Rheindosen

Dunkle Orkwolken übern Schwarzwaldkuppen, dräuseln und zäuseln da rum, rührn ihre Opfer weich, Zeugs und Gesellum, das sie nachts ausn Berghütten holten. Im Tal, in der Stadt, ganz leichte Bedrückung spürbar, einer dieser Tage, an denen aufgeschoben wird, was aufgeschoben werden kann, schnelles Erledigen der Einkäufe, durch die Straßen läuft ein grauer Film, ne Art flüssiges Rauchglas, die mechanischen Geräusche (Kellerrotoren, Turbohäcksler, Handstanzen, Viertakter, plötzlich anspringende Elektrogeräte etc) wirken kräftiger, unterschwellig bedrohlicher als üblich, aus der Luft kommt einiges hinzu, das vielsagende Rascheln toten Laubs: allgegenwärtige Trauerliturgie sonder Beispiel. Heftiges, von allerlei Husten begleitetes Artikulieren, von unterbewußten Umentscheidungen getrieben, zermürbt Kundschaft und Personal an den kunstbeleuchteten Wursttheken der viel zu eng eingerichteten Supermärkte, zitternde Handrücken, gekreuzt mit Fleischerbeilen, Wirrnis stiftende Dosenregale, Tunnelfluchten ins Konservierte, in blanken, lediglich abfüll- und verfallsdatumgestempelten Blechdosen fließt der Rhein, seine Kiesel, die sich am Boden absetzen, die Qualität des Sediments läßt sich mithilfe eines komplexen Schüttelvorgangs bestimmen, mit zureichend Glück und Ausdauer finden sich noch kleinere Goldplättchen, auch Jungsalme; der eingedoste Strom wird insbesondere von Anhängern der Experimentalreligionen gekauft und als tägliche Wünschelrute/Verkehrsleitsystem eingesetzt, das Strömen, wird schon behauptet, wirke auch in der Büchse fort und führe jedenfalls auf einen guten Weg. Dieweil der Höllentäler stet und standhaft weiterbläst, kräuseln sich die Dosenwellen in ihren Gefängnissen zu unguten Zeichen. Es rumpelt im endlosen Raum und nur die Feinsinnigeren nehmens wahr: ständig fallen in der Stadt Leute um, werden liegengebliebene weggeschleppt, verschwinden gestern noch hoch angesehene Mitbürger fürs erste und womöglich ewig in Tankstellen und Autos, werden in einem kaum begreiflichen Umwälzverfahren durch deutlich weniger zivilisierte ersetzt. Am Straßenrand, in den Büschen: das Zähnefletschen übertritt wieder die Geräuschgrenze. Es ist gut möglich, daß diese Rheindosen staatlicherseits gefördert werden, daß sie nun ganze Regalreihen in Beschlag nehmen, daß sie so wohlfeil sind, es scheint um ein Wegschwemmen zu gehen, ein Reinemachen: diese Blechdosen in den Händen der guten Bürger, sie wachsen, zumindest hier in der Gegend, zum Symbol. Zum Symbol des Widerstands gegen die eigenen Urängste, trotz allen Herbstens, Windens und emotionaler Ausbrüche beim Wursteinkauf bleibt mit einiger Willenskraft die Höflichkeit gewahrt, Nachbarn beschenken sich ritualhaft zwanglos mit Büchsen, und drei-, viermal täglich läßt man den Strom frei, er schießt in die Gossen und Gullis, sammelt sich in den Runzen, beschützt die Stadt von unten.


Stichworte:
 
 
 

Kommentar abgeben: