Monatsarchiv für Oktober 2009

 
 

Eine Mission (3)

Ich flog einige Tage stur Richtung West, irgendwann drohte mich eine Art klaustrophobischer Koller zu überwältigen, ich fasste den Entschluss, mir am Boden etwas die Beine zu vertreten, nebst der Verschaffung einer Portion menschlicher Ansprache.
Die mitgeführte Landkarte war in dem Bereich, in dem ich mich befinden musste, schon sehr vage, deswegen musterte ich Ortschaften im Überfliegen, ob etwa ein Landefeld vorhanden sei. Nach einigen Stunden angestrengten Ausgucks wurde ich tatsächlich fündig.
Unter mir zeichnete sich eine Einrichtung ab, die ungefähr dem Behelfsflugplatz unserer Heimatgemeinde entsprach.
Ich landete und ward freundlich aufgenommen. Meine kindische Angst, ich könne bereits die Grenze überflogen haben, war natürlich vollkommen unbegründet. Der kleine Flugplatz und das dazugehörige Landstädtchen waren so Teil unserer Republik, wie es nur etwas sein konnte.
Halbherzig ersuchte ich um eine Wartung meiner Maschine, ein zuständiger Bediensteter nahm sie in Augenschein und versicherte eilfertigst, ähnlich wie man mir bereits ausgeführt hatte, das Flugzeug sei praktisch wartungsfrei, aber wenn es mich beruhige, könne er selbstredend einige technische Parameter überprüfen, die Ladefähigkeit des Akkumulatorensystems, zum Beispiel, und selbige fiel prompt zu seiner allerhöchsten Zufriedenheit aus, worauf auch ich mich zufrieden gab.
Ich verbrachte dort einige Tage, war etwas wandern und genoss die einfache, aber kernige örtliche Küche.
Dann flog ich weiter nach Westen.
Ich gewöhnte mir eine Art Routine an.
Ich blieb drei, vier Tage, manchmal auch länger in der Luft, dann suchte ich mir einen geeigneten Landeplatz, frischte meine Vorräte auf, vertrat mir die Beine, und setzte meine Reise fort.
Erwartete ich anfangs noch, irgendwann in einer fremden Mundart begrüßt zu werden, so sah ich im Lauf der Zeit ein, dass diese Reise doch langwieriger Natur sein werde, als zunächst angenommen.
Die Jahre zogen ins Land.
Meine Maschine hielt sich hervorragend.
Ich hatte über all die lange Zeit keinerlei Havarien oder Ausfälle.
Im Gegenteil, sie schien immer perfekter zu funktionieren. Was natürlich ein Unsinn ist, denn eine Maschine ist eine Maschine – sie funktioniert oder ist kaputt. Entweder oder –
Eines Tages lernte ich bei einem meiner Zwischenstopps eine bezaubernde junge Frau kennen.
Wir verbrachten eine herrliche Zeit in ihrem kleinen Landstädtchen.
Als es für mich wieder hieß, meiner Pflicht zu folgen, schloss sie sich mir an.
Wahrscheinlich war es bei einer dieser Gelegenheiten, bei denen ich die Vorzüge des perfekten Autopiloten in Anspruch nahm, dass wir unser erstes Kind zeugten.
Unser erstgeborener Sohn blieb mit uns an Bord, die anderen Kinder mussten wir leider unterwegs an Pflegeeltern übergeben, der Platz in der Maschine ist nun einmal nicht unbegrenzt.
Nun bin ich alt, meine Frau blieb bei einem unserer Aufenthalte zurück, ihre kranken Knochen konnten die Enge und Unbequemlichkeiten des Flugzeugs nicht mehr ertragen, aber mein Sohn blieb bei mir, unterdessen ein stattlicher junger Mann und in die Aufgaben eines Zollbeamten umfassend eingewiesen.
Insgeheim spüre ich meine Stunde nahen.
Bald werde ich nicht mehr sein.
Aber mein Sohn wird weiter nach Westen fliegen.
Und seine Söhne …
Und deren Söhne …
Bis zur Grenze!

Eine Mission (2)

