Haldenstein (2)

Der Bergnebel kriecht nahezu bis in meine obere Schloßetage herab, sinistres Knistern dringt aus seinen Schleiern. Niesel. Vermutlich wird auch der Schnee tiefer herab gekommen sein, um eine Schicht schwerer auf den Tannen lasten – allein, der Nebel verhindert den Blick auf die Höhen. Da jagt der gute Bauer keine Kuh ins Freie. Vom Westfenster lassen sich immerhin die neuen Sonderangebote im unterhalb des Nebels gelegenen Dorflada erspähen. Eine brutal harte Arbeitswoche beginnt, versicherten sie mir bereits gestern vorausschauend in der Gaststube. Ganz anders das Wochenend: Bunte Hydrantenmännli mit Playmobilschöpfen säumen die sonnig-windigen Dorfstraßen. An der Felshalde längs: die unterschiedlichen Flugstile der Greife und Helikopter. Hausinschriften: „Gott schütze dieses Haus / und die da gehen ein und aus“, „Mit Fleiß und Kraft man vieles schafft“ (außer sprachschönen Sinnsprüchen, widerspricht stante pede die hypersensible Dichterseele), aber: „Nicht Kunst noch Fleiß noch Arbeit nützt / wenn Gott der Herr, den Bau nicht schützt“ künden von Generationen Bauerfahrung. Peter Zumthor soll hier leben, in einem selbstentworfenen Haus, weswegen zahlreiche Touristen (Japaner, Amerikaner) durch die Dorfstraßen pilgerten. (Vielleicht in einer Art Wilden Jagd auf die Gipfel der Architektur, mit (infra)rötlich leuchtenden Objketivaugen, schwarznachts, wie in der Mythologischen Landeskunde beschrieben – ich jedenfalls konnt die Touriprozession, obgleich sie zwingend am Schloß vorbeiführen müßte, bisher nicht erblicken). Die Kirche mit ihrem Zwiebelturm, der auf Walser weist, im Dorf lassend (den Schlüssel hat mir die Calandawirtin, welche ihn hütet, versprochen) geht’s weiter durch die malmkalkige, angenehm um Noten von Milch- und Fleischvieh bereicherte Calandaluft, ein rheinischer (?), calandrischer Wind verteilt die tierischen Aromen althergebrachter Welten, in fast ganz Haldenstein stehen oder schweben sie noch ein wenig herum, im vermeintlichen Einklang mit sich selbst. Auf Chur zu. Das hinter der Rheinbrücke beginnt. Direkt oberhalb der Rheinbrücke führt u-förmig eine unbefestigte Straße in den Strom, als sollte hier ein Hafen für Spielzeugschiffe entstehen. Richtung Süden verläuft direkt am huschenden Rhein, großzügig von Straßenlärm begleitet, der Wohlfühl-Parcours (eine Trimmstrecke) der Churer Clubs Panathlon und Rotary.


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