Monatsarchiv für Oktober 2009

 
 

Das Rheinbassin

Rheinsein nähert sich in absehbarer Zeit (wo nicht ständig partiell aus der Ferne) erneut (sagen wir: fysisch) dem Alpenrhein und zieht zu Dielhelm und Spescha nun regelmäßig auch den Kohl hinzu, das zu betretende Gebiet aus vergangenen, doch bis ins Heute hinüberscheinenden Dimensionen zu erfassen: “Das Schweizerbecken enthält die entlegensten Zuflüsse des ganzen Stromgebietes. Wir können es daher auch das Quellengebiet des Rheins nennen, in welchem dieser Strom wie in seiner Wiege geboren und großgezogen wird. Die Alpenmassen, welche im Süden dieses Becken ummauern und es zum Theil mit ihren Ausläufern erfüllen, haben hier ihren Hauptknoten- und Centralpunkt im St. Gotthard, einer kolossalen Erdwarze, von welcher nach allen Richtungen hin Erdspalten, Risse, Thäler und Flüsse ausgehen, und von der auch die bedeutendsten der äußersten Rheinzuflüsse, die Aar, die Reuß, die Limmat, der Vorderrhein, herabkommen. Sowie das schweizerische Rheinbecken seinen höchsten Massenpunkt im St. Gotthard hat, so hat es seinen tiefsten Punkt in der Gegend des Durchbruchs seiner Gewässer durch den Jura und Schwarzwald; zu diesem Punkte hin strömen, zum Theil mit großen Bogen und auf Umwegen, alle Gewässer fächerförmig zusammen: der Rhein aus Osten, die Limmat aus Südosten, die Reuß aus Süden, die Aar aus Westen. Der Hauptsache nach kann man also diesen Kessel von hier aus als in allen den besagten Richtungen aufsteigend betrachten. Zwei Haupt-Unterabtheilungen und Nebenabdachungen dieses Beckens werden aber durch die Art und Weise bestimmt, in welcher sich seine gesammten Gewässer, bevor sie sich beim Durchbruch verbinden, in zwei Hauptbranchen, in einer westlichen und einer östlichen Ader, vereinigen. Beide Adern sammeln von einem beinahe gleich großen Oberflächenstücke die Gewässer und führen eine beinahe gleich große Quantität Wasser mit sich, beziehen auch aus fast gleicher Entfernung ihre Quellen. Man hat der östlichen Ader den Hauptnamen Rhein gegeben, der westlichen den der Aar. Der Rhein rinnt aus den Gletscher- und Quellenwässern, die aus einer Menge verschieden gerichteter Thäler des St. Gotthard und der rhätischen Alpen hervorstürzen, zusammen. Das Hauptthal ist das des Vorderrheins, das vom St. Gotthard in sehr gerader Richtung von Osten nach Westen bis Chur durchsetzt. Vom Norden nimmt dieses Thal und seine Wasserader eine Menge kleiner Thäler und Gewässer auf, vom Süden mehre größere und ein mit ihm fast gleich großes, das Thal und den Fluß des Hinterrheins, der aus mehren Bergströmen der rhätischen Alpen sich bildet, direct aus Süden nach Norden fließt und unweit Chur bei Reichenau sich mit dem Vorderrhein verbindet. Aus Osten aber nimmt der Rhein etwas weiter abwärts die Thäler und Flüsse der Plessur und der Landquart auf und wendet sich dabei zugleich aus seiner bisherigen östlichen Richtung zu einer nördlichen um, die er bis zum Bodensee beibehält. Dieses von allen Seiten her stattfindende concentrische Zulaufen der Thäler und Wässer in dem hier vorliegenden Rheinstücke, und die nach allen Seiten hin stattfindende Ummauerung dieses obersten Rheinquellenstücks mit hohen Schneegebirgen, berechtigt uns, hier einen großen Kessel zu erblicken, den wir den „rhätischen, graubündner” oder den obersten Quellenkessel des Rheins nennen können. Nach unten zu, bei Maienfeld oder Sargans, wird dieser Kessel durch das Rhäticongebirge und die sich ihm anschließenden Glarner und Walliser Hochalpen abgeschlossen. Diesen Abschluß oder Riegel durchbricht der Rhein nicht weit unterhalb Chur in einer Verengung seines Thales, das sowol oberhalb dieses Punktes weiter war, als auch unterhalb