Das war ein Aspekt, den ich noch nicht bedacht hatte. Aber dafür gab es ja Vorgesetzte. Alle Abteilungen unserer Einrichtung waren von Zeit zu Zeit routinemäßig zu überprüfen.
Raffelhüschen gab mir einen Augenblick Gelegenheit, das Gehörte zu verarbeiten.
„Sie haben sicher schon von älteren Kollegen gehört, dass sie sich noch erinnern können – oder in der Regel sich noch an Kollegen erinnern können, die noch im Gedächtnis hatten, dass wir wenigstens noch gelegentlich Funk- oder Telegraphenkontakt zu unseren Grenzübergangsstellen hatten – die alten Zeiten, wir hier im Bezirkshauptstädtchen die Bürokratie, draußen, an der Landstraße, die Kollegen Frontschweine – “, hier musste er verklärt lächeln, „ab und zu mal vorbeigehen, gucken, ob alles in Ordnung, das Kassenbuch gegenzeichnen, konfiszierte Asservate an die Staatsanwaltschaft überbringen – all so Sachen – ach – Tempi passati –“
Der Abteilungsleiter musste sich schnäuzen. Vielleicht bedurfte er auch eines Augenblicks, um seine innere Bewegung zu bewältigen.
„Aber – heute – wir sind weit im Binnenland, haben keine Ahnung, was unsere Grenzbeamten so treiben, wie sich die Dinge da an der Außengrenze entwickeln – wir sind aber gottverdammt dazu verpflichtet, uns darüber Aufschluss zu verschaffen – !“
Zuletzt war seine Stimme von eisiger Entschlossenheit geprägt.
Er deutete mit seinem ausgestreckten Zeigefinger auf mich: „Und Sie sind unser Mann! Der uns darüber die notwendige Aufschlüsse geben wird!“
Mir wurde schwindelig.
In knappen Worten wurde ich in Kenntnis gesetzt, dass es sich bei meiner Person nunmehr um einen außerordentlichen Sonderinspektor mit weitreichendsten Befugnissen handeln würde, dass ich mit sofortiger Wirkung drei Gehaltsstufen aufgerückt sei und in eigener Verantwortung über ausreichend bemessene Reisespesen verfügen dürfe.
Er gab mir zwei Stunden, um zu packen und einige Vorkehrungen betreffs meiner Unterkunft zu treffen, was keine große Sache war, da ich ja direkt nebenan im Wohnheim für ledige Beamtenanwärter logierte.
Sofort als diese geringfügigen organisatorischen Erledigungen abgehakt waren, nötigte er mich in seinen Dienstwagen.
Wir fuhren zu dem kleinen Behelfsflugplatz unserer Ortschaft.
Er lotste mich in einen Hangar, der mit dem prächtigen Wappen unserer Republik versehen war.
Ich blickte mich um und wurde eines Flugzeugs merkwürdiger Konstruktion gewahr.
„Ja – da staunen Sie – was Schulze – ein Ultraleichtflugzeug allerneuester Konstruktion!“, Raffelhüschen machte eine ausholende Geste, „die gesamte Fahrzeughülle besteht aus Solarzellen – ich darf bemerken, allereffizientesten Zuschnitts, brandneu – das Innere ist praktisch ein einziger gigantischer Akku – sogar die Lenksäule speichert Strom! – und für alle Fälle ist – natürlich super abgeschirmt und gesichert! – im Heck ein thermonuklearer Plutoniumzerfallsstromgenerator – falls mal doch längere Zeit ohne Helligkeit – das Ding braucht längst keine Sonne mehr – Tageslicht reicht, tolle Sache, was Schulze?“
Ich roch den Braten. Ich versuchte halbherzig zu protestieren. Ich scheitere ja schon an der Bedienung eines Segelbootes. Physik überlasse ich dito sowieso den Kanzlerinnen unserer Republik.
Harsch wurde ich belehrt, „für so moderne Dingens bräuchte es gar keine Fachkenntnisse mehr!“ Und ein Flughafenbediensteter werde mir die nötige Einweisung geben.
Tatsächlich befand ich mich keine halbe Stunde später in der Luft, mein weniges Gepäck an Bord verstaut, und mit einem Dienstausweis versehen „der mir vor Ort alle etwa nötige Unterstützung sichern würde!“.
Da man sich noch zu erinnern vermeinte, unser Zollamt sei ehedem für einen Abschnitt an der westlichen Grenze der Republik zuständig gewesen, wurde ich dementsprechend nach Westen geschickt.

Eine Mission

Der Rhein in seiner Funktion als Grenze diente zahlreichen und dient bis heute (nicht mehr ganz so zahlreichen) Literaten als Aufhänger und Inspiration zur Reflexion über Identitäten, Verschiedenheiten und Möglichkeiten der anwohnenden Volksstämme. In der folgenden Geschichte von Bdolf (einem der privaten Rheinsein-Förderer und genialen Zuträger zahlloser Anekdoten aus dem Hoch- und Oberrheinraum) wird der deutsche Schicksalsstrom nicht explizit erwähnt und der Andere/Fremde verschwindet einfach hinter den greifenden Maßnahmen eines umfassenden Regelwerks, jedoch dürfen Breisgau und Markgräflerland stillschweigend als Ausgangslage der prekären Mission begriffen werden, der weitere Kurs scheint deutlich gen Elsaß gesetzt, und natürlich regiert der Trash, ein hochmetaforischer zudem, wie stets in Bdolfs heimatverbundenen Geschichten, wie stets auch in echt, sobald die Menschheit oder repräsentative Teilmengen daraus in Aufbruchslaune geraten. Was in Geschichtsbüchern stets dreist heroisiert und verstaatsmännlicht wird, beschreibt Bdolf aus der sympathischen Sicht des kleinen Mannes, der den Job zu erledigen hat. Ein Gastbeitrag in drei Teilen:

Eine Mission (von Bdolf)

