Dumas und das Vaduzer Sauerkraut

Alexandre Dumas der Ältere (der Musketiere- und Graf von Monte Christo-Dumas) hält auf seiner Reise entlang den Ufern des Rheins gezwungenermaßen in Vaduz und erhält eine kostenlose Lektion in Sachen Sauerkraut: “Obwohl ich den Bodensee so schnell wie möglich erreichen wollte, war ich gezwungen, in Vaduz Halt zu machen. Seit unserer Abfahrt regnete es in Strömen. Pferd und Kutscher weigerten sich hartnäckig, auch nur einen weiteren Schritt zu tun – das Pferd unter dem Vorwand, daß es bis zum Bauch im Schlamm versinken würde, und der Kutscher, daß er bis auf die Knochen naß sei. Es wäre übrigens tatsächlich grausam gewesen, auf Weiterfahrt zu bestehen. Aufgrund dieser filantropischen Erwägung entschloß ich mich, die jämmerliche Herberge zu betreten, vor deren Schild mein Wagen so jäh angehalten hatte. Das war keines jener hübschen Schweizer Châlets, gegen die bloß einzuwenden ist, daß sie leider in unseren englischen Gärten so oft nachgebildet werden. Bei der Luziensteig hatten wir die helvetische Republik verlassen und das kleine Fürstentum Liechtenstein betreten, das sich, so sehr es sich auch seiner Freiheit rühmt, gegenüber dem Kaiserreich nur durch die Unsauberkeit seiner Einwohner auszuzeichnen scheint. Kaum hatte ich den Fuß in den engen Flur zur Küche gesetzt, die gleichzeitig als Aufenthaltsraum für die Reisenden diente, als mir ein unangenehmer Geruch nach Sauerkraut die Kehle zuschnürte, der mir – gleichsam wie die Speisekarte am Eingang einiger Restaurants – das mir bevorstehende Menu meines Abendessens ankündigte. Also ich neige dazu, bezüglich Sauerkraut dasselbe zu sagen, was ein gewisser Pfarrer bezüglich Schollen gesagt hat, nämlich daß die Welt bald untergehen würde, wenn es nur Sauerkraut und mich auf Erden gäbe. Ich begann also, meinen ganzen deutschen Wortschatz aufzubieten, um ihn für das Studium der Speisekarte dieses Dorfgasthofs zu verwenden. Die Vorsicht war durchaus angebracht, denn kaum hatte ich mich zu Tisch begeben (…) wurde mir auch schon ein gehäufter Teller mit besagtem Gericht vorgesetzt. Zum Glück war ich auf diesen infamen Scherz vorbereitet, und so wies ich den wie der Vesuv dampfenden Teller mit einem so deutlich ausgesprochenen „nicht gut“ zurück, daß man mich für einen reinrassigen Niedersachsen halten mußte (…). Ein Deutscher wird immer glauben, schlecht gehört zu haben, wenn jemand behauptet, daß er kein Sauerkraut mag. Wenn man seine Ablehnung gegen sein Nationalgericht gar in dessen Muttersprache zum Ausdruck bringt, so wird sein Erstaunen selbstverständlich grenzenlos sein. Es herrschte also einen Moment lang Schweigen, ja Verblüffung – so als hätte ich eine abscheuliche Gotteslästerung begangen, während die Wirtin ihre völlig in Verwirrung geratenen Gedanken mühsam wieder in Ordnung zu bringen suchte. Das Resultat ihrer Überlegungen war schließlich ein mit gequälter Stimme hervorgebrachter Satz, von dem ich kein Wort verstand. Aber nach dem Minenspiel zu urteilen, das die Worte begleitete, meinte sie offenbar: „Aber gütiger Gott, wenn Sie kein Sauerkraut mögen, was mögen Sie dann?“ „Alles dies, ausgenommen“, erwiderte ich unter Aufbietung all meiner sprachlichen Fähigkeiten, was soviel heißen sollte wie „alles, nur kein Sauerkraut!