desselben wieder in ein bequemeres Thal hinaustritt. Fast alle Flüsse dieses obersten rhätischen Quellenbeckens des Rheins sind nur wilde Berggewässer, die zum Theil in tiefen Schluchten brausen, zum Theil in stürmischen Wasserfällen die Thalabsätze herabfallen, und die zu weiter nichts als nur zum Transporte der aus den Wäldern geförderten Holzblöcke benutzt werden können. Erst nachdem sie sich bei Reichenau zu einem größern Faden vereinigt haben, können diese Gewässer auch größere zusammengesetzte Holzmassen tragen. Der Rhein wird hier floßbar. Und von dem Punkte bei Chur an, wo er, nach Norden umsetzend, einen Winkel macht, und wo zugleich auch die Plessur neues Gewässer hinzufügt, wird der Fluß für Schiffe benutzbar. Bei Chur erreicht der Rhein den ersten Grad seiner Schiffbarkeit, vermöge deren er kleine Schiffe von 200 – 300 Centnern Ladungsfähigkeit trägt. Und diesen Schiffbarkeitsgrad behält er 10 Meilen weit bis zum Bodensee unverändert bei. Nachdem der Rhein die Enge zwischen dem Rhäticon und den Walliser Alpen passirt hat, fließt er auf einem ebenen Boden in einem breiten Thale abwärts bis zum Bodensee. Dieses Thal liegt zwischen den Appenzeller und Vorarlberger Gebirgen und hat ein weit geringeres Gefälle, eine viel allmäligere Abdachung als alle die obern Rheinthäler. Vermuthlich hat es einmal der Bodensee ganz aufwärts bis zu dem eben bezeichneten Gebirgsriegel bei Sargans bedeckt. Der Bodensee ist noch jetzt in einem fortwährenden Rückzuge seiner Gewässer begriffen. Der bedeutendste Nebenfluß, den der Rhein auf dieser Strecke aufnimmt, ist die Ill, die in einem sehr gerade, direct nordwestlich gerichteten Thale aus den Bergen Tirols hervorkommt. Auf der Linie des 30. Breitengrades fällt der Rhein in jene bedeutende Austiefung der Erdoberfläche, die zum Theil über 1000 Fuß unter das allgemeine Niveau der sämmtlichen umherliegenden Ländergebiete herabgesunken ist. Er füllt sie mit seinen Gewässern aus, und es entsteht so der Bodensee, der einen höchst merkwürdigen Theil des Rheinsystems bildet und ein Wasserbecken von circa sechs Meilen Länge und circa drei Stunden durchschnittlicher Breite darbietet. Der Bodensee ist ringsumher von Hügellanden umschlossen, nur nach zwei Seiten hin, nach oben, wo der Rhein einfällt, und nach unten, wo dieser hinausgeht, offen. Er nimmt außer dem Rheine gar keine irgend bedeutenden Flüsse mehr auf. Bei Konstanz verengt sich der See zu einem schmalen Stromarme, um sich gleich darauf noch einmal zu dem kleinen Nebenbecken des Radolphszellersees auszubreiten. Dieser See verlängert sich zu einem langen Arme, der sich bei Stein dann wieder ganz in einen Fluß verwandelt. Doch behält er noch drei Meilen weiter bis Schaffhausen gewissermaßen die Natur eines Seearmes bei, ich meine eine große Tiefe, eine ziemlich ruhige Bewegung, eine nicht unbedeutende Breite und dabei denselben Grad der Schiffbarkeit, der auf dem See stattfand. (Die 2000 Centner tragenden Bodenseeschiffe können auf dem Rheine bis Schaffhausen fahren.) Unweit Schaffhausen erreicht diese Beschaffenheit des Rheins mit den Wasserfällen von Laufen und Zurzach ihr Ende. Ruhige Bewegung, gleichmäßige Tiefe und mit ihnen auch die bis Schaffhausen mögliche Großartigkeit der Schiffahrt hören auf, und der Fluß nimmt, von Felsenterrassen zu wiederholten malen abwärtsstürzend, über Felsenbänke in Stromschnellen herabwirbelnd, die Natur eines großen wilden Berggewässers an, die er mit verschiedenen Unterbrechungen in reißendem Laufe 12 Meilen weit beibehält, bis er in der Nähe von Basel den Durchbruch durch den Schwarzwald-Jurariegel zu Stande gebracht hat und in das badisch-elsässische oder oberrheinische Becken eintritt.”