Ich war überrascht.
Obwohl ich nicht das kleinste Rädchen in unserer Behörde darstelle, kam ein Auftrag dieser Größenordnung doch vollkommen unerwartet.
Es mochte damit zusammenhängen, dass man davon ausging, ich habe die geringsten persönlichen Bindungen in meiner Rangstufe. Damit sind vor allen Dingen solche familiärer Natur gemeint.
Ich bin kinderlos und habe derzeit keine feste Beziehung.
„Sie sind der Mann! Dafür!“, orakelte Dr. Raffelhüschen, der Abteilungsleiter.
Unsere Situation ist eigenartig.
Wir sind ein Bezirkszollamt der Republik.
Wie schon der Name sagt, „Zollämter“ sind für gewöhnlich in der Nähe einer Grenze angesiedelt.
Zölle an sich spielen schon lange keine heraus gehobene Rolle mehr, gelang es doch durch eine Annäherung und Aussöhnung mit den angrenzenden Nachbarn Handel und Wandel deutlich von bürokratischen Hemmnissen zu befreien und wesentliche Erleichterungen für den Geld- und Warenaustausch einzuführen.
Entsprechend ist in der jüngeren Vergangenheit die Bedeutung der direkten Zölle zurückgegangen; würde unsere Behörde sich nicht auch mit allgemeiner Gewerbeaufsicht, Kontrolle der Hygiene, der Arbeitsvorschriften und des Eichwesens befassen – längst hätten vorgesetzte Stellen entscheiden müssen, ob eine derartige Einrichtung sich noch lohnte, noch zeitgemäß oder nicht überlebt und überflüssig –
Die ganz alten Kollegen vermeinen sich noch zu erinnern, „als sie damals anfingen, wäre mit den Zollabgaben noch richtig Geld gemacht worden …!“, es gibt aber unter ihnen auch durchaus ernst zunehmende Stimmen, die zu Protokoll geben, „zu der Zeit, als sie damals anfingen, habe es noch ältere Kollegen gegeben, die sich noch hätten erinnern können, früher sei mit dem Zoll auf ausländischen Waren noch Geld verdient worden …!“, ich für meine Person jedenfalls kann mich nur an Geldeintreibungen aus Strafbefehlen wegen Nichtbefolgens einschlägiger Vorschriften entsinnen, meines Wissens kam es während meiner gesamten Berufslaufbahn noch nicht vor, dass der gewichtige blau-rote Ordner mit den amtlichen Abgabesätzen aus dem Regal hätte geholt werden müssen.
Manche meinen, er sei längst verloren gegangen und selbst wenn so ein Fall sich je wieder ereignen sollte, könne unsere Behörde daher schon nicht wie vorgesehen agieren.
Da es sich hierbei um einen rein theoretischen Fall handelt, ist es absolut unnötig, sich mit müßigen was-wäre-wenn-Überlegungen aufzuhalten.
Dr. Raffelhüschen war außergewöhnlich ernst.
„Schulze Zwo – wir haben hier ein wirkliches Problem … !“, er hatte mich in sein Büro gebeten, nicht ohne etwas von „äußerster Diskretion!“ zu zischeln, ich war vor seinen enormen Schreibtisch komplimentiert worden, hatte mich auf seine Aufforderung hin platziert, nun fixierten mich seine stahlblauen Augen und er beabsichtigte offenbar weitergehende Ausführungen.
„Die Lage ist ernst – Schulze Zwo!“ – „Schulze Zwo“ war mein behördeninterner Name – „Schulze Eins“ war ein dienstälterer Kollege in der Fachregistratur Eichbetrug, ich als dienstjüngerer also „Schulze Zwo“, so wollte es der Brauch bei Namensdoppelungen – Sie wissen von dem merkwürdigen Phänomen mit unseren Grenzen – nun gut, in dieser Hinsicht können wir uns immer sagen, unser Land wächst – höchst erfreulich – also dehnt es sich aus – hm … ähm … “, unsere Blicke begegneten einander.
„Aber“, nach kurzem Innehalten, bei einem so merkwürdigen Thema war seine nur zu offensichtliche Unsicherheit verständlich, „nun sind anscheinend auch die Verhältnisse hier im Inneren betroffen – unser Kontakt zur Hauptstadt wird immer spärlicher … immer langwieriger und umständlicher, neuerdings scheint auch die Distanz durch Funk und Telegraphie nur mehr sehr langwierig und umständlichst zu überbrücken … –“
Mit einem kennerischen Nicken quittierte er meinen bestürzten Gesichtsausdruck.
„Schulze – auch ohne ausdrückliche Anordnung durch unsere vorgesetzte Behörde, es ist an der Zeit unsere Grenzeinrichtungen einer Revision zu unterziehen … Sie verstehen – der dienstplanmäßige Revisionszyklus … !“
Ich schluckte trocken.