“ Anscheinend hatte mein Abscheu auf mich dieselbe Wirkung wie die Empörung auf Juvenal. Nur anstatt mich zu Versen anzuregen, hatte er mir den entsprechenden Gesichtsausdruck verliehen. Das bemerkte ich an der unterwürfigen Art, mit der die Wirtin das unselige Sauerkraut vom Tisch nahm. Ich wartete also auf den nächsten Gang, und um die Zeit tot zu schlagen, amüsierte ich mich immer damit, Kügelchen aus meinem Brot zu formen und grimassierend wie ein Affe ein saures Gesöff zu probieren, das nach Essig schmeckte und so vermessen war, sich als Rheinwein auszugeben, bloß weil es in einer Flasche mit langem Hals serviert wurde. „Und nun?“, fragte ich die Wirtin. „Und nun?“, antwortete sie. „Was ist mit dem Abendessen?“ „Ach so!“ Und da brachte sie mir wieder das Sauerkraut. Ich dachte, wenn ich dem Sauerkraut nicht die Ehre erwiese, dann würde die Wirtin mich bis zum Jüngsten Gericht verfolgen. Ich rief also einen Bernhardiner, der mit geschlossenen Augen auf seinem Hinterteil saß und sich unverdrossen Schnauze und Pfoten vor einem Riesenfeuer röstete, an dem man einen Ochsen hätte braten können. Sowie er meine guten Absichten begriffen hatte, verließ er seinen Platz am Kamin, kam zu mir, und mit drei Happen hatte er das fragliche Gericht verschlungen. „Gutes Tier“, sagte ich, streichelte es und gab der Wirtin den leeren Teller zurück. „Und Sie?“, fragte sie mich. „Ich esse etwas anderes“, erwiderte ich. „Aber ich habe nichts anderes“, erwiderte sie. „Wie bitte?“, schrie ich aus der Tiefe meines Magens. „Haben Sie denn keine Eier?“ „Nein.“ „Kein Kotelett?“ „Nein.“ „Keine Kartoffeln?“ „Nein.“ „Keine…“ Mir war eine Erleuchtung gekommen. Ich erinnerte mich an die Empfehlung, das Fürstentum Liechtenstein unter keinen Umständen zu verlassen, ohne seine Pilze probiert zu haben, die zwanzig Meilen im Umkreis berühmt sind. Doch als ich diesen glücklichen Einfall umsetzen wollte, stieß ich auf eine Schwierigkeit: Ich konnte mich weder auf Deutsch noch auf Italienisch an das Wort erinnern, das es unbedingt auszusprechen galt, wenn ich nicht hungrig zu Bett gehen wollte. Ich saß also mit offenem Mund da und fand keine Worte. „Haben Sie… haben Sie vielleicht… Zum Teufel, wie heißen die Dinger auf Deutsch?“ „Die Dinger?“, wiederholte die Wirtin mechanisch. (…) Ich nahm also meinen Bleistift und zeichnete mit aller Sorgfalt, derer ich fähig war, die kostbare Pflanze, das Objekt meiner Begierde, auf ein schönes, leeres, weißes Blatt Papier. Ich darf wohl behaupten, daß meine Zeichnung soviel Ähnlichkeit aufwies, wie man erwarten kann, wenn Gottes Werk von Menschenhand wiedergegeben wird. Meine Wirtin folgte meiner Arbeit mit sichtlich intelligenter Neugierde, sodaß ich voller Hoffnung war. „Ah! Ja, ja, ja!“, rief sie, als ich den letzten Bleistiftstrich getan hatte. Sie hatte verstanden, die gute Frau! Sie hatte so gut verstanden, daß sie nach fünf Minuten mit einem aufgespannten Regenschirm zurückkam. „Bitte schön“, sagte sie. Ich warf einen Blick auf meine mißglückte Zeichnung. Die Ähnlichkeit war tatsächlich vollkommen. „In Gottes Namen“, sagte ich, mich geschlagen gebend. „Dann bringen Sie mir eben das Sauerkraut.“ „Das Sauerkraut?“ „Ja!“ „Es gibt kein Sauerkraut mehr. Drago hat den letzten Rest gefressen!“ (…)”


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