Rheinquellen

Erquickend zu sehen, wie der Rhein bei Wikipedia verläuft. Die Informationen zum Thema wachsen und werden zunehmend differenzierter dargestellt. Bei Rheinseins letztem Wikipedia-Besuch sah die Informationslage zur Rheinquelle lediglich den Tomasee vor. Mittlerweile steht dort eine Beschreibung des Wassersystems aus zahlreichen Quellflüssen, wie sie klarer formuliert (und dazu noch kostenlos!) andernorts kaum zu haben sein dürfte. Zu erfahren ist nun also, daß die Entfernung der oberhalb des Tomasees liegenden Quelle des den Tomasee durchfließenden Rein da Tuma (der nach einem Keltenfürst benannt sein soll) bis zum Zusammenfluß von Vorder- und Hinterrhein etwa 71 Kilometer betragen soll. Sowohl im Vorder- als auch im Hinterrheingebiet existieren jedoch einige mündungsfernere Quellen: Rein da Medel, im Mittellauf auch Froda, in seinem Tessiner Oberlaufgebiet Reno di Medel genannt (etwa 76 Kilometer); Rein da Maighels (etwa 75 Kilometer); Rein da Curnera (etwa 74 Kilometer); Rein da Nalps (etwa 71 Kilometer); die beiden von den Gebieten Puozas und Milez (in der Nähe des Oberalppasses) herunterkommenden Quellbäche (etwa 70 Kilometer); der aus dem Val Val herunterkommende Quellarm (etwa 70 Kilometer). Ganz hervorragend die vagen Kilometerangaben, tragen sie doch der Beweglichkeit ihrer Objekte/Subjekte Rechnung. Im Gebiet des Hinterrheins, vereint mit dem Albula-Landwasser-System, kommen hinzu: Dischmabach (etwa 72 Kilometer); Flüelabach (etwa 70 Kilometer); desweiteren die in der Regel etwas kürzeren Totalpbach, Julia, Madrischer Rhein und der Albula-Quellarm Ava da Ravaisch. Auch die Aare, die bei ihrem späten Zusammenfluß mit dem Rhein die deutlich größere Abflußmenge aufbringt, wird nun im Artikel „Rheinquelle“ bedacht. „Die Rheinquellen“ lautet ein weiterer, der sich jedoch einer gleichnamigen Bündner Zeitung aus der Mitte des 19. Jahrhunderts widmet. Nach den Literaten (s. Spescha, s. Rheinsein) kommen nun also auch die Wikipedianer zum Schluß, daß bei der Rheinherkunft von deutlich mehr als zwei Quellen gesprochen werden kann, darf, muß. Die weiteren Aussagen des Artikels beziehen sich eher trocken auf Abflußmengen, Einzugsgebietsgrößen und Subsysteme.

Rheingrundlagen (2)