Wo beginnt der Kreis

Jünger als andere schätzt Horst Johannes Tümmers, ehemaliger Leiter der Kölner Stadtbibliothek, fleißiger Rheinwanderer und Verfasser des empfehlenswerten Buchs „Der Rhein. Ein europäischer Fluß und seine Geschichte“ das Alter des Rheins und packt diese Schätzung in einen anschaulichen Vergleich: „Die Erde, versichern Geologen, sei 4,5 bis 4,7 Milliarden Jahre alt. Den Rhein in seiner heutigen Gestalt gibt es erst seit dem Abklingen der letzten Eiszeit, seit etwa 10.000 Jahren. Die Geschichte des Rheins würde in einer Erdgeschichte von 230 Bänden zu je 1000 Seiten, wobei jede Seite 20.000 Jahre beschreibt, im letzten Band nur die letzte halbe Seite füllen.“ Dafür hat sich in diesen letzten rund zehntausend Jahren umso mehr Literatur über den Fluß angesammelt. Und überhaupt: diese Geburtsstundenfestmachungen – mit 200 Millionen Jahren Spielraum. Ein Fluß, solang er fließt, ist im Fluß, dh, es handelt sich um ein zyklisches Ereignis. Wo beginnt der Kreis? „Wie entstand der Rhein? Flußgeschichte gehört in den größeren Zusammenhang der Erdgeschichte. In ihren frühesten Anfängen raste die Erde – eine Art Kugel aus hochverdichteter, glutflüssiger, mit Gasen angereicherter Schmelze von 3000°C – 5000°C im Erdkern – mit hoher Geschwindigkeit um die Sonne. In ungezählten Jahrmillionen erkaltete ihre Außenhaut und bildete jene dünne Kruste von etwa 60 Kilometern Tiefe, die bis heute das glühende Magma des Erdinnern umschließt, im Vergleich nicht dicker als die Schale eines Apfels. Damals entstand auch das Wasser; es schlug sich aus der Atmosphäre als nicht enden wollender Regen auf der erkaltenden Kruste nieder. Diese Kruste ist das Grundgebirge, das aus Kristallin besteht. Der Rhein wird im Kristallin des Gotthardmassivs entspringen, in den ältesten Gesteinen der Erde also.“ Soweit Tümmers. In Kürze wird sich Rheinsein in diese Kristallinlandschaften begeben, um den Beginn des Kreises zu unter/suchen.

Unkeler Basalte

„Der Unkeler Steinbruch gehört unstreitig zu den grössten mineralogischen Merkwürdigkeiten unsers deutschen Vaterlandes. Häufig angestaunt und bewundert, selten aufmerksam untersucht, kann er jedem Naturforscher noch reichen Stoff zu neuen Beobachtungen darreichen. Zwar gab Herr Collini eine weitläuftige Beschreibung davon in seinem vortreflichen Journal d’un voyage mineralogique. Aber die Lage der Basalte hat sich, seit jener Reise, merklich verändert. Herr de Luc, dessen philosophischer Geist ungern lange bei den Wirkungen verweilte, sondern immer nach den Ursachen spähte, betrachtete die Unkeler Basalte nur flüchtig. Er wollte den Anfang jenes mächtigen Lavastroms sehen und wurde durch die Entdeckung eines – handbreiten Craters für seine mühsamen Nachforschungen elend belohnt. Ich bin nicht eitel genug, um die Lücke ausfüllen zu wollen, welche zwei so berühmte Mineralogen gelassen haben. Ich liefere hier nur einzelne Beiträge zur genauern Kenntniss der Rheinischen Gebirge. Zu einer Zeit, in welcher der Streit über die porösen Steinarten so lebhaft geführt wird, kann dieser kleine Versuch vielleicht nicht ganz ohne Interesse erscheinen. Ich habe mich bemüht, bei der Beschreibung der Linzer und Unkeler Basalte überall Rücksicht zu nehmen: auf die Gebirgsart, welche sie durchbrechen, auf die Gestalt der Säulen, auf ihre Lage gegen den Horizont, auf ihr Streichen nach dieser oder jenen Weltgegend u. s. f. Die Angaben der äussern Kennzeichen sind nach den meisterhaften Vorschriften des Herrn Werners entworfen. Vielleicht würde man es, wenn man diese Vorschriften allgemeiner befolgte, ohne Vernachlässigung der chemischen Analysen (welche immer den Vorzug behalten) es in der Oryktognosie endlich so weit, als in der Botanik bringen, und, nach vollständigen Definitionen, eben so über ungesehene Mineralien, als über ungesehene Pflanzen urtheilen können. Dass ich die Kräuter, Moose und Flechten überall mit anführe, welche ich auf den Basalten fand, werden Viele für sehr überflüssig halten. Ich glaube mich aber durch die Gründe, welche ich in der Abhandlung selbst dafür anführe, und noch mehr durch das Beispiel grosser Naturhistoriker von diesem Vorwurfe befreien zu können (…)“ heißt es vorangeschickt und wenig zerstreut in Alexander von Humboldts Vorrede zu „Mineralogische Beobachtungen über einige Basalte am Rhein – Mit vorangeschickten, zerstreuten Bemerkungen über den Basalt der ältern und neuern Schriftsteller. Braunschweig, In der Schulbuchhandlung 1790“, in welchen der rheinische Stein und die ihn bevölkernde rheinische Pflanze aufs ursächlichste unter die Lupe genommen werden. Immer wieder erstaunlich, auf die Ausformungen des Erdkörpers verwiesen zu werden, das Enstehen und Vergehen von Landschaften, ganzer Gebirge und die Akribie des Menschen, solche Eindrücke einzufangen und festzuhalten, die zugleich in unfaßbarem Maße über ihn hinwegrollen: das Rauschen der Jahrmillionen, das Knacken der Jahrmilliarden, die unsägliche Hitze und das lächerlich kulissenhaft Formale brodelnder Unendlichkeit.

