Ilanz

Sehr profan, fast kanalartig und ziemlich grau im Gesicht erscheint der von lauten vordergründigen Asfaltbändern eskortierte Rhein (Rein anteriur) in Ilanz. Kaum vorstellbar, daß er kurz darauf in der Ruinaulta zu einem Naturfänomen erster Kategorie aufläuft. Die Stadt Ilanz selbst, wies heißt “die erste am Rhein”, auf 702 Metern Höhe gelegen, gibt sich merklich kühl. Es ist die Zeit zwischen den Saisons, das von außen etwas ranzige, mit einem abstrusen Verkehrsschild behaftete, insofern erfahrungsgemäß vielversprechende Museum Regiunal Surselva hat leider geschlossen. Ein paar Hotels, darunter ein kastenförmiges, mehrstöckiges, ein paar mehr Restaurants, drei oder vier Pubs: Ilanz gibt äußerlich ein urban übertünchtes Dorf, und läßt sich als solches furchtbar schnell abschreiten. Als Besonderheiten fallen auf: Zwei Häuser mit bündnertypisch illusorischen Fensterverzierungen, traditionelle Versuche am 3d-Effekt. Die Gewölbemalereien in der reformierten St. Margarethenkirche. Gotische, eichelnbewachsene Ranken umwuchern Renaissancemotive: das zentrale Heiliggeistloch (durch das vor der Reformation zu Pfingsten der Heilige Geist in Gestalt einer Holztaube eingelassen wurde) ist mit tierischen Evangelisten umrahmt, vierfach im Geranke versteckt und doch präsent lugt der zierliche Tod (schwertumgürtet, pfeileschießend, Waage und Stundenglas haltend, Schach mit einer Frau spielend) auf die Gemeinde herab. Das lyrische Apotheken-Schaufenster zum Thema „Aromabäder“, gestaltet von Patienten und Team der Psychiatrischen Tagesklinik: „In Fichtennadeln baden, das ist mega, / da brauch ich nach dem Boarden keine Rega!“ Die Ilanzer Artikel zur Trennung von Kirche und Staat aus den Jahren 1524 und 1526, bzw. ihre ausgeschilderte Existenz als Bedeutungsgeber der Ortschaft. Die von den lange vorherrschenden Schmid von Grünecks erbaute Casa Gronda (1677), wichtigstes Profangebäude des Städtchens und bedeutendstes Bürgerhaus des Bündner Oberlands. Die goldene Krone, durchflossen vom Rhein, am Obertor, sowie die einsame und todtraurige, aus einer fernen Welt dem mittelalterlichen Kopfstein eintransplantierte Parkuhr davor. Das Mundaun Center, eine gut getarnte Einkaufshalle samt Kantine, in der sich zumindest um die Mittagszeit das eigentliche Stadtleben abspielt. Der Glogn/Glenner, ein rascher Rheinzufluß aus den stilisierten Bergen. Schi ditg che siattan cuolms e vals stai ferm Surselva nossa. Abfahrt!


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