Johann Georg Kohl beginnt sein über tausend Seiten fassendes Buch “Der Rhein” von 1851 mit grundsätzlichen Überlegungen zum Aufbau der Erde und der politischen Bedeutung der Ströme und des Wassers. Seine Sprache ist griffig und ansatzweise poetisch, sie baut mit an dem Wunder, das sie beschreibt:
“Unter den Elementen und Kräften, welche noch fortwährend an der Umgestaltung der Erdoberfläche arbeiten, nimmt das fließende Wasser den ersten Rang ein. Zwar üben auch die bewegten Lüfte, die Winde, einigen Einfluß auf die festen Theile der Erdrinde und verändern in Etwas ihre Physiognomie. Sie führen in der Wüste, den Sand zusammentreibend, Hügel auf. Sie tragen zur Bildung der Dünenketten an den Küsten der Meere bei. Sie heben den Staub von der Oberfläche vieler Gebirge hinweg und deponiren ihn an entfernten Punkten. Sie erhöhen durch wiederholte und constante Angriffe auf gewisse Punkte der Erdrinde die Zersetzung und Verwitterung derselben und erhöhen oder vermindern auf diese Weise hier und dort die Erhebungen des Festen um ein Weniges. Indirect und in Verbindung mit dem Wasser der Oceane, das sie in Bewegung setzen, ist ihre Einwirkung auf das Festland besonders erfolgreich. Vermittels der Meereswogen, welche sie aufregen, benagen sie die Küsten der Länder hie und da und zerstören sie. Zuweilen aber schlagen sie auch lose Elemente mit Hülfe des Wellenschlags zu einer festen Masse zusammen, und garniren die Küsten mit einem Gürtel von Felsen. Zwar haben wir auch Spuren von der Einwirkung der elektrischen Strömungen und Entladungen auf die Erdrinde. Wir wissen, daß die Blitze im Stande waren, zackige Felsgipfel, denen sie häufig zuströmten, im Laufe der Zeiten abzurunden und mit einer verglasten Kruste zu überziehen. Sie haben zuweilen Felsen gespalten, sie in Trümmer zerschmettert und von ihren hohen Postamenten herabgeworfen. (…) Durch künstliche Eindeichungen hat er (der Mensch, Anm. SL) namentlich an den Küsten des Meeres und an den Mündungen der Flüsse ganze Landstriche, oft große Bezirke dem Wasser abgewonnen, und da sind dann unter seiner schöpferischen Hand, wie z. B. in Holland, kleine Ländergebiete der Erdrinde zugewachsen. Zuweilen haben seine vergänglichen Werke zur Entstehung von Erhebungen, Hügeln, oder andern bleibenden und größern Bodengestaltungen Anlaß gegeben. So z. B. verwandelten die Wogen und Anschlemmungen des Meeres den Damm, den Alexander der Große von der Küste Aegyptens zur Insel Pharos aufwarf, in eine breite Landzunge. So häuften sich Wüstenstaub und Pflanzenerde um die Ruinenhaufen von Thürmen und Palästen, und bildeten Hügel und Berge. So brachen die Gewässer in vernachlässigte Kanäle ein, und verwandelten sie in mächtige und bleibende Ströme, wie dies denn bei der Issel und dem Lech in Holland, bei den beiden Nilarmen von Rosette und Damiette, und vermuthlich noch in mehren andern Flußdelten geschehen ist. Allein die Resultate aller dieser umwandelnden Einwirkungen des Menschen, der Thiere, der Pflanzen, der unterirdischen Feuer, der Atmosphäre, der Winde sind im Ganzen sehr unbedeutend gegen die Resultate der Thätigkeit der fließenden Gewässer. (…) Das Leben des Menschen, des Herrn der Schöpfung, der sich Alles dienstbar macht, und dem die Thiere in und außer dem Wasser, die Pflanzen an den Ufern und auch das Wasser selber gleich nützlich und gleich unentbehrlich sind, ist daher nun noch viel inniger und noch weit mannichfaltiger mit den Fäden der Flüsse verwebt. Der Mensch siedelt sich an den Flüssen und Quellen an, weil das Wasser, das sie ihm liefern, ihm zu seiner Nahrung, als Getränk, in seiner Küche, bei seinen Bädern, bei der Reinigung seiner Gefäße, zur Sättigung seines Viehs, zur Benetzung seiner Gärten und Aecker, ganz unentbehrlich ist, und sich gleichsam beständig durch alle Theile seines Haushalts ergießen muß. Als Fischer baut er seine Hütte hart an den Ufern der Flüsse. Als Jäger wandert er längs den Flüssen hin, wo er der reichsten Beute gewiß ist. Auch die Hirten kommen, ihr Vieh zu tränken und zu baden, zu den Flüssen und finden hier die fetteste Weide. In manchen Erdgegenden können sie nur längs der Flüsse auf Weide hoffen. Der Ackerbauer findet hier die fruchtbarsten Länderstriche, die mit schöner Fruchterde überzogenen Niederungen, die Marschen und Delten, in denen Ceres ihre schönsten Feste feiert, ihre reichsten Ernten spendet. Bei seinen Maschinen und Fabriken benutzt der Mensch das fließende Wasser als treibende Kraft, wo die Anstrengung seines eigenen Arms nicht mehr ausreicht. Und so stellen sich denn die Flüsse als die wahren Lebensadern des ganzen Pflanzen-, Thier-, Menschen- und Völkerlebens dar. Sie treten ganz entscheidend und gebieterisch auf dem Festlande auf; sie reißen alles Leben und Regen in ihren Kanälen mit sich hin, und concentriren so zu sagen alles Mark und alle Kraft der Länder in ihren Adern.”