Frankensteins Monster am Rhein

In einem fatalen Dialog mit seinem Schöpfer erwähnt Frankensteins Monster u.a. seine mühsamen Erfahrungen mit dem Rhein: “Presently I heard the sound of footsteps along the passage; the door opened, and the wretch whom I dreaded appeared. Shutting the door, he approached me, and said, in a smothered voice – “You have destroyed the work which you began; what is it that you intend? Do you dare to break your promise? I have endured toil and misery: I left Switzerland with you; I crept along the shores of the Rhine, among its willow islands, and over the summits of its hills. I have dwelt many months in the heaths of England, and among the deserts of Scotland. I have endured incalculable fatigue, and cold, and hunger; do you dare destroy my hopes?” “Begone! I do break my promise; never will I create another like yourself, equal in deformity and wickedness.” “Slave, I before reasoned with you, but you have proved yourself unworthy of my condescension. Remember that I have power; you believe yourself miserable, but I can make you so wretched that the light of day will be hateful to you. You are my creator, but I am your master; – obey!” “The hour of my irresolution is past, and the period of your power is arrived. Your threats cannot move me to do an act of wickedness; but they confirm me in a determination of not creating you a companion in vice. Shall I, in cool blood, set loose upon the earth a daemon, whose delight is in death and wretchedness? Begone! I am firm, and your words will only exasperate my rage.” The monster saw my determination in my face, and gnashed his teeth in the impotence of anger. “Shall each man,” cried he, “find a wife for his bosom, and each beast have his mate, and I be alone? I had feelings of affection, and they were requited by detestation and scorn. Man! you may hate; but beware! Your hours will pass in dread and misery, and soon the bolt will fell which must ravish from you your happiness for ever. Are you to be happy, while I grovel in the intensity of my wretchedness? You can blast my other passions; but revenge remains – revenge, henceforth dearer than light or food! I may die; but first you, my tyrant and tormentor, shall curse the sun that gazes on your misery. Beware; for I am fearless, and therefore powerful. I will watch with the wiliness of a snake, that I may sting with its venom. Man, you shall repent of the injuries you inflict.” “Devil, cease; and do not poison the air with these sounds of malice. I have declared my resolution to you, and I am no coward to bend beneath words. Leave me; I am inexorable.” “It is well. I go; but remember, I shall be with you on your weddingnight.” I started forward, and exclaimed, “Villain! before you sign my deathwarrant, be sure that you are yourself safe.” I would have seized him; but he eluded me, and quitted the house with precipitation: in a few moments I saw him in his boat, which shot across the waters with an arrowy swiftness, and was soon lost amidst the waves.”

Frankenstein am Rhein

Die Erinnerung Frankensteins an seine Rheinreise mit Clerval, aus dem Klassiker von Mary Wollstonecraft Shelley: “After some days spent in listless indolence, during which I traversed many leagues, I arrived at Strasburgh, where I waited two days for Clerval. He came. Alas, how great was the contrast between us! He was alive to every new scene; joyful when he saw the beauties of the setting sun, and more happy when he beheld it rise, and recommence a new day. He pointed out to me the shifting colours of the landscape, and the appearances of the sky. “This is what it is to live,” he cried, “now I enjoy existence! But you, my dear Frankenstein, wherefore are you desponding and sorrowful!” In truth, I was occupied by gloomy thoughts, and neither saw the descent of the evening star, nor the golden sun-rise reflected in the Rhine.— And you, my friend, would be far more amused with the journal of Clerval, who observed the scenery with an eye of feeling and delight, than in listening to my reflections. I, a miserable wretch, haunted by a curse that shut up every avenue to enjoyment. We had agreed to descend the Rhine in a boat from Strasburgh to Rotterdam, whence we might take shipping for London. During this voyage, we passed by many willowy islands, and saw several beautiful towns. We staid a day at Manheim, and, on the fifth from our departure from Strasburgh, arrived at Mayence. The course of the Rhine below Mayence becomes much more picturesque. The river descends rapidly, and winds between hills, not high, but steep, and of beautiful forms. We saw many ruined castles standing on the edges of precipices, surrounded by black woods, high and inaccessible. This part of the Rhine, indeed, presents a singularly variegated landscape. In one spot you view rugged hills, ruined castles overlooking tremendous precipices, with the dark Rhine rushing beneath ; and, on the sudden turn of a promontory, flourishing vineyards, with green sloping banks, and a meandering river, and populous towns, occupy the scene. We travelled at the time of the vintage, and heard the song of the labourers, as we glided down the stream. Even I, depressed in mind, and my spirits continually agitated by gloomy feelings, even I was pleased. I lay at the bottom of the boat, and, as I gazed on the cloudless blue sky, I seemed to drink in a tranquillity to which I had long been a stranger. And if these were my sensations, who can describe those of Henry? He felt as if he had been transported to Fairyland, and enjoyed a happiness seldom tasted by man. “I have seen,” he said, “the most beautiful scenes of my own country; I have visited the lakes of Lucerne and Uri, where the snowy mountains descend almost perpendicularly to the water, casting black and impenetrable shades, which would cause a gloomy and mournful appearance, were it not for the most verdant islands that relieve the eye by their gay appearance; I have seen this lake agitated by a tempest, when the wind tore up whirlwinds of water, and gave you an idea of what the water-spout must be on the great ocean, and the waves dash with fury the base of the mountain, where the priest and his mistress were overwhelmed by an avelânche and where their dying voices are still said to be heard amid the pauses of the nightly wind; I have seen the mountains of La Valais, and the Pays de Vaud: but this country, Victor, pleases me more than all those wonders. The mountains of Switzerland are more majestic and strange; but there is a charm in the banks of this divine river, that I never before saw equalled. Look at that castle which overhangs yon precipice; and that also on the island, almost concealed amongst the foliage of those lovely trees; and now that group of labourers coming from among their vines; and that village half hid in the recess of the mountain. Oh, surely, the spirit that inhabits and guards this place has a soul more in harmony with man, than those who pile the glacier, or retire to the inaccessible peaks of the mountains of our own country.” Clerval! beloved friend! even now it delights me to record your words, and to dwell on the praise of which you are so eminently deserving. He was a being formed in the “very poetry of nature.” His wild and enthusiastic imagination was chastened by the sensibility of his heart. His soul overflowed with ardent affections, and his friendship was of that devoted and wondrous nature that the worldly-minded teach us to look for only in the imagination. But even human sympathies were not sufficient to satisfy his eager mind. The scenery of external nature, which others regard only with admiration, he loved with ardour. (…) And where does he now exist? Is this gentle and lovely being lost for ever? Has this mind so replete with ideas, imaginations fanciful and magnificent, which formed a world, whose existence depended on the life of its creator; has this mind perished? Does it now only exist in my memory? No, it is not thus; your form so divinely wrought, and beaming with beauty, has decayed, but your spirit still visits and consoles your unhappy friend. (…) Beyond Cologne we descended to the plains of Holland; and we resolved to post the remainder of our way; for the wind was contrary, and the stream of the river was too gentle to aid us. Our journey here lost the interest arising from beautiful scenery; but we arrived in a few days at Rotterdam, whence we proceeded by sea to England.”

