Liechtenstein

In unserm Erdteil steht es kläglich.
Man ist mit uns nicht mehr galant.
Die Steuern nehmen überhand.
Es ist schon bald nicht mehr erträglich.

Das Land, in dem man Milch und Honig schlürfte,
Wir suchen`s alle, doch wir finden`s kaum -
Drum gaukeln wir uns vor im Traum,
Als ob es so was wirklich geben dürfte.

Ach, wenn ich es im Wachen wiederfände -
Da ist es hübsch und angenehm zu sein!
Der Flüchtling findet hilfsbereite Hände.
Er kauft sich ein. Kann so was sein?

Jawohl: in Liechten – meinem Liechtenstein.

Da liegt das Land in hochrentablem Frieden,
Wo mich nichts stört und peinigt und verdrießt.
Und wer den Eintritt aufbringt, der genießt,
Und nichts wie Fröhlichkeit ist ihm beschieden.

Woanders: Zähneklappern und Geschlotter -
Doch auf der Alm da gibt`s kein Sünd,
Weil hier doch ALLE Hinterzieher sind. -
Und dort, der Blühendste, das ist mein Rotter.

Man soll nichts Böses über`s Ländle sagen!
Wenn es auch nicht sehr groß ist, sondern klein.
Es hat doch einen großen, guten Magen.
Da geht was rein. Wo mag das sein?

In meinem Liechten – meinem Liechtenstein.

In Unschuld sprießen, wachsen, blühen
Dort Unternehmen ohne Zahl.
Und der Profit ist kolossal.
Das geht ganz ohne Schweiß und Mühen.

Und täglich kommen neue liebe Freunde –
Grüß Gott, grüß Gott – da sind Sie ja -
Ja: Ubi bene ibi patria -
Wir sind die krisenloseste Gemeinde.

Und wenn der Lehrer heut` zum Beispiel fragte:
“Nun, kleiner Moritz, wo liegt`s Capitol?”
Der Moritz wär zu schlau, als daß er`s sagte.
Er wüßt` es wohl. Wo mag es sein?

Wo es so sicher ruht: in Liechtenstein.

(Überraschend früh, nämlich im schicksalsschweren Jahr 1933 entstand dieser seltene und selten visionäre Couplettext von Klaus Mann für das gemeinsam mit seiner Schwester Erika betriebene Kabarett “Die Pfeffermühle”. Die Manns flüchteten im selben Jahr vor Hitler, der im neutralen, seinerzeit noch mehr am deutschen als am jungen Rhein gelegenen, Liechtenstein eher minder als mehr unter der Hand reichlich und auch organisierte Verehrer besessen haben soll, die in etwa ebenso vergeblich auf den territorialen Anschluß warteten wie sie einen Staatsputsch vorbereiteten.)


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