Der Führer am Rhein (3)

hitler am rhein

Im Jahr 2005 zeigte das StadtMuseum Bonn Privatfotos des Hobbyfotografen Theo Stötzel aus den Jahren 1933-36. Die Bilder waren zuvor unbekannt oder vergessen und wurden nach Stötzels Tod bei der Wohnungsauflösung entdeckt.

Rhein vs Mekong

An den Ufern des Mekong, zu Kambodscha, soll der Preis je entbeinter Ratte auf 20 Eurocent gestiegen sein, berichteten Robert Hetkämper aus Südostasien und Particles im Wachtraum. Das macht etwa ein Euro pro Kilo Rattenfleisch. Im gleichen Gedankenrahmen bewegte sich Rheinsein ferngesteuert hinter den Elektronenschirmen. Ein Blitz frizzelte da rüber: übereinandergelegte Rattenkadaver, lappenartig, alabasterfarben, energiesparlampenlichtleuchtend, mochten auch Flughörnchen gewesen sein, stapelten sich in Kisten, die muffigen zottigen Felle, offenbar nutzlos, schwemmten den alten tranigen Fluß hinab. Rattig wirkte auch das Ufer des Niedrigwasser führenden Rheins, der magere Gedanken kreuzte, wenige dünne Linien gitterten den verwehenden Himmel, tristesse générale: die Uferbefestigungen, der verschlammte Kies, die frühe Dämmerung. Küchenabfälle und Verbrauchtes in verstopften Zuflüßen. Geruchlos Asselndes, Gepanzertes im Moder. Die alte Story, daß auf jeden Einwohner Kölns drei Ratten kämen. Der Rhein gab den Blick auf einige seiner trägen Geheimnisse preis. Gorrhstapfen von Dobermännern. Leere Krebse. Flußmuscheln als Aktentaschen des Nymfennachwuchses im Berufsschulalltag: drin: null Info, außer Nichts und dem Rauschen, das zu hören ist, wenn man sich einen Ozean in die Kopfhörer schüttet. Walgesänge von Lagerfeuern. Rutengänger und Froschmänner, leise beginnen sie ihr elektro-akustisches Konzert (Rute sirrt unhörbar, Froschmann quakt dezent (wie aus weiter Ferne), beide steigern sich aus niedrigfrequentem, nur bei höchster Konzentration erlauschbarem Beginn allmählich, beinahe stufenlos, in derbes Grunzschwirren, brechen abrupt ab, gehen grußlos auseinander und übergangslos ihren stumm anmutenden Beschäftigungen nach). Daß Ratte nach Ratte schmecke, berichtete Robert Hetkämper lakonisch. (Die Kambodschaner essen Ratten traditionell nur zu Hochwasserzeiten.) (Am Himmel überm Rhein wälzte sich zwischen Wolken und Gleißen ein überirdisches Schwein.)

Spin am Rhein (2)