Radtour am Rhein

(Rheinsein bedankt sich für diesen Gastbeitrag bei claudia!)

Erst einmal durchfuhren wir Wittlaer und kreuzten dann im Zickzackkurs die Felder. Ich schaute auf die sich verändernden Häuser: Sie schienen immer größer und luxuriöser zu werden. Mit dem Bus war ich die Strecke auch schon gefahren, aber vom Fahrrad aus sieht man doch mehr. Plötzlich lag der Ort hinter uns und die flache Feldlandschaft breitete sich vor uns aus. Die Gerüche waren sehr organisch und die Farben erdig und dunkel, von Feuchtigkeit gesättigt. R. sieht Dinge, die ich nicht wahrnehme. So entdeckte er viele Muschelschalen und Walnüsse, die anscheinend von Raben auf die Wege geworfen worden waren, damit die Vögel den Inhalt zu sich nehmen konnten. Das fand ich spannend. Aus Dokumentarfilmen wusste ich, dass Vögel so etwas machen. Aber hier? Muscheln? Der Beweis lag auf dem Weg. Und Raben sind intelligente Tiere. Wir zickzackten weiter bis wir die Uerdinger Brücke erreichten. Der Rhein hatte extrem niedriges Wasser, die schlammbedeckten Kiesel erstreckten sich über eine riesige Fläche. Auf der Wiese waren etliche Menschen mit sehr verschiedenen Drachen beschäftigt. Die Weite der Landschaft tat gut. Am anderen Rheinufer befanden sich Industrieanlagen und Lagerhallen. Bayer war hier ebenso vertreten wie eine Speiseölfirma und ein Guanodüngerwerk. Die Gebäude, die am Uerdinger Hafen standen, waren zum Teil recht alt und nicht von einer so anonymen Architektur geprägt wie viele neuere Gebäude, deren Zweckmäßigkeit oft etwas abweisend wirkt. Solche Gebäude passierten wir später auch noch. Ein kleiner Abstecher brachte uns zu einem Teil des Krefelder Hafens. Eine stählerne Brücke führte über das Wasser. Die Brücke war alt und es gab Holzbohlen, auf denen wir fuhren, neben der Straße. R. erzählte, dass die Uerdinger Brücke im zweiten Weltkrieg zumindest zum Teil zerstört worden und dann wieder komplett aufgebaut worden war. Dann durchfuhren wir das Industriegebiet, kleinere und größere Firmen, Hallen und Produktionsstätten zogen an uns vorbei. Als wir an einem Schild vorbeifuhren, das auf Cargill hinwies, dachte ich daran, dass diese Firma sehr dominant in Bezug auf den Verkauf gentechnisch veränderten Getreides und Sojas ist. Gerade für Entwicklungsländer hat das üble Folgen. Wohl auch aus weit entfernten Landen stammte das Guano, dessen strenger Geruch uns in die Nase stieg als wir an einer (ich denke) Düngerfirma vorbeifuhren. Da war ich doch froh, als wir nach links abbogen und auf den Rhein zufuhren. Wir folgten einem Weg durch ein Naturschutzgebiet bis zum Rheinufer. Das Ufer war sehr weitläufig, weil der Wasserstand so niedrig war. Die Szenerie hatte etwas urtümliches an sich, obwohl überall Spuren von Menschen in Form von mehr oder weniger verwitterten Abfällen zu sehen waren. Die Weiden waren gigantisch, wie Zelte breiteten sie ihre Zweige aus. Der Strand bestand aus feinem Sand und Steinen. Der größte Teil der Kiesel war von getrocknetem Schlamm bedeckt. Hier floss normalerweise Vater Rhein, durch dessen Bett wir nun voller Entdeckungsfreude wanderten. R. entdeckte einen verrosteten Stahlzylinder, der auf einer abgetragenen Betonschicht lag. „Guck mal, hier liegt eine Bombe. Die kann doch nicht mehr hochgehen? Hier sind Flügel dran und da muss der Sprengkopf gewesen sein. Bestimmt war hier mal etwas gebaut, das dann bombardiert worden ist.