirche. Nachher sind sie in großer Eile heimgegangen und haben ihre Mehlsuppe mit Knollen gegessen. Es war im Frühling, und man trug Mist auf die Wiesen. Kaum waren die beiden Hochzeitsleute zu Hause angekommen, zogen sie ihre Werktagskleider an und machten sich ans Mistaustragen wie die Nachbarn. Ein paar Jahre später an einem Wintertag machte sich der gleiche Mann den Bart vor dem Fensterglas, hinter das er eine Schindel gestellt hatte. Eine Gesichtshälfte war schon sauber geschabt, da ist die Lawine gekommen und hat die bretterne Diele heruntergedrückt, und vor Schrecken schnitt er sich das Ohr ab. (…) Da kam gerade die Frau in die Stube und er hat ihr geklagt: jetzt habe er sich ein Ohr abgeschnitten. Sie hat aber gar nicht darauf geachtet, nur gejammert: „O weh, der Erzhafen mit dem guten Fleisch und der Gerstensuppe! Das ist das Schlimmste!“ Das Mittagessen reute sie, denn sie hat gemeint, es sei alles zugrunde gerichtet in der Küche. Diese war zum Teil gemauert, dort hatte die Lawine größern Schaden getan. (…) Aber der Erzhafen war unversehrt, alles in Ordnung, in einer Ecke das Feuer, nicht erloschen, und die Suppe kochte noch. Das hat die Frau gefreut. Aber das Ohr ihres Mannes galt ihr nichts.“ Eine Geschichte, so kräftig wie die Bündner Gerstensuppe selbst. Wie wohltuend diese z.B. gegen Kälte wirkt, erfuhr der Autor gestern Abend. Bereits den ganzen Tag war die Kastellanin mit der Zubereitung beschäftigt, zwei riesige Kessel dampften vor sich hin, die Bürgerversammlung wollte verpflegt sein, am Abend brachte sie auch dem zurückgekehrten, höhendurchfrorenen Gast einen Eimer in seinen Atelierflügel: deftig, heiß und stark. Fortab eine willkommene Bereicherung auf Rheinseins wachsendem, zunehmend international geprägten Wintersuppenspeisezettel.


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