Peeter Müürsepp beschreibt in seiner Schrift „Über die Bildung der Flußbetten. Das Baer-Babinetsche Gesetz“ die Beziehung zwischen Erdrotation, Flußverläufen und Uferbildung. Sowohl Baer, der „Humboldt des Nordens“, als auch Babinet, Mitglied der Pariser Akademie der Wissenschaften, vertieften die Beobachtungen von Gaspard Gustave de Coriolis, der 1835 erstmals die Schein- bzw Trägheitskräfte, die auf jeden Körper wirken, der sich in einem rotierenden Bezugssystem bewegt (so z.B. auf Flüße wie den Rhein), mathematisch herleitete. In den Astrachaner Gouvernements–Nachrichten vom Oktober 1856 verkündete Baer: „Die Erde dreht sich bekanntlich um ihre eigene Achse von West nach Ost. Also muß sich jeder Ort der Erdoberfläche um so schneller drehen, je näher er am Äquator liegt. Jeder Ort am Äquator hat täglich einen Weg von 5400 Meilen zurückzulegen. Ein Ort auf dem 60. Breitengrad dreht sich halb so schnell, und ein Ort in der Nähe des Pols bewegt sich fast gar nicht. Demnach hat jeder Körper auf der Erde dieselbe Geschwindigkeit wie der Ort, an dem er sich befindet. Dies ist eine in der Physik seit langem bekannte Tatsache, die also nicht weiter bewiesen zu werden braucht. Ich weise lediglich darauf hin, daß wir alle an die nächste westliche Wand gedrückt werden müßten wenn wir uns nicht mit der Erde mitdrehten und sie sich allein nach Osten bewegte. (…) Auf unserer nördlichen Hemisphäre (…) muß also (das Wasser) bei allen Flüßen, die nicht parallel zur Erdumdrehung fließen, nach dem rechten Ufer drängen. (…) Es kann kein Zufall sein, daß alle großen Flüße Rußlands, die nach Süden fließen, ein steiles Westufer, und alle, die nach Norden fließen, ein steiles Ostufer haben. (…)“ Vor Baer präzisierte Babinet (in: „Influence du mouvement de rotation de la terre sur le cours des riviéres“), nach Baer präzisierte Einstein (in: „Die Ursache der Mäanderbildung der Flußläufe und des sogenannten Baerschen Gesetzes“) diese Umstände, Müürsepp faßt dankenswerterweise zusammen. Wer nun fleißig den Rhein auf und ab läuft, um obgenannte Thesen zu prüfen, wird, weil der Strom derzeit zu weiten Abschnitten gebändigt und befestigt ist, nur gelegentlich Beweise antreffen – und im Internet, der großen Simulation, die sich letztlich, wie eigentlich alles Bekannte, auch in einem rotierenden Bezugssystem bewegt, wird unterdessen fleißig darüber diskutiert, ob die Corioliskraft nun als reale Scheinkraft oder vielmehr als Ammenmärchen zu verstehen sei.

Spin am Rhein

Im pfälzischen Bienwald läuft der Rhein auf den Spin. Jan Souman und seine Mitarbeiter vom Max-Planck-Institut für Biologische Kybernetik in Tübingen haben im Bienwald (dessen Name angeblich nichts mit Bienen zu schaffen hat, sondern auf keltische Wurzeln zurückzuführen ist und somit Waldwald bedeutet), unweit des Rheins, einige mit GPS-Empfängern ausgestattete Testpersonen durchs Gelände geschickt, die zu verschiedenen Tages- und Nachtzeiten kürzere Strecken möglichst schnurgerade hinter sich bringen sollten. Dies gelang ihnen nur, wenn sie Sonne oder Mond zur Kursbestimmung verfügbar hatten. Ansonsten, dh, wenn sie mit verbundenen Augen antraten oder keine äußerlichen Orientierungshilfen zur Verfügung standen, entwickelten selbst ein und dieselben Testpersonen nach spätestens 20 Metern Rechts- oder Linksdrall, bewegten sich in chaotischen Kurven und trafen immer wieder auf die eigenen Spuren. Im Durchschnitt entfernten sich die Testpersonen nicht mehr als 100 Meter von ihrem Ausgangspunkt. Der irritierende Einfluß von Bienwald und nahem Rhein mag durchaus vorhanden gewesen sein, ein Test in der tunesischen Sahara ergab jedoch vergleichbare Ergebnisse. Der schwedisch-amerikanische Navigationsexperte Erik Jonsson vertritt die Theorie, das Laufen im Kreis sei ein evolutionärer Mechanismus, der gewährleistet, daß fliehende Tiere letztlich wieder dorthin zurückkehren, wo sie sich auskennen. Das Fänomen jedoch scheint bisher wissenschaftlich ungeklärt. Für weitere Tests steht mittlerweile ein neu entwickeltes Laufband zur Verfügung, das sich in alle Richtungen bewegen kann. Sobald der mit Cyberview-Brille ausgestattete und durch virtuelle Landschaften stiefelnde Proband seine Laufrichtung ändert, reagiert auch das Laufband: der Proband dreht sich auf der Stelle vorwärts tretend im Kreis. Wieviel Rhein und Bienwald diese virtuellen Landschaften enthalten, war bisher nicht zu erfahren.