“ Wir sahen viele verrostete metallene Gegenstände und reimten uns die dazugehörigen Geschichten zusammen. Die Sonne senkte sich bereits während wir noch über Schlamm und Steine gingen und immer neue Entdeckungen machten. Auch das Rätsel, wie die Raben an die Muscheln kamen, löste sich: Das Niedrigwasser hatte riesige Muschelbänke freigelegt. Teilweise hatte die Landschaft etwas Surreales an sich. Wie ein Monolith stand eine verrostete Waschmaschine in der weiten Ebene und zahlreiche deplaziert wirkende Gegenstände, die der Rhein freigegeben hatte, verschmolzen gleichzeitig wieder mit der verschlammten Umgebung. Da gab es zum Beispiel einen uralten Einkaufswagen oder zahlreiche dicke Stahlseile, die zu zerreißen eine gewaltige Kraft nötig gewesen sein muss. Nach nochmaliger Rast nahm R. ein Oktoberbad im Rhein. Der Mond war riesig groß aufgetaucht, die Sonne war noch tiefer gesunken. R. stapfte mutig ins Wasser, das erstaunlich lange nicht tiefer zu werden schien. Dann endlich konnte er eintauchen ins kalte Nass. Der Rhein war so schmal und schien so seicht zu sein, dass ich zeitweise befürchtete, R. könnte ans andere Ufer schwimmen. Dort befindet sich der Biergarten Aschlöksken, der noch zu Wittlaer gehört. R. kam aber nach dem erfrischenden Bad zurück. Er wusste um Stromschnellen und ertrunkene Rheinschwimmer. Obwohl auch ich gut kaltes Wasser vertrage, blieb ich an Land. Ich bin noch nie im Rhein geschwommen. Während wir die Fahrräder durch den feinen weißen Sand schoben, ging die Sonne unter. Der Himmel verfärbte sich rötlich, der unrealistisch große Mond stieg über dem jenseitigen Ufer immer höher: Eine blassblaue große Scheibe vor leuchtendblauem Himmel, der von Wolken durchzogen war. Während wir Pause machten überlegten wir, ob die in der Dämmerung sich schnell fortbewegenden Tiere Ratten oder Igel waren. Wir kamen aber zu keinem Ergebnis. Die Rufe der Vögel klangen anders als tagsüber, es waren auch die Stimmen von Vögeln dabei, die am Tag nicht zu hören sind. Ab und zu klang das Zirpen einer Zikade. Während wir noch unseren Gedanken über das Angenehme an abendlichen Spaziergängen im reizarmen Dunkel nachhingen, lief ein großer Krebs an uns vorbei. Er sah wie seine Artgenossen an der Nordsee aus, handtellergroß, mit dunklem Körper, langen dünnen Beinen und kleinen Zangen, die er erhob, als wir ihn im Lichtschein von R.s Handy in Augenschein nahmen. So ein Tier hatte ich hier nicht erwartet. Wir waren beide fasziniert und beobachteten den Krebs, dessen Beine auf dem steinigen Grund leise tapsten. R. hatte schon weiße Krebse am Rhein gesehen, mir waren kleine längliche Krebse im Süßwasser begegnet, aber dies war eine wirklich außergewöhnliche Begegnung. Wir schoben weiter unsere Fahrräder und ließen uns vom Mondlicht verzaubern, dass gleißend vom Rhein reflektiert wurde. Wenn man es so malen würde, würde das Bild wohl als kitschig und unrealistisch angesehen werden. Ohne Kameras konnten wir das Naturschauspiel entspannt auf uns wirken lassen. Etwas später stießen wir auf einen befahrbaren Weg, der es uns erlaubte, wieder auf die Fahrräder zu steigen.

