Wackes

Nochmal in der DFB-Länderspielbilanz nachgehakt: demnach muß es der 18. April 1984 gewesen sein, als wir mit einer Rotte Schulkameraden das Länderspiel Frankreich – Deutschland (in Straßburg) in einem ausgebauten Hobbykeller verfolgten und die weniger Schöngeistigen oder stärker Alkoholisierten den gesamten, im Vorfeld zum nationalen Prestigeduell erhobenen Kick mit dem plötzlich aus Familienfundi ausgegrabenen „Wackes!“-Schmähgegröhle begleiteten: ein Begriff, der entgegen seiner im Grunde doch eher harmlos-niedlichen Lautlichkeit richtig richtig böse schien, auf die Franzosen gemünzt (auf die Elsässer eigentlich, meinte einer, der sich besser auskannte), doch dessen Sinngehalt niemand zu erklären wußte. Jüngst, ein paarundzwanzig Jahre später, im Gespräch: mit Wackes seien ursprünglich Wacken=Rheinkiesel bezeichnet, als würden solche nicht auch auf deutscher Seite vorkommen und als würde sich aus Kieseln ernsthaft Negatives ableiten lassen. Wikipedia führt etwas weiter: Wacken seien dann doch größere (Fels)Brocken, Wackes somit eine Anspielung auf die vorgebliche Sturheit/Dickköpfigkeit der Elsässer. Damals die Frage im Geschichtsunterricht: „Fühlen sich die Elsässer eher als Franzosen oder eher als Deutsche?“ Triumfierender Fingerzeig des Lehrers auf meine Brust. Ich wußte es nicht, war schließlich keiner von denen. „Wahrscheinlich eher als Elsässer“, gab ich trotzig zurück. Gelächter in der Klasse. Der Lehrer warf die Stirn in Falten, versank kurz in Gedanken, strahlte plötzlich, gleichsam erleuchtet, übers ganze Gesicht: “Sehr gute Antwort, sehr gut! Merkt euch des! Un du kommsch nach der Stund zu mer vor, dann kriegsch e Oins mit Sternle.“ Interessant, daß der frz. Schmähbegriff für die Deutschen „boches“ in etwa dasselbe ausdrückt wie „Wackes“: Dickkopf. Womöglich ist der Elsässer, bei soviel begrifflicher Ableitung der von ihm gepufferten Nationen, der eigentliche Prototyp des Deutschen? Was sich, historisch erwiesen, auf kuriose Weise in der Zabern-Affäre gespiegelt haben mochte (aus Wikipedia zitiert): „Der noch nicht 20-jährige Leutnant Günter Freiherr von Forstner hatte sich während einer Truppeneinweisung in Zabern am 28. Oktober 1913 in abfälliger Weise über die Einwohner geäußert. Zu seinen Soldaten sagte er: „Wenn Sie angegriffen werden, dann machen Sie von Ihrer Waffe Gebrauch; wenn Sie dabei so einen Wackes niederstechen, dann bekommen Sie von mir noch zehn Mark.“ (…) Die amtliche Stellungnahme der Behörden in Straßburg am 11. November spielte den Vorfall herunter und interpretierte „Wackes“ als allgemeine Bezeichnung für streitsüchtige Personen. (…) Das Verhältnis zwischen Elsaß-Lothringen und dem übrigen Deutschen Reich wurde merklich in Mitleidenschaft gezogen. (…)“ Genaueres liefert der als exzellent eingestufte Artikel, u.a. auch zwei Gedichte zur Affäre von Ulrich Rauscher und Kurt Tucholsky.


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