Westfalen im Odenwald am Rhein

Und kaum erschallte Rittershaus` Westfalenlied ein zwei Dekaden, was wenig ist vor dem Auge der Geschichte, wurde es via Odenwald zurück an den Rhein beordert, von Jakob Klassert, mit folgender Adaption:

Ihr mögt den Rhein, den stolzen preisen
und seiner Ufer goldne Pracht,
ihr möget schön die Alpen heissen
und, wo Italiens Sonne lacht.
Ich lobe mir mein Heimatland
das Land, wo meine Wiege stand,
wo über sonnbeglänzten Höh´n
die grünumrankten Burgen stehn.
Dir ruf´ ich zu, dass laut es schallt:
O grüss´ dich Gott, mein Odenwald!

Nach deinen Eichen, deinen Buchen
sehnt sich mein Herz im fremden Land,
und in die Ferne schweifend suchen
dich die Gedanken unverwandt.
Und kehr´ ich endlich dann zurück
und sieht in blauer Fern´ mein Blick
die Berge tauchen all hervor
da jauchzt mein ganzes Herz empor.
Aus voller Brust mein Ruf erschallt:
O grüss dich Gott, mein Odenwald!

Vom klaren Neckar bis zum Maine
der träg und trüb sich dahin zieht,
entbieten Gruss dem Vater Rheine
die Gipfel übers feuchte Ried!
der trunkne Blick schaut nah´ und weit
hoch über alle Herrlichkeit,
die Wälder, Dörfer, Burgen all
die Wiesen, Bächlein ohne Zahl!
O du mein liebster Aufenthalt!
O grüss dich Gott, mein Odenwald!

Nicht bergen Silber unsere Schluchten
nicht Gold – doch mehr als solchen Tand
schon manche in den Bergen suchten
und mancher in den Bergen fand.
Schön wie der Tag im Morgenstrahl
flink wie die Reh im Felsental,
fromm wie ein Engel, treu wie Gold
dies Lob man unsern Mädchen zollt.
Gott segne, schütze und erhalt
mein teures Lieb im Odenwald!

Rhein vs Rest der Welt

In der Lyrikzeitung von heute nimmt Michael Gratz aus der Aachener Zeitung die Geschichte von Niklas Beckers berühmt-berüchtigtem Rheinlied „Sie sollen ihn nicht haben / den freien deutschen Rhein“ und folgenden Erwiderungen (u.a. von Heine und de Musset) als spezifische „Rheinlichkeiten“ auf. Das Dissen und Bashen per Volkslied erreichte im Vormärz gefühlte Dimensionen, denen so manch Vorstadt-Gangsterrapper fetten Respekt für die endkrasse Vorlage zu zollen, so er sie denn in seinem Bezugsrepertoire abrufbar hätte. Die Lyrics der Deutschtümlergang liefert das Buch: „Klänge aus der Zeit. Hervorgerufen durch die neuesten politischen Ereignisse und zunächst durch das Becker`sche Rheinlied. Gesammelt und herausgegeben von B. Funck. Erlangen, in der Palm`schen Verlagsbuchhandlung. 1841“ Es geht im rheinischen Volkslied ansonsten primär ja eher um Glückseligkeit, insbesondere assoziiert mit der Endreimverbindung W-ein/Rh-ein und “der blonden Maid”, sowie das Wettstreiten der anliegenden Landschaften um eben den höchsten Seligkeitsfaktor. Was den ein oder andern Nichtrheinländer ebenfalls zum Verseschmieden bewegte, um seine eigene Heimat anzupreisen, ohne jedoch Vergleichen mit dem in puncto Seligkeitsstiften im deutschen Raum taktgebenden Rhein ausweichen zu können, wie Emil Rittershaus im Jahre 1868, dessen Lied jedoch niemals groß als Abschreckungsszenario gegen potentielle Invasoren aus dem Südwesten ausgeweidet werden mußte:

Ihr mögt den Rhein, den stolzen, preisen
der in dem Schoß der Reben liegt
Wo in den Bergen ruht das Eisen
da hat die Mutter mich gewiegt.
Hoch auf dem Fels die Tannen steh´n
im grünen Tal die Herden geh´n
als Wächter an des Hofes Saum
reckt sich empor der Eichenbaum.
Da ist´s wo meine Wiege stand
O grüß dich Gott, Westfalenland!