Urrhein

Sehr zurückhaltend beging Rheinsein vor rund drei Wochen den zehnmillionsten Geburtstag des Rheins – nicht zuletzt, weil die Quellenlage (so z.B. Ernst Probst in „Rekorde der Urzeit“) u.a. auch von mindestens zwölf Millionen Jahren Rhein spricht. Damit wäre der Rhein nicht der älteste deutsche Fluß, wilde erste Ströme ohne Namen schossen, soweit bekannt bis behauptet, bereits im Kambrium (vor ungefähr 570 bis 510 Millionen Jahren) durch Süddeutschland und Mecklenburg. Ein Großteil des heutigen Deutschland lag damals noch unter Wasser. Im Gebiet des heutigen Oberrheins verlief das Gefälle im Eozän (vor ungefähr 45 Millionen Jahren) von Norden nach Süden. Ein Vor-Urrhein floß dort hinab, wo wir heute zu sagen hätten: hinauf. (Landschaften sind schon unzuverlässige Gebilde/Gebolde/Täuschkörper.) Die Grube Messel mit ihren fossilen Funden wie Prachtkäfern, Ibissen, Schwanzprimaten, der Messelralle oder dem Propalaeotherium (einem Zwergpferdchen) gehört zu den Seen seines Systems. Wie die meisten großen der gegenwärtig verfügbaren Flüße der Alten Welt bildete sich der Rhein im Miozän. An seinen Ufern tranken, grasten und rissen Bärenhunde, krallenfüßige Huftiere, Prägorrhoiden, Riesenrüßler, Säbelzahntiger, großäugige Insekten, Panzergnarle und die vorgeblich letzten Menschenaffen Deutschlands, das freilich noch nicht so hieß. Als Urrhein soll er am Kaiserstuhl entsprungen sein, dieweil die Alpen wie eh und je fleißig mit Falten beschäftigt ihre Wasser bevorzugt gen Thetys sandten. Die Urmosel mochte, so schwer vorstellbar das auch klingt, bis vor gut zwei Millionen Jahren sogar mächtiger als der Rhein gewesen sein. In den Warmzeiten des frühen Eiszeitalters beherbergte der Rhein Flußpferde – wo sind sie gebliehieben? Die Donau wurde als des Rheins jüngere Schwester übrigens erst fünf Millionen Jahre später kreationistisch designt. Ebenfalls natürlich mit ganz anderen Quellen und Verläufen als den heutigen. So wurde die Donau zwischen Miozän und Pliozän von der Aare gespeist, die gerne da und dort als der „eigentliche“ Rhein angepriesen wird, weil sie diesen so kräftig bezuschußt, was die Donau deutlich dezenter und unterirdisch erledigt. Ein brüllender Inzest unter Flußgottheiten ist es dennoch. Und wohin mit dem ganzen Wasser? Ernst Probst: „Das größte Flußdelta der letzten Eiszeit vor etwa 115.000 bis 10.000 Jahren lag östlich von Südengland. In dieser Gegend mündeten damals der Rhein, die Maas und die Themse ins Meer.“

Hinterrhein (2)

Wenn man bedenkt, wo der Rhein herkommt, wenn man das beschreiben will, so ist die erste und vorherrschende Erinnerung eine akustische: das weiße Rauschen, erzeugt von all den Wasserstürzen, die wie ohnmächtig, mit überirdisch schöner Wucht ins Tal fallen, um sich dort zu einem Film zu mengen, der der Rhein ist, was an sich „rinnen“ bedeutet, ein unglaublich klarer, endlos wirkender Film, der dort über die Brocken des Gebirges hinweggleitet und -tanzt und -rinnt, der seine Klarheit talab trägt, daß ihm schon Bewußtsein unterstellt werden mag, für das irdische Leben, das er bringt und repräsentiert, wo er doch aus unsicheren Gefilden herniederkommt wie ein Heilsbringer, denn seine genauen Ursprünge sind nicht auszumachen, kein Mensch hat sie je gesehen, geschweige dokumentiert, wie auch sollte man verstehen, wo ein Wasser startet, wo ein Kreislauf beginnt, diese Dinge sind in Bewegung und sie machen Sound. Was von unten im Tal zu sehen ist, sind also zahl- und namenlose Sturzbäche, die über die Berggipfel kommen, wenn sie kommen, einfach so, und man stellt sich vielleicht dieses oder jenes vor, was hinter, was über diesen Gipfeln liegen mag, gewaltige einsame Quellen, während sich ein Gletscher aufbäumt und mit blauem Gleißen sich dem Himmel eint, aus dem der Rhein fällt, tatsächlich, der Rhein fällt aus dem Himmel in dieses göttliche weiße Rauschen, das er produziert, nur hin und wieder hört man erschreckt einen schmelzenden oder brechenden Schnee, einen kleinen zerdrückt wirkenden schwarzen Vogel und natürlich die dunklen Alarmpfiffe der Murmel aus dem fänomenalen Grundrauschen heraus, auch den Dialog des Wassers mit dem Stein, der sich im Bett abspielt, ein silberhelles, sich selbst durchwirkendes, leise scheinendes Liebesgeflüster, ein sehr klares, von der kaltesten Reinheit bestimmtes. Es bilden sich also Lautstrukturen heraus, ganz nah an seinem ursprünglichen Wesen, embryonale Klänge, erfrischende Schauer einer sehr reduzierten, sehr wesentlichen Natur, Gesänge aus Wasser und Fels, gelegentliche Soli für Tierstimmen, und es ist eine zutiefst menschliche Idee, auf solchem Areal Panzer einzuschießen und Berge aufzubrechen, der Fratze unvergleichlicher Schönheit muß das heilige Recht auf Selbstverteidigung sozusagen direkt unter die Nase gerieben werden, sonst ließe sich gleich sterben an diesem Ort, an dem sich vor lauter Reinheit dauerhaft nicht leben läßt – ein schönerer Ort jedenfalls ist nirgends zu finden.