Lichtenstein

Der Bergnebel ist letzte Nacht fast zu mir ins Bett heruntergekrochen. So ist das: wenn man erhaben, herrschaftlich wohnt, bitten selbst die Naturgewalten um Audienz. Umgekehrt hechle ich in einem Anfall aus Huld und Demut die steilen Dorfpfade hoch, diesmal geht’s auf die Ruine Lichtenstein. Seit Mitte des 17. Jahrhunderts dem Zerfall überlassen, steht sie mahnend überm Abgrund, schnaufend und unterzuckert erreiche ich ihren Fuß, einen Hügel, der vielleicht unter Aufbietung außergewöhnlicher Mühen und letzter Reserven eventuell gerade eben noch so fast erklimmbar ausschaut. Aus dem Tal steigen an- und abschwellende Verkehrsfrequenzen, mischen sich im Trakte stufenlos geregelter Jahrhunderte den Gesängen der Vögel und Flugmaschinen. Hier ist niemand sonst. Als letzter Mensch auf Erden kämpf ich mich durch rottendes, braunes, eckernträchtiges Buchenlaub zielan, schwing und zieh ich mich schließlich unter Atemnot, Bewußtseinsstarre und Krämpfen, keiner Richtung als der nach oben führenden achtend, an freistehenden Baumwurzeln Zentimeter um Zentimeter zur Burg empor, ziemlicher Wahnsinnsakt für einen Höhenschwindligen (dem`s vorm Abstieg noch viel mehr graust, aber schließlich: „nunner kommsch immer“) – und es lohnt: der Blick ist veritablen Majestäten würdig! Chur, mithilfe seiner paar Hochhäuser abgesteckt, liegt Rheinsein komplett zu Füßen, der Rhein selbst scheint aus dieser Perspektive ein schüchterner, unbeteiligter, randständiger. Das ehemalige Burgtor (?) führt stracks in den Abgrund. Haldenstein, das Dorf, wirkt sehr zerbrechlich da unten. Und ich selbst komme mir sehr verrottbar vor, sollte mir hier etwas zustoßen. Durchatmen. Anfliegende und davonflatternde Verse. Gedenkminute für ein Schwänchen. Fast noch wahnsinniger als der Aufstieg gerät der Abstieg: Gleiten, Schliddern, aufm-Hosenboden-Rutschen; über und über mit Erde, Laub und späten Waldfrüchten bedeckt gelange ich zurück ins Dorf, mein schratiger Anblick löst keinerlei übertriebene Regung aus bei den Wartenden an der Bushaltestelle, sie wissen um die zarte, aber fortschreitende Symbiose zwischen alteingesessener Landschaft und frischem Besucher: „lueg, da chummt der Schwoob, wo im Schloß huust, ja grüezi!, ja hoi!“


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