Wir haben keine süßen Reben
und schöner Worte Überfluß
und haben nicht sobald für jeden
den Brudergruß und Bruderkuß.
Wenn du uns willst willkommen sein,
so schau auf´s Herz, nicht auf den Schein
und sieh´ uns grad hinein ins Aug!
gradaus, das ist Westfalenbrauch
Es fragen nichts von Spiel und Tand
Die Männer im Westfalenland.

Und uns´re Frauen, uns´re Mädchen
mit Augen blau wie Himmelsgrund
Sie spinnen nicht die Liebespfädchen
zum Scherz nur für die müß´ge Stund.
Ein frommer Engel hält die Wacht
in ihrer Seele Tag und Nacht
und treu in Wonne, treu im Schmerz
bleibt bis zum Tod ein liebes Herz
Glückselig, wessen Arm umspannt,
Ein Liebchen aus Westfalenland!

Behüt dich Gott, du rote Erde,
du Land von Wittekind und Teut!
Bis ich zu Staub und Asche werde
mein Herz sich seiner Heimat freut.
Du Land Westfalen, Land der Mark
wie deine Eichestämme stark
dich segnet noch der blasse Mund
im Sterben, in der letzten Stund!
Du Land wo meine Wiege stand
O grüß dich Gott, Westfalenland.

Rheindokus

Es kommen ständig Filme über den Rhein im Fernsehen, die immer ähnlich gemacht sind und jetzt gibt es auch noch in der Zeit einen Hörartikel über eine Rheinkreuzfahrt, der sich ganz genauso verhält wie die entsprechenden Berichte der Franzosen und Engländer von vor 170 Jahren. Das Elementare der Rheinwahrnehmung der bürgerlichen Medien liegt im Betrachtungsstau, in der selbstbestätigenden Repetition einmal festgemachter Werte, die in der Regel bis heute einen erklecklichen Romantikfaktor (als das höchste der bisher ermittelten deutschen Gefühle) besitzen, auch wenn der mittlerweile am Rande, haha, ein ganz klein wenig ironisiert werden darf, ja sogar muß, von Autoren, die nicht als allzu bräsig gelten wollen. Immerhin schwemmen solche Dokus bisweilen selten gesehenes (Archiv-)Material auf den Schirm, wie jene „Zeitreise Rheinland“ von Werner Kubny und Per Schnell, deren erster Teil gestern bei 3sat lief. Da zeigt ein Touristenfotograf in dritter Generation gestellte Panoramafotos von fliegenden Holländern: die Drachenfelsbesucher werden in der Attrappe eines offenen Fliegers (Vorkriegsmodell) mit einer beeindruckenden Ziehharmonikakamera fotografiert und hernach wild schwebend in die Landschaft montiert und erinnern Rheinsein an den Ultraleichtpiloten, der bei unserm letzten Drachenfelsbesuch einige spektakuläre Manöver um die folienverpackte Ruine herum flog und dabei den nicht geringen Lautstärkepegel des für so romantisch geltenden Ortes nochmal kräftig übersteuerte. Daß die Kölner ab dem dritten Jahrhundert römische Pässe besessen hätten und am Rhein die Tränen der Freude und des Leids denselben Salzgehalt besäßen, bleiben zwei markante Sätze ebenso haften wie die gewohnten Anekdoten um Dombau und die berühmte Schlacht von Worringen, als Kölner und Düsseldorfer Bürger vor einigen hundert Jährchen gemeinsam den Klerus besiegten, eine Darstellung, die in Düsseldorf bis heute wenig Popularität genießt. Noch ein paar lockere Sätze zu Albertus Magnus und Stapelrecht, sowie Einblicke in die rheinische Textilindustrie von Monschau über Düsseldorf bis Krefeld und schon sind die 45 Minuten vorüber, Teil 2 der rheinischen Kulturbeflockung folgt kommenden Freitag. Resumee: es ist besser von Anfang an reich zu sein, als Eifeler, Arbeiter, sonstwie klein, doch so schlimm es auch kommt, es bleibt vom Dom der fantastische Blick auf den Rhein.